G. Krumeich u.a. (Hgg.): Schlachtenmythen

Titel
Schlachtenmythen. Ereignis - Erzählung - Erinnerung


Hrsg. v.
Krumeich, Gerd; Brandt, Susanne
Erschienen
Umfang
246 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Aust, Kiel

Der zu besprechende Band ist hervorgegangen aus einer Sektion des Münchner Historikertages von 1996. Was damals von der Aura des Neuen umgeben war, kommt dem Leser der Jahre 2003/2004 allzu vertraut vor. Berlin hat mittlerweile zwei Ausstellungen über die Mythen der Nationen gesehen. Die erste war 1998 den Geschichtsmythen vor allem in der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts gewidmet. [1] Die zweite läßt gerade die Mythenbildungen um den Zweiten Weltkrieg Revue passieren. [2] In Tübingen befindet sich der Sonderforschungsbereich Kriegserfahrung in seiner dritten Förderphase, [3] und auch aus dem Gießener Sonderforschungsbereich zum Thema Erinnerungskulturen ist eine Publikation über Krieg und Erinnerung hervorgegangen. [4] Nicht zuletzt die dreibändigen deutschen Erinnerungsorte legen Zeugnis davon ab, dass die historische Dimension des kulturellen Gedächtnisses hierzulande mittlerweile intensiv beforscht worden ist. [5]

Es wäre jedoch ein Fehlurteil, angesichts dieser Publikatonsflut einen Band über Schlachtenmythen für verspätet und obsolet erklären zu wollen. Denn die Beobachtung, die Gerd Krumeich und Susanne Brandt zur Herausgabe des Bandes bewegt hat, ist nach wie vor verblüffend einfach und einleuchtend zugleich. Denn während es eine unüberschaubare Literatur über sogenannte mythische Schlachten gibt, hat sich kaum jemand der Schlachtenmythen angenommen (S. 1). Und trotz der jüngsten Publikationen darf davon ausgegangen werden, dass dieses krasse Mißverhältnis nach wie vor besteht. Es lag insofern nahe, einen Blick darauf zu werfen, wie Zeitzeugen und spätere Generationen sich die Geschichte der Schlachten aneigneten und sie mythisierten. Zu diesem Zweck versammelt der Band elf Beiträge über Schlachtenmythen nebst jeweils einem Artikel zu Schlachtenmusik und der Schlacht im Film, letzteres exemplifiziert anhand einiger Filmerzählungen der alliierten Landung in der Normandie. Die elf Beispiele beleuchten die Mythisierung der Schlachten von Marathon 490 v. Chr., Roncesvalles in den Pyrenäen am 15. August 778, auf dem Peipussee 1242, bei Racławice am 4. April 1794, bei den Pyramiden am 21. Juli 1798, von Srirangapatna am 4. Mai 1799, am Berg Isel am 13. August 1809, von Waterloo am 18. Juni 1815, Bir Hakeim im Juni 1942, Stalingrad 1942/43 und um die Seelower Höhen im April 1945.

Es wäre einfach, eine ganze Phalanx von Schlachtenmythen zu nennen, die nicht in diesem Band vorkommen. Doch es ist eine Frage von Verstand und Anstand, das Anliegen der Herausgeber ernst zu nehmen: eine Enzyklopädie der Schlachtenmythen war nicht ihr Ziel. Vielmehr sollte es darum gehen, ein Forschungsfeld zu profilieren. Idealtypisch betrachtet, erzählen die versammelten elf Fälle dabei drei Typen von Mythos. Die einen sind Ursprungserzählungen, andere handeln von der Verteidigung der Heimat, wieder andere schließlich vom Kampf verschiedener Kulturen.

Es gehört zu den ehernen Gesetzen von Sammelbänden, dass nicht alle Beiträge auf der Qualitätsskala denselben Ausschlag erreichen. Während die meisten Beiträge stringent die Erinnerungsgeschichte einer Schlacht verfolgen, springen mache verwirrend zwischen der realen Schlachtengeschichte und ihrer Erinnerung hin und her und produzieren dabei manche Redundanzen. Der verführerischen Kraft des Mythos verfallen scheint Erich Pelzer, wenn er dem Waterloo-Mythos „eine exklusive, unvergleichliche Position innerhalb der abendländischen Geschichte“ attestieren möchte (S. 143). Singularisierung und Superlativierung von Schlachten und ihrer Erinnerung sind aber nicht die Schlußfolgerungen, die die Lektüre des Bandes nahelegt. Über den Beitrag zur Schlacht auf dem Peipussee wiederum ist die Forschung in der Zwischenzeit mit Siebenmeilenstiefeln hinweggeschritten. Wer sich für die russischen Erinnerungen an den Sieg Aleksandr Nevskijs über den Deutschen Orden 1242 interessiert, wird dankbar Frithjof Benjamin Schenks Berliner Dissertation zur Hand nehmen. [6] Dort kann man nun nachlesen, dass der ‚Clou‘ der Nevskij-Erinnerung in Rußland nicht allein im durchlaufenden Generalbaß des Ost-West-Gegensatzes liegt, wie Gerd Krumeich den Beitrag Dittmar Dahlmanns in der Einleitung resümiert (S. 10). Bezeichnender für die Konjunkturen der Nevskij-Erinnerung ist vielmehr die Abfolge verschiedener Konzepte kollektiver Identität, die im Laufe der Jahrhunderte in die Figur des siegreichen Fürsten von 1242 hineingelesen wurden: eine lokale Novgoroder Verehrung, die kirchliche Sakralisierung des Fürsten zum Heiligen, die Berufung der Moskauer Linie der Rjurikiden auf Aleksandr Nevskij als dynastischen Stammvater, Peters des Großen imperialer Rekurs auf Nevskij als Bezwinger der Schweden, die Nationalisierung der Figur im 19. Jahrhundert und ihre Verkörperung des Führertypus im Sowjetpatriotismus.

Die drei Stichworte des Untertitels sind nicht von allen Autoren gleichrangig ausgeleuchtet worden. Ereignis, Erzählung und Erinnerung verspricht der Untertitel als analytische Aspekte. In manchem Beitrag wird der Weg vom Ereignis zur Erinnerung jedoch unter stiefväterlicher Behandlung der Erzählung sehr rasch zurückgelegt. Obwohl z.B. Bernd Wegner in seinem Beitrag über Stalingrad die Arbeit von Kumpfmüller zitiert (S. 185, Anm. 9), muß der geneigte Leser letztlich doch Kumpfmüllers Dissertation zur Hand nehmen, wenn er Informationen zu den literarischen Formen des mythischen Erzählens über Stalingrad sucht. [7]

Die Zukunft der Forschung zum kulturellen Gedächtnis liegt in der Verknüpfung verschiedener Erinnerungen. Denn die Behandlung von Erinnerungen in einem einzelstaatlichen oder bestenfalls bilateralen Rahmen, in dem zwei Seiten sich über die Erinnerung an ein Ereignis streiten, läßt Fragen offen. Dies machen en passant auch zwei Beiträge dieses Bandes deutlich: Im Beitrag über die Mythisierung der Schlacht bei den Pyramiden scheint u.a. die Erzählung der französischen mission civilisatrice im Orient auf (S. 92, 93.). Im folgenden Artikel über die Schlacht von Srirangapatna fällt die Bemerkung, dass sich im britischen Krieg gegen den südindischen Staat Mysore 1799 nicht zuletzt die britische Rivalität mit Frankreich niederschlug (S. 118). Der Sieg wurde in der englischen Erinnerungskultur zumal des späten 19. Jahrhunderts und auch noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als britischer Beitrag zu Frieden und Fortschritt im Orient verbucht (S. 122). Dies wirft die Frage auf, inwiefern britische Akteure damit nicht allein einen eigenen Erinnerungsort besetzten, sondern dies auch und gerade in Konkurrenz zu französischen Selbstdarstellungen und Erinnerungsszenarien taten. Hier deuten sich Fragen an, die auf eine Verflechtungsgeschichte der Erinnerungen zielen.

Auf der Habenseite des Bandes ist nicht zuletzt die Behandlung von Schlachtenmyhten verschiedener Epochen und unterschiedlicher, auch außereuropäischer Regionen zu verbuchen. In der Zeit einer beeindruckend pluralistischen Geschichtswissenschaft kann es nie von Nachteil sein, zu demonstrieren, dass Vielfalt nicht in babylonischer Forschungsverwirrung enden muß. Quer zu den Subdisziplinen des Faches lassen sich durchaus verbindende Fragestellungen gewinnbringend bearbeiten. Hierfür ist in der Summe der Band über die Schlachtenmythen ein Beleg, der sich mit viel Gewinn lesen läßt.

Anmerkungen:
[1] Monika Flacke (Hg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Begleitband zur Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (20.3.-9.6.1998), Berlin 1998.
[2] Monika Flacke (Hg.), Mythen der Nationen. 1945 in der Arena der Erinnerungen. Begleitband zur Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (2.10.2004-27.2.2005), Berlin 2004.
[3] Ergebnisse des SFB liegen bereits publiziert vor. Siehe z.B. Dietrich Beyrau, Hg., Der Krieg in religiösen und nationalen Deutungen der Neuzeit, Tübingen 2001.
[4] Helmut Berding, Klaus Heller, Winfried Speitkamp, Hg., Krieg und Erinnerung. Fallstudien zum 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2000.
[5] Etienne François, Hagen Schulze, Hg., Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bände, München 2001.
[6] Frithjof Benjamin Schenk, Aleksandr Nevskij. Heiliger – Fürst – Nationalheld. Eine Erinnerungsfigur im russischen kulturellen Gedächtnis 1263-2000, Köln 2004.
[7] Michael Kumpfmüller, Die Schlacht von Stalingrad. Metamorphosen eines deutschen Mythos, München 1995.

Zitation
Martin Aust: Rezension zu: Krumeich, Gerd; Brandt, Susanne (Hrsg.): Schlachtenmythen. Ereignis - Erzählung - Erinnerung. Köln  2004 , in: H-Soz-Kult, 18.12.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4026>.
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18.12.2004
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