Titel
Schleiermacher im Horizont preußischer Politik. Studien und Dokumente zu Schleiermachers Berufung nach Halle, zu seiner Vorlesung über Politik 1817 und zu den Hintergründen der Demagogenverfolgung


Autor(en)
Reetz, Dankfried
Erschienen
Waltrop 2002: Hartmut Spenner
Umfang
549 S.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Arndt, Schleiermacherforschungsstelle, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Der leider bald nach dem Erscheinen seines Buches früh verstorbene Dankfried Reetz hat einen wichtigen Beitrag nicht nur zur Kenntnis der Schleiermacherschen Biographie vorgelegt, sondern auch zur Kenntnis der Preußischen Geschichte am Anfang des 19. Jahrhunderts und besonders zur Zeit der Demagogenverfolgungen. In drei Kapiteln behandelt er „Schleiermachers Weg nach Halle“, „Schleiermachers Politik-Vorlesung vom Sommersemester 1817“ und die „Demagogenverfolgung gegen Schleiermacher von 1821 bis 1824“. In allen drei Kapiteln präsentiert Reetz zum größten Teil bisher nicht veröffentlichte Dokumente, deren Edition vom Umfang her bei weitem den Hauptteil des Buches ausmacht. Dies sichert ihm auch unabhängig von den Darlegungen des Autors das Interesse der Forschung und macht es zu einem unentbehrlichen Quellenwerk.

Eine vollständige Darlegung der politischen Wirksamkeit Schleiermachers und seiner Verstrickungen in die preußische Politik hat Reetz nicht anstreben können, da dies noch weit umfangreichere Quellenstudien und die Einbeziehung des für die entscheidende Zeit ab 1802 erst teilweise erschlossenen Briefwechsels erfordert hätte. Es handelt sich daher um Bausteine zu einer solchen Gesamtdarstellung, die weiterhin ein Desiderat der Forschung bildet. Ausgeblendet werden vor allem Schleiermachers kirchen- und bildungspolitische (vor allem universitätspolitische) Interventionen sowie seine Wirksamkeit im Kreis der preußischen Reformer und in der Vorbereitung und Durchführung des Befreiungskrieges (u.a. in konspirativen Missionen und als politischer Redakteur des „Preußischen Korrespondenten“). Es sind dies Aktivitäten, die unmittelbar zur Vorgeschichte der von Reetz breit dokumentierten (S. 273–534) Untersuchungen im Zuge der Demagogenverfolgungen gehören und auch in den edierten Aktenstücken zum Teil zur Sprache gebracht werden.

Das (relativ kurze) erste Kapitel behandelt gewissermaßen ein Vorspiel zu Schleiermachers Verstrickungen in die preußische Politik: Schleiermacher hatte, als Hofprediger im pommerschen Stolp, einen Ruf nach Würzburg erhalten, diesen aber nicht angenommen, nachdem ihm (mit seinem Einverständnis) die Entlassung aus seinen Ämtern verweigert worden war. Die vielfältigen, letztlich von Friedrich Wilhelm III. persönlich forcierten Bemühungen, Schleiermacher in Preußen zu halten und ihm eine Kompensation durch eine Professur an der Universität Halle zu verschaffen, sind in einer Akte dokumentiert, die im Berliner Geheimen Staatsarchiv einer Akte beigeheftet worden war, die sich auf Untersuchungen gegen Schleiermacher wegen demagogischer Umtriebe bezieht, die Reetz im dritten Kapitel seines Buches ausgewertet hat. Beide Akten waren der Forschung bisher unbekannt; sie editorisch zugänglich gemacht zu haben, ist ein bleibendes Verdienst Dankfried Reetz’. Der Gang des Buches folgt somit in gewisser Hinsicht der archivalisch festgeschriebenen Sichtweise Schleiermachers aus dem Blickwinkel der preußischen Reaktion: vom umworbenen Landeskind, dessen Talente und Fähigkeiten dem Preußischen Staat erhalten bleiben sollen, zum undankbaren Demagogen, der Kanzel und Katheder für politische Umtriebe gegen König und Staat nutzt.

Schleiermacher hat eine solche Gesinnung stets abgestritten; gleichwohl steht er bis heute weitgehend im Ruf, nicht nur ein liberaler Theologe, sondern auch ein politischer Liberaler gewesen zu sein. Wieweit seine philosophischen Vorlesungen über die Lehre vom Staat, die jüngst von Walter Jaeschke kritisch ediert wurden [1], hierzu Anlass geben, ist in der Forschung umstritten. Im zweiten Kapitel seines Buches unternimmt Reetz – gestützt auf eine frühere Abhandlung hierzu [2] – den Versuch, einen unmittelbar aktuellen politischen Bezug der Politikvorlesungen von 1817 nachzuweisen. Hierbei stützt er sich einerseits auf einen Brief Hardenbergs an Altenstein vom 8.12.1817, der auf die Vorlesungen Schleiermachers Bezug nimmt und darauf drängt, solche aufgrund ihrer politischen Tendenz künftig zu unterbinden. Jaeschke hatte dies in der Historischen Einführung zu seiner Ausgabe auf Schleiermachers universitätspolitisches Wirken insgesamt bezogen, während Reetz dies auf die Politik-Vorlesung vom Sommer 1817 beziehen möchte. Hierbei kann er die bisherige Version des Briefes aus den Akten ergänzen und belegen, dass das Schreiben explizit die im Sommersemester 1817 gehaltenen Vorlesungen meint, wobei jedoch die Politik-Vorlesung nicht besonders erwähnt wird. Zudem bezieht sich ein wenig später verfasster Brief des Geheimrats Rother an Hardenberg vom 15.12.1817, in dem – unter Berufung auf den Hof – ein Vorlesungsverbot im laufenden Semester wegen des damit verbundenen Aufsehens abgelehnt wird, eindeutig nicht auf Schleiermachers Politik-Vorlesung im Wintersemester 1817/18, sondern auf Schleiermachers theologische Vorlesungen.[3] Hiermit setzt sich Reetz nicht adäquat auseinander, obwohl dadurch auch seine Interpretation des Hardenberg-Briefes vom 8.12. nachhaltig erschüttert wird.

Seine These, dass die Politik-Vorlesungen für den Preußischen Staat der eigentliche Stein des Anstoßes waren, versucht Reetz weiterhin dadurch plausibel zu machen, dass er unmittelbar zeitgeschichtlichen Anspielungen im Kolleg 1817 nachgeht. So anregend dieser ergänzende Kommentar ist, so kann er doch kaum den theoretischen Befund Jaeschkes entkräften, dass Schleiermacher „Grundlinien eines allgemeinen, nahezu zeit- und ortlosen Verständnisses des Staates“ [4] entwirft, kombiniert er doch umstandslos antike und moderne Elemente, ohne die spezifisch neuzeitlichen Fragen nach der Legitimität und Souveränität des Staates und den rechtlichen Grundlagen seiner Konstitution ihrer aktuellen Bedeutung (auch für die Verfassungsdiskussion in Preußen) entsprechend in den Mittelpunkt zu stellen. Dass eine solche der wissenschaftlichen Problemlage der Zeit überhobene Theorie gleichwohl mit aktuellen Anspielungen gespickt werden kann, ist kein Widerspruch. Reetz’ Polemik gegen Jaeschke geht ins Leere, weil er den eigentlichen Punkt der Auseinandersetzung nicht gesehen hat. Unabhängig davon sind seine Nachweise zu zeitgeschichtlichen und auch tagespolitischen Bezügen ein wichtiger Beitrag zur Forschung.

Schlecht beraten war Reetz, als er dem zweiten Kapitel als „Anlage“ die Edition des Fragments einer Nachschrift zur Politik-Vorlesung des Sommersemesters 1817 beifügte, das Jaeschke zwar (auch in einer von Reetz besorgten Transkription) vorgelegen hatte, von ihm jedoch zugunsten einer vollständigen und inhaltlich deckungsgleichen Nachschrift nicht berücksichtigt worden war. Auch Reetz kann nur die Gemeinsamkeit des von ihm präsentierten Textes mit Jaeschkes Edition feststellen und hat sich im übrigen für seine inhaltliche Argumentation auch auf letztere und nicht auf seine „Anlage“ gestützt. Die Veröffentlichung dieses Textes belegt somit nur, dass der Wissenschaft durch das ungehemmte Publizieren einzelner Vorlesungsnachschriften ohne den Blick auf das Ganze der Überlieferung kein Dienst erwiesen wird.

Das dritte Kapitel kann in seiner Materialfülle hier nicht im Einzelnen gewürdigt werden. Besonders hingewiesen sei auf die hier erstmals edierte Verteidigungsschrift Schleiermachers vom 27.1.1823 (467–473), die auch den König beeindruckte und mit der er sich den Demagogenverfolgungen entziehen konnte. Hierin erinnert Schleiermacher auch daran, dass er Preußen zuliebe seinerzeit den Ruf nach Würzburg ausgeschlagen habe. Breiten Raum nehmen in den Akten Schleiermachers Beziehungen zu dem Verleger Georg Andreas Reimer ein; zu bedauern ist, dass Reetz die ergänzende aktenmäßige Darstellung der Verfolgungen gegen Reimer unbekannt geblieben ist.[5]

Anmerkungen
[1] Jaeschke, Walter (Hg.), Schleiermacher, Friedrich, Vorlesungen über die Lehre vom Staat (Schleiermacher: Kritische Gesamtausgabe, Abt. II, Bd. 8), Berlin 1998.
[2] Reetz, Dankfried, „Schleiermacher mit ‚politischer Tendenz’? - Schleiermachers Politik-Vorlesungen des Sommersemesters 1817“, in: ZNThG 7 (2000), S. 205–250.
[3] Wie Anm.1, Jaeschke, Walter, Historische Einführung, S. XXXI ff.
[4] Ebd., S. XXVII.
[5] Fouquet-Plümacher, Doris, Jede neue Idee kann einen Weltbrand anzünden. Georg Andreas Reimer und die preußische Zensur während der Restauration, in: Archiv für die Geschichte des Buchwesens 29 (1987).

Zitation
Andreas Arndt: Rezension zu: : Schleiermacher im Horizont preußischer Politik. Studien und Dokumente zu Schleiermachers Berufung nach Halle, zu seiner Vorlesung über Politik 1817 und zu den Hintergründen der Demagogenverfolgung. Waltrop  2002 , in: H-Soz-Kult, 11.09.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3209>.