Sammelrezension: R. Overy: Russlands Krieg

Bartusevicius, Vincas; Tauber, Joachim; Wette, Wolfram (Hrsg.): Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmorde und Kolloboration im Jahre 1941. Köln : Böhlau Verlag Köln  2003 ISBN 3-412-13902-5, 337 S., 25 s/w Abb. € 34,90.

: Russlands Krieg. 1941-1945. Reinbek : Rowohlt Verlag  2003 ISBN 3-498-05032-X, 544 S. € 24, 90.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernhard Chiari, Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam

Die beiden hier anzuzeigenden Bücher können für sich in Anspruch nehmen, für die Historiografie des nationalsozialistischen Krieges gegen die Sowjetunion auf sehr unterschiedliche Weise Wegzeichen zu setzen. Mit seiner Monografie „Russlands Krieg“, in englischer Sprache erschienen 1998 [1], ist Richard Overy vom Londoner King’s College eine große Erzählung des rassenideologischen Vernichtungsfeldzuges gegen die UdSSR gelungen. Overy schildert das Geschehen aus sowjetischer Perspektive und bindet es in kraftvoller Sprache ein in die longue durée sowjetischer Geschichte seit der Oktoberrevolution. Ein Viertel des Buches ist der Gewaltkultur der Bolschewiki vom Bürgerkrieg bis zum Großen Terror Stalins, den Säuberungen in der Roten Armee, der Annexion des Baltikums und Ostpolens sowie dem „Winterkrieg“ gegen Finnland gewidmet, der auf erschreckende Weise den Substanzverlust der sowjetischen Streitkräfte offenbarte. Auf der Basis englischer und deutscher Forschungsliteratur beschreibt Overy im Folgenden den deutschen Überfall und die sowjetischen Verteidigungsanstrengungen. Diese werden am Beispiel klassischer Kristallisationspunkte wie der gescheiterten Einnahme Moskaus, der Belagerung von Leningrad, dem Kessel von Stalingrad und der größten Panzerschlacht der Geschichte, dem „Unternehmen Zitadelle“ 1943 bei Kursk geschildert. Overy zeichnet die militärischen Operationen bis zur blutigen Eroberung Berlins durch die Rote Armee in kühnen Strichen und verbindet dabei operationsgeschichtliche Darstellungen und die Analyse des militärischen Entscheidungs- und Führungsvorganges souverän mit der Auslotung des politischen und ökonomischen Umfeldes. Die totale Mobilisierung der sowjetischen Gesellschaft und die erschreckende Opferbilanz des Krieges machen das Leid deutlich, das der Bevölkerung abverlangt wurde. Dieses traf neben den Menschen in der unbesetzten Sowjetunion auch jene in deren okkupierten Territorien, die zu einem erheblichen Teil erst im Rahmen der Sowjetisierung des Baltikums und Ostpolens gewaltsam zu Bürgern der UdSSR gemacht worden waren. Auf etwa 40 Seiten subsumiert Overy die deutsche Judenvernichtung, einheimische Kollaboration und verschiedene Formen des bewaffneten Widerstands zum „Kampf im Innern“ (S. 201-239). Dem neuen Feindbild Stalins nach Kriegsende, der brutalen Verfolgung von mehr als 5 Millionen in den Osten „repatriierter“ Sowjetbürger, den spätstalinistischen Säuberungen und der Brechung „nationalistischen Widerstandes“ vor allem im Baltikum, in Polen und in der Ukraine ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Overy erteilt der „Präventivkriegsthese“ über konkrete Angriffsabsichten der Sowjetunion gegenüber dem Deutschen Reich eine klare Absage. Die erkenntnisleitende Frage, wie die Sowjetunion nach Jahren des Terrors und des Kriegs im Inneren den Sieg über die deutsche Wehrmacht erringen konnte, beantwortet er mit dem Verweis auf von Stalin nach dem Desaster der ersten Kriegswochen entwickelte Führungsqualitäten, die Leistungen einer neuen Kriegsgeneration militärischer Führer sowie auf die Leidensfähigkeit und den Patriotismus der Bevölkerung. Overy beschreibt die sowjetischen Rüstungsanstrengungen, die Verlagerung kriegswichtiger Betriebe nach Osten, die personelle Mobilmachung und die rücksichtslose Brechung jeder Form von Widerstand im Innern als Voraussetzungen für den sowjetischen Sieg. Besonders dem deutschen Leser wird auffallen, wie wenig sich Overy bei der Bewertung des Stalinschen Terrorregimes von der Dimension der deutschen Verbrechen in der UdSSR beeindrucken lässt.

Die Darstellung, ergänzt durch eindrucksvolles Fotomaterial, vermittelt schlüssige Erklärungsmuster für den sowjetischen Existenzkampf. Overy hat freilich in Kauf genommen, in seinem Überblick vieles generalisierend, manches vereinfachend darzustellen. So wird der sowjetische Terror zwar als eine Grunderfahrung der ersten Jahrhunderthälfte benannt, bezüglich seiner Opfer aber kaum spezifiziert und beispielsweise nicht in seiner nationalen Dimension bzw. als Machtinstrument der Führung im Kampf des Zentrums um die sowjetische Peripherie gezeigt. „Das sowjetische Volk“ habe der Entstalinisierung bedurft, um „den Krieg als seinen Krieg zu begreifen und nicht als Stalins Krieg“ (S. 490). Ein schärferer Blick auf die sowjetische Peripherie und auf die unterschiedlichen historischen Vorerfahrungen in der Sowjetunion und vor allem in den kurz vor dem deutschen Überfall annektierten Gebieten hätte gezeigt, dass es gerade die Opfer des Stalinismus waren, die es der deutschen Besatzungsmacht leicht und der sowjetischen Partisanenbewegung schwer machten, den von Overy in aller Brutalität geschilderten Kampf in den besetzten Gebieten zu führen. Das neue Weltkriegswerk der Russischen Akademie der Wissenschaften, das übrigens die Weltkriege erstmals als Epocheneinheit abhandelt, ist hier schon wesentlich weiter.[2]

Overy handelt den Krieg im Krieg und nach dem Krieg, den der NKVD bis in die 50er-Jahre in den Ukrainischen und Weißrussischen Sowjetrepubliken, im Baltikum und in Polen gegen „nationalistischen Abschaum“ und „Vaterlandsverräter“ führte, und der im Übrigen in den Nachkriegsjahren selbst Verteidiger etwa der „Heldenstadt“ Leningrad traf, die den paranoiden Argwohn des alternden Diktators erweckten, auf nicht einmal zwei Seiten ab (S. 470f.). Gerade die brutale Resowjetisierung nach Kriegsende macht aber die Probleme deutlich, mit denen die sowjetische Führung schon vor 1944 nicht nur in den nichtrussischen Teilen des Imperiums oder beim Kampf gegen nationale Untergrundarmeen wie die Ukrainische Aufständischenarmee (UPA) oder die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa) konfrontiert war. Overy beschränkt die Zusammenarbeit zwischen Herrschern und Beherrschten in den deutsch besetzten Gebieten auf das klassische Feld militärischen Engagements und auf die aktive Unterstützung des Holocaust durch einheimische Helfer. Schon vor 1998 hätte die Rezeption eines erweiterten Kollaborationsbegriffs [3] zu der Erkenntnis geführt, dass die meist nicht aktenkundig gewordene Alltagskollaboration mit der Besatzungsmacht oder – wie der NKVD dies nüchtern in seinen Berichten ausdrückte - die „politisch neutrale Bevölkerungsgruppe“ durchaus ein Thema in jenem Krieg waren, den die Sowjetunion (und nicht Russland allein) führte.

Welchen Weg die Weltkriegsforschung bezüglich regionaler Aspekte des Kriegsgeschehens seit dem Ende der Sowjetunion zurückgelegt hat, zeigt demgegenüber der von Vincas Bartusevicius, Joachim Tauber und Wolfram Wette herausgegebene Sammelband, der sich mit der deutschen Besatzung Litauens auseinandersetzt. Auf mehr als 300 Seiten vereint er Studien von Historikern, die Erinnerungen von Zeitzeugen sowie Schlüsseldokumente und Bildmaterial. Den Herausgebern gelingt es, anhand von Einzelbeiträgen das Gesamttableau der deutschen Besatzung sowie den Verlauf des Holocaust nachvollziehbar zu machen. Alfonsas Eidintas dekonstruiert das Stereotyp vom „jüdischen Kommunisten“, Joachim Tauber analysiert die kollektive Erinnerung von Litauern und Juden an die Ereignisse des Juni 1941, als spontane Pogrome in die systematische Ermordung von mehr als 200.000 litauischen Juden mündeten, die zum Jahresende weitgehend abgeschlossen war. Den Aspekt deutsch-litauischer Zusammenarbeit behandelt Valentinas Brandiskauskas anhand bislang unveröffentlichter Archivalien zur Rolle der Provisorischen Regierung Litauens, die sich nach dem deutschen Einmarsch in der Hoffnung auf nationale Selbständigkeit der Besatzungsmacht zur Verfügung stellte. Christoph Dieckmann präsentiert in einem Überblick über die deutsche Besatzungsverwaltung Ergebnisse seiner in Druck befindlichen Dissertation, deren Erscheinen mit Spannung erwartet werden darf. Er zeigt die deutsch-litauische Zusammenarbeit als kompliziertes System, in dem sich die litauische Hilfsverwaltung – 660 deutschen Angehörigen der Zivilverwaltung standen 20.000 litauische Beamte gegenüber (S. 69) – trotz des deutschen Terrors in Teilbereichen ihre Handlungsfreiheit erkämpften und nationale Ziele verfolgte.[4] Eric Heine skizziert die Dynamik des Judenmords in den ländlichen Gebieten, Michael MacQueen und Arunas Bubnys behandeln die berüchtigte litauische Sicherheitspolizei (Saugumo policija, kurz Saugumas) bzw. die litauischen Hilfspolizeibataillone, die an der Seite von Gestapo und Sicherheitsdienst zu den brutalsten Vollstreckern der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“ zählten. Weitere Beiträge behandeln das Leben in den litauischen Ghettos und das weite Feld von Widerstand und „Judenrettungen“, teils aus der Erinnerungsperspektive.

Die Beteiligung von Litauern am Judenmord ist keine neue Erkenntnis, wird hier aber auf eine neue historiografische Basis gestellt. Die Bedeutung des Bandes liegt darin, dass er neben dem aktuellen Forschungsstand die komplexen und vielfach polemischen Diskussionen um die litauische „Vergangenheitsbewältigung“ mit aufgreift, wie sie das Land seit dem Ende der Sowjetunion erschüttert haben, und die wie in den beiden anderen baltischen Staaten untrennbar verknüpft sind mit dem durch die Sowjetunion gleich zweifach erlittenen Verlust der staatlichen Unabhängigkeit.[5] Die Argumente zur Relativierung autochthoner Beteiligung am Holocaust reichten in diesen Debatten in Abwandlung sowjetischer Interpretationen vom Zwang oder der Eingrenzung der Kollaboration auf wenige, „moralisch deformierte Subjekte“ bis hin zur kompletten Leugnung. Mit der Dekonstruktion nationaler „Lebenslügen“ (so Ralph Giordano in seinem Vorwort, S. 3) befassen sich unter anderem Michael Kohrs (Darstellung des Holocaust in der Sowjetzeit), Liudas Truska (Litauische Historiographie) und Martin Dean, der die westlichen Kriegsverbrecherprozesse gegen Litauer thematisiert.

Insgesamt vermitteln beide Bücher, Overys Gemälde des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion und die Sammlung litauischer Miniaturen, zentrale Einblicke in das Wesen des Krieges im Osten. Als eine wesentliche Leistung Overys erscheint mir die Einbindung der Kriegsgeschichte in das Zeitalter der Weltkriege und seine Darstellung als Abschnitt eines sowjetischen „continuum of crisis“ (Peter Holquist). Diese Entwicklungslinie wird im Sammelband zu Litauen nur schwach entwickelt, obwohl gerade die Täterforschung erheblichen Erkenntnisgewinn aus den Vorerfahrungen und Vorprägungen ziehen kann, wie sie beispielsweise die Geschichte der baltischen Nationalstaaten, die bis zum Zweiten Weltkrieg de facto Nationalitätenstaaten blieben, in der Zwischenkriegszeit prägten. Beide Darstellungen zeigen, dass die schwer zu fassende Alltagskollaboration nach wie vor ein Desiderat der Weltkriegsforschung bleibt.

[1] Overy, Richard, Russia’s War, New York 1998.
[2] Mirovye vojny XX veka, 4 Bde., Moskva 2002.
[3] Bereits vor der englischen Originalausgabe von Russia’s War erschien etwa Umbreit, Hans, Die Rolle der Kollaboration in der deutschen Besatzung, in: Okkupation und Kollaboration (1938 - 1945). Beiträge zu Konzepten und Praxis der Kollaboration in der deutschen Okkupationspolitik, Zusammengestellt und eingeleitet von Werner Röhr (Europa unterm Hakenkreuz Ergänzungsband 1), Berlin 1994, S. 33-44; Röhr, Werner, Forschungsprobleme zur deutschen Okkupationspolitik im Spiegel der Reihe „Europa unterm Hakenkreuz“, in: Europa unterm Hakenkreuz. Analysen, Quellen, Register (Bd. 8, zugleich Ergänzungsband 2), hrsg. von Ders., Heidelberg 1996, S. 25-343; Ders., System oder organisiertes Chaos? Fragen einer Typologie der deutschen Okkupationsregime im Zweiten Weltkrieg, in: Bohn, Robert (Hg.), Die deutsche Herrschaft in den „germanischen“ Ländern 1940-1945, Stuttgart 1997, S. 11-45; diese und andere wichtige Arbeiten zu den europäischen Besatzungssystemen hat Overy offenbar nicht zur Kenntnis genommen.
[4] Dieckmann, Christoph, Deutsche Besatzungspolitik und Massenverbrechen in Litauen 1941 bis 1944. Täter, Zuschauer, Opfer.
[5] Vgl. für Lettland: Ezergailis, Andrew, The Holocaust in Latvia, 1941-1944. The Missing Center, Riga 1996; Ders., The Lativan Legion. Heroes, Nazis, or Victims? A collection of documents from OSS War-Crimes investigation files, 1945-1950, Riga 1997.

Zitation
Bernhard Chiari: Rezension zu: Bartusevicius, Vincas; Tauber, Joachim; Wette, Wolfram (Hrsg.): Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmorde und Kolloboration im Jahre 1941. Köln  2003 / : Russlands Krieg. 1941-1945. Reinbek  2003 , in: H-Soz-Kult, 31.03.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3675>.
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31.03.2004
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