B. Holland-Cunz: Die alte neue Frauenfrage

Cover
Titel
Die alte neue Frauenfrage.


Autor(en)
Holland-Cunz, Barbara
Erschienen
Frankfurt am Main 2003: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Umfang
310 S.
Preis
€ 11,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Kortendiek, Netzwerk Frauenforschung NRW, Universität Dortmund

Mit einer guten Portion Humor führt Barbara Holland-Cunz in ihre politikwissenschaftliche Darstellung der Theorien und Ideengeschichte der Alten und Neuen Frauenbewegung ein. Denen, die die Frauenfrage und die feministischen Anliegen für „erledigt“ halten, widerspricht sie vehement mit Blick auf faktische Ungleichheiten in Parlament, Wirtschaft, Medien oder Kultur und gibt folgende Empfehlung: „Wer also die Vorstellung, noch exakt bis zum Jahr 2490 mit der ‚Frauenfrage’ befasst zu sein, für ziemlich unerträglich hält, sollte sich heute engagieren.“ (S. 7) Dass Holland-Cunz bei der Erstellung der vorliegenden Studie selbst von Engagement getragen wurde, ist dem Buch anzumerken, und sie spricht davon, dass sich die „politisch engagierte Feministin“ und die „Politikwissenschaftlerin“ in einer Person nicht immer einig sind (S. 11). Diese Auseinandersetzung in der Bewertung der Geschichte der Frauenbewegung als doppelter Zugang ist ein Gewinn für die vorliegende Untersuchung.

Die Übersicht und Analyse der Ideen- und Handlungsgeschichte des Feminismus besteht aus drei Teilen, die sich an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft orientieren. Im ersten Teil geht es um das „Gleichheitsversprechen“ in der politischen Ideengeschichte des Feminismus zwischen dem Ende des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Hier wählt Holland-Cunz nur bedingt einen historisch chronologischen Ansatz. Die unterschiedlichen Strömungen vom utopischen Sozialismus über den klassischen Liberalismus bis hin zum Existenzialismus werden aus der Sicht von siebzehn TheoretikerInnen dargestellt – beginnend mit Mary Wollstonecraft (1759-1797) über Clara Zetkin (1857-1933) bis hin zu Simone de Beauvoir (1908-1986). Diese Systematik ist sowohl informativ, weil viele Texte im Original zitiert werden, als auch höchst spannend, da die kritische Analyse unter dem Gleichheitsaspekt zutage bringt, wie der Gleichheitsdiskurs zunehmend in einen Diskurs der Differenz übergeht. Zugleich verdeutlicht die Auseinandersetzung mit den zum Teil diffamierenden Frauenbildern in den Originaltexten, dass die „gesellschaftliche Abwertung von Frauen offensichtlich so tief verinnerlicht ist, dass sie sich auch in die Zeilen patriarchatskritischer feministischer Autorinnen einschleichen kann“ (S. 101). Durch die zeitgeschichtliche Einbettung wird zudem offensichtlich, wie insbesondere der Diskurswechsel von der Gleichheit zur Differenz in der deutschen Frauenbewegung als „Mütterlichkeitsdiskurs“ politische Konsequenzen hatte: „Ohne die emphatischen Differenz-Theoretikerinnen wäre die Nähe zwischen Feminismus und Nationalsozialismus nicht denk- und politisierbar gewesen.“ (S. 95) Die Zusammenfassung zum Ende dieses ersten Teiles unter der Überschrift „Natur und Gesellschaft – ungleiche Gleichheiten“ (S. 122) liefert in gelungener Weise einen abschließenden Überblick über die jahrhundertealte Auseinandersetzung über das Verhältnis von Gleichheit und Differenz der Geschlechter – zwischen Mannsein, Frausein und Menschsein – und endet mit der Definition von Frauen, als „gesellschaftliche Menschenwesen in einem weiblichen Körper“ (S. 129).

Die personenzentrierte Systematik wichtiger TheoretikerInnen des Feminismus findet im zweiten Teil keine Fortsetzung, was zwar aufgrund des wesentlich kürzeren geschichtlichen Zeitrahmens verständlich sein mag, aber der Stringenz des Aufbaus und des Zugangs ein wenig schadet. Gerne hätte ich hier eine Fortführung der Denkansätze einflussreicher Autorinnen des „zeitgenössischen Feminismus“ seit den 1960er-Jahren weitergelesen. Stattdessen wählt Holland-Cunz zunächst einen chronologischen Zugang und beschreibt unterschiedliche Phasen der Frauenbewegungen und feministischer Theorieansätze seit der „Freiheitsrevolte“ des „neuen Feminismus“. Ob es nun der „Tomatenwurf“ oder die Selbstbezichtungsaktion „Ich habe abgetrieben“ war, die den Beginn der Neuen Frauenbewegung charakterisieren, mag dahingestellt sein. Deutlich wird, dass nach den 1960er-Jahren als „neuer Anfang“ die 1970er-Jahre als Phase der „Körperpolitik und Selbsterfahrung“ folgen, während die 1980er als das „kurze ökologische Jahrzehnt“ beschrieben werden. Die „deutsch-deutsche“ Frauenbewegung beginnt mit dem Jahr 1989 und das neunte Jahrzehnt wird unter den Aspekten von „Gleichstellungspolitiken, Antirassismus und Internationalismus“ zusammengefasst. Im Anschluss hieran erfolgt eine skeptische Analyse der aktuellen Situation. Als entscheidenden Unterschied zwischen Alter und Neuer Frauenbewegung stellt Holland-Cunz das Streben nach Freiheit heraus: „Freiheit als Freiheit von Herrschaft, als Gleichheit, Intersubjektivität und partizipatorische Demokratie“ (S. 134f.). Dieses Freiheitsverständnis als „Freiheitsrevolte“ des zeitgenössischen Feminismus schließt Gleichheit mit ein und geht weit über ein individuelles Freiheitsrecht hinaus. Diese Freiheit ist aber „erst noch zu wagen“ und Holland Cunz lässt außer Zweifel, dass aktuell neue „AktivistInnen und neue Aktions- und Denkformen gebraucht werden“ (S. 173) und, dass es einen „Mangel an konkreteren Utopien und gesellschaftspolitischen Alternativen“ sowie einen „Mangel an radikalem Einspruch gegen die herrschaftlichen Zumutungen eines globalisierten Patriarchats“ (S. 171) gibt.

Nach Chronologie und Analyse der Neuen Frauenbewegungen wagt die Autorin einen Ausblick unter der Überschrift „Demokratische Politik im 21. Jahrhundert – feministisch betrachtet“ und entwickelt aus dieser Sichtweise heraus Anforderungen an eine demokratische Zukunftspolitik. Hierbei stellt sie die Bedeutung von Partizipation, Repräsentation, Globalisierung, Nationalstaat, Biopolitik und Transnationalisierung als drängende Fragen in den Mittelpunkt. Mit der Forderung, die „bundesdeutsche Neue Frauenbewegung sollte sich hier und sofort der wachsenden Bewegung der GlobalisierungskritikerInnen anschließen“ (S. 203), bezieht sie eindeutig Position. In ihrem Resümee erklärt Holland-Cunz die Kernfragen zwischen der Alten und Neuen Frauenbewegung für unstrittig sowie unerledigt und hebt hervor, dass die „körperliche, ‚seelische’ und geistige Unversehrtheit [...] als Bedingung der Möglichkeit von Freiheit und Gleichheit für Frauen“ angesehen wird (S. 247). Zugespitzt formuliert sie in Anlehnung an den Titel des Buches: „Die alte neue Frauenfrage ist eine der alten Anliegen und der neuen Formen“ (S. 251).

Im Anhang des Buches wird der interessierten LeserIn eine kommentierte und thematisch aufgebaute Auswahlbibliografie mit wichtigen Arbeiten aus der Frauen- und Geschlechterforschung zur Verfügung gestellt, die thematisch weit über die Frauenbewegung hinaus geht.

Der besondere Erkenntnisgewinn der Studie „Die alte neue Frauenfrage“ liegt in der Einlösung der Forderung von Ute Gerhard [1], die Frauenbewegungen unter dem Blickwinkel der „langen Wellen“ - als Traditions- und Verbindungslinien zwischen Alter und Neuer Frauenbewegung - zu analysieren und damit auch der Enthistorisierung im Kontext der Neuen Frauenbewegung entgegenzuarbeiten. Zugleich tritt Holland-Cunz mit ihrer Aussicht auf die notwendigen Zukunftsfragen - als theoretische und handlungsrelevante - einer Entpolitisierung der Frauen- und Geschlechterforschung entgegen. Sie wagt eigene Zukunftsthesen und beschäftigt sich nicht ausschließlich mit einem Rückblick. Somit ist „Die alte neue Frauenfrage“ nicht nur ein nützliches sondern auch ein mutiges Buch. Barbara Holland-Cunz bringt das ein, was sie in der aktuellen Genderforschung und Frauenbewegung vermisst, nämlich Leidenschaft. Folglich ist es nicht nur der Titel, der mich an ein Gedicht von Rose Ausländer erinnert, in dem es heißt: „Mit neuen Gedanken alt werden. Jung bleiben an uralten Gedanken.“[2]

Anmerkungen:
[1]Gerhard, Ute, Die „langen Wellen“ der Frauenbewegung – Traditionslinien und unerledigte Anliegen, in: Becker-Schmidt, Regina; Gudrun-Axeli Knapp (Hgg.), Das Geschlechterverhältnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften. Frankfurt am Main 1995, S. 247-278.
[2]Ausländer, Rose, Teilhaben, in: Ich höre das Herz des Oleanders, Frankfurt am Main 1984, S. 75.

Zitation
Beate Kortendiek: Rezension zu: : Die alte neue Frauenfrage. Frankfurt am Main  2003 , in: H-Soz-Kult, 16.03.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3415>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.03.2004
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation