: Kurt Georg Kiesinger 1904-1988. München : Deutsche Verlags-Anstalt  2006 ISBN 3-421-05824-5, 895 S. € 39,90.

: Kurt Georg Kiesinger. Sein Leben und sein politisches Wirken. Stuttgart : Kohlhammer Verlag  2006 ISBN 3-17-019341-4, 128 S. € 19,80.

Gassert, Philipp; Buchstab, Günter; Lang, Peter Thaddäus (Hrsg.): Kurt Georg Kiesinger 1904-1988. Von Ebingen ins Kanzleramt. Freiburg : Herder Verlag  2005 ISBN 3-451-23006-2, 568 S. € 19,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniela Münkel, Historisches Seminar, Universität Hannover

Kurt Georg Kiesinger ist wohl derjenige Bundeskanzler, der im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik sowie in der Geschichtspolitik der eigenen Partei am wenigsten Spuren hinterlassen hat. Dies schlug sich auch im mangelnden Interesse der historischen Forschung an der Person des dritten CDU-Bundeskanzlers nach 1945 nieder. Er galt als „Kanzler des Übergangs“, und die von ihm geführte Große Koalition wurde lange Zeit als wenig erfolgreiche, kurze Zwischenphase auf dem Weg zur sozialliberalen Koalition eingeschätzt. Die in den letzten Jahren erfolgte Hinwendung der Zeitgeschichtsschreibung zu den 1960er-Jahren als Phase einer beschleunigten Demokratisierung und Liberalisierung hat auch die Zeit der Großen Koalition wieder stärker in den Fokus gerückt.[1] Inzwischen besteht weitgehend Konsens darüber, dass die Zeit von 1966 bis 1969 mehr als eine Übergangsperiode war: Hier wurden die Grundlagen für die Reformprojekte der sozialliberalen Koalition gelegt, erste innenpolitische Reformen auf den Weg gebracht, die Voraussetzungen für die neue Deutschland- und Ostpolitik geschaffen sowie das Verhältnis zu den USA neu justiert. Die Gesamtbilanz der Großen Koalition fällt durchaus positiv aus, und im Besonderen auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik konnten beachtliche Erfolge erzielt werden.

Mit dem wachsenden Interesse an der Großen Koalition ist auch deren Kanzler erneut in das Blickfeld geraten. Zusätzlich befördert wurde die Aufmerksamkeit durch Kiesingers 100. Geburtstag im Jahr 2004 – solche Jahrestage führen ja bekanntlich zu einem erhöhten Publikationsaufkommen von Historiker/innen, Zeitzeug/innen und Journalisten/innen. Durch die Bildung der zweiten Großen Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik im Herbst 2005 entstand auch ein öffentliches Interesse an der ersten Koalition dieser Art und ihrem Kanzler. Nun sind in kurzer Abfolge gleich drei Bände über Kurt Georg Kiesinger erschienen: die erste umfassende Biografie des Bundeskanzlers der Großen Koalition von Philipp Gassert (gleichzeitig seine Habilitationsschrift), ein Sammelband, der Beiträge eines Symposiums der Konrad-Adenauer-Stiftung aus Anlass des 100. Geburtstages Kiesingers im April 2004 versammelt, sowie „eine biographische Skizze“ aus Sicht des Mitarbeiters und Vertrauten Kiesingers, Otto Rundel.

Gassert hat eine klassische politische Biografie über Kiesinger vorgelegt. Die Studie ist gut recherchiert und lesbar, detailreich, differenziert im Urteil und der Interpretation. Die Biografie gliedert sich entlang Kiesingers Lebensweg in sechs Kapitel: Anfänge 1904-1940, vom Nationalsozialismus zur Demokratie 1940-1949, Parlamentarier in der Ära Adenauer 1949-1958, Ministerpräsident von Baden-Württemberg 1958-1966, Kanzler der Großen Koalition 1966-1969 und Elder Statesman 1969-1988. Diese Kapitel werden von einer ausführlichen Einleitung und einer Bilanz in Form von 25 Thesen umrahmt.

Wie Gassert am Ende der Einleitung schreibt (S. 20), will er die „Lebensgeschichte [erzählen], die im April 1904 in einer kleinen Stadt auf der schwäbischen Alb begann und die quer durch die Höhen und Tiefen des deutschen 20. Jahrhunderts bis in das Bonner Kanzleramt führte“. Das Motto für diese „Erzählung“ lautet: „Kanzler zwischen den Zeiten“. Gassert rekurriert hier einerseits auf den Umstand, dass die Große Koalition unter Kiesinger als eine Art Scharnierzeit zwischen der alten Adenauer-Republik und der neuen sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt gelten kann. Andererseits verweist er darauf, dass Kiesinger in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik von allen Kanzlern die geringste Rolle spielt.

Einen Schwerpunkt der Biografie bildet – wie nicht anders zu erwarten – die NS-Vergangenheit des dritten Bundeskanzlers sowie die vergangenheits- bzw. geschichtspolitische Dimension der Auseinandersetzung um eben diese Vergangenheit in den 1960er-Jahren. Dabei will Gassert auch die machtpolitische Dimension solcher Auseinandersetzungen herausarbeiten. Konkret gemeint ist damit die Instrumentalisierung von Kiesingers NS-Vergangenheit durch seine politischen Feinde – innerhalb und außerhalb der CDU – mit dem Ziel, ihm zu schaden und eigene Machtambitionen zu befördern. Weitere Schwerpunkte werden auf die Zeit nach 1945 gelegt, als sich Kiesinger aktiv am demokratischen Wiederaufbau der Bundesrepublik zunächst in Baden-Württemberg beteiligte, sowie natürlich auf die Zeit seiner Kanzlerschaft von 1966 bis 1969.

In der Endphase der Weimarer Republik war Kiesinger in Berlin aktiv in der katholischen Studentenverbindung „Askania“ – die auch als Vorfeldorganisation des politischen Katholizismus gelten kann. Obwohl nur wenig zeitgenössische Überlieferungen politischer Äußerungen und Aktivitäten Kiesingers in der Phase kurz vor, während und nach der Machtübernahme im Januar 1933 vorhanden sind, bemüht sich Gassert um eine abgewogene Darlegung der Gründe, die Kiesinger zu seinem Eintritt in die NSDAP direkt nach der Machtübernahme bewogen haben. Er kommt zu dem Schluss, dass „Opportunismus“ als Motiv für den Eintritt „keinesfalls auszuschließen“ sei (S. 86). Darüber hinaus habe „seine persönliche Prägung durch Herkunft, Generation und Landsmannschaft, wozu sein selbst gestellter Anspruch als Reformer trat, […] ihn für die Sirenenklänge der Nationalsozialisten anfälliger gemacht als andere, denen ihre Milieubindungen einen derartigen Schritt verwehrten“ (S. 87). Gassert räumt ein, dass dies natürlich kein „Ruhmesblatt“ gewesen sei (ebenda). Kiesinger sei zur Vielzahl der Deutschen zu rechnen, die die NS-Zeit mehr oder weniger als Mitläufer durchlebt und mitgetragen hätten – häufig mit NSDAP-Parteibuch, ohne als aktive Nationalsozialisten in Erscheinung zu treten.

Nach dem so genannten „Röhm-Putsch“ im Jahr 1934 verzichtete Kiesinger, der ausgebildeter Jurist war, bewusst auf eine Karriere als beamteter Richter. Er verdiente seinen Lebensunterhalt durch die Abhaltung von juristischen Repetitorien und war als Rechtsanwalt beim Kammergericht Berlin zugelassen, ohne jedoch dem NS-Rechtswahrerbund anzugehören. Gassert kommt zu dem Schluss: Kiesinger „arrangierte sich widerwillig, aber loyal unterhalb der Ebene der politischen Mitwirkung und suchte mit einem Minimum an Anpassung durchzukommen“ (S. 97). Seit April 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Kiesinger dann allerdings im Auswärtigen Amt tätig – ein Weg, um dem Kriegsdienst an der Front zu entgehen. Er war dort in der Rundfunkabteilung beschäftigt, stieg bis zum stellvertretenden Abteilungsleiter auf und war Verbindungsmann zum Propagandaministerium. Gassert streicht die Ambivalenz dieser Stellung heraus: Einerseits nahm Kiesinger eine „wichtige Funktion“ ein, andererseits seien seine Kompetenzen durch die Zuständigkeiten und Vorgaben des Propagandaministeriums begrenzt gewesen (S. 128f.). Dennoch bleibt festzuhalten, dass Kiesinger an zentraler Stelle die Rundfunkpropaganda des Auswärtigen Amtes koordinierte. Während seiner dortigen Tätigkeit lernte er auch Personen kennen, die im Widerstand aktiv waren. Kiesinger selber jedoch war in keinerlei Widerstandsaktionen involviert oder darüber informiert – auch wenn er nach 1945 versuchte, dies in einem etwas anderen Licht erscheinen zu lassen.

Dass Kiesinger weder der Widerstandskämpfer oder das Opfer noch der Kriegstreiber als Propagandist im Auswärtigen Amt und überzeugter Nationalsozialist war, zu dem ihn die DDR, seine politischen Widersacher/innen oder Beate Klarsfeld gemacht haben, kann Gassert deutlich belegen, ohne dass er die tatsächlichen Aktivitäten Kiesingers beschönigen würde. Zugleich unterstreicht Gassert, dass die fehlende Bereitschaft Kiesingers, sich mit seiner Vergangenheit und seinem Verhalten während der NS-Zeit ehrlich und schonungslos auseinanderzusetzen, zu der Verschärfung des Konfliktes um seine Person beigetragen hat. Die Debatten um Kiesingers NS-Vergangenheit können als Exempel für die gesellschaftlichen und generationellen Konfliktlinien in der Bundesrepublik der 1960er-Jahre gelesen werden.

Kiesingers Werdegang in der Nachkriegszeit war neben den Versuchen seiner politischen Rehabilitierung durch ein schnelles Hinwenden zur demokratischen Staatsform gekennzeichnet. Dass dies unter dem Dach der CDU passierte, war angesichts Kiesingers politischer Vorprägung aus der Weimarer Republik kaum verwunderlich. Die erste Zeit nach 1945 war durch politische Erfolge, aber auch Rückschläge gekennzeichnet, die nicht zuletzt aus Differenzen mit Bundeskanzler Adenauer resultierten. Im Jahr 1958 schließlich wurde Kiesinger Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Gassert stellt diese Zeit unter das Schlagwort „Konservative Modernisierung“. Besonders in der Bildungspolitik wird deutlich, was damit gemeint ist. Als exemplarisch dafür kann die von Kiesinger massiv vorangetriebene Errichtung der Reformuniversität Konstanz im Jahr 1966 gelten – vom Ansatz her eine Mischung aus Humboldtschem Bildungsideal und amerikanischer Eliteuniversität.

Wie nicht anders zu erwarten, wird die Kanzlerzeit Kiesingers ausführlich gewürdigt: von den Ränkespielen innerhalb der CDU und der Koalition über die Reformprojekte in der Innen- und Außenpolitik, die Erfolge und Misserfolge bis hin zur gescheiterten Wiederwahl im Jahr 1969. Gassert kommt zu einer positiven Bewertung der Arbeit der Großen Koalition und ihres Kanzlers, auch wenn er dessen Schwächen unumwunden benennt – so Kiesingers nachlassendes Durchsetzungsvermögen, seine mangelnde Bereitschaft zum Aktenstudium oder manche personalpolitische Fehlentscheidung. Die Koalition habe in nur drei Jahren 400 Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, und wesentliche Teile der in der Regierungserklärung angekündigten Vorhaben seien auch umgesetzt worden. Ebenso zeigt Gassert aber die Grenzen auf – vor allem auf dem Gebiet der Deutschland- und Ostpolitik, wo erst die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt wegweisende Neuerungen erreichte.

Über den Privatmann Kiesinger erfährt man bei Gassert wenig. Ebenso kommen seine letzten 19 Lebensjahre nach dem Verlust des Kanzleramtes zu kurz – ihnen werden gerade einmal 14 Seiten in einem über 800 Seiten langen Buch gewidmet. Trotz mancher Redundanz in den übrigen Teilen bietet Gasserts Kiesinger-Biografie nicht nur ein gut recherchiertes und differenziertes Bild des politischen Lebens des ehemaligen CDU-Bundeskanzlers, sondern arbeitet auch ein wichtiges Stück Geschichte der Bundesrepublik auf: neben der Politik der Großen Koalition aus Sicht des Kanzlers und der CDU auch die Geschichts- und Vergangenheitspolitik der 1960er-Jahre auf dem Weg der Selbstfindung der Bundesrepublik hin zu einer gefestigten und aktiven Demokratie.

Otto Rundels Bändchen liefert hingegen nichts Neues. Die Erwartung, vom persönlichen Referenten des Ministerpräsidenten Kiesinger der Jahre 1959 bis 1964 interne Einblicke und interessante Nuancen zu erhalten, wird enttäuscht. Rundel schreibt Bekanntes zusammen, ohne seine eigenen Erlebnisse in angemessener Form einzubringen.

Einen guten Zugriff auf Einzelfragen bietet der zu Kiesingers 100. Geburtstag von Günter Buchstab, Philipp Gassert und Peter Thaddäus Lang im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebene Sammelband. Auch hier verläuft die Gliederung entlang des Lebensweges des ehemaligen Bundeskanzlers. Dabei stehen Kiesingers Engagement als Verbindungsstudent in den 1920er und 1930er-Jahren (Michael Hochgeschwender) genauso im Fokus wie seine später vielfach kritisierte und problematisierte Zeit im Auswärtigen Amt (Jürgen Klöckner). Für die Ministerpräsidentenzeit (1958–1966) werden Kiesingers größte Erfolge und Projekte untersucht, das heißt die Bildungspolitik mit dem Höhepunkt der Neugründung der Universität Konstanz (Thomas Schnabel), die Wirtschaftspolitik (Willi A. Boelcke) sowie die Anstrengungen zur Erhaltung der politischen Einheit des Südwestens (Paul Feuchte). Für die Kanzlerzeit wird neben den großen Reformprojekten der Innen- und Gesellschaftspolitik (Gabriele Metzler) auch die Ost- und Deutschlandpolitik (Oliver Bange) dargelegt. Einen oft vernachlässigten Aspekt greift Hans-Otto Kleinmann auf, indem er Kiesingers Rolle als Parteivorsitzender der CDU nachgeht. Kiesinger und die CDU standen nicht immer im Einklang, und der dritte CDU-Bundeskanzler hatte genauso wie sein Vorgänger Ludwig Erhard mit Anfeindungen und Intrigen aus den eigenen Reihen zu kämpfen. Der Sammelband fasst den bisherigen Forschungsstand zusammen und bietet einen guten Überblick zu zentralen Politik- und Problemfeldern, die sich mit der Person Kiesingers und der deutschen Geschichte von der Zeit der Weimarer Republik bis Ende der 1960er-Jahre verbinden.

Die Biografie von Philipp Gassert und der Sammelband der Konrad-Adenauer-Stiftung haben die Forschung über Kiesinger und sein zeithistorisches Umfeld erheblich vorangebracht: Über den Politiker Kiesinger, seine Rolle während der NS-Zeit und in der Geschichte der Bundesrepublik ist nun Wesentliches gesagt. Weitgehend im Dunkeln bleiben jedoch immer noch Kiesingers private Seite sowie Fragen seines spezifischen politischen Stils und seiner Formen der Selbstdarstellung.

Anmerkung:
[1] Vgl. unter anderem: Schönhoven, Klaus, Wendejahre. Die Sozialdemokratie in der Zeit der Großen Koalition 1966–1969, Bonn 2004.

Zitation
Daniela Münkel: Rezension zu: : Kurt Georg Kiesinger 1904-1988. München  2006 / : Kurt Georg Kiesinger. Sein Leben und sein politisches Wirken. Stuttgart  2006 / Gassert, Philipp; Buchstab, Günter; Lang, Peter Thaddäus (Hrsg.): Kurt Georg Kiesinger 1904-1988. Von Ebingen ins Kanzleramt. Freiburg  2005 , in: H-Soz-Kult, 01.09.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4035>.
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01.09.2006
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