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Titel
Gewaltsegmente. Über einen Ausschnitt der Gewalt in Lateinamerika


Autor(en)
Riekenberg, Michael
Erschienen
Umfang
150 S.
Preis
€ 14,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Benjamin Ziemann, Institut für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

Die Erforschung von Gewalt ist mit dem erstmals 1986 erschienenen Buch des Soziologen Heinrich Popitz über „Phänomene der Macht“ auf eine völlig neue Grundlage gestellt worden. Popitz führte den Gewaltbegriff aus den methodischen und normativistischen Irrungen heraus, die gleichermaßen die Friedens- und Konfliktforschung im Gefolge von Johan Galtung wie die modernisierungstheoretische Gewaltursachenforschung und ihren dominant quantifizierenden Zugriff geprägt hatte. Er definierte Gewalt nüchtern und realistisch als eine „Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt“.[1] Von der „Verletzungsoffenheit“ des menschlichen Körpers ausgehend, analysierte Popitz Gewalt als eine grundlegende, kontingente Bedingung menschlicher Vergesellschaftung und skizzierte Möglichkeiten ihrer Eskalation im „Syndrom der totalen Gewalt“.[2] Die an Popitz anknüpfende soziologische Diskussion hat alsbald einige Schwächen seines Konzeptes moniert. Die erste lag im Begriff der „absichtlichen“ Verletzung begründet. Denn Absichten lassen sich, und dies ist ein Kernproblem der verstehenden Soziologie Max Webers, in deren Tradition Popitz stand, eben nicht umstandslos einsehen. Sie sind im Falle der Gewalt eine vom Opfer vorgenommene Unterstellung, die historisch erst rekonstruiert werden müsste. Das Erkenntnispotential der Phänomenologie der Gewalt wird ohnehin verschenkt, wenn man darunter einseitig eine weberianische Motivforschung verstehen wollte. Zum anderen hat die handlungstheoretische Grundierung des Konzeptes von Popitz dazu geführt, dass die Eigendynamik der Gewalt vorwiegend in mikrosoziologischen Kontexten der Interaktion unter Anwesenden unterstellt und analysiert wurde. Was deshalb immer noch aussteht, ist eine Analyse der sinnförmigen Zuschreibungen von Gewalt, die neben Interaktion auch Organisation und Gesellschaft als Systemreferenzen in den Blick nimmt.[3]

Diese Debatten sind in der Geschichtswissenschaft bislang nur ganz unzureichend rezipiert worden. Die Phänomenologie der Gewalt wurde von Historikern oftmals nur mit einigen plakativen Thesen und Formulierungen von Wolfgang Sofsky identifiziert, also nur aus zweiter Hand rezipiert, und etwa zugunsten einer methodisch sehr konventionellen Analyse der ideologischen Ursachen von Gewalt beseite geschoben.[4] Umso willkommener ist deshalb das Buch des Leipziger Lateinamerikahistorikers Michael Riekenberg. Es handelt sich dabei nicht um eine ausführliche empirische Darstellung, sondern um ein äußerst gelungenes Beispiel für einen reflektierten und zudem präzise und schnörkellos formulierten historisch-soziologischen Essay, der Probleme aus einem theoretischen Blickwinkel beobachtet und damit ihre gedankliche Durchdringung vorantreibt. Riekenberg bündelt in diesem Buch Ergebnisse langjähriger eigener Forschungen, einer breiten historiografischen Diskussion und eben der neueren Gewaltsoziologie. In einem breiten Passepartout, das um die Gefahr von Verallgemeinerungen weiß und diese dennoch nicht scheut, behandelt der Verfasser einen „Ausschnitt“ aus der Geschichte der Gewalt im Lateinamerika des 19. Jahrhunderts, den er als „Gewaltsegmente“ bezeichnet. Solche Segmente bilden Vergemeinschaftungen der Gewalt, die sich „aus politisch gleichrangigen Gruppen zusammensetzen, die über keine staatliche Zentralinstanz verfügen“ (S. 26).

Es ist also in erster Linie die Schwäche oder das Fehlen einer effektiven Staatsmacht im Lateinamerika der zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu gebildeten Nationalstaaten gewesen, welche das Gewaltmuster dieser Segmente erzeugt hat. Dabei kommt es nicht auf die Motive individueller Gewalttäter an, sondern auf die kollektive Verflechtung einer dominanten Sinnschicht, die in diesem Fall nicht als Wut, als Begehren nach Gewinn oder als Ideologie beschrieben wird, sondern als Furcht und Angst vor anderen Gewaltsegmenten, die über annähernd vergleichbare Gewaltmittel verfügen. Es ist die „labile Kräftebalance“ in den lateinamerikanischen Gesellschaften, welche das Handeln dieser Segmente bestimmt hat (S. 23). Da ihre Gewaltressourcen begrenzt waren, kam der rituellen und theatralischen Performanz ihres Gewaltgebrauchs große Bedeutung zu, welche die eigene Schwäche überspielen und die Angst vor den benachbarten Segmenten verdecken konnte.

Die typische Gewaltformation solcher Segmente beruhte auf Rackets, auf Banden, die von den mächtigen Clans der landbesitzenden Familien in den Hochlandregionen Mexikos, Perus und Guatemalas unterhalten wurden. Diese Banden sorgten mit Gewalt für die Aufrechterhaltung der politischen Klientelbeziehungen zur bäuerlichen Bevölkerung in den Dörfern, manipulierten Wahlen und erpressten Schutzgelder. Zugleich richtete sich die Gewalt gegen die Angehörigen – und hier vor allem gegen die Frauen und Mädchen – verfeindeter Clans, um deren Ehre zu verletzen und zugleich die Labilität ihrer Gewaltmittel demonstrativ aufzuzeigen. Das staatliche Militär konnte dem keinen Einhalt gebieten, sondern wurde in Form von Milizen selbst in das im Hinterland geknüpfte Gewaltgeflecht als ein Akteur einbezogen. Das moderne Konzept der Staatsbürgerschaft in einem homogenen Nationalstaat war zu schwach verankert, um für das Militär eine alternative Ordnungskategorie zu den klientelistischen Netzwerken, von denen es selbst ein Teil war, darstellen zu können. Das klassische Beispiel für ein Gewaltsegment sind nach Riekenberg die Caudillos als eine zeitspezifische Variante von „Warlords“. Das charakteristische Merkmal dieser Gewaltformation waren ihr regional begrenzter Aktionsradius und ihre breite Streuung, welche Konflikte zwischen den vielen Caudillos endemisch machte. Die Gewaltbeziehungen in der „Organisation“ der Caudillos – wie es mit einem etwas unscharfen Begriff heißt – basierten nicht auf formalisierten Regeln und auf klar definierten Mitgliedschaftsrollen (wie es der Begriff der formalen Organisation eigentlich impliziert), sondern auf der Verlängerung und Verkettung der in Interaktionen gegründeten Regelgeflechte (S. 62). Freundschaft, Verwandtschaft und Reziprozität begründeten Beziehungsnetze, die in kollektive Normvorstellungen und Brauchtumsformen eingebettet waren und deshalb auch über die direkte face-to-face-Kommunikation hinaus belastbar waren. Das eigentliche Metier des Caudillos war aber nicht die Eskalation der Gewalt und der Krieg – weshalb die Opferzahlen von Gewaltkonflikten im Lateinamerika des 19. Jahrhunderts, von Ausnahmen abgesehen, eher gering waren -, sondern die „Drohung, die Rache, das Gerücht und der demonstrative Überfall“ (S. 64).

Der Ausbau staatlicher Macht in Lateinamerika im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts führte zur weitgehenden Auflösung segmentärer Gewaltbeziehungen, zumal das Vordringen des Staates eine Ideologisierung und mentale Aufrüstung der klientelistischen Gewaltakteure nach sich zog. Journalisten und andere Intellektuelle formten eigene, radikalere Gewaltvisionen aus und suchten diese zu verwirklichen. Erst seit den 1920er wurde die staatliche Gewaltorganisation dichter, und erst jetzt fanden Akte des Staatsterrorismus statt, deren Opferzahlen diejenigen segmentärer Gewalt weit in den Schatten stellten und die mit der Ethnisierung von Feindmarkierungen einhergingen. In zuweilen spekulativ anmutenden Formulierungen fragt der Verfasser nach der Kontinuität segmentärer Gewaltbeziehungen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, bündelt seine Befunde dann aber zutreffend zur These von gegenwärtigen „Fragmentierungen der Gewaltorganisation“ in den Metropolen Lateinamerikas (S. 97, 103, 106). Ein abschließendes Kapitel typisiert narrative Erzählformen der Gewalt in der lateinamerikanischen Geschichte.

Es bleibt den Spezialisten für lateinamerikanische Geschichte vorbehalten, die empirische Tragfähigkeit des Interpretaments der „Gewaltsegmente“ zu überprüfen und eventuell Differenzierungen einzufordern. Aus Sicht der neueren Gewaltforschung handelt es sich bei der Studie von Michael Riekenberg um einen großen Wurf, der erstmals die Phänomenologie der Gewalt und Elemente der Konfigurationsanalyse von Norbert Elias zu einem tragfähigen und analytisch ergiebigen historischen Erklärungsansatz der Vergemeinschaftung von Gewalt verbindet. Mit der segmentären Gewalt im Lateinamerika des 19. Jahrhunderts wird hier ein soziales Beziehungsgeflecht analysiert, das an der Schwelle zwischen Interaktion und Organisation angesiedelt war und aus dieser hybriden Verbindung seine eigentümliche Gestalt und – im Vergleich mit der Gewaltorganisation in Europa und Lateinamerika im 20. Jahrhundert – gebremste Dynamik gewonnen hat.

Anmerkungen:
[1] Popitz, Heinrich, Phänomene der Macht, Tübingen 1992, S. 48.
[2] Ebd., S. 66ff.
[3] So die wichtige Kritik bei Bonacker, Thorsten, Zuschreibungen der Gewalt. Zur Sinnförmigkeit interaktiver, organisierter und gesellschaftlicher Gewalt, in: Soziale Welt 53 (2002), S. 31-48.
[4] Vgl. zum Beispiel: Weisbrod, Bernd, Fundamentalist Violence. Political Violence and Political Religion in Modern Conflict, in: International Social Science Journal 174 (2002), S. 499-508.

Zitation
Benjamin Ziemann: Rezension zu: : Gewaltsegmente. Über einen Ausschnitt der Gewalt in Lateinamerika. Leipzig  2003 , in: H-Soz-Kult, 19.03.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3624>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.03.2005
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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