U. Backes (Hg.): Rechtsextreme Ideologien in Geschichte und Gegenwart

Cover
Titel
Rechtsextreme Ideologien in Geschichte und Gegenwart.


Hrsg. v.
Backes, Uwe
Erschienen
Umfang
395 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Rensmann, Center for International and Area Studies, Yale University

In der internationalen Forschungslandschaft zum Rechtsextremismus ist ein augenfälliges Manko sichtbar: Das Phänomen wird nur selten in vergleichender (ideologie-)historischer Perspektive diskutiert. Dies entspringt unter anderem dem Vorbehalt, theoretische Konzeptualisierungen, die für eine Epoche sinnvolle analytische Zugänge bereitstellen mögen, nicht eilfertig auf neue politisch-soziale Erscheinungsformen übertragen oder in sachlich ungerechtfertigte Generalisierungen verfallen zu wollen. Die sozialwissenschaftliche Forschung zum „neuen Rechtsextremismus“ hat sich gerade vor dem Hintergrund der Betonung der Diskontinuität von Voraussetzungen und Ideologieformen neuer rechtsextremer Bewegungen wie Parteien profiliert. Dennoch scheint es an der Zeit, nicht nur die gegenwartsorientierte komparative Forschung weiterzuentwickeln (was jüngst zunehmend geschieht[1]), sondern auch den historischen Vergleich von rechtsextremen Ideologien und politisch-kulturellen Entstehungsbedingungen voranzutreiben.[2]

Der von Uwe Backes herausgegebene Band sucht diese Lücke zu schließen. Leider bleiben der Herausgeber und etliche Autoren dabei allzu sehr befangen in den eigenen, bisweilen rigiden extremismus- und totalitarismustheoretischen Annahmen, bei denen die These der ‚Wesensgleichheit’ „bolschewistischer“, „faschistischer“ und „extremistischer“ Ideologien und Herrschaftssysteme die gesamte Forschung strukturiert. Gleichwohl wird jene konstitutive Annahme kaum argumentativ substantiiert, sondern zumeist als historische Faktizität vorausgesetzt. Programmatisch wird bereits in der Einleitung betont, dass der „größere historische Zusammenhang“ des Rechtsextremismus, den Backes rekonstruieren will, vornehmlich auf die „Wechselwirkungen mit den Antipoden am anderen Ende des politischen Spektrums“ zielt (S. 8). Backes’ zentrale These ist (S. 9), dass der Aufstieg des Faschismus ohne „das weltrevolutionäre Projekt der bolschewistischen Oktoberrevolution nicht angemessen erklärt“ werden könne, dass das „temporäre Bündnis der totalitären Mächte“ nachwirke und dass „strukturelle Übereinstimmungen in den Überzeugungssystemen und Herrschaftsstrukturen ins Auge [springen].“ Hier findet nicht etwa die genealogische Totalitarismus-Theorie Hannah Arendts Resonanz, sondern Backes’ spiritus rector Ernst Nolte und dessen Modell eines „europäischen Bürgerkriegs“[3], das die ‚Erstverantwortung’ für die NS-Verbrechen in Russland lokalisiert. So wird die Analyse des laut Backes „oft überschätzten Phänomens“ (S. 8) des Rechtsextremismus in diesem Band bisweilen von alten ideologischen Grabenkämpfen überwölbt. Die Ergebnisse der neueren Nationalismus-, Rassismus-, Autoritarismus- und Antisemitismusforschung werden hingegen weitgehend vernachlässigt – dabei bieten sie vielfach genau jenen Zugang zum systematischen Vergleich rechtsextremer Ideologieformen, den der Herausgeber anstrebt.

Backes’ einleitender Aufsatz, der einer neuen Konzeptualisierung des Rechtsextremismus als Epochen übergreifendes Phänomen gewidmet sein soll, liest sich vor allem als Rechtfertigungsschrift der eigenen „normativen Rahmentheorie“ zum „Extremismus“. Dieser wird zirkelschlüssig als „Sammelsurium von Negationen“ (antidemokratisch, extrem, gegen den Verfassungsstaat usw.) und als „Konsequenz einer allen Extremismen gemeinsamen Grundhaltung“ bestimmt (S. 43). Backes gesteht ein, dass solch ein „Rahmenkonzept“ keinen explikativen Gehalt besitzt (ohne dass freilich das extremismustheoretische Grundproblem, Merkmale zur Bestimmung des Forschungsgegenstandes und dessen Deutung tautologisch in eins zu setzen, und somit Extremismus aus Extremismus abzuleiten, damit überwunden wäre [4]). Politikwissenschaftliche Analyse kann aber kaum in normativen Setzungen ihr Ende finden – soweit Backes auch normativ darin zuzustimmen ist, dass der liberale Verfassungsstaat im Sinne streitbarer Demokratie gegenüber antidemokratischen Herausforderungen notfalls auch die Sanktionsgewalt des politischen Souveräns einsetzen muss. Und so wenig Backes’ Definition schlussendlich zu widersprechen ist, dass man „Rechtsextremismus“ als alle „das Ethos fundamentaler Menschengleichheit negierenden Formen des politischen Extremismus“ bezeichnen kann (S. 52) – ein „Ethos“, das die Gesamtheit der antiliberalen und antidemokratischen Strömungen seit der Französischen Revolution „interepochal“ umfasse –, so dünn ist der Ertrag für die historisch-komparative Forschung.

Zahlreiche weitere Autoren treten in die Fußstapfen des von Backes eng grundierten Programms. So endet der Aufsatz von Andreas Wirsching zu „ideologischen Verschränkungen von Rechts- und Linksextremismus nach dem Ersten Weltkrieg“ (S. 73ff.) in der schon lange überholten These, die Weimarer Republik sei von den „extremen Rändern“ her zerrieben worden (S. 92), und nicht etwa aufgrund ihrer inneren demokratischen Schwäche erodiert. Totalitarismusforscher Frank-Lothar Kroll untersucht die apokalyptischen und utopischen Potentiale im Nationalsozialismus und Bolschewismus, was an sich ein äußerst löbliches Unterfangen darstellt. Allerdings nimmt Kroll die wichtigsten internationalen Neuerscheinungen zum Thema außerhalb seines eigenen akademischen Umfelds nicht zur Kenntnis[5] und verfängt sich schließlich in einer Reihe von Plattitüden, die darin gipfeln, dass Marx als Urheber des modernen Totalitarismus erscheint und mit Hitler auf eine Stufe zu stellen sei. Eckhard Jesse widmet sich dem Verhältnis rechtsextremistischer Intellektueller zum Linksextremismus. Angesichts eines neo-nationalsozialistisch agitierenden, ehemals „antiimperialistischen“ Linksterroristen Horst Mahler ist das ein ebenso spannender wie aktueller Gegenstand. Das antisemitisch und antiamerikanisch geprägte Material, das Jesse heranzieht, wird jedoch geradezu am Rande liegen gelassen. Jesse widmet sich stattdessen der Beobachtung der „Jungen Freiheit“ durch die Verfassungsschutzbehörden. Dies wie die Auseinandersetzung mit einer Neuen Rechten in der Politikwissenschaft signalisiere eine „Linksverschiebung der politischen Kultur Deutschlands seit Jahrzehnten“ (S. 288), die das heimliche Thema des Aufsatzes darstellt. Jesse moniert ohne empirischen Nachweis eine wissenschaftlich „tabuisierte“ Erosion der demokratischen zur anti-demokratischen Linken. Was derlei Spekulationen in einem Forschungsband zum Rechtsextremismus zu suchen haben, entzieht sich dem Rezensenten.

Doch kommen wir zu triftigeren wissenschaftlichen Befunden, die der Band mit einigen innovativen Aufsätzen auch offeriert. Allerdings bietet nur der Beitrag von Armin Pfahl-Traughber einen historisch-systematischen Vergleich von Geschichte und Gegenwart. Pfahl-Traughber rekonstruiert die verschwörungsideologischen Vorstellungen und Feindbilder in der Geschichte der deutschen extremen Rechten bis heute. Dieser Bestandteil rechtsextremer Ideologiegeschichte ist bisher ein Stiefkind der Forschung geblieben. Pfahl-Traughber schlägt hiermit neue konzeptionelle Schneisen und bietet zugleich eine überzeugende praktische Durchführung historisch vergleichender Ideologieforschung zum Rechtsextremismus, die dem Band im Ganzen zu wünschen gewesen wäre. Der Autor, der dankenswerter Weise auch den heute reüssierenden esoterisch-rechtsextremen Bereich nicht ausspart, resümiert, dass Rechtsextreme durch die Geschichte primär hinter allen „Verschwörungen“ von Finanz-Kapitalismus, Kommunismus, Freimaurerei usw. „die Juden“ ausmachen. Pfahl-Traughber weist eindrucksvoll und im Widerspruch zu Backes’ Kernthese nach, dass im Rechtsextremismus zumeist „der Antisemitismus die ideologische Wurzel des Antikommunismus“ gewesen ist (S. 228), und nicht etwa umgekehrt. Ebenso kenntnisreich ist der Aufsatz von Rainer Erb, der ideologische und symbolische Formen des neuen Rechtsextremismus untersucht. Dieselben Versatzstücke, die in einer rechtsextremen Jugendkultur und -bewegung seit Ende der 1980er-Jahre erfolgreich Nachhall gefunden und diese generiert hätten, seien aufgrund ihrer „Fundamentalopposition gegen die Komplexität der Moderne“ (S. 309) zugleich weitgehend für das politische Scheitern des Rechtsextremismus verantwortlich.

Ein historischer Essay von Norbert Kapferer bietet einen weiteren Höhepunkt des Bandes. Kapferer analysiert detailliert die lange unterschätzte Bedeutung des Topos vom „totalen Krieg“ gegen den „jüdischen Bolschewismus“, als ideologische Grundierung eines „Rassen-Vernichtungs- und Raumeroberungskrieg[s]“ (S. 191), für die NS-Elite sowie, im Anschluss an die bahnbrechende Studie von Raphael Gross[6], dessen sukzessive juristische Legitimierung durch Carl Schmitt. Vom Juristen und Wissenschaftler bleibe in diesem Prozess nur der Ideologe übrig. Stefan Breuer und Roger Eatwell bieten zusammenfassende Erläuterungen ihrer nach wie vor kontrovers diskutierten Konzepte des „neuen Nationalismus“ respektive des „generischen Faschismus“, die je ein eigenes, anspruchsvolles Forschungsprogramm motivieren sollen, auf das man gespannt sein darf. Jean-Yves Camus’ Untersuchung der unterschiedlichen Strömungen der europäischen Rechten scheitert nicht an der Komplexität des Themas. Allerdings fällt auf, dass Camus die neueren ideologischen Bündnisse zwischen verschiedenen Gruppen des Rechtsextremismus und antimodernistischen islamistischen Organisationen nicht thematisiert, die die ideologischen Konfliktlinien innerhalb der europäischen extremen Rechten zum Teil neu sortiert haben. Ein Beitrag von Mischa Gabowitsch analysiert die ideologischen Scharniere einer offen „russisch-nationalistischen Gegenkultur“, die sich sowohl aus der heutigen Kommunistischen Partei als auch aus einem Nationalbolschewismus sowie der Neonazi- wie Skinheadbewegung rekrutiert. Gabowitsch kontextualisiert diese ideologischen Formationen in der Geschichte öffentlicher Diskurse, vom sowjetischen Faschismusbild bis zu bestimmten nationalpatriotischen Kommunismusbildern im postsowjetischen Russland. Dem Autor gelingt es, den politisch-kulturellen Resonanzboden einer antisemitischen und unterschiedliche politische Lager verbindenden „nationalpatriotischen“ Ideologie sichtbar zu machen.

Jenseits zahlreicher grobschlächtig argumentierender Aufsätze bietet der Band auch überaus anspruchsvolle Arbeiten. Da aber selbst diese Aufsätze bis auf eine Ausnahme nicht systematisch ideologieanalytisch vergleichen, sondern meist nur geschichtlich kontextualisieren, wird das Versprechen des Herausgebers, den Rechtsextremismus und andere ideologische Formationen in einem „größeren historischen Zusammenhang“ zu erforschen, auch in diesen Texten nur bedingt eingelöst. Zu hoffen ist, dass das historisch-komparative Interesse an den Ideologien des europäischen Rechtsextremismus nicht mit diesem Band gemeinsam strandet.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Minkenberg, Michael, Die neue radikale Rechte im Vergleich. Deutschland, Frankreich, USA, Wiesbaden 1998; Ignazi, Piero, Extreme Right Parties in Western Europe, Oxford 2003.
[2] Für einen geschichtlichen Abriss zur extremen Rechten in Deutschland seit 1870 vgl. jüngst McGowan, Lee, Radical Right in Germany. 1870 to the Present, London 2002.
[3] Vgl. Nolte, Ernst, Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus, Berlin 1990.
[4] Siehe zur Kritik Winkler, Jürgen, Rechtsextremismus. Gegenstand, Erklärungsansätze, Grundprobleme, in: Schubarth, Wilfried; Stöss, Richard (Hgg.), Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2000, S. 38-68.
[5] Vgl. u.a. Buck-Morss, Susan, Dreamworld and Catastrophe. The Passing of Mass Utopia in East and West, Cambridge 2000.
[6] Vgl. Gross, Raphael, Carl Schmitt und die Juden. Eine deutsche Rechtslehre, Frankfurt am Main 2000.

Zitation
Lars Peter Rensmann: Rezension zu: Backes, Uwe (Hrsg.): Rechtsextreme Ideologien in Geschichte und Gegenwart. Köln  2003 , in: H-Soz-Kult, 26.11.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3158>.