A. Duménil u.a. (Hg.): 1914-1945. L' Ère de la Guerre

Cover
Titel
1914-1945. L' Ère de la Guerre. Violence, Mobilisations, Deuil (Bd. 1) Nazisme, Occupations, Pratiques Génocides (Bd. 2)


Hrsg. v.
Dumenil, Anne; Beaupré, Nicolas; Ingrao, Christian
Erschienen
Umfang
300 S. (Bd. 1) 302 S. (Bd. 2)
Preis
€ 27,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Martin Baumeister, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München martin.baumeister@lrz.uni-muenchen.de

Seit wenigen Jahren mehren sich die Versuche, die Forschungen zu den beiden Weltkriegen in einer übergreifenden Geschichte des Zeitalters der Weltkriege zu integrieren, dabei die oft hoch spezialisierten Verengungen zu überwinden und im Vergleich und im Kontrast nach Kausalitäten, Kontinuitäten und Eigenheiten einer Ära der entfesselten ubiquitären Gewalt zu fragen. Die beiden hier zu besprechenden Bände gehören in diesen Kontext. Ihr Anspruch und ihre Leistung liegen jedoch weder in der Erschließung von Fragestellungen und Methoden noch in der Synthese einer Geschichte des „dreißigjährigen Kriegs“ von 1914-1945. Vielmehr besteht ihre Besonderheit in der Zusammenführung zweier unterschiedlicher nationaler Forschungskulturen, die zur wechselseitigen Auseinandersetzung und Befruchtung anregen soll.

Eine recht hohe Zahl der präsentierten Artikel sind keine Originalbeiträge. Das gilt insbesondere für den zweiten Band, der dem französischen Publikum die neuere deutsche Forschung zum Zweiten Weltkrieg und zur Shoah anhand einer Auswahl von Aufsätzen aus dem Begleitbuch zur Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung sowie aus einem 1995 von Ulrich Herbert herausgegebenen Sammelband zur NS-Vernichtungspolitik vorstellt. Von Interesse für eine deutsche Leserschaft ist dagegen der erste Band, der vor allem Studien meist jüngerer französischer Spezialisten und Spezialistinnen der Geschichte des Ersten Weltkriegs versammelt. Die beiden Bände setzen nicht nur unterschiedliche geographische Schwerpunkte – für den Ersten Weltkrieg im Westen, für den Zweiten im Osten – ein Umstand, der den immer noch vorherrschenden Blickrichtungen der Forschung entspricht. Sie weisen auch unterschiedliche methodische und konzeptionelle Ausrichtungen auf. Während die deutsche Weltkriegs- und Holocaustforschung weitgehend den Bahnen einer Tätergeschichte folgt, die ideologische, institutionelle, politische, wirtschaftliche und militärische Faktoren miteinander verknüpft, steht im Mittelpunkt der von den Herausgebern ausgewählten Beiträge zur Geschichte des Ersten Weltkriegs die leitende Frage nach einer „culture de guerre“, den Vorstellungen, Überzeugungen und Normen, die Wahrnehmung und Handeln von Gruppen und Individuen im Krieg bestimmen. In der engen Verbindung von Repräsentationen und Praktiken überschneidet sich der Begriff der „culture de guerre“ durchaus mit dem Paradigma der „Kriegserfahrung“, das einen entscheidenden Einfluss auf die aktuelle kulturhistorisch orientierte Kriegsforschung im deutschsprachigen Bereich ausübt. Das Konzept der „Kriegskultur“ im Sinn einer kulturellen Matrix des Krieges impliziert jedoch einen Erklärungsanspruch, der weit hinausreicht über die Grenzen einer reinen Erfahrungsgeschichte.

Wesentliche Impulse für die hier präsentierten Arbeiten zum Ersten Weltkrieg gehen vom 1992 eröffneten Historial de la Grande Guerre, einem Weltkriegsmuseum und internationalem Dokumentations- und Forschungszentrum in Péronne an der Somme, insbesondere von den beiden Mitbegründern des Historial Stéphane Audouin-Rouzeau und Annette Becker, aus. Beide sind im ersten Band mit Übernahmen aus „14-18 Aujourd’hui“, der hierzulande noch zu wenig beachteten Zeitschrift des Historial, vertreten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Überlegungen Audouin-Rouzeaus, die auf seinen Erfahrungen bei der Einrichtung der Ausstellung in Péronne basieren und die zeigen, wie die Auseinandersetzung mit Artefakten, die gemeinhin außerhalb des Blickfelds der historischen Forschung liegen, zu neuen Fragestellungen führen kann. Der „choc de l’objet“ (S. 76) öffne die Augen für einen „anderen“, den Augen der Forscher bislang entzogenen Krieg. Seine Beobachtung illustriert Audouin-Rouzeau mit einigen Hypothesen zu einem kaum beachteten Waffentyp aus der Welt der Grabenkämpfe – Keulen und Dolche, martialisches Gerät, das nur wenig zu Bildern vom anonymen, industrialisierten Töten durch Geschossfeuer und Gas passt und Vorstellungen von der passiven Opferrolle der Soldaten, wie sie nicht nur unter französischen Veteranen der Zwischenkriegszeit kursierten, revidieren kann. Annette Becker, die den „Vergessenen des Großen Kriegs“ – der Bevölkerung besetzter Gebiete, Zivil- und Kriegsgefangenen – eine eindringliche Studie gewidmet hat, stellt die Welt der Lager des Ersten Weltkriegs als Element moderner Kriege dar. Viktimisierung und Brutalisierung gehören in der Geschichte des Ersten Weltkrieges besonders eng zusammen und gehen, so die Auffassung der französischen Historikerinnen und Historiker, besonders in der Figur des Frontsoldaten eine unlösliche Verbindung miteinander ein. Nicolas Beaupré stellt einige Ergebnisse seiner noch unveröffentlichten Dissertation vor, einer Analyse eines großen Korpus in den Kriegsjahren publizierter literarischer Zeugnisse deutscher und französischer „écrivains combattants“. Erzählungen, Romane und Gedichte, in denen sich Frontsoldaten mit ihren Kriegserfahrungen auseinandersetzen, sind demnach weniger Dokumente der „Zeugenschaft“ als vielmehr eine Fortsetzung des Krieges mit literarischen Mitteln. Sie zementieren Feindbilder und betreiben eine Sinnstiftung der Kämpfe, indem sie Gewalt und Schrecken maskieren, derealisieren und trivialisieren. Anders als in den Texten von Soldaten mit schriftstellerischen Ambitionen kommt in einer kleinen Zahl während und nach dem Krieg publizierter „témoignages“ von Militärärzten der Schock über die verheerenden Wirkungen des Krieges zum Ausdruck.

Sophie Delaporte, Autorin einer wichtigen, 1996 veröffentlichten Studie über die „gueules cassées“, die Gesichtsverletzten des Ersten Weltkriegs, kontrastiert diese subjektiven Zeugnisse mit den distanzierten klinischen Berichten der Ärzte an die Pariser „Société de chirurgie“. Sie analysiert die sprachlichen Verfahren der „Objektivierung“ des Horrors und beschreibt die Kommunikation zwischen den jungen Fachvertretern im Einsatz hinter der Front und den Wortführern der Zunft in der französischen Hauptstadt als ein Aufeinanderprallen von „gelebtem“ und „imaginiertem Krieg“, ein Konflikt, der immerhin, so Delaporte, in fachliche Lernprozesse mündet. Bruno Cabanes, dessen Dissertation über den Wechsel vom Krieg in den Frieden aus der Sicht der französischen Soldaten vor kurzem erschienen ist, kennzeichnet den Prozess der „kulturellen Demobilisierung“ als langsamen, schwierigen Übergang. Vor der Rückkehr ins Zivilleben lodern bei den französischen Soldaten in scheinbar paradoxer Weise erneut Gefühle von Hass und Revanche gegen den deutschen Feind auf; die Kluft zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung klafft so weit auseinander wie nie zuvor. Die siegreiche französische Armee ist eine Armee in tiefer Trauer, die den Siegesfeiern in der Heimat mit Misstrauen und Ablehnung gegenüber steht. Auf einer noch unveröffentlichten Dissertation über die Kriegführung der deutschen Armee und die „Kultur des Kampfes“ der deutschen Soldaten basiert der Artikel von Anne Duménil, der der von Wilhelm Deist formulierten Deutung des Zusammenbruchs der deutschen Armee im Westen im Gefolge eines „verdeckten Militärstreiks“ eine dezidiert militärische Interpretation an die Seite stellt. Die Frühjahrsoffensive der deutschen Armee des Jahres 1918, die den Krieg durch einen Kraftakt entscheiden sollte, brachte einen taktischen Erfolg ohne strategische Tragweite und legte die strukturellen Schwächen der deutschen Armee offen. Die Niederlage der Deutschen resultierte nach Duménil aus der Unfähigkeit der militärischen Führung, die Relationen zwischen Zielen und verfügbaren Mitteln angemessen einzuschätzen. Im Zentrum der Vorstellungswelt der dritten Obersten Heeresleitung stand eine heillose Überschätzung der Kraft des Willens – eine Haltung, die unmittelbar in das militärische Scheitern mündete, zugleich aber die Grundlage für das Leugnen der Gründe der Niederlage bildete.

Der von Duménil, Beaupré und Ingrao herausgegebene Band zur Geschichte des Ersten Weltkriegs vermittelt ein lebendiges Bild der aktuellen französischen Forschung, von ihrem innovativen Potential in Themen, Fragestellungen und Methoden, die auf den Traditionen einer spezifisch nationalen Kulturgeschichte aufbaut, sich in ihrem Horizont jedoch immer mehr international öffnet. Eine transnationale, vergleichende Forschung zur Geschichte des „Zeitalters des Kriegs von 1914-1945“ steht allerdings noch in den ersten zaghaften Anfängen.

Zitation
Martin Baumeister: Rezension zu: Dumenil, Anne; Beaupré, Nicolas; Ingrao, Christian (Hrsg.): 1914-1945. L' Ère de la Guerre. Violence, Mobilisations, Deuil (Bd. 1) Nazisme, Occupations, Pratiques Génocides (Bd. 2). Paris  2004 , in: H-Soz-Kult, 18.11.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3786>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.11.2004
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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