R. Killius: Frauen für die Front

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Titel
Frauen für die Front. Gespräche mit Wehrmachtshelferinnen


Autor(en)
Killius, Rosemarie
Erschienen
Leipzig 2003: Militzke Verlag
Umfang
192 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franka Maubach, Jena

Zuweilen bündeln Büchertitel aktuelle wissenschaftliche Trends oder gesellschaftliche Zustände wie ein Brennglas: Thetisch zugespitzt, sollen sie nicht nur zum Kauf verlocken, sondern auch wie ein Kompass durch das immer verworrenere Labyrinth der (Populär-)Wissenschaft führen. So spiegelt der Titel „Frauen für die Front. Gespräche mit Wehrmachtshelferinnen“, den das im letzten Herbst erschienene Buch der Frankfurter Historikerin Rosemarie Killius trägt, den gegenwärtigen Forschungs- und Diskussionsstand der NS-Frauengeschichte: Nun ist selbst der Krieg die längste Zeit ein männlicher (Erinnerungs-)Ort gewesen [1]. Während die feministische Geschichtsforschung der 1970er-Jahre Frauen im Frieden zu Hause, im Krieg an der „Heimatfront“ und dabei immer unter patriarchalischer Herrschaft fand und untersuchte, trifft man sie jüngst immer öfter jenseits dieser Grenze. Gerade dort, wo man sie vor Jahren nicht erwartet und also nicht gesucht hat, entfalten sie plötzlich unerhörte Aktionspotenziale: nahe den Schauplätzen des Krieges, fern von zu Hause. Zu ihnen gehören die etwa 500.000 Wehrmachtshelferinnen, die im Zweiten Weltkrieg in den verschiedensten Funktionen bei der deutschen Armee im Einsatz waren, um dort, wie die Propaganda tönte, „Soldaten für die Front freizumachen“. Die Frauen selbst allerdings blieben – dem Titel zum Trotz – hinter der Front, in den besetzten Gebieten oder im „Reich“, arbeiteten als Stabshelferinnen in den Büros verschiedener Dienststellen und stöpselten als Nachrichtenhelferinnen am Klappenschrank Verbindungen zwischen Heimat und Front. Den Waffen am nächsten rückten sie zu Ende des Krieges in einem sinnlos-absurden Einsatz als Flakhelferinnen: Sie hatten nächtens die alliierten Bomber anzustrahlen, damit 15- bis 17-jährige Flakhelfer sie abschießen konnten.

Zu Recht wurde von der jüngeren Forschung und zuletzt von Karen Hagemann bedauert, dass die Erfahrungswelten dieser Frauengruppe immer noch fast völlig im Dunkeln liegen.[2] Nun hat Rosemarie Killius 13 ehemalige Nachrichten- und Stabshelferinnen (und eine Flakhelferin) dazu bewegt, ihre Kriegsgeschichten zu erzählen, und diese Interviews als Lesetexte eher für ein breiteres denn für ein Fachpublikum zusammengestellt. Dass die so entstandene Gesprächsanthologie uns eine andere, bislang verschlossene Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg eröffnen kann, ist das sehr schätzenswerte Verdienst der Autorin. Das Buch wäre fehlgelesen, mäße man es an einer wissenschaftlichen Messlatte. Umso strenger muss man es daraufhin anschauen, was es zum gesellschaftlichen Gedächtnis beitragen möchte.

Die „Versuchungen“ des Militärischen: Warum
Frauen freiwillig in den Krieg zogen

Sechs der insgesamt 14 interviewten Frauen betonen, dass sie sich freiwillig zum Dienst bei der Wehrmacht gemeldet haben. Das ist keine repräsentative Verteilung, sondern liegt daran, dass die Nachrichtenhelferinnen des Heeres mit sechs Frauen dominant vertreten sind (während sie realiter eine recht kleine, aber straff organisierte, verbandsartige Gruppe von einigen Tausend darstellten). Den Kontext des Einsatzes lässt Killius in ihrer Einführung beiseite: Die NHs, wie sie abgekürzt hießen, wurden ab 1939/40 in Folge der deutschen „Blitzkriege“ aus Führerinnen und Schwesternhelferinnen des Deutschen Roten Kreuzes zuerst auf freiwilliger Basis rekrutiert. Da nur wenig Verwundete zu betreuen waren, sollten sie zynischerweise dabei helfen, die frisch eroberten Riesenräume kommunikationstechnisch zu überspannen, um das Funktionieren militärischer Befehls- und Informationsketten zu garantieren. Was faszinierte die jungen Frauen an dem neuen Tätigkeitsfeld, das sich ihnen nun eröffnete?

Killius spricht von „Versuchungen“, „denen die Wehrmachtshelferinnen unterlagen“, von typischen Gefühlen und Wünschen junger Frauen, die „damals und heute dieselben“ seien: „etwas Neues und Besonderes zu erleben, ins Ausland zu kommen, zu reisen, eine angesehene berufliche Tätigkeit auszuüben, gut gekleidet zu sein und eine glückliche Beziehung zu haben“. Das seien „grundsätzliche Bedürfnisse“: „Und weil dies so natürlich ist, bedarf das Thema der Erwähnung und Aufarbeitung.“ (S. 11) Man könnte diesem Katalog anthropologisch konstanter Jugendträume einen weiteren hinzufügen: sich vom Elternhaus zu emanzipieren, also auf eigenen Füßen zu stehen. Was aber natürlich ist, kann nicht historisch sein. Interessant sind doch gerade die Konkretionen des „Natürlichen“ zu verschiedenen Zeiten – und mehr noch das, was gerade nicht natürlich, sondern fremd und unerklärlich anmutet, und eben deswegen zur Forschung herausfordert: das historisch Besondere.

Die Begeisterung, die auch den verschriftlichten Interviews noch abzuspüren ist, lässt sich nicht einfach mit den Triebkräften der biografischen Jugendphase erklären und mit einem Au pair-Aufenthalt in den USA vergleichen. Sie wurzelt in dem ganz konkreten historischen Kontext der ‚Blitzsiege’. Der Einsatz ging aus ihnen hervor und muss aus ihnen heraus verstanden werden. Der nahezu alle erfassende Taumel ob der nationalsozialistischen Siegesserie muss in den Katalog motivierender Aspekte aufgenommen werden: Die Frauen bewarben sich um einen Job, der sie als Angehörige der Siegermacht ins besetzte Ausland führte; nicht wenige werden sich dementsprechend präsentiert haben. Aus dem Interview mit Ruth A. spricht dieser Zusammenhang unwillkürlich deutlich: „Ich habe in Heidelberg am Bahnhof beim Roten Kreuz Dienst gemacht. Danach war geplant, uns der Wehrmacht für drei oder vier Monate zu unterstellen. Wir waren [im August 1940] alle freiwillig und interessiert und hofften alle auf einen Sieg der Deutschen und waren begeistert und stolz für die Wehrmacht zu arbeiten.“ (S. 162)

Aus einigen wenigen Zwischen- und Untertönen lässt sich auch anderes heraushören: Manchmal wird vorsichtig und mit dem Beiklang eines aufgestörten Gewissens kleinen Machterfahrungen Ausdruck gegeben. So erzählt die einst in Frankreich eingesetzte Nachrichtenhelferin Karola M., die auf die konkrete Frage nach den Erfahrungen mit der besatzten Zivilbevölkerung von sehr guten Beziehungen zu den Franzosen berichtet, an anderer Stelle: „Wenn wir mal in die Straßenbahn einstiegen und die Franzosen uns zurückdrängten, kam immer die französische Polizei und hat uns vorgelassen und die Leute beruhigt. Wir waren ja die Besatzungsmacht.“ (S. 168) Für solche oft in kleine Geschichten verdrängte Erfahrungswerte sensibel zu sein und sie hervorzuholen bedeutet weder, die ehemaligen Wehrmachtshelferinnen im Nachhinein als Nationalsozialistinnen oder Kriegsbegeisterte zu denunzieren, noch die Wahrhaftigkeit ihrer Erinnerungen anzuzweifeln. Es heißt aber, die verwirrende Gemengelage der Motive wahr- und ernst zu nehmen. Motivationsanteile wie Sieges- oder Besatzungsstolz – oft aufbewahrt in den kleinen Geschichten unter der Oberfläche der Erinnerungserzählung – konnten sich mit den typisch jugendlichen Bedürfnissen nach Abenteuer, schönen Uniformen und Männern leicht amalgamieren.

Aktive Frauen, aber jung und naiv?
Ausblendung der ‚anderen Seite der Vernichtung’

Rosemarie Killius hat die Gespräche kaum kommentiert und so als Lesetexte zusammengestellt, dass ihre eigene Rolle als Interviewerin nur noch zwischen den Zeilen herausgelesen werden kann. Sie wolle, schreibt sie, dass die Erzählungen der Wehrmachtshelferinnen „für sich stehen“ (S. 14). Gerade die Intention aber, eine kaum bekannte Geschichte an ein breiteres Publikum heranzutragen, hätte eine umsichtigere und kritischere Begleitung der Interviews erfordert, um dem Leser die Kontexte zu erschließen, in die eingebettet eine Einsatzgeschichte liegt. Sich als Interviewerin nachträglich aus den (auch sprachlich geglätteten) Interviews herauszunehmen, zeugt gerade nicht von „Authentizität“. Bestimmte Fragen provozieren bestimmte Antworten. Und so gilt es auch die Fragen offen zu legen. Dass daraus dann kein methodisch hochreflektierter, kaum lesbarer, weil von Transkriptionszeichen wimmelnder Text herauskommen muss, zeigt das gerade erschienene Buch über die Generation der Kriegskinder, das die Journalistin Hilke Lorenz geschrieben hat.[3] Obwohl oder gerade weil hier die Interviews nur sehr selten im O-Ton zitiert werden, wirkt der Text paradoxerweise authentischer, weil die Autorin sich selbst und ihren Anteil am Zustandekommen der Interviews reflektiert und mit einer besonderen Fähigkeit für die sensible Aneignung von Lebenserzählungen verbindet.

„Für sich“ stehen die Interviews aber auch deswegen nicht, weil Killius sie in eine Ordnung gebracht hat, die viel darüber verrät, was sie für besonders wichtig erachtet. Den Aufmacher bildet die Geschichte von Ilse H., die nach einer freiwilligen Meldung von 1940 an der Nachrichtenhelferinnenschaft angehörte und dort schließlich zur Hauptführerin aufstieg, also den dritthöchsten Dienstgrad bekleidete. Die längste Zeit war sie im eher kriegsfern gelegenen Norwegen eingesetzt, wo sie es besser hatte als in Deutschland: Die Bomben waren weit weg, und auch die Verpflegungslage war vergleichsweise gut. Diese Einsatzlage am Rande des Krieges führt Ilse H. zu der aufrichtigen, aber absurd klingenden Einsicht: „Wenn man in Urlaub kam, merkte man, dass man es in Norwegen gut hatte.“ (S. 30) Mit dem Tod ihres Verlobten, der an der Ostfront fiel, einem Italien-Einsatz ab Anfang 1945 und der kurzen Gefangenschaft tritt der Krieg auch ins Leben von Ilse H. Insgesamt aber wird hier eine Aufstiegsgeschichte erzählt, die im NS-Staat möglich wurde – ohne doch je von ihm affiziert worden zu sein. Geht das denn?

Ganz am Anfang ihrer Kriegsbiografie erzählt Ilse H., dass sie 1939 in ihrer Heimat Swinemünde als Rotkreuzhelferin tätig gewesen sei: „Vor allem deshalb, weil die Krankenhäuser in Riga geleert und die Menschen heim ins Reich übergesiedelt wurden, und man die Schiffe mit den Kranken zufällig in Swinemünde auslud. Dort war mein Vater Arzt und so fühlte ich mich besonders angesprochen zu helfen. Die Menschen wurden auf die Bäder der Insel Usedom verteilt und gepflegt. Dort war mein erster Einsatz.“ (S. 20)

Hätte Killius hier einen beispielsweise auf Götz Alys Werk „Endlösung“ verweisenden Fußnotenkommentar zum historischen Einsatzkontext eingefügt, hätte sich der Traum vom Aufstieg einer jungen Frau im leeren Raum bereits auf der ersten Seite als Seifenblase entpuppt – gleichgültig ob Ilse H. sich über den mittelbar tödlichen Kontext ihres Einsatzes, der ersten systematischen Ermordung von 10.000 Psychiatriepatienten, um Platz für die Baltendeutschen zu schaffen, bewusst war oder nicht.[4] Dass die typischen und traditionell positiv konnotierten Frauenrollen Pflegen, Heilen, Helfen im Nationalsozialismus häufig genug in einem ambivalenten Zusammenhang standen, macht deren Analyse als ‚andere Seite der Vernichtung’ so unendlich schwierig. Ein so durch und durch menschliches Beispiel wie das der Stabshelferin Liselotte F., die als Heimleiterin in Riga ebenfalls eine führende Position bekleidete und seit 1942 mehrere Juden unter größter Gefahr für ihr eigenes Leben durch die Beschaffung von Essen vor dem Hungertod rettete, findet sich zu selten, wenn man sich auf die Suche macht. Ihre Geschichte hat Rosemarie Killius aus den Akten recherchiert und als Abschlusskapitel für die Leser eindrucksvoll aufbereitet. Deren Wertschätzung ist indes nur um den Preis der Erkenntnis zu haben, dass die Handlungsräume von Frauen im Krieg häufig genug voller Ambivalenzen stecken.

Anmerkungen:
[1] Dieser Blick auf die Kriegsgeschichte geht einher mit der immer nachdrücklicheren Präsenz von Soldatinnen in den gegenwärtigen Kriegsgebieten: Im letzten Irak-Krieg etwa hat beispielsweise die Rettung der US-amerikanischen Soldatin Jessica Lynch die Gemüter bewegt; nun hat sie ihre Geschichte unter einem fast trotzig klingenden Titel veröffentlicht: I Am a Soldier, Too.
[2] Vgl. Hagemann, Karen, Heimat – Front. Militär, Gewalt und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, in: Dies.; Schüler-Springorum, Stefanie (Hgg.), Heimat – Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt am Main 2002, S. 36.
[3] Vgl. Lorenz, Hilke, Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation, München 2003.
[4] Aly, Götz, „Endlösung“ Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt am Main 1999, S. 65: „30. Okt. [1939] Entsprechend dem an diesem Tag unterschriebenen deutsch-lettischen Umsiedlungsvertrag werden in der Zeit vom 7. November bis zum 15. Dezember 48.868 Lettland-Deutsche per Schiff ausgesiedelt und rund um die Ankunftshäfen Gdingen (‚Gotenhafen’), Stettin und Swinemünde vorläufig untergebracht. Zu diesem Zweck werden die Heil- und Pflegeanstalten in der Nähe der Hafenstädte geräumt und mehrere tausend Patienten ermordet.“

Zitation
Franka Maubach: Rezension zu: : Frauen für die Front. Gespräche mit Wehrmachtshelferinnen. Leipzig  2003 , in: H-Soz-Kult, 28.06.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3479>.
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28.06.2004
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