S. Rassloff: Erfurter Bürgertum

Titel
Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur


Autor(en)
Raßloff, Steffen
Erschienen
Umfang
454 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Schmidt, Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, Berlin

Eine dichte, ungebrochene Kontinuitätslinie vom Kaiserreich bis zum Ende der Weimarer Republik zeichnet Steffen Raßloff in seiner Dissertation „Flucht in die nationale Volksgemeinschaft“ über den Aufstieg des Nationalsozialismus in Erfurt nach. Im Kern geht es dem Autor um die Frage „nach den Ursachen des schrittweisen Rechtsrucks der politischen Präferenzen des Bürgertums“, wie aus nationalsozialistischen „gewalttätigen, ‚unbürgerlichen’ Splittergruppen Hoffnungsträger einer deutlichen Mehrheit des Bürgertums“ werden konnten (S. 13). Antworten erhofft sich Raßloff in der Analyse des Niedergangs der bürgerlichen Parteien und des Verlusts der traditionellen Bindungskraft im bürgerlichen Milieu. Die Studie ist rund um die zentralen Begriffe Milieu und (partei-)politisches Lager aufgebaut.

In einem, für Raßloffs Fragestellung zu lang geratenen, ersten Teil wird ein ausführlicher „Überblick“ über die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik sowie die Ausbildung eines bürgerlichen Milieus im Kaiserreich geboten. Die Arbeit verengt sich hier zuweilen zu einer kleinteiligen Lokalgeschichte, etwa wenn die Stadtplanung der 1920er-Jahre bis in einzelne Straßenzüge hinein beschrieben wird oder verliert sich in ausführlichen Aufzählungen, zum Beispiel wenn für die jeweiligen Sozialmilieus deren Zeitungen erwähnt werden („Der Vollständigkeit halber sei das Blatt der katholischen Minderheit, die „Sonntagszeitung“ erwähnt, die jedoch nur in geringer Auflage erschien.“, S. 97). Hier hätte die Arbeit um einigen Ballast erleichtert werden können. Da andererseits über das Erfurter Bürgertum, bis auf einige wenige Titel bis jetzt kaum Literatur zur Verfügung stand[1], konnte Raßloff auf diesen Rückblick auch nicht völlig verzichten. Zudem gelingt es ihm, zentrale Merkmale des bürgerlichen Milieus aufzuzeigen, die die politischen Brüche überdauerten.

Zum Ersten fungierten Honoratioren – ein Begriff, den Raßloff durchgehend benutzt – als Milieuvernetzer zwischen den einzelnen Vereinen und den verschiedenen bürgerlichen Gruppen. Vielfach überschnitten sich auf diesem Feld lokale politische Führung und Vorstandspositionen in den Vereinen und Interessenverbänden der Stadt. Zum Zweiten hielten Ideen und Ideologien die sozial differenzierten bürgerlichen Gruppen zusammen. Ein „bisweilen grotesk-übersteigerte[r] Nationalismus“, eine klare Abgrenzung gegen die Arbeiterschaft und die Sozialdemokratie, ein deutlicher Nationalprotestantismus gehörten hierzu. Raßloff wird dabei nicht müde zu betonen, dass es trotz aller Unterschiede des Bürgertums – betrachtet aus der Perspektive sozialer Kategorien – ein einheitliches bürgerlich-nationales Milieu gab, das wiederum weitgehend deckungsgleich mit dem politischen bürgerlichen Lager war. So richtig diese Aussage in der Gesamtperspektive ist, so verwischt sie doch andererseits wichtige Differenzierungen. In der Alltagswelt der Geselligkeitskreise bestand eine deutliche Trennung zwischen städtischen Eliten und Mittel- oder gar Kleinbürgertum. Exklusivität und Exklusion waren auf diesem Feld so stark, dass erst über die von Raßloff richtig beschriebenen Ideologien eine bürgerliche Einheit konstruiert werden konnte. Außerdem zeigt der „Verbraucherwahlkampf“ bei den Reichstagswahlen von 1903, dass gerade in Großstädten auch kleinbürgerliche Gruppen für die Sozialdemokratie als Wähler gewonnen werden konnten.

Krieg und Revolution konnten nach Raßloffs Darstellung das Erfurter bürgerliche Milieu nicht erschüttern. Unverbrüchlich hielt die städtische Elite bis in die letzten Kriegstage an ihrem „bürgerlich-nationalen antisozialistischen Grundkonsens“ (S. 136) fest. Hinzu kam, dass die Revolution in Erfurt geradezu gemächlich verlief. Im Verwaltungsbericht der Stadt Erfurt aus dem Jahr 1919 hieß es: „Der Umsturz vollzog sich an dem milden Herbsttage in Ruhe und Ordnung, die auch weiterhin aufrecht erhalten blieb [...].“ Im Arbeiter- und Soldatenrat bestimmten gemäßigte Sozialdemokraten das Bild. Unter diesen Bedingungen und angesichts des Systemwandels zeigten sich Teile des Bürgertums reformbereit, öffneten sich den Anliegen der Arbeiterschaft und waren zur Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie bereit. Auf Distanz blieben allerdings die städtischen Honoratioren. Die Mitarbeit im Arbeiter- und Soldatenrat lehnten sie ab. Schnell fand die Stadtelite zu „altem Selbstbewusstsein“ (S. 166) zurück. Entlang dieser Trennlinie vollzog sich auch die Neuformierung der bürgerlichen Parteien. Auf der einen Seite stand die DDP, die die wenigen liberalen Kräfte aus der städtischen Elite und zahlreiche Angestellte, kleine und mittlere Beamte an sich binden konnte. Auf der anderen Seite standen DVP und DNVP, in denen sich die Spitzen des Bürgertums sammelten und konsequent an ihrem antisozialistischen Kurs festhielten.

Der Generalstreik im Frühjahr 1919 und der Kapp-Putsch ein Jahr später gruben dem zarten Pflänzchen der Kooperation die Wurzeln ab. Stattdessen folgten Radikalisierung und Rechtsruck. Die DDP, die 1919 bei den Wahlen zur Nationalversammlung sowie zur Stadtverordnetenversammlung um die 23 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten hatte, sank bei den Reichstagswahlen von 1920 bereits unter die Zehn-Prozent-Marke und wurde in den folgenden Jahren zur Splitterpartei. Jedoch konnten auch die Parteien der Honoratioren, DNVP und DVP, nur kurzfristig von diesem Niedergang profitieren. Bereits Mitte der 1920er-Jahre etablierten sich mittelständische Interessengruppen in der Stadt, die sich auch parteipolitisch ausformten und immer mehr Wähler an sich binden konnten. Durch das Bürgertum ging ein aus materiellen Interessengegensätzen resultierender tiefer Riss, der aber nach Raßloffs Meinung das „bürgerliche Milieu als umfassende Deutungseinheit in Abgrenzung zur sozialistischen Arbeiterschaft“ nicht in Frage stellte (S. 317).

Herausgefordert wurde das konservative Erfurter Bürgertum auch auf kulturellem Gebiet. Die Museumsdirektoren Edwin Redslob und Walter Kaesbach machten – gemeinsam mit einigen liberalen Wirtschaftsbürgern der Stadt – mit ihrer Sammlungs- und Ausstellungspolitik das Erfurter Museum zu einem wichtigen Anlaufpunkt für Liebhaber moderner Kunst. Da es hierfür in der Stadt jedoch nur eine „geringe Klientel“ gab, die städtische Elite mit ihren altgewohnten Sehweisen überfordert war und sich kulturell enteignet sah, blieb die Erfurter Museumspolitik ein heftig umkämpftes Feld: „Letztlich mögen so nicht wenige Bürger in der national[sozialistisch]en Volksgemeinschaft mit ihren autoritär-hierarchischen Bestandteilen auch den gesellschaftlichen Rahmen gesehen haben, der die Aushöhlung der eigenen kulturellen Definitionsmacht stoppen könne.“ (S. 289)

Diese extreme Rechte befand sich in Erfurt bereits seit Mitte der 1920er-Jahre auf dem Vormarsch. 1924 erzielte der Völkischsoziale Block in Erfurt bei den Reichstagswahlen ein doppelt so hohes Ergebnis wie im Reichsgebiet, und 1929 wurde der Radau-Antisemit, rassistische Hetzer, um keinen noch so schlüpfrigen Skandal verlegene Adolph Schmalix in das Erfurter Stadtparlament gewählt. Bei den knapp ein Jahr später folgenden Reichstagswahlen gingen seine Wähler fast geschlossen zur NSDAP über. Die Weltwirtschaftskrise, der Young-Plan, die Agonie der städtischen Selbstverwaltung diskreditierten die bürgerlichen Rechtsparteien bei den Wählern aus dem Mittelstand. Raßloff bestätigt hier überzeugend die große Bedeutung des Mittelstands für den Erfolg des Nationalsozialismus. „Die breiten mittelständischen Schichten verstanden sich weiterhin als national orientierte Bürger, waren jedoch akut in der sozialen Fundierung ihrer ‚Bürgerlichkeit’ bedroht, was weder die alten Honoratiorenparteien noch die eigens hierfür gegründeten Interessenparteien verhindern zu können schienen.“ Als „überzeugende Alternative im bürgerlich-nationalen Lager“ erschien diesen Gruppen die NSDAP, die einerseits vertraute, traditionelle antisozialistische, nationale Deutungsmuster bereit stellte und andererseits mit ihrer „Utopie der nationalen Volksgemeinschaft“ warb (S. 421).

Raßloff hat eine solide, im wesentlichen chronologisch erzählende Darstellung des Niedergangs des bürgerlichen Milieus und des Aufstiegs des Nationalsozialismus vorgelegt.

Zumindest quantitativ arbeitende Wahlforscher werden nach der Ankündigung in der Einleitung, wonach die Arbeit eine „Kombination von Wahl- und Parteienanalyse mit Sozial- bzw. Milieuforschung“ (S. 25) sei, enttäuscht sein. So ist etwa Raßloffs Umgang mit den Wahlergebnissen kritikwürdig. Recht großzügig zeichnet er Entwicklungslinien der einzelnen Parteien nach, ohne präzise zwischen Kommunal-, Landes- und Reichsebene zu unterscheiden. Seine Analyse städtischer Wählerhochburgen gibt eher eine grobe Einschätzung, wird nicht mit einer präzisen Sozialstrukturanalyse verknüpft. Auch bleiben einige grundsätzliche Fragen bestehen. Wie stark war das angeblich so prägende Milieu bis Mitte der 1920er-Jahre wirklich noch, wenn es danach absoluten Außenseitern der städtischen Elite wie dem Polit-Hasardeur Adolph Schmalix und den abseits jeder bürgerlichen Honoratiorenschaft sich etablierenden Nationalsozialisten gelang, so tief in die bürgerliche Wählerbasis vorzustoßen? Außerdem hätten manche Punkte, die Raßloff in seiner Beschreibung zu recht erwähnt, tiefergehender Analyse bedurft, um Einblicke in die (Sub-)Milieus selbst zu erhalten. Zu nennen sind hier vor allem Aspekte der Generationen- und der Gewaltproblematik. Wirkte das Honoratiorenmodell nicht grau und vermottet? Der Nationalsozialismus aber strahlte gerade als Bewegung auf junge Männer aus: mobilisierend, hemdsärmelig, gewalttätig. Zudem gab es in der nationalsozialistischen Bewegung antibürgerliche Einstellungen. Zwar richteten sich diese Vorstellungen nie konkret gegen die von Raßloff beschriebenen Sozialformationen des Bürgertums als solche, aber Bürgerlichkeit hatte gerade in den Augen der SA-Mitglieder etwas mit Verweichlichung, Unmännlichem, Individualismus zu tun – wogegen man kämpfen wollte.[2] Von daher geriet nicht nur das von Raßloff präzise beschriebene bürgerliche Milieu in Legitimationsschwierigkeiten, sondern eben auch bürgerliche Werte und Vorstellungen, die außerhalb des antisozialistisch-nationalen Grundkonsenses lagen. Hätte Raßloff diese Aspekte nicht nur knapp genannt, sondern intensiver analysiert, wäre seine in den Grundlinien überzeugende Arbeit noch tiefenschärfer geraten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. jetzt: Schmidt, Jürgen, Eine preußische Stadt in Thüringen. Erfurts Arbeiter und Bürger im Kaiserreich (1870-1914), phil. Diss. Freie Universität Berlin 2002 (voraussichtlich im Druck Göttingen 2004).
[2] Reichardt, Sven, Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Köln 2002.

Zitation
Jürgen Schmidt: Rezension zu: : Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur. Köln  2003 , in: H-Soz-Kult, 07.11.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3426>.
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Veröffentlicht am
07.11.2003
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