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Titel
Decolonizing Auschwitz?. Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung


Autor(en)
Klävers, Steffen
Erschienen
Berlin 2019: de Gruyter
Umfang
VII, 250 S.
Preis
€ 79,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jonas Kreienbaum, Historisches Institut, Universität Rostock

In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Frage nach dem Verhältnis von Kolonialismus und nationalsozialistischer Herrschaft intensiv diskutiert worden, besonders mit Blick auf die massive Gewalt. Intellektuelle wie Hannah Arendt oder Aimé Césaire hatten bereits in den 1950er-Jahren auf einen Zusammenhang hingewiesen, aber erst seit der Jahrtausendwende und im Zuge einer Wiederentdeckung der Kolonialgeschichte haben Historiker wie Jürgen Zimmerer und A. Dirk Moses eine viel beachtete Debatte über mögliche Wege von „Windhuk nach Auschwitz“ ausgelöst.[1] Steffen Klävers widmet sich in seinem Buch „Decolonizing Auschwitz?“, das auf einer am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin entstandenen Dissertation basiert, solchen „komparativ-postkolonialen Ansätzen in der Holocaustforschung“. Darunter versteht er Forschungsansätze, „die mittels eines wissenschaftlichen Vergleichs und aus postkolonialtheoretischer Perspektive heraus versuchen, den Holocaust zu analysieren und zu interpretieren“ (S. 1). Konkret fragt er, was diese Ansätze zur Holocaustforschung beitragen und wie überzeugend sie sind. Die Beantwortung strebt er dezidiert nicht auf empirischer, sondern auf theoretischer Ebene an. Es geht ihm um die „kritische Rekonstruktion“ verschiedener Forschungsansätze, wobei er ausgewählte Schlüsseltexte mittels eines „close reading“ umfassend und systematisch analysieren möchte (S. 10–13).

Nachdem sich Klävers in einem knappen Exkurs (Kapitel 2) zunächst den älteren Debatten um Vergleichbarkeit, Singularität und Historisierung des Holocaust gewidmet hat, wendet er sich in Kapitel 3 zwei aktuellen geschichtswissenschaftlichen Kontinuitätsthesen zu. Dabei handelt es sich um die viel diskutierten Ansätze von Zimmerer und Moses. Zimmerer, so rekonstruiert Klävers treffend, habe argumentiert, dass koloniale und nationalsozialistische Herrschaft durch strukturelle Gemeinsamkeiten in den ideologischen Vorstellungen zu Rasse und Raum gekennzeichnet seien. Zudem unterscheiden sich der Holocaust und frühere koloniale Genozide für Zimmerer lediglich graduell, nicht aber qualitativ. Letztlich sei der Holocaust damit selbst ein kolonialer Völkermord. Moses wiederum verstehe den Holocaust als subalternen, als anti-kolonialen Genozid. Denn in den Augen der Nazis seien es die Juden gewesen, die das deutsche Volk kolonisiert hätten, und der Holocaust sei damit eine Gegenreaktion der subalternen Kolonisierten. Im kürzeren Kapitel 4 diskutiert Klävers schließlich die Theorie des „multidirektionalen Erinnerns“ des Literaturwissenschaftlers Michael Rothberg.[2] Dieser will an die Stelle einer kompetitiven Erinnerungskultur, in der der Holocaust als absolut singulär erscheint, ein „solidarisches, ‚multidirektionales‘ Austauschverhältnis“ (S. 174) setzen, um die offene Artikulation und wechselseitige Anerkennung unterschiedlicher historischer Gewalterfahrungen zu ermöglichen.

Allen drei Theorien attestiert Klävers massive Mängel. Sie würden sich gegen eine quasi-religiöse Vorstellung der Singularität der Ermordung der Juden wenden, die die Shoah faktisch aus der Geschichte herauslöse und ein „sakrales Vergleichsverbot“ (S. 223) ausspreche, obwohl dieses Singularitätsverständnis in der Forschung vollkommen überholt sei. Vielmehr sei der Holocaust, so Klävers, dadurch singulär, dass er Ausdruck des modernen Antisemitismus sei, eines „Erlösungsantisemitismus“ (S. 202, mit Verweis auf Saul Friedländer), der nicht einfach eine Spielart des Rassismus sei. Die Nazis hätten die Juden als ‚Gegenrasse‘ imaginiert – und eben nicht als koloniales ‚Anderes‘. Diese Spezifik würden alle drei Theorien übergehen, weshalb ihre Vergleiche letztlich „relativierend“, „inadäquat“ und „nicht wissenschaftlich“ (S. 223) seien.

Es ist nicht immer leicht, Klävers’ Urteil zu folgen. In Anknüpfung an den Soziologen Thomas Haury, auf den er sich mehrfach affirmativ bezieht, bemerkt der Autor, dass es durchaus enge Gemeinsamkeiten zwischen Rassismus und Antisemitismus gebe. Beide entspringen, so Klävers, „der ‚modernen kapitalistisch-etatistisch verfassten Gesellschaft‘, konstruieren jeweils ein unterschiedliches ‚Anderes‘, an dem das ‚Eigene‘ positiv aufgewertet wird, und beide sind diskriminierend und gewalttätig“ (S. 218). Es ließe sich ergänzen, dass auch der Kolonialrassismus Angebote zur „Welterklärung“ präsentiert, was Klävers mit Haury als spezifisch für den modernen Antisemitismus ansieht (S. 207). Ein einschlägiges Beispiel ist die Deutung der Geschichte als sozialdarwinistischer Rassenkampf, wobei manche Gruppen als „dying races“ erscheinen. Und auch im Kolonialrassismus sind die Charakteristika, die den ‚Anderen‘ zugeschrieben werden, nicht immer nur von Unterlegenheit geprägt. Man denke etwa an die Vorstellung, die ‚Wilden‘ seien so widerstandsfähig, dass sie – anders als Europäer – mit regulärer Munition nicht gestoppt werden könnten, weshalb der Einsatz von expandierenden Geschossen (dum dum bullets) notwendig sei. Topoi wie die ‚gelbe Gefahr‘ oder die überlegene sexuelle Potenz ‚der Afrikaner‘ deuten vielmehr darauf hin, dass ‚die Weißen‘ sich mitunter auch im Angesicht der kolonialen ‚Anderen‘ unterlegen fühlen konnten. Angesichts dieser Gemeinsamkeiten, die andere Spezifika des modernen Antisemitismus nicht verdecken sollen, lässt sich durchaus kritisch fragen, ob ein Vergleich bzw. eine relationale Geschichte von kolonialem Genozid und Holocaust nicht doch wissenschaftlich ergiebig sein kann.

Das heißt allerdings nicht, dass der Kontinuitätsthese zwangsläufig zuzustimmen wäre. Wie ausgeprägt die Verbindungen zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt tatsächlich waren und wie erhellend ein übergreifender Genozid-Begriff sein mag, lässt sich nur mit weiterer empirischer Arbeit zu konkreten Fragen ermitteln. Hatten nationalsozialistische Akteure bei der Errichtung von Konzentrationslagern koloniale Vorbilder im Kopf? Verstanden sie die Besiedlung des „Ostlandes“ als langfristiges Kolonialprojekt? Funktionierte die Kollaboration, die ein wichtiges Element von Kolonialherrschaft und bei der nationalsozialistischen Besetzung Europas war, nach ähnlichen Mustern? Bislang ist die Debatte um Kontinuitäten „from Africa to Auschwitz“[3] vorwiegend in Form programmatischer Essays geführt worden. Die empirischen Grundlagen konnten dabei jeweils nur angerissen werden. Steffen Klävers führt mit seiner Arbeit detailliert in diese Kontinuitätskontroverse ein und formuliert klare, streitbare Positionen. Zumindest aus Sicht der Geschichtswissenschaft drängt sich aber der Eindruck auf, dass der Debatte vor allem konkrete quellengestützte Untersuchungen gut tun würden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Berlin 2011; A. Dirk Moses (Hrsg.), Empire, Colony, Genocide. Conquest, Occupation, and Subaltern Resistance in World History, New York 2008. Als neueren Forschungsüberblick siehe Thomas Kühne, Colonialism and the Holocaust. Continuities, Causations, and Complexities, in: Journal of Genocide Research 15 (2013), S. 339–362.
[2] Siehe v.a. Michael Rothberg, Multidirectional Memory. Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization, Stanford 2009.
[3] Benjamin Madley, From Africa to Auschwitz. How German South West Africa Incubated Ideas and Methods Adopted and Developed by the Nazis in Eastern Europe, in: European History Quarterly 35 (2005), S. 429–464.

Zitation
Jonas Kreienbaum: Rezension zu: : Decolonizing Auschwitz?. Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung. Berlin  2019 , in: H-Soz-Kult, 09.07.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30758>.