W. Kraushaar: Frankfurter Schule und Studentenbewegung

Cover
Titel
Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946 bis 1995


Autor(en)
Kraushaar, Wolfgang
Erschienen
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Fischer, Gewerbeschule Steinhauerdamm, Hamburg

Die vorliegende CD enthält die inhalts- und seitengleiche digitalisierte Ausgabe der gleichnamigen Veröffentlichung von 1998. Trotz der im Untertitel angedeuteten zeitlichen und sachlichen Breite ist das Kernthema die persönliche und intellektuelle Wechselwirkung zwischen den Theoretikern des Instituts für Sozialforschung und der politisch bewegten Studentenszene in Frankfurt, insbesondere in den Jahren 1967 bis 1969. Der Herausgeber, Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, begann dort seinerzeit sein Studium. Genau wie die Buch- ist auch die CD-Ausgabe dreigeteilt in eine Tageschronik, einen Dokumententeil und eine Aufsatzsammlung.

Band 1: Die Chronik umfasst auf 608 Buchseiten die vorwiegend in Frankfurt sich abspielenden Ereignisse von 1946 bis 1995. Sie beginnt mit der allmählichen Rückkehr der Hauptvertreter der Kritischen Theorie, v.a. Max Horkheimer, Theodor Adorno und Herbert Marcuse, aus dem US-amerikanischen Exil an die Frankfurter Universität, zeigt deren hochschul- und allgemeinpolitisches Engagement in den 50er-Jahren und beleuchtet dann sehr ausführlich das konfliktreiche Miteinander dieser Autoritäten und der antiautoritären Bewegung Ende der 60er-Jahre, kulminierend in der Besetzung und polizeilichen Räumung des Instituts für Sozialforschung und dem darauf folgenden Prozess gegen Hans-Jürgen Krahl 1969. Die 70er-Jahre sind von der Auseinandersetzung mit der politischen Aggression gekennzeichnet, angefangen mit studentischem Aktionismus, gipfelnd in den Mordanschlägen der RAF und begleitet von teils kritisch sympathisierenden, teils schroff ablehnenden Äußerungen der Universitätslehrer. Für die 80er- und 90er-Jahre gibt die Chronik kaum noch Wesentliches her. Neben Adorno (gest. 1969) und Horkheimer (gest. 1973) stehen Jürgen Habermas und Daniel Cohn-Bendit im Zentrum der Darstellung.

Insgesamt wirkt die Zusammenstellung für die Kernzeit 1967/69 überzeugend, auch der Überblick über die Ereignisse der 50er-Jahre liefert zahlreiche neue Einblicke, ansonsten jedoch macht das Werk einen stark subjektiven Eindruck: Durch die Auswertung auch grauer Literatur und Zeitzeugenaussagen wird eine große mikrohistorische Dichte erreicht, die jedoch über den Frankfurter Horizont kaum hinausreicht. Die Universitäten Berlin, Marburg und Bielefeld beispielsweise tauchen nur am Rande auf. Die rund 400 ausgewählten Illustrationen, überwiegend Porträts und Zeitungsfotografien, sind fast ohne erkenntnissteigernden Wert, zwar sind auch einige Faksimiles zeitgenössischer studentischer Veröffentlichungen darunter, die jedoch auf Grund der schlechten Bildqualität kaum zu lesen sind. Manchmal wirkt die Bildauswahl auch erheiternd, wenn etwa ein folgenreiches politisches Interview Marcuses mit einer Aufnahme illustriert wird, die ihn beim Bootsausflug vor Venedig zeigt (Oktober 1968).

Band 2: Die Dokumentensammlung enthält 433 Dokumente, von kurzen Zitaten aus Zeitungsartikeln über private und offene Briefe bis hin zu mehrseitigen Aufsätzen. Abgesehen von bibliografischen Angaben und einzelnen erklärenden Anmerkungen gibt es keinerlei editorische Zugabe. Viele Dokumente sind bereits anderweitig veröffentlicht worden, z.B. der Briefwechsel Horkheimers (67 Briefe), aber gerade die Wiedergabe von studentischen Diskussionsbeiträgen, Pamphleten, Protestaufrufen, Vorlesungsnotizen und Interviewauszügen vermittelt gleichermaßen ein intensives Leseerlebnis und facettenreiche Authentizität. Im Zentrum stehen wieder die Jahre 1967 bis 1969 (252 Dokumente auf 474 von 859 Seiten).

Ähnlich wie in der Chronik entsteht für jene Zeit das noch immer faszinierende Bild einer intensiven geistigen Debatte zu den sozial-philosophisch-politischen Themen: Universitätsreform und Vietnamkrieg, Volkspädagogik und Abwehr vermeintlichen Faschismus, Goethe und Springer, Analyse und Aktion, wobei das „und“ sowohl Gleichzeitigkeit als auch Verschränkung bedeutet. Auch die 70er-Jahre mit ihrer Diskussion über den Terrorismus sind vergleichsweise gut dokumentiert (64 Dokumente auf 144 Seiten). Die 50er- und 60er-Jahre sind eher hinsichtlich der Befindlichkeiten der Institutstheoretiker von Bedeutung. Die Zeit nach 1980 ist von ihrem Gehalt her uninteressant.

Band 3: Der letzte Teil enthält 16 Aufsätze und ein autobiografisches Gespräch mit Oskar Negt. Auch andere Zeitzeugen blicken zurück: F. Böckelmann (heute Schriftsteller in München), S. Bovenschen (Literaturwissenschaftlerin in Frankfurt), R. zur Lippe (Philosoph in Witten-Herdecke), U. Prokop (Pädagogin in Marburg), B. Rabehl (Soziologe in Berlin), U. Sonnemann (Philosoph in Kassel). Zwei meist vernachlässigte Protagonisten der 68er-Bewegung werden vorgestellt (D. Claussen über Krahl, W. Kraushaar über Marcuse). Weitere Aufsätze untersuchen die frühe Distanz zwischen Horkheimer und Habermas (G. Schmid Noerr), das Element des Generationskonflikts (H. Berndt, U. Sonnemann), die Anfänge der Neuen Frauenbewegung (U. Prokop, M. Steffen), das zwiespältige Verhältnis der Studentenbewegung zu Israel (D. Diner) und das Interesse an der Psychoanalyse (R. Reiche).

Im Vordergrund steht aber zweifellos das Verhältnis zwischen philosophischer Theorie und politischem Handeln. W. Kraushaar zeigt an einem Schlüsseldokument der staatskritischen antiautoritären Bewegung, einem Vortrag von Dutschke und Krahl vor der SDS-Konferenz im September 1967, die Logik von der Gesellschaftskritik zum antiinstitutionellen Kampf. A. Demirovic beleuchtet den philosophischen Hintergrund der APO als eine Form „ontologiekritischer Politik“ nach dem Vorbild von Adornos „Negativer Ästhetik“. B. Leineweber untersucht die Dialektik des Verhältnisses der Studentenbewegung zu Macht und Autorität, die im Kampf gegen die herrschenden Strukturen neue, noch härtere Herrschaftsstrukturen entwickelte (die Autorität „der Theorie“, die Macht der Kader).

Zur Software: Die drei Bände liegen auf der CD sowohl als betriebssystemunabhängige PDF-Dateien vor als auch in einem eigens entwickelten eBook-Format mit dazugehöriger Windows-Wiedergabesoftware. Letztere bietet im Vergleich mit dem Acrobat Reader lediglich erweiterte Suchmöglichkeiten (boolesche Verknüpfungen, Registerbegriffe) und eine Notizfunktion. Man fragt sich also, warum der Verlag nicht mit dem Hersteller der Digitalen Bibliothek zusammengearbeitet hat, sondern eine teure Eigenproduktion verfolgte. Da die Buchausgabe für die Digitalisierung nicht weiter überarbeitet worden ist, sind abgesehen von den recht nützlichen Registerbegriffen keine Verlinkungen etwa zwischen den Chronikeinträgen und dazu gehörigen Dokumenten oder überhaupt zwischen den drei Teilen vorhanden. Die Qualität der Bilder und gerade der Faksimiles ist mangelhaft.

Fazit: Die Stärke des vorliegenden Werks ist zugleich seine Schwäche. Der sehr detaillierte Blick auf die Frankfurter Universitätsszene wird erkauft mit einer Vernachlässigung anderer Zeiten, Orte und Personen. Schließlich wirkte die so genannte Frankfurter Schule auch außerhalb Frankfurts. Was einerseits tiefenscharfe Nahaufnahmen ermöglicht, wirkt andererseits wie eine Art kritisch-ehrfurchtsvoller Heldenverehrung. Nicht vom Herausgeber vorgesehene Fragestellungen wie die Anfänge der ökologischen Bewegung oder die Verbindungen zwischen Studentenbewegung und DDR-Staatssicherheit lassen sich mit dieser Publikation kaum beantworten. Die Dialektik von Philosophie und Politik hingegen wird am konkreten Beispiel der Frankfurter Studentenbewegung anschaulich vorgeführt. Insgesamt wird ein wichtiger Ort, eine zentrale Phase in der politischen Kulturgeschichte der Bundesrepublik in ihren persönlichen und intellektuellen Aspekten kontrastreich beleuchtet.

Leider werden die Möglichkeiten des digitalen Mediums, abgesehen von den Suchfunktionen, nicht ausgeschöpft. Die Buchausgabe ist als Leseerlebnis gewiss zu empfehlen, die CD jedoch als Nachschlagewerk wenig brauchbar.

Zitation
Thomas E. Fischer: Rezension zu: : Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946 bis 1995. Hamburg  2003 , in: H-Soz-Kult, 03.05.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3513>.
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Veröffentlicht am
03.05.2004
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