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Titel
Theodora. Herrscherin von Byzanz


Autor(en)
Cesaretti, Paolo
Erschienen
Düsseldorf 2004: Artemis & Winkler
Umfang
450 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Börm, Institut für Klassische Altertumskunde, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Justinian gilt gemeinhin als "der letzte römische Imperator"[1]; sein Name ist dabei traditionell eng verknüpft mit dem seiner Gemahlin, der Augusta Theodora.[2] Bereits vor 100 Jahren hatte Charles Diehl den Versuch unternommen, der Kaiserin eine Biografie zu widmen.[3] Es erwies sich dabei bei ihm wie bei späteren Versuchen [4] aufgrund der äußerst problematischen Quellenlage als schwierig bis unmöglich, zuverlässige Aussagen über Leben und Einfluss Theodoras zu machen. Zuletzt hat vor kurzem James A. S. Evans diesen Versuch gewagt und eine insgesamt solide Monografie vorgelegt.[5] Ein Jahr zuvor, 2001, erschien die italienische Originalausgabe des nun auf Deutsch vorliegenden Werkes des Byzantinisten Paolo Cesaretti, das sich nicht allein durch den dreifachen Umfang von Evans' Monografie unterscheidet. Cesaretti sieht seine Aufgabe explizit nicht allein in der "Rekonstruktion eines Aktenbündels von Zeugnissen", sondern er möchte "Theodora selbst, betrachtet im Spiegel ihres Lebens" schildern (S. 15).

Nach einer kurzen Einleitung (S. 9-16), die insbesondere auf die zentrale Quelle zum justinianischen Zeitalter, Prokop von Caesarea, und hierbei naturgemäß vor allem auf die berüchtigte "Geheimgeschichte" [6] eingeht, die insbesondere für die Jugend Theodoras das einzige Zeugnis darstellt und aufgrund ihrer offensichtlichen Tendenz mit größter Vorsicht zu behandeln ist, wendet sich der Autor der Rekonstruktion der Kindheit der späteren Kaiserin zu. Dabei wird sehr bald deutlich, dass Cesaretti an einer möglichst fesselnden, ausgeschmückten Darstellung gelegen ist, die nicht selten romanhafte Züge annimmt. Das erste Kapitel (S. 17-36) schildert das Leben im spätantiken Konstantinopel zur Zeit des Anastasios, die von Optimismus [7] geprägt gewesen sei (S. 21), und rekonstruiert das Milieu, dem Theodora als Tochter eines Bärenhüters entstammt. Das zweite Kapitel (S. 37-55) gibt im Wesentlichen eine Nacherzählung einer bei Prokop (An. 9,3-7) überlieferten Episode: Nach dem Tod des Vaters erlangen seine Witwe und ihre drei Töchter die Gunst der blauen Zirkuspartei, die daraufhin Theodoras Stiefvater einstellt. Im dritten (S. 56-70) und vierten (S. 71-88) Kapitel befasst sich Cesaretti mit Theodoras Zeit als Schauspielerin. Stets liefert er auch hier zahlreiche allgemeine Hintergrundinformationen, die den wenigen bekannten, dürren Fakten mehr Leben verleihen sollen. Die im vierten Kapitel bereits angesprochenen späteren (und fast ausnahmslos auf die Anekdota zurückgehenden) Gerüchte hinsichtlich des ausschweifenden Sexuallebens der jungen Theodora werden im folgenden Abschnitt (S. 89-103) noch einmal ausführlich dargestellt, wobei Cesaretti versucht, den Hintergrund der Vorwürfe auszumachen.

Seine Vorgehensweise, die halbwegs gesicherten Fakten durch allgemeine Informationen zu ergänzen, lässt sich gewiss am besten am sechsten Kapitel (S. 104-120) beobachten: In Hinblick auf Theodoras Biografie stützt sich der gesamte Abschnitt letztlich auf einen einzigen Satz bei Prokop (An. 9,27), in dem vermerkt wird, die junge Frau habe einen gewissen Hekebolos (über den sonst nichts bekannt ist) nach Afrika begleitet, als dieser Statthalter der Pentapolis wurde, sei dann aber verstoßen worden. Im siebten Kapitel (S. 121-138) wird versucht, Theodoras Hinwendung zum Monophysitismus [8] nachzuvollziehen; im Folgekapitel (S. 139-161) werden Justinians Herkunft und Aufstieg bis zum Konsulat geschildert, wobei Cesaretti annimmt, er habe bereits in diesem frühen Stadium an eine Erneuerung des Imperiums gedacht[9]; sodann wird Justinians erste Begegnung mit Theodora rekonstruiert. Das neunte Kapitel (S. 162-184) beschäftigt sich mit der Heirat der beiden und ihrem weiteren Aufstieg, bis Justinian 527 den Thron besteigt und Theodora zur Augusta wird. Dabei geht Cesaretti von einem bereits erheblichen Einfluss Theodoras auf die Reichspolitik aus.[10] Im Anschluss (S. 185-207) wird die Anfangsphase der Herrschaft Justinians geschildert, wobei unter anderem die Änderung des Hofzeremoniells (vgl. An. 30,21-27) sowie die Religionspolitik Erwähnung finden. Ferner werden mit Belisar, Narses, Petros Patrikios und Johannes dem Kappadoker wichtige Protagonisten der Folgejahre eingeführt.

Das elfte Kapitel (S. 208-233) ist der wohl spektakulärsten Episode der Epoche gewidmet, dem Nika-Aufstand von 532. Cesaretti folgt dabei ganz der traditionellen Sichtweise und geht davon aus, dass Justinian nach einigen Tagen der Revolte die Flucht ergreifen wollte. In diesem Zusammenhang schätzt er die Rolle der Kaiserin als zentral ein. Erst Theodoras flammende Rede habe Justinians Widerstandswillen geweckt und damit die Voraussetzung für die blutige Niederschlagung des Aufstandes geliefert:[11] "Es war in der Tat die augusta, die im Hippodrom von Konstantinopel das Ergebnis des wichtigsten, gewaltsamsten und letzten antiken und spätantiken städtischen Tumults entschied." (S. 209) Cesaretti folgt weiter der Chronologie und widmet sich im zwölften Kapitel (S. 234-257) zunächst der Edition des Codex Iustinianus und dann dem für die Römer so erfolgreichen Vandalenfeldzug, wobei er betont, dass Theodoras Einfluss auf konkrete militärische Fragen als gering eingeschätzt werden müsse (S. 239). Ihr sei es vielmehr vor allem um Ausbau und Repräsentation ihrer kaiserlichen Stellung gegangen sowie um die Belange der Monophysiten, als deren Patronin sie aufgetreten sei. Im dreizehnten Kapitel (S. 258-285) versucht Cesaretti, Theodoras "philogynen" und pro-monophysitischen Einfluss in der kaiserlichen Gesetzgebung nachzuweisen; in der Außenpolitik sei die Augusta einer Rückeroberung des Westens gegenüber sehr skeptisch gewesen: "Sie erkannte allein im Orient die Heimat und Wiege des Imperiums." (S. 276)

Im vierzehnten Kapitel (S. 286-309), das sich mit den Jahren 537 bis 541 befasst, erscheint Theodora einmal mehr als selbständig agierende Politikerin, die vor allem in Bezug auf das Papsttum "das Kommando der Operationen" übernommen habe (S. 286); auch in anderen wichtigen Personalfragen sei ihr Einfluss immens gewesen. So wird auch der Sturz Johannes' des Kappadokers ausführlich geschildert. Das fünfzehnte Kapitel (S. 310-336) durchbricht die Chronologie und widmet sich der kaiserlichen Baupolitik der Jahre zwischen 532 und 542, wobei der Neubau der Hagia Sophia im Mittelpunkt steht. Das folgende Kapitel (S. 337-360) schildert dann die justinianische Pest sowie die Rolle, die Theodora bei der Ablösung und Demütigung Belisars gespielt haben soll. Cesaretti kommt zu dem Schluss, dass das Katastrophenjahr 542 ein Epochendatum der ausgehenden Spätantike markiere.[12] Das siebzehnte Kapitel (S. 360-378) befasst sich mit den Jahren bis 547 und verfolgt dabei unter anderem das weitere Schicksal Belisars sowie die Vorgänge im nun wieder römischen Nordafrika. Es endet mit einer kurzen Schilderung der Nachfolgeproblematik sowie einem knappen Ausblick auf die Herrschaft Justins II., des Ehemannes von Theodoras Nichte Sophia. Im achtzehnten Kapitel (S. 379-395) geht es vor allem um die Kirchenpolitik zwischen 542 und 548, wobei Cesaretti nochmals die seines Erachtens enorme Bedeutung der Kaiserin gerade in der Religionspolitik betont. Im letzten Kapitel (S. 396-405) blickt Cesaretti knapp auf die Jahrzehnte nach 548 und geht sogar noch weiter in der Einschätzung von Theodoras Einfluss: Ohne sie wäre Justinian 532 gestürzt worden, und daher seien die Ereignisse der folgenden Jahre ohne sie letztlich nicht denkbar (S. 399). Es schließen sich ein knapper Anmerkungsteil, ein Glossar, ein Quellenverzeichnis sowie eine wenig ausführliche Bibliografie und ein Register wichtiger Personen an, ein Sachindex fehlt.

Es ist nicht ganz klar, an welches Publikum sich das Buch richtet. Als populärwissenschaftliche Darstellung für eine breite Leserschaft ist es sicher insgesamt nicht ungeeignet. Grundsätzlich erscheint Cesarettis Methode allerdings problematisch: Die erheblichen Lücken, die nicht durch antike Quellen gedeckt sind, füllt er gerne mit allgemeinen Aussagen über Zeit und Umwelt der Kaiserin - und vor allem mit Vermutungen. Diese sind meist plausibel, aber eben letztlich durch nichts zu belegen. Das gilt natürlich insbesondere für Theodoras Jugend sowie ihr Privatleben; mitunter ist man von der blühenden Phantasie des Autors und seinem pathetischen Stil peinlich berührt ("[...] während die Kleider begannen, ihre Fibeln zu verlieren, welche die Faltenwürfe zusammenhielten. Schließlich blieben nur noch die Atemzüge", S. 159). Auch ist Cesarettis Handhabung der Anekdota nicht unproblematisch: Einerseits betont er mit Recht die Unzuverlässigkeit der Angaben, andererseits erliegt er immer wieder der Versuchung, sie dennoch nachzuerzählen. Ob es wirklich nötig ist, die Zahl der "Vereinigungen pro Nacht", die Prokop der jungen Theodora vorhält, auf "etwa 70" (S. 81) hochzurechnen, um dann festzustellen, diese Angabe sei wohl unhaltbar, sei hier dahingestellt. Wichtiger ist die Frage, ob Cesaretti Theodoras Einfluss auf die Politik ihrer Tage nicht bei weitem überschätzt.[13] Ob zum Beispiel Theodoras berühmte Rede während des Nika-Aufstandes überhaupt gehalten wurde, ist keineswegs sicher[14]; eine wirklich greifbare Spur hat die Kaiserin vornehmlich in der Kirchen- und Personalpolitik hinterlassen.

So bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Cesaretti geht sehr weit in dem Bemühen, die Lücken in Theodoras Lebenslauf zu füllen; mitunter verlässt er dabei den Bereich der Rekonstruktion und betritt jenen der bloßen Spekulation. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass nur recht selten auf Quellen verwiesen wird, so dass oft nicht nachvollziehbar ist, woher der Autor seine Informationen eigentlich bezieht. Solange sich der Leser dieser Problematik aber bewusst ist, kann die Lektüre durchaus gewinnbringend sein.

Anmerkungen:
[1] Ostrogorsky, G., Byzantinische Geschichte 324-1453, München 1963, S. 53.
[2] Vgl. die älteren Monografien von Schubart, W., Justinian und Theodora, München 1943 und Browning, R., Justinian and Theodora, London 1971.
[3] Diehl, C., Théodora. Impératrice de Byzance, Paris 1904.
[4] Bridge, A., Theodora. Portrait in a Byzantine Landscape, London 1978; Beck, H.-G., Kaiserin Theodora und Prokop. Der Historiker und sein Opfer, München 1986.
[5] Evans, J. A. S., The Empress Theodora. Partner of Justinian, Austin 2002.
[6] Cesaretti selbst hat die Geheimgeschichte bzw. Anekdota gemeinsam mit F. Conca ediert und übersetzt: Cesaretti, P.; Conca, F. (Hgg.), Procopio. Storie segrete, Mailand 1996; vgl. auch die jüngst erschienene Neuauflage der alten Tusculum-Ausgabe, die mit einem neuen Kommentar versehen wurde: Veh, O. (Hg.), Prokop, Anekdota. Geheimgeschichte. Mit Einführung und Erläuterungen von Mischa Meier und Hartmut Leppin, Düsseldorf 2004.
[7] Vgl. dazu Brandes, W., Anastasios ho dikoros. Endzeiterwartung und Kaiserkritik in Byzanz um 500 n.Chr., Byzantinische Zeitschrift 90 (1997), S. 24-63.
[8] In den monophysitischen - zumal syrischen - Quellen findet sich bekanntlich in der Tat ein sehr positives Bild der Kaiserin; vgl. dazu etwa Ashbrook Harvey, S., Theodora the "Believing Queen". A study in Syriac Historiographical Tradition, Hugoye 4.2 (2001), <http://syrcom.cua.edu/syrcom/Hugoye>.
[9] Ob Justinian tatsächlich bereits vor 533/34 eine Rückeroberung des Westreiches geplant hat, ist zumindest zweifelhaft, vgl. Meier, M., Justinian. Herrschaft, Reich und Religion, München 2004, S. 65.
[10] Diese Sichtweise war bereits im Mittelalter verbreitet; vgl. Zonaras (14,6), der eine Art Samtherrschaft Justinians und Theodoras postuliert. Siehe dazu auch Prokops Behauptung, das Paar habe stets gemeinsam agiert (An. 9,13). Verwiesen wird in diesem Zusammenhang oft auch auf die Präambel der achten Novelle Justinians, in der Theodora als seine gottgegebene Partnerin bezeichnet wird (Nov. 8,1).
[11] Dagegen ist jüngst die These vertreten worden, Justinian habe den Aufstand bewusst provoziert und die Ereignisse von Anfang an unter Kontrolle gehabt; vgl. Meier, M., Die Inszenierung einer Katastrophe. Justinian und der Nika-Aufstand, ZPE 142 (2003), S. 273-300; vgl. ferner auch Greatrex, G., The Nika Riot. A reappraisal, JHS 117 (1997), S. 60-86.
[12] Ausführlicher entwickelt und belegt findet sich diese Theorie dann bei Meier, M., Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6.Jahrhundert n.Chr., Göttingen 2003.
[13] Eine überzeugende Argumentation dafür, dass Theodoras Einfluss den anderer spätantiker Kaiserinnen keineswegs übertroffen habe, bietet Leppin, H., Kaiserliche Kohabitation. Von der Normalität Theodoras, in: Kunst, C.; Riemer, U. (Hgg.), Grenzen der Macht. Zur Rolle der römischen Kaiserfrauen, Stuttgart 2000, S. 75-85; Ders., Theodora und Iustinian, in: Temporini-Gräfin Vitzthum, H. (Hg.), Die Kaiserinnen Roms. Von Livia bis Theodora, München 2002, S. 437-481.
[14] In jedem Fall hat Prokop seine Darstellung der Rede (Bella 1,24,33-37) zu einer versteckten Kritik am Kaiserpaar genutzt, indem er Theodora einen alten Aphorismus in den Mund legte, dessen wahre Bedeutung Eingeweihten wohl klar sein musste; vgl. Evans, J. A. S., The "Nika" Rebellion and the Empress Theodora, Byzantion 54 (1984), S. 380-382; vgl. auch Kaldellis, A., Procopius of Caesarea. Tyranny, History, and Philosophy at the End of Antiquity, Philadelphia 2004, S. 36f.

Zitation
Henning Börm: Rezension zu: : Theodora. Herrscherin von Byzanz. Düsseldorf  2004 , in: H-Soz-Kult, 23.08.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4037>.
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23.08.2004
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