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Titel
Haut: Zwischen 1500 und 1800. Verborgen im Buch, verborgen im Körper. Ausstellung in der Herzog-August-Bibliothek, 5. Oktober 2003 bis 11. Januar 2004


Hrsg. v.
Zeuch, Ulrike; Benthien, Claudia u.a.
Erschienen
Wiesbaden 2003: Harrassowitz Verlag
Umfang
187 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Doris Bulach, Historisches Institut, Institut für Landesgeschichte, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Mit dem Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, die im Januar 2004 zu Ende ging, ist ein interessanter und facettenreicher Einblick in das Thema Leder und Haut entstanden. Der Band mit acht Beiträgen verschiedener namhafter WissenschaftlerInnen aus (Medizin-)Geschichte, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Restaurierung ordnet sich dabei in ein Forschungsinteresse ein, das sich seit den 1980er-Jahren in den unterschiedlichen Disziplinen wieder vermehrt auf das äußere Erscheinungsbild des Menschen richtet und seine Popularisierung in Ausstellungen wie den umstrittenen „Körperwelten“ findet. Der Katalog will das Thema nicht erschöpfend behandeln, sondern – so das Ziel der Herausgeberin – einladen, „der Geschichte der Haut in ihren mannigfaltigen Aspekten selbst weiter nachzuforschen“, was, dies sei vorweggenommen, hervorragend gelungen ist.

Der Beitrag von Almuth Corbach („Von der Haut zur Codexform – Metamorphose eines Organs“) wendet sich zuerst einmal der tierischen Haut und damit dem Grundmaterial zur Herstellung von Büchern bis zur Verdrängung durch das Papier zu. Nach Ausführungen zum Aufbau der tierischen Haut und zu den aufwändigen Verarbeitungsschritten hin zu Pergament und Leder wird die Lagenbildung zu Buchseiten näher erläutert. In einer Art „Warenkunde“ wird anschließend der Blick auf die Zuordnungen der Leder/Pergamente zu ihrem tierischen Träger gelenkt, untermalt von sehr schönen Abbildungen und Erläuterungen zu Pergamentfehlern und –rissen, einem Phänomen, das in der historischen Arbeit mit Pergamenturkunden und -kodizes zwar immer wahrgenommen wird, das aber wegen der Fixierung auf den Text meist zu kurz kommt.

Helmar Härtel thematisiert in seinem anschließenden Beitrag das „Färben, Beschreiben, Bemalen, Bedrucken und Entziffern von Pergament“. Zu Beginn führt Härtel kurz in den technischen Vorgang des Färbens und der Beschriftung von Pergament ein, um dann die Problematik der Überlieferung zu thematisieren. Da Pergament kostbar war (je nach Dicke eines Bandes waren beispielsweise bis zu 500 Schafe nötig), wurde zum einen nur das überliefert, was zu einer bestimmten Zeit für wichtig gehalten wurde, und dies dann oft in späterer Zeit wieder abgeschabt und überschrieben, wodurch Palimpseste entstanden, die seit Ende des 17. Jahrhunderts zunehmend das Interesse von Forschern weckten.

Wissenschaftsgeschichtlich beschäftigt sich Ulrike Zeuch mit der „Haut – Vermittler zwischen Innen und Außen“. Sie weist nach, dass sich die Wahrnehmung der Körperhaut gerade in der Zeit von 1500 bis 1800 stark verändert hat. Dies geschah unter Abwandlung der Aristotelischen Wahrnehmungstheorie, die u.a. durch Thomas von Aquin in die Neuzeit vermittelt wurde. Diesen Wandel weist Zeuch vor allem am „Curiösen Hautdiener“ des Hofarztes Tobias Vogel von 1690 nach. Neben diesem sah auch Herder in seiner „Plastik“ von 1778 die Haut als Spiegel der Seele: Ebenso wie Vogel war er überzeugt davon, dass sich seelische Schönheit und Bosheit im Äußeren widerspiegle.

Gemeinsam verfassten die Medizinhistorikerin Mariacarla Gadebusch und die Literaturwissenschaftlerin Claudia Benthien ihren Artikel „Körper und Buch“, wodurch ihnen auf einer Meta-Ebene selbst die Verbindung von Körper- und Buchwissenschaft hervorragend gelang. Sie weisen schlüssig den engen Zusammenhang nach, den Buch und Körper im Mittelalter und in der frühen Neuzeit bildeten. Dies zeigt sich anhand von Abbildungen und Texten, wie beispielsweise den Initialen mittelalterlicher Handschriften, in denen Körper die ersten Buchstaben formen, den barocken Figurengedichten oder den Abbildungen in den Büchern früher Anatomen. Diese lasen quasi wie in Büchern in den toten Körpern, ein Vorgang, der wiederum durch Bücher an die Leser weitervermittelt wurde. Das Buch war so gleichzeitig ein Medium zur „theatralen Inszenierung des Körpers“ (S. 100).

In ihrem Beitrag „Abgeschunden, gegerbt und beschriftet – die menschliche Haut als mahnendes Schaustück in der niederländischen Anatomietradition“, thematisiert die Kunsthistorikerin Daniela Bohde die Abbildung der menschlichen Haut auf Titelkupfern anatomischer und rechtsgelehrter Werke. Dabei ist die als menschlich erkennbare, abgezogene Haut wie ein Pergament Träger des Buchtitels. Gerade in den Rechtsbüchern seit dem 16. Jahrhundert spielen zudem verschiedene Schindungslegenden eine große Rolle. Den engen Zusammenhang zwischen Recht und Anatomie zeigt Bohde auch anhand der niederländischen Praxis, zur Sektion meist nur die Leichen Hingerichteter zu verwenden.

Nach einem kurzen Überblick über Verlauf und Verbreitung der Lepra stellt die Medizinhistorikerin Bettina Wahrig in ihrem Beitrag „Kranke Haut – kranker Körper: Das Beispiel Lepra“ eine Auswahl an Beschreibungen der Krankheit vor, die von der Versdichtung Konrads von Würzburg über seinen an Lepra erkrankten Freund (Ende des 13. Jahrhunderts), über den Leprabericht des Stadtarztes Philipp Schopf in Pforzheim (1582) bis zur akribischen Beschreibung der Krankheit durch Philipp Gabriel Hensler (1790) reicht. Neben der Ausgrenzung der Leprakranken aus der Gesellschaft in Leprosenhäuser vor der Stadt war man aber immer auch um die Heilung bzw. Linderung der Krankheit bemüht. Allerdings waren die verschiedenen Heilmethoden durch alle Zeiten immer umstritten und sind es bis heute, wo in Ländern der so genannten Dritten Welt Thalidomid zur Linderung verabreicht wird, ein Arzneimittel, das hier unter dem Handelsnamen Contergan bekannt ist.

In die Abgründe des medizinischen Aberglaubens führt Robert Jütte in seinem Artikel „Haut als Heilmittel“. Bis ins 18. Jahrhundert waren namhafte Apotheker und Ärzte von der Heilkraft der menschlichen Haut überzeugt, sei es die Haut gerader Verstorbener oder von schwer zu bekommenden Mumien. Die Medikation von Menschenhaut belegen dabei neben Arzneitaxen vor allem Gerichtsakten. Heilung sollte die in der Regel von zum Tode Verurteilten stammende Haut beim Lösen von Krämpfen bringen, war also gerade in der Geburtshilfe bis ins 18. Jahrhundert sehr beliebt. Dazu wurde sie als Binde um den Bauch der Gebärenden gelegt oder als Handschuh oder Schuh über die betreffende schmerzhafte Stelle gestreift (S. 161f.) Scharfrichter übernahmen die Rolle der Lieferanten, die sich die Haut teuer bezahlen ließen. Die Haut spielte aber nicht nur als äußerliches Heilmittel in Mittelalter und Neuzeit eine Rolle, sondern auch bei Versuchen von Hauttransplantationen, die in Europa seit dem 15. Jahrhundert getätigt wurden (S. 164).

In ihrem den Band abschließenden Beitrag widmet sich Ulrike Landfester dem Thema „Beschriebene Haut: Eine kleine Kulturgeschichte der Tätowierung“. Neben der Darstellung der möglicherweise ältesten Tätowierungen weist Landfester anhand von Abbildungen aus frühneuzeitlichen Reisebeschreibungen überzeugend nach, dass die dort abgebildeten Tätowierten „das Fremde in seiner Alterität [dokumentierten] und ... es zugleich in einen europäisch codierten Begehrenskontext [stellten]“. Stellte man im 18. Jahrhundert tätowierte „Fremde“ noch auf Jahrmärkten aus, so ging man in Europa seit Ende des 19. Jahrhunderts dazu über, den eigenen Körper zu tätowieren und zur Schau zu stellen. Damit einher gingen neben dem gesellschaftlichen Unbehagen auch gerichtspsychiatrische Studien, die nachzuweisen versuchten, dass jeder Tätowierte ein Verbrecher sei. Die makabersten Auswüchse trieb das Interesse an Tätowierungen während des Nationalsozialismus: So wurden in verschiedenen Konzentrationslagern tätowierten Häftlingen nach ihrem Tod die Haut mit der Tätowierung abgezogen und zu Lampenschirmen präpariert.

Insgesamt ist hier ein gelungener Band entstanden, der mithilfe klug ausgewählter Autorinnen und Autoren aus den unterschiedlichsten Disziplinen einen interessanten und überaus gelehrten Einblick in das Thema der menschlichen und tierischen Haut bietet und es durch die kompetent ausgewählten und erläuterten Abbildungen (in erfreulich hoher drucktechnischer Qualität) sehr anschaulich darstellt.

Zitation
Doris Bulach: Rezension zu: Zeuch, Ulrike; Benthien, Claudia u.a. (Hrsg.): Haut: Zwischen 1500 und 1800. Verborgen im Buch, verborgen im Körper. Ausstellung in der Herzog-August-Bibliothek, 5. Oktober 2003 bis 11. Januar 2004. Wiesbaden 2003 , in: H-Soz-Kult, 16.03.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3846>.
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Veröffentlicht am
16.03.2004
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