Titel
Terror in My Soul. Communist Autobiographies on Trial


Autor(en)
Halfin, Igal
Erschienen
Cambirdge 2003: Harvard University Press
Preis
€ 41, 68
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lorenz Erren, Berlin

Jeder kennt das Marxsche Axiom, dem zufolge das materielle „Sein das Bewußtsein bestimmt“. Als Konstruktivist geht auch Igal Halin von der Annahme aus, dass die Selbstwahrnehmung des Menschen, sein „Selbst“, „historisch konstruiert“ ist (S. IXf.), hält äußere Umstände dabei aber nicht für ausschlaggebend. Er unterstellt, dass die Bolschewiki ganz und gar anders fühlten, dachten und handelten, als wir es an ihrer Stelle getan hätten. Seine Arbeit versteht sich in diesem Sinne als Versuch, die „Geschichte des kommunistischen Selbst“ in der Zeit zu erzählen, als die Bolschewiki merkten, dass auch eine proletarische Herkunft oft eben doch nicht das erwünschte Bewusstsein hervorbrachte.

Laut Halfin hatte die Oktoberrevolution nicht den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zum Ziel. Vielmehr wollten die Bolschewiki ihre „Seelen erlösen“, den „Neuen Menschen“ schaffen und die „Bruderschaft der Auserwählten“ begründen. Getrieben von der Erwartung eines neuen Zeitalters, übten sie sich in ständiger Bewusstseinskontrolle respektive „Seelen-Hermeneutik“. Als Individuen versuchten sie, ihre Autobiografie und ihr „Selbst“ mit dem Parteidiskurs in Einklang zu bringen, und in der Gruppe strebten sie, unwürdige Opportunisten, Schwächlinge oder bösartige Häretiker zu entlarven. Sie taten dies bis zum „Tag des jüngsten Gerichts“, der mit den „Großen Säuberungen“ 1937 anbrach.

Zu NEP-Zeiten glaubten sie, dass ein revolutionäres Bewusstsein kontinuierlich reifen würde. Zu Abweichungen von der Parteilinie kam es demnach aufgrund von Rückständigkeit, klassenfremden Einflüssen oder auch infolge körperlicher Anfechtungen. Im intensiven Verhör fand die Partei dann heraus, ob der Sünder im „gutgläubigen Irrtum“ oder aus fester häretischer Überzeugung heraus gehandelt hatte. „Opposition“ galt als eine Art Krankheit, die beherrscht und geheilt werden konnte. Dieser Auffassung pflichtete auch die sowjetische Humanwissenschaft bei. Unter marxistischen Physiologen, Psychologen, Pädologen, Psychoanalytikern, Sexualwissenschaftlern wie auch Schriftstellern herrschte ein Menschenbild vor, welches Verhalten bevorzugt auf äußere Reize zurückführte. Manche Wissenschaftler versuchten ernsthaft, etwa die notorische Sympathie der Studenten für Trotzki auf die Hektik des urbanen Lebens, dekadenten Musikgeschmack, sexuelle Promiskuität oder die Masturbation zurückzuführen.

Doch mit dem Beginn des Fünfjahrplans änderte die Partei ihr Menschenbild. Nun betonte sie die Fähigkeit des willensstarken Proletariers, trotz widriger äußerer Umstände kulturell fortzuschreiten, sich von feindlichen Einflüssen fernzuhalten und seinen Körper zu kontrollieren. Als 1936 schließlich Stalins Verfassung die Sowjetbürger zu „Neuen Menschen“ erklärte, gab es für die Bewusstseinsdelikte keine Entschuldigung mehr. Da die Bolschewiki den „Neuen Menschen“ als ein übermächtiges Wesen ansahen, das seine Ziele stets erreicht, so folgte daraus im Umkehrschluss, dass allen vorgefallenen Irrtümern und Fehlern auch boshafte Absicht zugrunde liegen musste. Tatsächlich erblickt Halfin in eben diesem Syllogismus die tiefere Ursache der 1936 einsetzenden Hexenjagd auf „Volksfeinde“ (S. 268ff.). Das neue Menschenbild schloss die Möglichkeit charakterlicher Entwicklungen aus: Die Bösen waren schon immer böse und die Guten immer gut gewesen. Es kam nur noch darauf an, die Bösen zu entlarven und zu vernichten. Abweichlern, welchen man 1930 noch abgenommen hatte, dass sie aus Schwäche gefehlt hatten, unterstellte man nun, dass sie ganz bewusst der Revolution hatten schaden wollen. Folglich wurden sie verhaftet und erschossen.

„Terror in My Soul“ macht es dem Rezensenten nicht leicht. Er weiß nicht, zu welchem Genre er das Buch rechnen soll. Versteht es sich als geschichtswissenschaftliche Forschungsarbeit? Zwar lassen der Verlag, die Themenstellung und die akademische Position des Autors derartiges vermuten, doch kommen beim Lesen ernste Zweifel auf. Wie Halfin selbst im Vorwort mitteilt, fühlt er sich „durch die Disziplin Geschichte eingeengt“ und will deren „traditionelle Herangehensweisen herausfordern“. Er hält die „Zeit für gekommen, im kommunistischen Text, nicht immer nur zwischen den Zeilen“ zu lesen, „sondern auch die Zeilen selbst“ (S. IXf.). Und das sind keine leeren Worte.

Konsequent verzichtet Halfin darauf, seine Thesen vom etablierten Forschungsstand abzugrenzen. Statt zu analysieren oder zu argumentieren, offeriert er ein suggestives Gemälde. Er legt nicht offen, auf welche Überlieferung er seine romantische Schilderung der Bolschewiki als einer im Grunde unpolitischen, aber dafür umso inbrünstigeren Glaubensgemeinschaft zurückführt. Seine Auseinandersetzung mit den zahlreichen Standardwerken, die die durchaus „irdische“ Natur der RSDRP(B) und deren prinzipielle Vergleichbarkeit mit anderen Parteien betonen, beschränkt sich auf den pauschalen Vorwurf, diese erklärten das Verhalten der Bolschewiki ausschließlich mit platten „utilitaristischen“ und „egoistischen“ Motiven (S. 270). Halfin erkennt an, dass „rationale“ Motive bei der Bekämpfung „äußerer“ Feinde eine Rolle gespielt haben könnten, leugnet dies aber für die innerparteilichen Auseinandersetzungen (S. 4). Er lässt dabei jedoch außer Acht, dass ein Politiker, der sich im Machtkampf behaupten will, immer „egoistisch“ und berechnend agieren muss – unabhängig von der Parteizugehörigkeit der Beteiligten und deren subjektiven Vollkommenheitsbestrebungen. Halfin scheint davon überzeugt zu sein, dass man, um kommunistische Bewusstseinsgeschichte zu schreiben, von der politischen Realität abstrahieren muss. Dieses extravagante Vorhaben scheitert indessen bereits an der für seine Argumentation überaus wichtigen Frage, wie die Partei eigentlich den „Oppositionellen“ identifizierte. Irregeleitet durch seine religiöse Terminologie, stellt sich Halfin vor, dass die Bolschewiki „Opposition“ mit „Heterodoxie“, bzw. mit der Abweichung von einer allein seligmachenden „Parteilinie“ gleichgesetzt hätten (S. 30f.). Wäre dem so gewesen, dann hätten die Schriftgelehrten womöglich auch Stalin selbst, als dieser 1928 von der Linie des vorangegangenen Parteitags abrückte, als oppositionell eingestuft. Tatsächlich bezeichneten die Zeitgenossen mit „Opposition“ etwas ganz anderes, nämlich den (minoritären) Versuch einer politischen Willensbildung. „Oppositionell“ war, wer bei Abstimmungen gegen die stabile Mehrheit votierte. In der RSDRP(B) – einer klassischen Debattier- und Abstimmungspartei – gehörten Kampfabstimmungen zum Alltag und bezogen sich seltener auf „Glaubensinhalte“ als auf aktuelle politische Fragen. In den 1920er-Jahren verhielt sich der politische Machtkampf zur Identifikation des „abweichlerisch-oppositionellen“ Bewusstseins, bildlich ausgedrückt, wie die Faust zum blauen Auge. Da Halfin solch elementare Zusammenhänge weitgehend ausblendet, erhält seine Argumentation mitunter einen surrealen Touch. Die „Parteilinie“ hält er nicht für einen diskursiven Hebel, mit dem Stalin innerparteiliche Loyalität erzwingen wollte – vielmehr scheint er tatsächlich zu glauben, die Bolschewiki hätten sie seit je her als sakrosanktes Dogma betrachtet. Die hinlänglich bekannte Tatsache, dass erst das 1921 eingeführte Fraktionsverbot die normative Grundlage für die Oppositionsbekämpfung schuf, wird von Halfin weder erwähnt noch reflektiert. Hier wie bei anderer Gelegenheit differenziert er nicht hinreichend zwischen traditionellen bolschewistischen und später durchgesetzten stalinistischen Normen. Der Bolschewismus, so scheint es, war für ihn keine kämpfende Bewegung mit inneren Konflikten, sondern ein sich eigengesetzlich selbst fortschreibender, hermetischer „Text“. So schafft er sich die Möglichkeit, die finale Ausrottung der ehemaligen Oppositionellen nicht mehr platt auf Stalins „rächende Paranoia“ zurückzuführen, sondern auf ein anonymes „eschatologisches“ Bedürfnis nach mehr „Seelenhermeneutik“. Aus konventioneller Sicht bleibt einzuwenden, dass sich seine Methode, „nicht mehr zwischen den Zeilen zu lesen, sondern die Zeilen selbst“, vom Verzicht auf Quellenkritik nicht immer scharf genug abgrenzen lässt.

Möglicherweise ist es ein Missverständnis, Halfins Thesen und Begriffsysteme politikgeschichtlicher Methodenkritik auszusetzen. Denn trotz der Orientierungslosigkeit ihres Erklärungssatzes hat die Arbeit „Terror in My Soul“ der Forschung durchaus manche Entdeckung mitzuteilen. Zweifellos gilt dies für die beiden materialreichen Kapitel, in denen Halfin kommunistische Geistesgeschichte erzählt und all die kurzlebigen akademischen Lehrmeinungen und pseudowissenschaftlichen Vorurteile rekonstruiert, die in den 1920er-Jahren das Menschenbild im Milieu der parteinahen Intelligenz prägten. Man kann mitverfolgen, wie marxistische Intellektuelle an der Aufgabe scheiterten, das Universalprinzip vom „bewußtseinsbestimmenden Sein“ in praxistaugliche Stereotype zu übersetzen. Inwieweit sich diese „angewandte kommunistische Seelenkunde“ auf die stalinistische (Terror-)Politik auswirkte, bliebe indessen noch zu prüfen. Doch für Historiker und Slawisten, die die Semiotik der offiziellen sowjetischen Sprache und Kultur erforschen, wird Halfins Buch in jedem Fall eine sehr wertvolle Interpretationshilfe sein.

Zitation
Lorenz Erren: Rezension zu: : Terror in My Soul. Communist Autobiographies on Trial. Cambirdge  2003 , in: H-Soz-Kult, 27.04.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3678>.
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27.04.2004
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