K. Hengst (Hg.): Westfälisches Klosterbuch

Titel
Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung, Teil 3: Institutionen und Spiritualität


Hrsg. v.
Hengst, Karl
Erschienen
Münster 2003: Aschendorff Verlag
Umfang
916 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Schmiedl, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar

Neun Jahre nach dem Erscheinen des zweiten Bandes liegt nun der dritte Teil des Westfälischen Klosterbuchs [1] vor. Damit ist Westfalen die Region des Alten Reichs, für die das bislang vollständigste Verzeichnis der Klöster und Stifte erarbeitet wurde; eine in den ersten Bänden nicht berücksichtigte Franziskanerniederlassung sowie neuere Literatur wurden im vorliegenden Band noch ergänzt.

Mit Band 3 präsentiert der Herausgeber, der Paderborner Kirchenhistoriker Karl Hengst, Aspekte zur institutionellen, spirituellen, sozialen und kulturellen Geschichte der klösterlichen Niederlassungen Westfalens. In den 28 Beiträgen spannt sich der Themenbogen von den Realisationen der christlichen Vollkommenheit im Ordensleben bis zur Ausstattung der Klostergebäude mit weltlichen Symbolen und Bildern. Dabei nehmen die meisten Beiträge direkten Bezug auf die beiden ersten Bände des Klosterbuchs und profitieren von der dort präsentierten Materialfülle.

Die erste Gruppe von Beiträgen führt in die Vielfalt des Klosterlebens ein. Das Selbstverständnis des Mönchtums im Blick auf die christliche Vollkommenheit skizziert Arnold Angenendt (S. 15-41), Kaspar Elm beschreibt das westfälische Semireligiosentum vor allem des Spätmittelalters (S. 43-60), Hans-Joachim Schmidt die übergreifende Bindung westfälischer Klöster und Stifte an Kongregationsverbände und Ordensleitungen außerhalb Westfalens (S. 61-100), Gudrun Gleba die Ordensreformen des 15. Jahrhunderts (S. 101-129). Der Schwerpunkt in diesem ersten Teil liegt auf der mittelalterlichen Klosterentwicklung.

Der zweite Teil geht chronologisch vor und beschreibt die geistlichen Gemeinschaften im Kontext ihrer Entstehungsepoche. Bis zum Ende des 11. Jahrhunderts prägten, so Wilhelm Kohl (S. 133-154), Frauenklöster edelfreier Stifterfamilien die Klosterlandschaft Westfalens. Im Zug der Neugründungen des hohen Mittelalters vollzog sich auch in Westfalen eine Differenzierung, allerdings erst im 13. Jahrhundert (Peter Johanek, S. 155-180). Nach einer Zeit des Niedergangs im 14. Jahrhundert kam es im 15. Jahrhundert durch die Reformkongregationen von Windesheim (Devotio moderna) und Bursfelde (Benediktiner) zu einem deutlichen Wandel mit den Städten als Kristallisationspunkten (Heinrich Rüthing, S. 181-200). Den Nachwirkungen der Reformation gehen die beiden Artikel von Alwin Hanschmidt (S. 201-243) und Manfred Wolf (S. 245-293) nach. Schließlich zeichnet Harm Klueting die Säkularisationsgeschichte der Klöster und Stifte am Beginn des 19. Jahrhunderts nach(S. 295-331).

Der dritte Teil beleuchtet die geistlichen Gemeinschaften innerhalb der Kirche Westfalens. Gerade nach der Reformation war die Existenz der Klöster von der Klosterpolitik der katholischen bzw. lutherischen oder reformierten Landesherren abhängig; Alwin Hanschmidt führt in die differenzierten Herrschaftsverhältnisse des Westfalen der Frühen Neuzeit ein (S. 335-384). Die zunehmende Beanspruchung der Orden durch die Pfarrseelsorge ist Thema des Beitrags von Johannes Meier (S. 385-401). Die von den Orden initiierten und propagierten Formen vor allem der Volksfrömmigkeit und ihre Verwurzelung in einzelnen Klöstern behandelt Ursula Olschewski (S. 403-434). In das 19. Jahrhundert reicht der Beitrag von Gisela Fleckenstein, die anhand von Lebensgeschichten säkularisierter Klosterinsassen den für Männer und Frauen unterschiedlichen Schicksalen nachgeht; vom Weiterleben im bisherigen Klostergebäude über den Wechsel des Ordens bis zur Eheschließung reichte das Spektrum der möglichen neuen Lebensweisen (S. 435-453).

Der vierte Teil beleuchtet das soziale Beziehungsgeflecht der westfälischen Klöster. Wilhelm Kohl konstatiert, dass Klostergründungen der Prämonstratenser und Zisterzienser oft politischem Druck oder der Sühne für Verbrechen ihre Existenz verdankten (S. 457-473). Rüdiger Nolte analysiert die soziale und caritative Funktion der Klöster, die zwar vielfältige Formen aufwies, jedoch bei weitem keinen flächendeckenden Charakter besaß (S. 475-494).

Ein weiteres Kapitel ist dem Wirtschaftsfaktor Kloster gewidmet. Dass die klösterliche Landwirtschaft über die Subsistenzsicherung hinaus immer auf Überschuss angelegt war, ihre Wirtschaftskraft aber im Verhältnis zu den anderen Landesherren noch zu untersuchen ist, legt Leopold Schütte dar (S. 497-517). Vorwiegend im ländlichen Bereich waren die Klöster auch die wichtigsten Kreditgeber für den Kapital- und Rentenmarkt, wie Michael Drewniok mit Schwerpunkt auf der mittelalterlichen Entwicklung zeigt (S. 519-543). Über das Kunsthandwerk, das während des Mittelalters in Frauenklöstern mit Buchkunst und Textilhandwerk und in Männerklöstern wie Helmarshausen mit Goldschmiedearbeiten florierte, berichtet der Beitrag von Kristin Böse (S. 545-569).

Mit der Kulturpflege beschäftigt sich der sechste Abschnitt. Der Entwicklung der Dom-, Kloster- und Stiftsschulen geht Alfred Hartlieb von Wallthor nach (S. 573-595). Volker Honemann analysiert die literarische Tätigkeit der Klöster und kann feststellen, dass mit Ausnahme des späten Mittelalters kaum ein bedeutender Autor aus westfälischen Institutionen stammte (S. 597-623). Konkrete Beispiele westfälischer Buchkunst vom 10.-16. Jahrhundert präsentiert Bertram Haller in seinem umfangreichen Artikel (S. 625-681). Eine Inventarisierung der westfälischen Stifts- und Klosterbibliotheken mit Hinweisen auf Bestandsverzeichnisse und ergänzende Literatur bietet der Beitrag von Hermann-Josef Schmalor (S. 683-731).

Der letzte Abschnitt behandelt die Kunst und Architektur in den westfälischen Stiften und Klöstern. Drei Beiträge gehen chronologisch vor und präsentieren die Klosterarchitektur bis 1200 (Matthias Wemhoff, S. 735-755), im Zeitalter der Gotik (Roland Pieper, S. 755-771) sowie in der Barockzeit (Siegfried Rudigkeit, S. 773-790). Gisela Muschiol fragt nach den geschlechtsspezifischen Besonderheiten beim Bau mittelalterlicher Klosterkirchen; die unterschiedliche liturgische Beteiligung zeigte sich besonders bei der Westorientierung der Empore und den strengeren Klausurvorschriften (S. 791-811). Dass zu Klostergebäuden auch weltliche Ausstattungen gehörten, zeigt Gerd Dethlefs in seinem Beitrag, in dem er Bildergalerien der Zeit zwischen der Reformation und der Säkularisation untersucht (S. 813-840).

Auch wenn der Herausgeber nicht alle angeforderten Artikel erhalten hat, ist doch ein voluminöser Band entstanden, der ein ausgezeichnetes Panorama über die westfälischen Klöster und Stifte bis zur Säkularisation gibt. Die Klosterartikel der Bände 1 und 2 bekommen durch die thematischen Querschnitte eine neue Perspektive. Dass ein über 900 Seiten starkes Buch eine lange Entstehungszeit braucht, merkt man ihm allerdings an. Die Manuskripte der Beiträge sind teilweise schon seit mehr als drei Jahren abgeschlossen. Mehrfach wird in den Fußnoten auf Literatur verwiesen, die in der Zwischenzeit längst erschienen ist. Hier hätte ein nochmaliges Lektorieren vor der Drucklegung nicht geschadet.

Für die Ordensgeschichte liegt mit den drei Bänden des Westfälischen Klosterbuchs ein äußerst nützliches Hilfsmittel vor. Die Inventarisierung der einzelnen Institutionen wird dabei ergänzt durch thematisch orientierte Durchblicke in Band 3. Hieraus ergeben sich eine Fülle von Einsichten in die Bedeutung religiöser Vergemeinschaftungen. Klöster und Stifte sind, so lässt sich ein Fazit ziehen, eng mit den politischen und sozialen Bedingungen ihrer Zeit verbunden. Die Dominanz des Staates über die kirchlichen Institutionen, wie sie sich in der Säkularisation am Beginn des 19. Jahrhunderts zeigte, wirkte sich bereits im Mittelalter und in der Reformationszeit aus. Klostergeschichte ist deshalb immer auch Landesgeschichte. Von der Klostergeschichte aus lässt sich auch eine Seelsorgsgeschichte schreiben. Diese beinhaltet die konkrete Pastoral ebenso wie caritative Fürsorge und die Bedeutung der Klöster für die Memorien-Kultur von Mittelalter und Früher Neuzeit. Einer intensiveren Bearbeitung bedürfen die ökonomischen Aspekte. Hier öffnen die Beiträge des Westfälischen Klosterbuchs erst ein wenig den Blick auf weitere Forschungsfelder. Das gleiche betrifft die Bedeutung der Klöster für den Bildungssektor. Dem interdisziplinären Diskurs leichter zugänglich sind die künstlerischen und architektonischen Aspekte der Klostergeschichte. Doch gerade hier, so zeigt der Beitrag von Gisela Muschiol, kann ein theologischer Blick auf architektonische Gegebenheiten neue Perspektiven eröffnen.

Klosterbücher haben zur Zeit eine gewisse Konjunktur. Sie erscheinen im Nachdruck alter Ausgaben sowie sukzessive im Internet (wie das Thüringische, Brandenburgische und Sächsische Klosterbuch). Nur das ebenfalls jüngst erschienene Württembergische Klosterbuch [2] allerdings wagt wirklich den Schritt über die Säkularisationsgrenze hinaus, nicht ohne deutlich zu machen, dass mit der Auflösung der alten Klöster und Stifte für die Orden insgesamt eine Zäsur gegeben ist. Die Zeit nach 1800 ist dann allerdings in viel stärkerem Maß Ordens- als Klostergeschichte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Hengst, Karl (Hg.), Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zu ihrer Aufhebung, Teil 1: Ahlen-Mülheim (Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte. 2, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLIV), Münster 1992; Hengst, Karl (Hg.), Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zu ihrer Aufhebung, Teil 2: Münster - Zwillbrock (Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte. 2, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLIV), Münster 1994.
[2] Vgl. Zimmermann, Wolfgang; Priesching, Nicole (Hgg.), Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart, Ostfildern 2003.

Zitation
Joachim Schmiedl: Rezension zu: Hengst, Karl (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung, Teil 3: Institutionen und Spiritualität. Münster  2003 , in: H-Soz-Kult, 07.07.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3171>.