A. Schenker: Der Jüdische Verlag 1902-1938

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Titel
Der Jüdische Verlag 1902-1938. Zwischen Aufbruch, Blüte und Vernichtung


Autor(en)
Schenker, Anatol
Erschienen
Tübingen 2003: Max Niemeyer Verlag
Umfang
VII, 615 S., 24 s/w Abb.
Preis
€ 120,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Bauer, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Freie Universität Berlin

Mit dieser umfangreichen Arbeit zur Geschichte des Jüdischen Verlages – eine Dissertation der Universität Basel aus dem Jahr 2000 – ist ein weiterer Baustein am virtuellen Gebäudekomplex der untergegangenen und für die deutsche Geistesgeschichte äußerst wichtigen jüdischen Verlagshäuser gesetzt worden. Seit Volker Dahms grundlegenden Forschungen zur Ausschaltung der jüdischen Verleger und Buchhändler während des Nationalsozialismus und über den Verlag Salman Schockens [1] hat eine Reihe neuerer Arbeiten sich der längst verschollen geglaubten Institutionen des geistigen Austauschs angenommen und ein verbessertes Bild ihrer Geschichte und Bedeutung geliefert. [2] Schenkers Beitrag zeichnet auf der Basis vor allem der „Central Zionist Archives“ in Israel, aber auch weiterer benutzter Aktenbestände und Nachlässe ein weitgehend geschlossenes Bild der Entwicklung dieses Verlagshauses, das zunächst als Publikationsorgan der zionistischen Bewegung gegründet worden war.

Die Schwierigkeiten des Verlages am Beginn rührten daher, dass zu seinen Gründern zunächst junge Opponenten gegen die Führung und die Richtung der zionistischen Bewegung gehörten, die vom kulturpolitischen Eifer einer „jüdischen Renaissance“ beseelt, wenig praktische Kenntnisse im Verlagsgeschäft mitbrachten. Die von Chaim Weizmann unterstützte Gruppe der „Demokratischen Fraktion“ um Martin Buber zählte den Schriftsteller Bertold Feiwel, den Grafiker E.M. Lilien und den Herausgeber der neuen Zeitschrift „Ost und West“, Davis Trietsch zu den Gründern des Verlages. Schenker kann anhand der Dokumente ein realistisches Bild der Beziehungen des Hauses zur zionistischen Organisation geben, deren Hauptproblem darin zu erblicken ist, dass aufgrund seiner finanziellen Struktur als auf gezeichneten Garantiefonds begründeter Gesellschaft „der Jüdische Verlag faktisch bankrott war, bevor die ersten Verlagswerke ausgeliefert werden konnten“ (S. 49). So war es die zionistische Organisation nach Herzls Tod 1904 in der Gestalt des Kölner Kaufmannes David Wolffsohn, die eine Revision der ökonomischen Struktur und 1906 auch einen zeitweiligen Umzug des Verlages von Berlin nach Köln veranlasste. Bis 1922 erschienen in dem Verlag nicht nur die Protokolle der Zionistenkongresse, sondern auch die zionistischen Schriften Herzls, die für die kulturzionistische Bewegung einschlägige Aufsatzsammlung von Achad Ha’am „Am Scheidewege“ und der gleich als zweite Publikation des Verlages großes Aufsehen erregende „Jüdische Almanach“. Nur annähernd konnte aber der Verlag die in der Werbung innerhalb der zionistischen Kreise gerne hervorgehobene Rolle eines zentralen Propagandamotors und kulturellen Erziehungsinstruments erfüllen.

Von 1911 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges übernahm der vom Piper-Verlag kommende Ahron Eliasberg die Leitung des finanziell neu strukturierten Verlages und führte ihn einigermaßen erfolgreich durch die schwierigen Kriegszeiten. Die mit dem Krieg einhergehenden Veränderungen der politischen Landkarte führten auch dazu, dass die zionistische Bewegung ihr Zentrum von Mitteleuropa nach London verlegte und damit auch die Beziehungen zum Verlag sich entscheidend veränderten. Die regelmäßige finanzielle Unterstützung wurde dünner, es wurde eine hebräische Abteilung dem Verlag angegliedert, die allerdings nur wenige Produkte herausbrachte. Nach Eliasberg leitete interimistisch der Prager Autor Siegmund Kaznelson den Verlag, um 1924 von der zionistischen Exekutive gedrängt zu werden, das Unternehmen komplett in Privatbesitz zu übernehmen und bis zu seiner Schließung in Deutschland allein zu führen. In dieser Periode erschienen in dem Verlag eine Reihe seiner bedeutendsten Publikationen, die bis heute sein Bild bestimmen, u.a. das „Jüdische Lexikon“, die 10 Bände der „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ von Simon Dubnow, Theodor Lessings „Jüdischer Selbsthass“ oder die Tagebücher Theodor Herzls. Es gelang Kaznelson, trotz der nationalsozialistischen Repressionen nach 1933 eine Parallelfirma in Palästina zu gründen und einen Großteil der Produktion des Jüdischen Verlages in deren Besitz zu bringen, so dass eine Neugründung in der Bundesrepublik noch in den 1960er -Jahren Bücher des Verlages aus der Vorkriegszeit anbieten konnte.

Schenker hat die große Masse seines Quellenmaterials in überzeugender Weise geordnet. Die chronologische Darstellung der inneren Entwicklung des Verlages, die in großer Ausführlichkeit erfolgt, unterbrechen insgesamt 6 Exkurse mit interessanten Informationen zu einzelnen Publikationen. Darunter reicht der zu Jakobus Kanns Buch „Erez Israel – Das jüdische Land“ von 1909 unmittelbar in die Empfindlichkeiten der damaligen internationalen Palästinapolitik. Wie überhaupt die enge Verzahnung mit der Entwicklung der zionistischen Bewegung zumindest am Beginn des Verlages ihren Einfluss ausübte. Schenker versucht auch, die Hauptprotagonisten plastisch in ihren Aktivitäten hervortreten zu lassen und das geistige Umfeld zu skizzieren, in dem sie sich bewegen. So entstehen wichtige Kontextskizzen der jüdischen Welt und der zionistischen Bewegung in Deutschland. Mag auch manches persönliche Urteil oder manche Darstellungsweise Fragen beim Leser erwecken, so ändert dies nichts an der Tatsache, dass Schenker die Auseinandersetzungen mit der zionistischen Exekutive und die strukturelle Entwicklung sowie die wichtigsten Verlagsprodukte sehr anschaulich und für den Leser gewinnbringend detailliert darstellt. Dies schließt nicht aus, dass neue Quellenfunde weitere Ergänzungen liefern könnten. Nicht zu unterschätzen ist die im Anhang abgedruckte Bibliografie des Jüdischen Verlages, die teilweise mit Titelblättern und Werbematerial illustriert ist. Sie zeigt nicht zuletzt auch den bibliophilen Antrieb Schenkers, der offensichtlich einen Großteil der Verlagsproduktion antiquarisch erworben hat. Für die weitere Forschung zur jüdischen Publizistik stellt die möglicherweise nicht ganz vollständige Bibliografie jedenfalls ein unentbehrliches Instrument dar. Und dies gilt auch insgesamt für dieses Standardwerk zur Geschichte des Jüdischen Verlages: Zum ersten Mal kann auf der Basis von verlässlichen Zahlen und belegten Korrespondenzen im Zusammenhang mit der (kultur-)zionistischen Bewegung der Entwicklungsgang dieses bedeutenden Verlages verlässlich nachvollzogen werden.

Anmerkungen:
[1] Dahm, Volker, Das jüdische Buch im Dritten Reich. I: Die Ausschaltung der jüdischen Autoren, Verleger und Buchhändler. II. Salman Schocken und sein Verlag, Frankfurt am Main 1979/1982.
[2] Diehl, Katrin, Die jüdische Presse im Dritten Reich. Zwischen Selbstbehauptung und Fremdbestimmung (Conditio Judaica 17), Tübingen 1997; Neiss, Marion, Jiddische Zeitungen und Zeitschriften im Berlin der Weimarer Republik, in: Benz, Wolfgang (Hg.), Jüdisches Leben in der Weimarer Republik (Schriftenreihe wiss. Abhandlungen des Leo Baeck Instituts 57), Tübingen 1998; Schreuder, Saskia, Würde im Widerspruch. Jüdische Erzählliteratur im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1938, Tübingen 2002.

Zitation
Markus Bauer: Rezension zu: : Der Jüdische Verlag 1902-1938. Zwischen Aufbruch, Blüte und Vernichtung. Tübingen  2003 , in: H-Soz-Kult, 17.09.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4020>.
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17.09.2004
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