Titel
Verortete Geschichte. Regionales Geschichtsbewußtsein in den deutschen Historischen Vereinen des 19. Jahrhunderts


Autor(en)
Kunz, Georg
Erschienen
Göttingen 2000: Vandenhoeck & Ruprecht
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Siegfried Weichlein, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Der Raum ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Das tausendjährige Reich gab diesem Begriff als ‚Lebensraum' eine rassisch-biologische Färbung, was ihn für die Geschichtswissenschaft nach 1945 lange Zeit unbrauchbar machte. Aus mehreren Gründen kehrte das Raum als Gegenstand der Untersuchung und als analytische Kategorie in die Historie zurück. Seit den siebziger Jahren lenkte der politische Regionalismus die Suche nach Identifikationsobjekten diesseits der globalisierten Großerzählungen des politischen Westens und Ostens auf kleinteilige historische Landschaften mit einem historischen Identitätskern. Hinzu kam eine methodisch-theoretische Einsicht: Die soziale Konstruktion von Wissensbeständen gilt auch für den Raum. Das Ende der bipolaren Weltordnung fiel zusammen mit einem Boom an historischen Arbeiten über die soziale Konstruktion des Siegerlandes, des Ruhrgebietes, Ostwestfalens, des Saarlandes, des Baskenlandes und anderer Regionen. Der Beispiele wären Legion. [1]

Dennoch: Die Fremdheit der Kategorie "Raum" ist eine Eigenart der spezifisch deutschen, vor allem westdeutschen Geschichtswissenschaft. Sie war nach 1945 vor allem an der Erklärung der Großzäsur der neuesten deutschen Geschichte interessiert, nämlich der von 1933. Sie entwickelte vor allem in ihren sozialgeschichtlichen Meistererzählungen ein differenziertes Sensorium für Prozesse in der Zeit, kaum aber im Raum. Prozesse, Phasen, Periodisierungen, Umbrüche und Dauer herrschten in der Erklärung der längeren oder kürzeren Vorgeschichte des Nationalsozialismus vor. Historiker aus den Vereinigten Staaten gingen ungezwungener mit der Kategorie ‚Raum' um. Von dort kamen auch die ersten Arbeiten zum Heimatbegriff. [2]

Die hier vorzustellende Regensburger Dissertation von Georg Kunz analysiert theoretisch versiert und auf breiter empirischer Grundlage historisches Regionalbewußtsein zwischen dem Vormärz und dem Ersten Weltkrieg. Kunz nimmt sich dazu sechs regionale Geschichtsvereine in Bayreuth, Bamberg, Thüringen, in der Mark Brandenburg, im Bergischen Land und in Schleswig-Holstein vor. Sein Interesse gilt vor allem dem Wandel der Raumkonstruktionen, seinen Motiven und wiederkehrenden Mustern zwischen Franken und Schleswig-Holstein im Durchgang durch mehrere politische Ordnungen während des langen 19. Jahrhunderts. Grundlage seiner Analyse sind die Mitgliederzahlen, die Abfolge der Vorsitzenden, vor allem aber Autoren und Herausgeber der Vereinszeitschriften sowie die traktierten Gegenstände. Seinen Stoff ordnet Kunz nicht chronologisch, sondern nach Untersuchungsgegenständen. In sechs großen Sachkapiteln stellt er die Vereine der Reihe nach vor. Die thematische Verknüpfung wird durch ein ausführliches Register sehr erleichtert.

Eigenschaften entstehen durch Relationen. Dies galt auch für das historische Regionalbewußtsein. Kunz kann zeigen, daß das regionale Geschichtsbewußtsein auf das jeweilige politische Zentrum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts reagierte. In den Historischen Vereinen entstand eine "peripherieorientierte regionale Geschichtskultur" (323). Die in den Geschichtsvereinen propagierte historische Identität des Vereinsgebietes antwortete auf die Gestaltungsansprüche des jeweiligen staatlich-politischen Zentrums, sei es zustimmend oder distanzierend. Geschichtsvereine waren in ihrer Entstehungsphase zumeist ein Ausdruck substaatlicher Regionalismen. Dies trat besonders deutlich bei den Historischen Vereinen in Bayreuth und in Schleswig-Holstein hervor, die den Eigensinn ihrer Region gegen München und Kopenhagen betonten. Der Bamberger Geschichtsverein unterstützte dagegen die territoriale Neuordnung nach 1803 und verteidigte die Vorteile der bayerischen Herrschaft, was zur Trennung vom Bayreuther Verein führte. Selbst der Historische Verein für die Mark Brandenburg sperrte sich anfänglich gegen die preußische Ausdehnung und die Nivellierung des regionalen Ursprungs der Hohenzollernmonarchie. Sein innerstaatlicher Regionalismus verschrieb sich den "unverfälschten preußischen Ursprüngen", dem landsässigen Adel und einem altständischen Gesellschaftsdenken mit einer deutlich Note gegen Berlin, ohne freilich irgendeine nennenswerte Anhängerschaft außerhalb Berlins zu finden. In Thüringen artikulierte der Geschichtsverein ein gesamtthüringisches Bewußtsein gegen die zahlreichen thüringischen Kleinstaaten. Regionales Bewußtsein war damit ein Teil des Aushandlungsprozesses von abstrakten Raumgefügen, nicht die Verlängerung natürlicher Eigenschaften in den Bereich der Politik. Lehrer, Archivare und Universitätsprofessoren, in Jena und Kiel auffallend viele Geschichtsprofessoren, wirkten in den Vereinsvorständen führend an der Historisierung des Raumes mit. Diese Geschichtspolitik des Raumes fand statt in vielbändigen Quellenpublikationen, Zeitschriften, Jahrestagungen und Veranstaltungen aus besonderem Anlaß.

Die Konstrukteure räumlicher Identität griffen vor der Reichsgründung vor allem auf konfessionelle und historisch-dynastische Muster zurück. Die Raumgrenzen waren damit in weiten Teilen identisch mit denen zwischen den Konfessionen oder den Herrschaftsgebieten altgedienter Dynastien. Ihre Helden verbanden Konfession und Herrschaft miteinander: so der Bischof von Bamberg und Würzburg Franz Ludwig Freiherr von Erthal (1779-1795) oder die ernestinischen Wettiner in Thüringen, auch wenn sie die Kurwürde im Schmalkaldischen Krieg verloren. Die identitätsprägende Kraft des Faktors Konfession war dabei so stark, daß er zum Maßstab der Beurteilung dynastischer Legitimität wurde, wie der Autor anschaulich anhand der Darstellung des jülich-kleveschen Erbfolgestreites zwischen 1590 und 1609 im Bergischen Geschichtsverein zeigen kann. Die historische Erinnerung besaß eine auffallende Affinität zur Konfession, mehr noch als zur Dynastie. Kunz betont den Faktor Konfession für die Raumkonstruktion vor der Nationalstaatsgründung, schächt ihn indessen danach ab.

Seiner These zufolge änderten sich im Kaiserreich die Muster der historischen Raumkonstruktion grundlegend. Der Bezugspunkt historischen Raumbewußtseins lag nach 1871 nicht mehr in den einzelstaatlichen Zentren, sondern im nationalen Zentrum. Nicht mehr die Abgrenzung gegenüber den Homogenisierungsabsichten der Mittelstaaten dominierte jetzt, sondern der Nachweis der Reichsloyalität. Jetzt kamen die Geschichtsvereine in Bayreuth und Bamberg aus ihrer innerstaatlichen Peripherielage heraus und knüpften an die Reichsloyalität ihrer Territorien und Dynastien im Alten Reich wieder an. Überhaupt war regionales Geschichtsbewußtsein eher an das Kaiserreich anschlußfähig als an den Deutschen Bund, eher an einen Bundesstaat als an einen Staatenbund. Die Integrationsfähigkeit der Region in größere Gebilde schien mit dem Abstand zwischen regionaler und gesamtstaatlicher Ebene zu wachsen. Während des als ungeschichtlich empfundenen Deutschen Bundes waren die Bayreuther, Bamberger, Brandenburger und Kieler Geschichtsvereine mit der inneren Staatsbildung der Mittelstaaten und Preußens konfrontiert, was zu direkten Konflikten und allerlei Reibungen führte. Im Reich nach 1871 lockerte sich manche dieser Spannungen.

Spätestens in der wilhelminischen Zeit löste nach Kunz das ethnische Muster die älteren konfessionellen und herrschaftlich-dynastischen Muster der Raumkonstruktion ab. Sein Indiz ist die Häufung von volkskundlichen Beiträgen zu Flur- und Hausnamen, zur Sprach- und Dialektforschung und zur Siedlungsgeschichte. Die Ergebnisse wurden zumeist benutzt, um den Verlauf und den Wandel ethnischer Grenzen und damit die Ausbreitung und einer ethnischen Gruppe nachzuzeichnen. Die Ethnifizierung des regionalen Raumbegriffes dramatisierte zumeist die Siedlungsgrenze zwischen Franken, Sachsen und anderen "deutschen" Stämmen einerseits und Slawen andererseits. Leider kommt der Autor auf die nationale Relevanz dieses Befundes nur sehr am Rande zu sprechen. Denn durch die ethnische Interpretation des Raumes drehten die Geschichtsvereine den Zusammenhang von Peripherie und Zentrum um und setzten eine national inklusive Rhetorik in Umlauf. Im Unterschied zum historisch verankerten Peripheriebewußtsein gegenüber wechselnden politischen Zentren im frühen 19. Jahrhundert präsentierten die Sprach- und Siedlungsforschungen den eigenen Raum im Zentrum des "jahrhundertelang zurückreichenden deutsch-slawischen ‚Nationalitätenkampfes'" (330). Diesmal wurde die Region nicht mehr als die vernachlässigte Peripherie eines bürokratischen Anstaltsstaates erzählt, sondern als Front oder Speerspitze einer ethnischen Gruppe in ihrem Ausbreitungsdrang. Die nationale Wirkung dieses Argumentes zielte auf Inklusion, weniger auf die Besonderheit der jeweiligen Region gegenüber dem politischen Zentrum.

Daneben gab es freilich andere Formen der Rauminterpretation. Im Bergischen Geschichtsverein kristallisierte sich ein ökonomisch-industriell geprägtes Regionalbewußtsein heraus, das kulturlandschaftlich disparate Räume miteinander verband. Hatte die geschichtslandschaftliche Argumentation nach Kunz im jülich-kleveschen Länderkomplex immer die Verschiedenheit festgestellt, so wirkte die ökonomische Traditionsbildung sozial und regional inklusiv. Die Ökonomisierung des Raumbewußtseins brachte Räume in einen Zusammenhang, die zuvor konfessionell oder dynastisch disparat gewesen waren. Kunz spricht hier treffend von einer Frühform der "Ruhrgebietsidentität" (332). Auch hier interpretiert Kunz seine Befunde immanent und setzt sie nicht in Beziehung zur breiten Literatur über Region und Nation. Tatsächlich bestätigen nämlich beide Formen des Raumbewußtseins, das ethnische und das ökonomische, daß der historische Ort der Geschichtsvereine zumindest im Kaiserreich im Übergang von der nationalen Exklusion zwischen Region und Nation zur Inklusion lag. [3]

Dieser nationalen Inklusion diente auch die anschwellende Heimatrhetorik in den Geschichtsvereinen, die Kunz allerdings auf ihre antimodernen und antiurbanen Gehalte reduziert. Die Inflation des Raumbezugs vor 1914 schien sich dessen sozial inklusive Wirkung zunutze machen zu wollen. Die Befunde Alon Confinos anhand württembergischer Quellen haben schon vor Jahren eine weitere Dimension eröffnet: Nicht nur der engere räumliche Umkreis, sondern die gesamte Nation wurde vor 1914 als Heimat konstruiert.

Bemerkenswerterweise änderte sich dies im Ersten Weltkrieg. Der Krieg stellte die Verbindung zwischen nationalem und regionalem Bewußtsein in den Geschichtsvereinen auf eine Belastungsprobe. In Schleswig-Holstein, einst Paradebeispiel für die deutsche Nationalbewegung, aber auch in Bamberg regte sich Widerstand gegen die durch den Weltkrieg beschleunigte Vereinheitlichung regionaler und sozialer Besonderheiten. Georg Kunz hat nicht nur ein sensibles Thema der deutschen Geschichtswissenschaft differenziert analysiert, er hat damit auch Maßstäbe für die weitere Erforschung des regionalen Geschichtsbewußtseins gesetzt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Detlef Briesen u. Rüdiger Gans, Regionale Identifikation als 'Invention of Tradition'. Wer hat und warum wurde eigentlich im 19. Jahrhundert das Siegerland erfunden, in: Berichte zur deutschen Landeskunde 66. 1992, 61-73.
[2] Vgl. Celia Applegate, A Nation of Provinces. The German Idea of Heimat, Berkeley 1990; Alon Confino, The Nation as a Local Metaphor. Württemberg, Imperial Germany and National Memory, 1871-1918, Chapel Hill 1997.
[3] Vgl. Wolfgang Hardtwig, Nation - Region - Stadt. Strukturmerkmale des deutschen Nationalismus und lokale Denkmalskulturen, in: Gunther Mai (Hg.), Das Kyffhäuser-Denkmal 1896-1996. Ein nationales Monument im europäischen Kontext, Köln 1997, 54-84.

Zitation
Siegfried Weichlein: Rezension zu: : Verortete Geschichte. Regionales Geschichtsbewußtsein in den deutschen Historischen Vereinen des 19. Jahrhunderts. Göttingen  2000 , in: H-Soz-Kult, 17.08.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3666>.
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Veröffentlicht am
17.08.2001
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