W. Ruge: Berlin - Moskau - Sosswa

Cover
Titel
Berlin - Moskau - Sosswa. Stationen einer Emigration


Autor(en)
Ruge, Wolfgang
Erschienen
Umfang
452 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Stachel, Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien

Mehrere bedeutende Historiker haben in den letzten Jahren ihre Autobiografie vorgelegt – zum Beispiel Peter Gay, Wilma und Georg G. Iggers, Eric Hobsbawm, George L. Mosse.[1] Gerade im 20. Jahrhundert waren Historiker oftmals nicht bloße Beobachter, sondern auch Objekte und Opfer historischer Entwicklungen. Der im Jahr 2003 veröffentlichte autobiografische Bericht des 1917 geborenen DDR-Historikers Wolfgang Ruge – Autor mehrerer Studien zur Geschichte der Weimarer Republik – kann als Ergänzung und zugleich als Kontrapunkt zu den Büchern der genannten Autoren gelesen werden. Wie diese flüchtete auch Ruge als Jugendlicher vor dem Nationalsozialismus, doch führte ihn sein Weg nicht nach England oder in die USA, sondern in die Sowjetunion. Ruges Eltern waren „gläubige“ Kommunisten; im vor-nationalsozialistischen Deutschland erhielten Wolfgang Ruge und sein älterer Bruder Walter eine linientreue Erziehung. 1933 emigrierte die Familie in die Sowjetunion, wo sie wenig später in die Mühlen der stalinistischen „Säuberungen“ geriet. Es mutet beinahe wie ein Wunder an, dass alle Familienmitglieder die Jahre des roten Terrors überlebten.

Zu Beginn des Buchs schildert Ruge die Ankunft in der Sowjetunion, die bei ihm ein euphorisches Gefühl auslöst, „so wie es religiöse Menschen beim Anblick der Jungfrau Maria empfunden haben mochten“ (S. 13). Zunächst kann er seinen schulischen Werdegang fortsetzen. Er erhält eine Ausbildung als Kartograf – eine Fertigkeit, die ihm später das Leben retten wird. Schließlich beginnt er ein Studium am Tschernyschewski-Institut. Erste Risse erhält das vorerst noch uneingeschränkt positive Bild des „Arbeiter- und Bauernstaates“ – als vermeintliches Zentrum des antifaschistischen Widerstandes – nach dem Hitler-Stalin-Pakt, als viele Russen plötzlich ihre Sympathien für den nunmehr verbündeten Adolf Hitler entdecken: „Gitler – Molodez! Hitler ist ein Prachtkerl!“ (S. 70). Die zweite Ernüchterung folgt nach dem Angriff der deutschen Truppen auf die Sowjetunion: Ruge – seit 1936 Sowjetbürger – meldet sich zum Wehrdienst, wird aber als „der deutschen Nationalität zugehörig“ abgewiesen. Er wird verdächtigt und bespitzelt, nach der Verhaftung des Bruders verhört, schließlich gemeinsam mit anderen „Russland-Deutschen“, darunter ein kleines Grüppchen von Politemigranten, nach Kasachstan deportiert.

Erste Station ist die „Siedlung 11“, in der Ruge den Winter 1941/42 verbringt: Die Schilderung der Geschichte dieser namenlosen Siedlung und des Überlebens in ihr stellt einen Höhepunkt seines Berichts dar. Im Herbst 1931 war die Siedlung von 11.000 aus Zentralrussland verschleppten so genannten „Kulaken“ gegründet worden. Da vor Ort kein Bauholz zur Verfügung stand, wurden Erdhöhlen notdürftig mit Lehmmauern überbaut. Mehr als 90 Prozent der ursprünglichen Erbauer der Siedlung überlebten den ersten Winter nicht. Der kommunistische Ortskommandant, wiewohl selbst nur ein untergeordnetes Rädchen in der Hierarchie, stellt die einzige und absolute Autorität dar, deren Macht sich theoretisch auf die uneingeschränkte Autorität der kommunistischen Partei stützt, konkret auf Spitzelwesen und Denunziantentum. Im Januar 1942 wird Ruge zum „Arbeitsmobilisierten“ (Trudmobsiki) „ernannt“ und in den nördlichen Ural verschickt – offiziell unterstützt er damit die Sowjetunion in ihrem Kampf gegen Hitler-Deutschland, de facto wird er zum Häftling im stalinistischen GULag. Ruge überlebt: Er verkraftet die Zwangsarbeit als Holzfäller, übersteht sogar die Folgen eines schweren Arbeitsunfalls, bei dem ihm ein fallender Baumstamm den Fuß zerquetscht. Das Kriegsende 1945 bringt zwar nicht die erhoffte Freilassung, aber doch zumindest eine gewisse, wenn auch nur vorläufige Verbesserung der Verhältnisse.

Aufgrund seiner zeichnerischen Fähigkeiten wird Ruge im Städtchen Sosswa am Rande der sibirischen Tiefebene als Geodät und Ingenieur beim Eisenbahnbau eingesetzt. Als „Strohhalm, an den ich mich klammere“ (S. 347), fasst er in dieser Situation den abenteuerlichen Entschluss, als Fernstudent sein unterbrochenes Hochschulstudium fortzusetzen. Ohne die Lagerleitung davon zu informieren, nutzt Ruge dienstlich begründete Reisen nach Swerdlowsk, um an der dortigen Universität die Prüfungen für sein Geschichtsstudium abzulegen. Sogar ein Unterrichtspraktikum an der örtlichen Mittelschule absolviert er unter diesen Rahmenbedingungen. 1948 erhält Ruge sein Diplom – gerade noch rechtzeitig vor der erneuten Verschärfung der politischen Großwetterlage. Den Deportierten wird der Beschluss des Ministerrates der sowjetischen Föderation übermittelt, dass sie „auf ewige Zeiten“ verbannt seien. Wer sich mehr als sieben Kilometer von Sosswa entferne, müsse mit der Verurteilung zu 20 Jahren Zwangsarbeit rechnen.

Erst nach Stalins Tod im Jahr 1953 verbessert sich die Lage der Deportierten allmählich; sogar Besuche von Verwandten werden nun erlaubt. Zu den beeindruckendsten Passagen des Buches gehört, wie Ruge die Wiederbegegnung mit der Mutter – nach siebzehnjähriger Trennung – im Jahr 1955 schildert. Die bedingungslos linientreue „Parteisoldatin“ hält sich während der Erzählungen des Sohnes über die stalinistischen Säuberungen „demonstrativ die Ohren zu und sagt mit entsetzter Stimme, dass sie derartige Aussprüche unter keinen Umständen hören wolle“ (S. 428). Nach Chruschtschows Abrechnung mit dem Stalinismus auf dem XX. Parteitag der KPdSU und der von Adenauer ausgehandelten Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion kommt Anfang 1956 auch für die deportierten deutschen Politemigranten die Stunde der Freilassung. Gemeinsam mit seiner russischen Ehefrau darf Ruge in die DDR ausreisen. Was folgt, ist der abrupte Aufstieg „vom völlig Rechtlosen [...] in die Schar der Bevorzugten“ (S. 436): Als Sohn einer verdienten Genossin und Besitzer eines sowjetischen Universitätsdiploms wird Ruge buchstäblich seit dem Tag der Ankunft vom Regime umworben und erhält gleich mehrere wissenschaftliche Stellen zur Auswahl. Er entscheidet sich für die Akademie der Wissenschaften, wo sich ihm eine für DDR-Verhältnisse glänzende Laufbahn eröffnet. Für die Erfahrungen der vorausgegangenen Jahre besteht dagegen in der neuen Heimat naturgemäß kein Bedarf (S. 438): „Mir wurde zwar, wie anderen auch, nicht verboten, über meine Erlebnisse in Sibirien zu reden, doch verstand sich das im Grunde von selbst.“

Dramaturgisch wie lebensgeschichtlich ist es nachvollziehbar, dass Ruge seine Schilderung mit der Ankunft in Berlin beschließt. Aus der Sicht einer auch „intellektuellen Biografie“ des Wissenschaftlers Ruge bricht die Erzählung aber allzu unvermittelt ab. Wie und um welchen Preis der Selbstverleugnung sich ein Mensch mit diesen Erfahrungen in die Gesellschaft und das wissenschaftliche Milieu der DDR integrieren konnte, wie etwa auch die späteren wissenschaftlichen Interessen mit der Lebensgeschichte zusammenhängen, dies würde der Leser doch gern erfahren. Hier, am Ende des Buches, erweist sich auch die konsequent eingehaltene Erzählperspektive im Präsens, die für dramatische Unmittelbarkeit sorgt, als Engführung. Mehr oder weniger ausführlich schildert Ruge seine damaligen Gedanken, doch im Hinblick auf seine spätere intellektuelle Verarbeitung der gemachten Erfahrungen belässt er es bei allgemeinen Anmerkungen.

Trotz dieser sehr kritisch zu vermerkenden Leerstelle ist Ruges autobiografischer Bericht von hohem historischem Wert. Als Geschichte einer Desillusionierung, als exemplarische Darstellung eines Lebens in den „gefährlichen Zeiten“ des 20. Jahrhunderts (um den deutschen Titel von Hobsbawms Autobiografie zu bemühen[2]), lässt er sich den eingangs genannten Arbeiten zur Seite stellen. Dass es sich überdies um ein glänzend geschriebenes, auch in literarischer Hinsicht ansprechendes Buch handelt, soll dabei nicht unerwähnt bleiben.

Anmerkungen:
[1] Gay, Peter, Meine deutsche Frage. Jugend in Berlin 1933 bis 1939, München 1999; Iggers, Wilma; Iggers, Georg G., Zwei Seiten der Geschichte. Lebensbericht aus unruhiger Zeit, Göttingen 2002; Hobsbawm, Eric, Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert, München 2003; Mosse, George L., Aus großem Hause. Erinnerungen eines deutsch-jüdischen Historikers, München 2003. (Die Originalausgaben erschienen jeweils in englischer Sprache.)
[2] Bemerkenswerterweise gibt es in den Autobiografien von Ruge und Hobsbawm sogar eine unmittelbare Überschneidung: Beide schildern ihre Teilnahme an einem gegen die Nationalsozialisten gerichteten kommunistischen Demonstrationszug in Berlin am 25. Januar 1933. Vgl. Ruge, S. 31; Hobsbawm (wie Anm. 1), S. 95f.

Zitation
Peter Stachel: Rezension zu: : Berlin - Moskau - Sosswa. Stationen einer Emigration. Bonn  2003 , in: H-Soz-Kult, 20.04.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3692>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.04.2004
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation