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Titel
Vollwerternährung. Diätetik, Naturheilkunde, Nationalsozialismus, sozialer Anspruch


Autor(en)
Melzer, Jörg
Erschienen
Stuttgart 2003: Franz Steiner Verlag
Umfang
480 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrike Thoms, Institut für Geschichte der Medizin, Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften Berlin

Seit den 1970er-Jahren hat sich die Geschichte alternativer Lebensweisen anhaltenden Interesses zu erfreuen, sowohl von Seiten der Medizin-, wie der Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. Betrieben die Begründer und Jünger alternativer Ernährungslehren historische Legendenbildung, erhielten die historischen Rückblenden seit den 1970er-Jahren durch die Formierung der alternativen Bewegungen neue Schubkraft, indem sie zur Legitimierung des eigenen politischen Anliegens beitrugen. Der Rückblick in die eigene Vergangenheit wurde dabei häufig verschleiert durch gläubige Heldenverehrung und Grabenkämpfe zwischen verschiedenen Richtungen und zwar um so mehr, als nationalsozialistische Verstrickungen und personelle Kontinuitäten verdrängt, vergessen oder verschleiert wurden. Insofern entspricht die hier zu besprechende Arbeit von Jörg Melzer, die als Dissertation am Senckenbergischen Institut für Geschichte der Medizin entstanden ist, dem dringenden Bedürfnis, diese viel zu lange verborgene Geschichte aufzuarbeiten.

Anders, als der kryptische und vieldeutige Titel der Arbeit glauben machen könnte, setzt die Arbeit in der Antike ein, auf rund 30 Seiten erläutert sie die Diätetik der Vorsokratiker, der hippokratischen Ärzte und Galens, um dann kühn ins 18. und 19. Jahrhundert zu Hufelands Makrobiotik zu springen. Es folgen Abrisse von Leben und Lehre zentraler Naturheilkundler des 19. Jahrhunderts, während der Übergang zum 20. Jahrhundert exemplarisch an Mikkel Hindhede und Maximilian Bircher-Benner behandelt wird. 100 Seiten widmen sich sodann den Ernährungsempfehlungen des Dritten Reiches, den sie verbreitenden Institutionen sowie der Person Werner Kollaths, während der dritte Hauptteil sich mit den Hauptvertretern der Vollwerternährung, den Entwicklungen ihrer Lehre sowie den personellen Kontinuitäten nach 1945 beschäftigt.

Es ist dieser zweite Teil des Buches, der es trotz mancher sprachlicher Mängel und Fehler zu einer spannenden Lektüre macht, die umso spannender wird, je weiter man sich der Gegenwart nähert. Angesichts der herausgearbeiteten, über 1933 und 1945 bis in die jüngste Gegenwart hinein reichenden Kontinuitäten der bundesdeutschen Ernährungswissenschaften müssen sich diese ebenso wie die Wissenschaftsgeschichte zu Recht fragen lassen, warum eine Beschäftigung mit dieser wenig rühmlichen Vergangenheit so lange ausgeblieben ist. Ganz abgesehen davon, dass führende Ernährungsforscher wie Heinrich Kraut und Ernst-Günther Schenck Insassen von Konzentrationslagern und Kriegsgefangene für die Prüfung von Kostsätzen oder bestimmten Produkten zu Versuchen benutzten, dienten die Vertreter der Vollwerternährung ihre Lehren dem Dritten Reich an, in dessen Ernährungspolitik sie sich perfekt einpassten. Denn sie propagierten eine der regionalen Vegetation und Erzeugung angepasste regionale Kost, betonten nationale („völkische“) Eigenarten der verschiedenen Ernährungsweisen, forderten einen maßvollen Verzehr von Fleisch und tierischen Produkte und vertraten die Theorie, dass nicht die Kalorien, sondern die Kombination der Nähr- und Inhaltsstoffe für den biologischen Wert einer Nahrung ausschlaggebend seien. Dies sind Ansichten, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zum Teil bis heute erhebt. Die Rolle von Ernährungsphysiologen und -forschern für die nationalsozialistische Autarkiepolitik, für einen organisierten Völkermord, für eine einzig am Nutzen des Einzelnen für die Gesellschaft ausgerichtete „Neue Deutsche Heilkunde“ und die Arbeitsphysiologie ist erst in den letzten Jahren verschiedentlich angerissen worden.[1] Insofern haben die Aufdeckungen vielleicht nicht den Charakter der Enthüllung, den Melzer ihr mitunter zu geben bemüht ist. Dies rührt von einem Umgang mit der Sekundärliteratur her, der nicht immer die wünschenswerte handwerkliche Sauberkeit und Sorgfalt aufweist. Manche Titel, die im Literaturverzeichnis enthalten sind, tauchen in den Fußnoten an Stellen, an denen man auf frühere Forschungen hätte zurückgreifen und so die Darstellung auch hätte abkürzen können, nicht auf.[2] Wieder andere Arbeiten, die wichtige Anregungen gegeben haben, wie etwa Uwe Spiekermanns Artikel über Kollath, werden als „kursorischer Überblick“ bezeichnet (S. 208, Anm. 136) und fortan nicht mehr berücksichtigt, obwohl sie im Hinblick auf die ausgewerteten Quellen über das hier Gebotene hinausgehen und den biografischen Rahmen deutlich abstecken.[3] Symptomatisch ist in dieser Hinsicht, dass in der Einleitung eine Reflexion des Forschungsstandes fehlt. Die Spannung des Buches verdankt sich mithin dem Thema, nicht einer systematisch entwickelten und schlüssigen Fragestellung. Vielmehr werden auf S. 2 drei Fragen schlicht gesetzt: Ob die Vollwerternährung in die hippokratische Tradition eingeordnet werden könne, welche weltanschaulichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen die Naturheilkunde und die Vertreter der Vollwerternährung beeinflussten, wie die Entwicklung der Vollwerternährung nach 1945 verlief.

Diese Fragen sind zentral, doch erscheint die erste merkwürdig aufgepfropft, wie denn überhaupt der erste Teil für den Fortgang der Untersuchung ab S. 143 eigentlich keine Rolle mehr spielt und im Übrigen leicht durch den Einbezug der entsprechenden Forschungsliteratur hätte beantwortet werden können. Auch die langatmigen Ausführungen über die Naturheil- und Naturkostbewegung des 19. Jahrhunderts, die Namen an Namen reihen, hätte sich durch eine Berücksichtigung der einschlägigen Sekundärliteratur komprimieren lassen und zugleich an Substanz und innerem Zusammenhang gewonnen.[4] Im Abschnitt über die Ernährungsempfehlungen im Dritten Reich wird die wichtige Rolle der „Neuen Deutsche Heilkunde“ zwar erwähnt. Doch die einschlägigen neueren Arbeiten dazu [5] werden nicht berücksichtigt, der systematische Platz, den die Hygiene der Ernährung zusprach, nicht ausreichend gewürdigt.[6] Vielmehr werden die Bezüge auf die „Neue Deutsche Heilkunde“ und ihre Inhalte einzig mit einem Zitat Brauchles aus dem Jahr 1937 belegt (S. 139). Traditionslinien verschwimmen also; was im Übrigen auch für die Darstellung von Kollaths System der Hygiene (S. 211) gilt, die so neu ja gar nicht war, sondern ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hatte.

Hinzu kommt, dass Quellenkritik nicht systematisch erfolgt, was bei den zugrunde gelegten, hochgradig ideologisch aufgeladenen Texten höchst notwendig gewesen wäre. Vielmehr zieht sich die Einleitung in einem knappen Absatz darauf zurück, die Quellen auf ihre „Echtheit“ prüfen und den zeitlichen Rahmen rekonstruieren zu wollen, vom Aussagewert, ja, dem höchst unterschiedlichen Aussagewert der verschiedenen, benutzten Quellentypen ist hier nicht die Rede. Die Quellentexte dienen vielfach nicht allein zur Rekonstruktion bestimmter Meinungen, sondern auch zur Überprüfung ihrer Richtigkeit. Diese wird durch Zitate zweiter Hand aus den gleichen Quellen belegt, ohne sie an komplementären Quellen zu überprüfen oder auch nur auf ihre Subjektivität zu hinterfragen.

Bei aller Kritik, bei allen sprachlichen Mängeln und Nachlässigkeiten, wird die künftige Forschung an dieser Arbeit nicht vorbeigehen können: Sie macht auf die bislang von der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte sträflich vernachlässigte Geschichte der Ernährungswissenschaften und erneut auf die politische Indienstnahme von Wissenschaft aufmerksam, bietet eine gedrängte Zusammenstellung der Hauptvertreter der Vollwerternährung, eine Fülle biografischer Informationen, grundlegende Informationen zumindest zu einzelnen Institutionen und Organisationen und der hauptsächlichen Entwicklungslinien der Ernährungslehre, soweit sie von Lebensreform und Naturheilkunde inspiriert waren. Damit weitet die Arbeit den bisher vorherrschenden Blickwinkel auf die Zeit des Kaiserreichs und die Konzentration auf die soziokulturellen Aspekte der Gegenbewegung Lebensreform entscheidend auf und nimmt letztlich auch den eigenen wissenschaftlichen wie politischen Anspruch der Reform erst ernst. In diesem Sinne hat Melzer ein bei allen Schwächen wichtiges Buch vorlegt, zumal er auf Kontinuitäten verweist, mit denen sich Naturkostbewegung und Ernährungswissenschaften selbst bis heute nicht auseinander gesetzt haben.

Anmerkungen:
[1] Zuletzt bei: Heim, Susanne, Kalorien, Kautschuk, Karrieren. Pflanzenzüchtung und landwirtschaftliche Forschung in Kaiser-Wilhelm-Insituten 1933-1945, Göttingen 2003, S. 102ff; siehe auch: Gerlach, Christian, Krieg. Ernährung, Völkermord. Deutsche Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg, München 2001, S. 153-234; Spiekermann, Uwe, Der Naturwissenschaftler als Kulturwissenschaftler: Das Beispiel Werner Kollaths, in: Neumann, Gerhard; Wierlacher, Alois; Wild, Rainer (Hgg.), Essen und Lebensqualität. Natur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Frankfurt am Main 2001; Spiekermann, Uwe, Vollkorn für die Führer. Zur Geschichte der Vollkornbrotpolitik im „Dritten Reich“, in: 1999 16 (2001), S. 91-128; Gerlach, Christian, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland, 1941-1944, Hamburg 1999; Kopke, Christoph, Der „Ernährungsinspektor der Waffen-SS“. Zur Rolle des Mediziners Ernst Günther Schenck im Nationalsozialismus, in: Ders. (Hg.), Medizin und Verbrechen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Walter Wuttke, Ulm 2001, S. 208-221.
[2] So Kopke (wie Anm. 1).
[3] Spiekermann, Kollath (wie Anm.1).
[4] So etwa: Barlösius, Eva, Naturgemäße Lebensführung. Zur Geschichte der Lebensreform um die Jahrhundertwende, Frankfurt am Main 1997; Teuteberg, Hans Jürgen, Zur Sozialgeschichte des Vegetarismus, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 81 (1994), S. 33-65; Baumgartner, Judith, Ernährungsreform – Antwort auf Industrialisierung und Ernährungswandel, Frankfurt am Main 1992; Regin, Cornelia, Selbsthilfe und Gesundheitspolitik: Die Naturheilbewegung im Kaiserreich (1889 bis 1914), Stuttgart 1995.
[5] Verwiesen sei hier nur auf: Bothe, Detlef, Neue Deutsche Heilkunde 1933-1945. Dargestellt anhand der Zeitschrift „Hippokrates“ und der Entwicklung der naturheilkundlichen Laienbewegung, Husum 1991; Haug, Alfred, Die Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde (1935/36), Husum 1985.
[6] Dazu besonders: Maitra, Robin T.,“ ... wer imstande und gewillt ist, dem Staate mit Höchstleistungen zu dienen.“ Hans Reiter und der Wandel der Gesundheitskonzeptionen im Spiegel der Lehr- und Handbücher der Hygiene zwischen 1920 und 1960, Husum 2001.

Zitation
Ulrike Thoms: Rezension zu: : Vollwerternährung. Diätetik, Naturheilkunde, Nationalsozialismus, sozialer Anspruch. Stuttgart  2003 , in: H-Soz-Kult, 24.04.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3905>.
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24.04.2004
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