M. Grunewald: Das konservative Intellektuellenmilieu

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Titel
Das konservative Intellektuellenmilieu, seine Presse und seine Netzwerke.


Hrsg. v.
Grunewald, Michel; Puschner, Uwe
Erschienen
Bern 2003: Peter Lang/Bern
Umfang
718 S.
Preis
€ 81,30
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Brosch, Fachbereich Soziologie, Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik

2002 fand an der Universität Metz in Frankreich unter der Leitung von Michel Grunewald, Uwe Puschner und Hans Manfred Bock eine deutsch-französische Konferenz über die Presse und Netzwerke des Konservativen Intellektuellen-Milieus in Deutschland (1890-1960) statt. Es war bereits die zweite Tagung, die sich den Intellektuellen-Milieus in Deutschland widmete.[1] Geistiger Pate dieser Tagungsreihe ist der Soziologe und Mitherausgeber der Max Weber-Gesamtausgabe M. Rainer Lepsius mit seinen Forschungen zur politisch-sozialen Gesellschaftsordnung in Deutschland. In seiner Studie „Parteistruktur und Sozialsystem" beschreibt Lepsius, wie sich im Laufe des langwierigen Reichseinigungsprozesses bis zur Blütezeit der Weimarer Republik vier bedeutende sozio-kulturelle Milieus herausgebildet haben, denen sich das deutsche Parteiensystem als eng verbunden erwies: das katholische, das konservative, das bürgerlich-protestantische und das sozialistische Milieu.[2]

Das Ziel der Dokumentation ist es „anhand eines Querschnitts von repräsentativen Zeitschriften und Zeitungen die Vielfalt der Strömungen exemplifizieren, die über drei Generationen hinweg innerhalb des deutschen Konservatismus bestanden." Die Entwicklung des Konservatismus in Deutschland hin zum Massenphänomen, seine Radikalisierung nach 1918, auch seine Rückschläge im 'Dritten Reich' wie sein Wiederaufleben nach 1945 anhand zweier Typen von Zeitschriften und Zeitungen soll durch diesen Band betrachtet werden. Die Aufmerksamkeit gilt zum Einen jenen, die ihre Publikationsorgane den Autoren öffneten, die sich auf antiliberales und antisozialistisches Gedankengut beriefen, zum Anderen den Zeitungen und Zeitschriften, die durch ihre deutlich typisierte Identität dem medialen Ausdruck genau umschriebener Milieus bzw. Kreisen Gleichgesinnter dienten. Dabei sollen insbesondere die Kommunikations- und Vernetzungsstrategien analysiert werden.

Nach der Einleitung von Michel Grunewald und einem Essay von Axel Schildt, der einen Überblick über die Entwicklung des Konservatismus vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zu seiner „historischen Blamage" - resultierend aus seiner Kooperation mit den Nationalsozialisten und seiner Wiederauferstehung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg - bieten soll, folgen 23 Aufsätze über nationale bzw. rechts-nationale Zeitschriften sowie Gruppen und Bewegungen und deren Publikationstätigkeiten. Abgeschlossen wird der Band durch drei biografische Studien über Julius Rodenberg, den langjährigen Herausgeber der „Deutschen Rundschau" (Michel Durand), Heinrich von Treitschke (Hans-Jürgen Lüsebrink) und Ernst Jünger (Thierry Sète). Während einige Aufsätze einen eher kumulativen Charakter haben und sich dabei vorwiegend auf Sekundärliteratur stützen, können viele andere als durchaus originär bezeichnet werden. Die meisten der Aufsätze aber sind nah an den Quellen verfasst und teils auch reichhaltig mit Originalzitaten illustriert.

Der erste Teil des Bandes zu „Zeitungen und Zeitschriften" beginnt mit einem Aufsatz zur Genese des politischen Antisemitismus in der „Kreuzzeitung" (Dagmar Bussiek), es folgt ein Beitrag zur Berichterstattung über die Habsburger Monarchie in den „Preußischen Jahrbüchern" (Jürgen Angelow) sowie eine Analyse des „biedermännisch getarnten Antisemitismus in der Kulturzeitschrift ‚Das Zwanzigste Jahrhundert'"(Frithjof Trapp), diese mit einem besonderen Augenmerk auf die Mitarbeit der Brüder Mann an dieser Zeitschrift. Des Weiteren gibt es einen Aufsatz über die „Konservative Monatsschrift" (Phillipe Alexandre) und eine linguistisch-soziologische Studie über den „Türmer" (Rolf Parr), in der der Autor einen interdiskurstheoretischen Ansatz verfolgt, die „Association" und „Dissociation" von Teilkulturen im konservativen Milieu belegt und durch seinen methodisch-theoretischen Ansatz erfreulich aus dem Rahmen fällt. Es folgen Beiträge zu den „Süddeutschen Monatsheften" (Jens Flemming), zu Wilhelm Stapels „Deutsches Volkstum", zur „nationaljüdischen" Zeitschrift „Das jüdische Echo" (Falk Wiesmann) sowie zur deutsch-jüdischen Zeitschrift „Der Schild" und ihrem Pendant in Österreich, die „Jüdische Front". Abgeschlossen wird der erste Teil über Zeitungen und Zeitschriften mit dem Aufsatz über die 1946 erstmals erschienene Zeitschrift „Rheinischer Merkur".

Der zweite Teil über „Gruppen und Bewegungen" beginnt mit Aufsätzen zu Zeitschriften und den ihnen assoziierten Gruppierungen. Eröffnet wird er mit einem Aufsatz über Wahnfrieds „Bayreuther Blätter" (Hildegard Chatellier), gefolgt von Aufsätzen über den „George-Kreis und seine Medien" (Walter Schmitz), den „Kunstwart" und den Dürerbund (Rüdiger vom Bruch), den „Vortrupp" (Ulrich Linse), „Die Tat" und den „Tat"-Kreis (Gangolf Hübinger) und die „Alldeutschen Blätter" (Rainer Hering). Im Anschluss daran wird man detailliert über die „Strukturmerkmale der völkischen Bewegung" (Uwe Puschner) aufgeklärt, es folgt ein kurzer Aufsatz über den „Jungdeutsche Orden und sein 'Schrifttum'" (Dieter Tiemann). Der Hauptherausgeber schreibt über den „Ring" und seine Bewegung. Abgeschlossen wird der zweite Teil von einem umfangreichen Aufsatz über die „Europäische Revue" (Ina Ulrike Paul) sowie Aufsätzen über die Paneuropabewegung (Anne-Marie Saint-Gille), die NS-Zeitschriften „Nationalsozialistische Monatsheft" und „Volkstum und Heimat" (Bernd A. Rusinek) und zu guter Letzt einer Studie über „Konservatives Milieu" und Widerstand gegen Hitler (Gilbert Merlio).

Trotz der unterschiedlichen Qualität der Arbeiten verschafft die Aufsatzsammlung einen sehr guten Überblick über die Publikationstätigkeit und die Vernetzung der nationalen Rechten in Deutschland von 1890 bis 1960. Sieht man einmal von der konzeptionellen Schwäche des Bandes ab, zu der ich später noch komme, kann man ihn als eine Art „Vademekum der Zeitschriften der deutschen Rechten" bezeichnen. Natürlich hätten einige weitere wichtige Periodika der deutschen Rechten in diesem Rahmen ebenfalls Anspruch auf eine kritische Auseinandersetzung gehabt – so beispielsweise die völkischen Periodika „Heimdall" oder „Hammer". Uwe Puschner gewährt zumindest diesen beiden und auch anderen wichtigen Organen der völkischen Bewegung in seiner herausragenden Darstellung somit wenigstens einen „Stehplatz" in diesem Band.

Die Aufsätze informieren, zumindest innerhalb des vom jeweiligen Autoren gewählten Darstellungsrahmen, gut über die Geschichte der behandelten Periodika und die eventuell hinzugehörigen Gruppierungen. Deutlich wird an den unterschiedlichen Aufsätzen auch, welche vielfältigen, zum Teil gegenläufigen Strömungen es innerhalb der deutschen Rechten gab. So gibt es zu jeder der untersuchten Zeitschriften oder Gruppierungen einen anderen historischen Befund in Bezug auf die vertretenen Inhalte und Kooperationen/Vernetzungen sowie die dazugehörigen stetigen Wandlungsprozesse, denen diese unterworfen waren.

Dass die nationale Rechte auch nicht zwangläufig durchweg antisemitisch sein musste, zeigen die Beispiele der jüdischen nationalen Zeitungen, aber auch das Beispiel des vom Judentum zum Katholizismus konvertierten Herausgebers der Süddeutschen Monatshefte Paul N. Cossmann. Cossman, der sich innerhalb der extremen Rechten vor allem in den Jahren der Weimarer Republik mit Hilfe seiner Mitarbeiter ein weit reichendes Netzwerk aufbaute und sich stets bemühte, seine Zeitschrift vom Antisemitismus freizuhalten, fand im ‚Dritten Reich' sein tragisches Ende in Theresienstadt.

So wegweisend die Erkenntnisse Lepsius' aus den 60er-Jahren auch sind, sie reichen leider nur für eine grobe Zuordnung aus. Da hier aber schon ein spezielles Milieu als Untersuchungsgegenstand ausgewählt wurde, nämlich die nationale Rechte, ob der Begriff „konservativ" zur Beschreibung dieser politischen Ausrichtung, also zur Subsumtion der gesamten deutschen Rechten, beim heutigen Forschungsstand noch als geeignet betrachtet werden kann, sei dahin gestellt, wären weitere begriffliche Feinabstimmungen zur Ausdifferenzierung dieses Milieus unbedingt von Nöten gewesen.[3] Die historische Soziologie ist jedenfalls nicht 1966 stehen geblieben - auch Lepsius nicht. Hier wären wir auch am gemeinsamen Schwachpunkt der Aufatzsammlung angelangt, nämlich dem uneinheitlichen bzw. nicht abgestimmten Begriffsapparat. Die begrifflichen Selbstzuschreibungen, die in den Zeitschriften und Gruppierungen von einzelnen oder auch mehreren Akteuren vorgenommen werden, um sich politisch zu verorten, können eine exakte wissenschaftliche Differenzierung nicht ersetzen, sind manchmal im Gegenteil häufig irreführend. Eine einheitliche Typologie mit möglichst klar definierten Idealtypen [4] als Werkzeug für die Analyse der Inhalte und die anschließende Verortung der Protagonisten und ihrer Organe innerhalb des „Konservativen Milieus" hätte den Autoren eine wertvolle, ja notwendige Hilfestellung leisten können und hätte gewiss für erheblich mehr Klarheit und Struktur gesorgt und damit dieses Projekt gewiss zu einem ertragreicheren Unternehmen gemacht.

Obwohl der Anmerkungsapparat erkennen lässt, dass Breuer und seine Arbeiten vielen der Beitragenden bekannt sind – Hübinger geht in seinem Aufsatz sogar konkret auf Breuers Ideen ein - wird das von ihm entwickelte Instrument nicht zum Einsatz gebracht. Möglicherweise müssen immer erst 25 Jahre verstreichen, bevor soziologische Erkenntnisse in anderen Disziplinen zur praktischen Anwendung gebracht werden.

Anmerkungen:
[1] Die erste Tagung wurde 2001 veranstaltet, hier waren die Intellektuellenmilieus der deutschen Linken Untersuchungsgegenstand. Hierzu ist folgender Tagungsband erschienen: Grunewald, Michel; Bock, Hans Manfred (éds/Hgg.), Le milieu intellectuel de gauche en Allemagne, sa presse et ses réseaux (1890-1960). Das linke Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und seine Netzwerke (1890-1960), Bern 2002. Im Dezember nächsten Jahres soll die dritte Tagung dieser Art in Metz stattfinden, Thema sind dann die Intellektuellenmilieus des deutschen Katholizismus. Es ist also auch noch mit einer vierten Tagung zu den Intellektuellenmilieus des liberalen Lagers zu rechnen. Siehe dazu: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=169&count=354&recno=192&sort=datum&order=downm&order=down
[2] Lepsius, Rainer M., Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Ders., Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993 (es sei an dieser Stelle angemerkt, dass der Aufsatz 1966 das erste Mal veröffentlicht wurde).
[3] Lepsius hat das von ihm beschriebene Konservative Milieu wesentlich deutlicher definiert und weit enger gefasst (siehe den genannten Aufsatz von Lepsius, besonders S. 42f.). Die hier verwendete Konzeption des Begriff Konservatismus ist hoffnungslos hypertrophiert, es werden verschiedenste politische Strömungen vereinnahmt, u.a. der Nationalsozialismus, die Völkischen, die Nationalliberalen und die Katholiken, welche für sich genommen zum Teil schon als äußerst heterogen zu benennen sind.
[4] Ich denke hier an die grundlegenden Studien des Hamburger Soziologen Stefan Breuer. Breuer hat ein Typentableau entworfen, welches die Grundpositionen der deutschen Rechten anhand von Idealtypen markiert. Das Tableau entspricht – vereinfacht dargestellt - einem Koordinatensystem mit den Extrempositionen Exklusion/Inklusion auf der y-Achse sowie den Polen Progression/Regression auf der x-Achse. Mit Hilfe dieses Systems lassen sich die Ideologen genau im Gefüge der deutschen Rechten verorten, ebenso lassen sich auch ideologische Wandlungen mit Hilfe dieses Instruments sehr gut darstellen. Vgl. hierzu: Breuer, Stefan, Grundpositionen der deutschen Rechten 1871-1945, Tübingen 1999; Ders., Ordnungen der Ungleichheit – die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, Darmstadt 2001.

Zitation
Matthias Brosch: Rezension zu: Grunewald, Michel; Puschner, Uwe (Hrsg.): Das konservative Intellektuellenmilieu, seine Presse und seine Netzwerke. Bern  2003 , in: H-Soz-Kult, 08.01.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3194>.
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08.01.2004
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