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Titel
Cato Bontjes van Beek. 'Ich habe nicht um mein Leben gebettelt'


Autor(en)
Vinke, Hermann
Erschienen
Hamburg 2003: Arche Verlag
Umfang
224 S., 27 s/w Abb.
Preis
€ 18,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eckhard Fürlus, Berlin

In die Diskussion über die Personen des Widerstands gegen die NS Diktatur, die gegenwärtig durch eine in den Feuilletons ausgetragene Auseinandersetzung über die Rolle Marion Gräfin Dönhoffs und den preußischen Adel bestimmt wird [1], hat sich der Autor und Journalist Hermann Vinke mit einer Publikation eingebracht, die das Leben der bislang wenig bekannten Cato Bontjes van Beek detailliert beschreibt [2] und die sowohl die Protagonistin als auch deren Familie, Freunde und Bekannte in Briefen, Dokumenten und Interviews ausführlich zu Wort kommen lässt.

Bereits 1980 hatte Hermann Vinke eine Biografie über Sophie Scholl geschrieben [3], für das er 1981 den Deutschen Jugendbuchpreis erhielt. Nach Vinkes eigenem Bekunden war dies „keine Biographie im herkömmlichen Sinne, sondern eine Beschreibung von Lebenssituationen in Form von collagehaft zusammengefügten Berichten, Dokumenten, Briefen, Zeugenausssagen und Fotos.“ [4] Das nun vorliegende Porträt der Cato Bontjes van Beek, ein eher sachlich erzählender Text aus zehn Teilen, unterteilt in etliche kleine Kapitel, von denen viele eine Seite nicht überschreiten, erinnert noch an dieses Collageverfahren. Die Zitate, Erinnerungen der Familienmitglieder Tim, Mietje und Olga Bontjes van Beek, Freunde und Weggefährten, ebenso wie Auszüge aus den Gerichtsakten, sind durch Kursivschrift kenntlich gemacht und ergänzen den laufenden Text.

Cato Bontjes van Beek ist das älteste von drei Kindern des Keramikers Jan Bontjes van Beek und dessen Frau, der Ausdruckstänzerin und Malerin Olga van Beek, geb. Breling. Sie war fünf Wochen für die Widerstandsorganisation „Rote Kapelle“ tätig und wurde im Alter von 22 Jahren am 5. August 1943 von den Nazis in Plötzensee hingerichtet.

Zusammen mit ihren beiden Geschwistern wächst Cato in einer Umgebung auf, „in der viel diskutiert und natürlich auch manchmal gestritten wurde. Nur eines gab es nicht: den Zwang in religiösen und politischen Fragen. Höchstens übte die Schule mit ihren autoritären Erziehungsmethoden Druck aus.“ (S. 27) Von 1929 bis 1933 besucht Cato Bontjes van Beek die Deutsche Schule in Amsterdam. Sie lernt Holländisch und später auch Englisch, als sie acht Monate in Winchcombe in England verlebt. Zurück in Deutschland, wird sie eine leidenschaftliche Segelfliegerin. Birgit Wolf beschreibt sie als „lebenslustig, sportlich und praktisch veranlagt, [...] eine ausgesprochene ‚Führernatur’, die es verstand, Menschen zu begeistern.“ [5] Ingeborg Harms schildert sie als „arglos, in der Weltliteratur belesen, zu tiefen Gefühlen fähig – eine Idealistin.“ [6] Fischerhude, den Ort ihrer Jugend, erlebt sie als Idyll. Als sie mit siebzehn nach Berlin zieht, um in der Keramikwerkstatt ihres Vaters zu arbeiten, empfindet sie die Großstadt als ein furchtbar enges Steinmeer.

In Berlin lernt Cato Bontjes van Beek den Lyriker Heinz Strelow kennen und kommt in Kontakt mit Arvid Harnack, Harro und Libertas Schulze-Boysen, drei bedeutenden Personen der Berliner Widerstandsorganisation „Rote Kapelle“, die mit Moskau in Verbindung steht. Libertas und Harro erkannten, schreibt Vinke in seinem Buch, „wie begeisterungsfähig Cato war“ (S. 71). Catos Mitgliedschaft in der „Roten Kapelle“ fliegt auf, als der Funkspezialist Johann Wenzel unter der Folter sein Wissen preisgibt und es den Nazis gelingt, die Funksprüche Moskaus zu entschlüsseln, die Namen und Adressen des Berliner Widerstands enthalten. Zusammen mit ihrem Vater wird Cato Bontjes van Beek am 20. September 1942 von der Gestapo verhaftet und in das Polizeigericht am Alexanderplatz gebracht.

Der Prozess gegen Cato Bontjes van Beek und andere Häftlinge sollte am 15. Januar 1943 stattfinden und wurde unter extremem Zeitdruck geführt. Chefankläger ist Oberkriegsgerichtsrat Dr. Manfred Roeder, von dem Adolf Grimme behauptet hat, dieser habe sich „als einer der unmenschlichsten, zynischsten und brutalsten Nationalsozialisten erwiesen, die mir überhaupt begegnet sind“ (S. 120f.). Roeder fordert für Heinz Strelow und Cato Bontjes van Beek die Todesstrafe. Hermann Vinke konstatiert: „Weder waren die Ermittlungen abgeschlossen noch Zeugen befragt worden, als die Urteile fielen.“ (S. 113)

Cato Bontjes van Beek äußert sich über die Zeit nach der Urteilsverkündung: „In den ersten Tagen nach dem Urteil hatte ich eine ganz merkwürdige Stimmung. Ich war völlig zum Sterben bereit – wofür, das wusste ich allerdings auch nicht –, aber der Tod an sich war nichts Grauenvolles für mich, und das ist er auch heute nicht. [...] Eine ganz große Leichtigkeit habe ich in mir, und die nimmt mir alle Schwere.“ (S. 128) In die Zeit der Gefangenschaft im Frühjahr 1943 fällt ihre Beschäftigung mit dem Neuen Testament. „Zum Philosophieren habe ich nun gar kein Verständnis mehr, denn mir ist in dieser Zeit alles sehr einfach und klar geworden, und ich finde, es ist die ganzen Jahrhunderte viel geschrieben worden, und nur weniges hat Bestand, und dazu gehört doch an die erste Stelle die Bibel. Ich bin sehr froh, dass ich das Neue Testament hierhabe.“ (S. 131f.)

Mietje Bontjes van Beek hat den letzten Besuch bei ihrer Schwester am 24. Juli 1943 im Frauengefängnis an der Barnimstraße geschildert: „Ich bin mit Mama zum Gefängnis in der Barnimstraße gegangen. Da war so ein großer, schrecklicher Raum, kalt und dunkel. Und wir warteten. Und dann wurde Cato hereingeführt, in Pantinen, Socken und einem grauen Kittel ... Zwischen uns war eine Art Tresen. Cato stand da, und wir standen ihr gegenüber, und die Wärter waren dabei. Und sie hat gefragt: ‚Wie geht es dir?’ Und ob meine Krankheit vorbei sei; ich müsse mich schonen usw. Sie interessierte sich vor allem für meine Krankheit. Ich konnte immer noch nicht richtig Luft bekommen wegen dieser furchtbaren Rippenfellentzündung.[...] Und Mama hat auch irgend etwas gesagt. Und dann war die Viertelstunde mit einemmal vorbei. Die Wärterin hat sie weggeführt. Sie war verschwunden. Und plötzlich kam Cato zurück und winkte uns noch einmal zu mit einem Blick, den ich nicht vergessen kann. Ich hatte sie vorher noch gefragt: ‚Wie lange wirst du das hier noch schaffen?’ Und da sagte sie: ‚Bis dahin ...!’ Und zeigte auf die braune Binde an ihrem Arm, auf der die Buchstaben ‚TK’ standen – ‚Todeskandidat’.“ (S. 163f.)

Obwohl selbst Reichsmarschall Hermann Göring und der Rechtsgutachter, Senatspräsident Friedrich-Wilhelm Neuroth, sich für die Umwandlung der Todesstrafe in eine zeitlich befristete Zuchthausstrafe eingesetzt hatten, verweigert Adolf Hitler dem Dokument, das die Begnadigung hätte erwirken können, seine Unterschrift und besiegelt so das Schicksal der Cato Bontjes van Beek. Letzte, im Buch abgedruckte Briefe an ihren Bruder Tim, an die Schwester Mietje und an ihre Mutter sind erschütternd in ihrer Deutlichkeit und Klarheit und in der von Cato geäußerten Gewissheit, in den Zurückbleibenden weiterzuleben. Ihrer Schwester empfiehlt sie, in den vier Evangelien zu lesen. „Du glaubst gar nicht, wie stark man durch dieses systematische Lesen wird. Sei nicht allzu traurig, dass ich nicht mehr bei Euch auf der Welt sein werde, sondern nur noch in Euch weiterlebe. Du musst im Leben all das liegenlassen, was Dich nicht geistig weiterbringt. Es gibt sehr vieles, das unnütz ist. Leider weiß man es erst etwas zu spät.“ (S. 168) Ihrer Mutter schreibt sie in ihrer Todesstunde, sie sei gefasst und habe sich mit dem Schicksal ausgesöhnt. „Die Menschen sind alle lieb und gut, das weiß ich, und daran denke ich.“ (S. 169) Dem Gefängnispfarrer Dr. August Ohm antwortet sie in ihrem letzten Gespräch auf die Frage, „was sie so erstaunlich ruhig sein lässt. ‚Einmal’, sagt sie, ‚dass dies kein Ende bedeutet. Und dann, dass die Entwicklung, so wie wir sie alle ersehnt haben, voranschreitet.’“[7] Und, befragt nach dem Gedanken an das körperliche Ende, antwortet Cato: „‚Ich mache einfach die Augen zu im letzten Moment.’- Und zuletzt: ‚Wenn doch der Haß getilgt wäre und die Menschen zu Gott kämen! Wir brauchen uns nicht wie Diebe aus der Welt zu schleichen.“ (S. 171)

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu: Blasius, Rainer, Marion Gräfin Dönhoff, der preußische Adel und der 20. Juli, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2003.
[2] Genannt seien an dieser Stelle die Publikationen von Kluge, Heidelore, Cato Bontjes van Beek. „Ich will nur eines sein, und das ist ein Mensch“; das kurze Leben einer Widerstandskämpferin 1920-1943, Stuttgart 1994; Flügge, Manfred, „Meine Sehnsucht ist das Leben. Eine Geschichte aus dem deutschen Widerstand“, Berlin 1998; sowie Wolf, Birgit, „Bontjes van Beek, Cato“, in: Jochens, Birgit; Miltenberger, Sonja (Hgg.), „Zwischen Rebellion und Reform. Frauen im Berliner Westen“, Berlin 1999, S. 92-93.
[3] Vinke, Hermann, Das kurze Leben der Sophie Scholl, Mit einem Interview von Ilse Aichinger, Ravensburg 1980.
[4] ebd. S. 9.
[5] Wolf (wie Anm.2), S. 92.
[6] Harms, Ingeborg, Blick aus der Zelle in die Sterne. Hermann Vinkes ausführliches Porträt der Cato Bontjes van Beek, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.8.2003, S. 34.
[7] ebd.

Zitation
Eckhard Fürlus: Rezension zu: : Cato Bontjes van Beek. 'Ich habe nicht um mein Leben gebettelt'. Hamburg  2003 , in: H-Soz-Kult, 11.11.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3423>.
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Veröffentlicht am
11.11.2003
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