A. Kaldellis: Procopius of Caesarea

Cover
Titel
Procopius of Caesarea. Tyranny, History, and Philosophy at the End of Antiquity


Autor(en)
Kaldellis, Anthony
Erschienen
Umfang
IX, 305 S.
Preis
$49.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dariusz Brodka, Instytut Filologii Klasycznej, Uniwersytet Jagiellonski, Kraków

Zur Geschichtsschreibung des Prokopios von Kaisareia, des wichtigsten byzantinischen Historikers der justinianischen Zeit, sind in den letzten drei Jahrzehnten nur sehr wenige Monografien erschienen: Zu nennen sind hier lediglich die Arbeiten von J. A. Evans, Av. Cameron, Ch. F. Pazdernik und A. M. Taragna.[1] Kaldellis schlägt nun eine Neubewertung des gesamten Œuvres des Prokopios vor und führt dabei eine scharfe Auseinandersetzung mit der bisherigen communis opinio in der Forschung.

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel, eine Einleitung, zwei Anhänge und ein Literaturverzeichnis. Die Einleitung (S. 1-16) bietet eine Orientierung über den Aufbau des Buches und eine Verortung des Autors in der Forschungslandschaft, wobei der polemische Charakter der Arbeit bereits deutlich wird. Kaldellis formuliert hier auch die Grundfrage des Buches: Wie ist die Beziehung des Prokopios zu seinen klassischen Vorbildern zu charakterisieren? Kaldellis weist auf die tief greifende gedankliche, nicht nur stilistische Aneignung von Herodot, Thukydides und vor allem Plato durch Prokopios hin. Darüber hinaus wendet er sich gegen die gängige Meinung, der Historiker sei ein Christ gewesen.

Im ersten Kapitel ("Classicism and its Discontents", S. 17-61) analysiert Kaldellis das Problem des Klassizismus im gesamten Œuvre des Prokopios gründlich und auf neuartige Weise. Er zeigt, dass sich der Klassizismus weder auf eine Wortwahl noch auf eine literarische Pose zurückführen lässt. Scharfe Polemik wird insbesondere gegen die These von Av. Cameron geführt, durch seine Nachahmung der klassischen Muster übersehe Prokopios viele wichtige Probleme der Zeitgeschichte. Zum richtigen Verständnis der Werke des Prokopios muss vor allem der "transhistorische" Kontext der klassischen Historiografie berücksichtigt werden. So versucht Kaldellis den Historiker im Rahmen der alten historiografischen Tradition zu sehen, um zeigen zu können, wie sich Prokopios selbst verstand. Dabei betont er, dass ein Dialog des Prokopios mit Thukydides wichtiger als die eventuellen Verbindungen mit anderen zeitgenössischen Historikern wie etwa Malalas sei (S. 18). Kaldellis kommt zu dem überzeugenden Schluss, dass diese spätantike Historiografie als "klassisch" und nicht als "klassizistisch" bezeichnet werden sollte (S. 34). Unter der Benutzung der geschichtsliterarischen Techniken des modernen Intertextualismus weist Kaldellis auf die Funktion der literarischen Anspielungen hin, die es erlauben, die neuen Sinngehalte in einem Werk zu enthüllen. Nach Kaldellis bediente sich gerade Prokopios dieser esoterischen Rhetorik, um dasjenige auszudrücken, was er offen nicht sagen konnte (S. 36). Zahlreiche Anspielungen beziehen sich auf Plato. In dieser Tatsache sieht Kaldellis einen Beweis dafür, dass Prokopios mit heidnischen Neuplatonikern verbunden war (S.48).

Im zweiten Kapitel ("Tales not Unworthy of Trust: Anecdotes and the Persian War", S. 62-93) werden die Anekdoten in den einleitenden Partien des Bellum Persicum behandelt. Kaldellis erkennt hier einige Anspielungen auf die platonische Staatsphilosophie. Deswegen betrachtet er diese Anekdoten nicht als bloße Exkurse, sondern als eine Vorbereitung auf die Hauptthemen der späteren Erzählung wie die Tyrannei oder den Charakter des römisch-persischen Krieges. Das dritte Kapitel ("The Secret History of Philosophy", S. 94-117) behandelt das Problem der platonischen Einflüsse auf das Denken des Prokopios. Kaldellis untersucht das Interesse des Prokopios an der Philosophie und die Beziehungen zu den Neuplatonikern. Er versucht dabei auch, einen Kreis seiner potenziellen Leser zu bestimmen, so u.a. Simplikios oder Johannes Lydos (S. 116f.).

Im vierten Kapitel ("The Representation of Tyranny", S. 118-164) wird die Darstellung der Herrschaft Justinians in den einzelnen Werken des Prokopios behandelt. Prokopios betrachtet den Kaiser als einen Tyrannen und charakterisiert dessen Herrschaft als einen orientalischen Despotismus. Kaldellis’ Ausführungen konzentrieren sich auf die Anekdota, um die Hauptpunkte der prokopischen Kaiserkritik herauszuarbeiten. Kaldellis erkennt in den Anekdota keinerlei christliche Züge. Die Funktion der Dämonologie ist nach Kaldellis nur polemisch, nicht konfessionell zu verstehen. Der christliche Hintergrund dieser Passage resultiere lediglich aus der Tatsache, dass ein Christ Ziel des Angriffs ist. Kaldellis lehnt zudem die apokalyptische Deutung dieser Passage ab (S. 262, Anm. 106). Er identifiziert die Person Domitians nicht mit dem Antichrist, berücksichtigt aber in seiner Beweisführung weder die eschatologischen Stimmungen noch die apokalyptischen Deutungsmuster, die in dieser Zeit sehr lebendig waren.[2]

Das fünfte Kapitel ("God and the Tyche in the Wars", S. 165-222) behandelt den Begriff der historischen Kausalität. Aufgrund der Interpretation von zwei Stellen in den Bella (5,3,5-9; 5,25,18-25) lehnt Kaldellis ein christliches Bekenntnis des Prokopios ab. Diese These ist aber m.E. nicht überzeugend. Kaldellis setzt sich in seiner Analyse nicht mit möglichen Gegenargumenten auseinander. Er verweist lediglich auf den Umstand, dass Prokopios seine wahre Meinung nicht frei habe äußern können. Aber selbst in den (ursprünglich geheim verfassten) Anekdota gibt es Aussagen, die von einer christlichen Gesinnung des Historikers zeugen können. Ganz unrichtig ist die Feststellung (als ein Indiz dafür, dass Prokopios kein toleranter Christ war), dass es keine toleranten Christen gab (S. 172). Auch seine Kenntnis der platonischen Philosophie ist kein Argument gegen das Christentum des Historikers. Nach Kaldellis war Prokopios ein Agnostiker, der die Rolle des Zufalls hervorhebt und den christlichen Glauben an Gottes Providenz ablehnt (S. 212). In der Analyse der einzelnen Kriege arbeitet Kaldellis überzeugend heraus, dass Prokopios auf die Unberechenbarkeit des Geschehens Nachdruck legt,[3] er sieht aber keine Möglichkeit, dies in Verbindung mit der christlichen Lehre von der Providenz Gottes zu bringen. Für Kaldellis bildet die Tyche eine Antithese zum Wirken des christlichen Gottes (S. 200). Die Tyche betrachtet er aber zu Recht nicht als eine metaphysische Geschichtsmacht, sondern als eine heuristische Kategorie, mit der Prokopios den Fortgang des Geschehens deutet, wenn die Menschen es nicht kontrollieren können (S. 188f. u. 201).

Zweifellos eröffnet dieses Buch neue Forschungsperspektiven. Kaldellis verfügt über sehr gute Kenntnisse der klassischen Philosophie, dadurch kann er die neuen Bedeutungsebenen in den Werken des Prokopios aufzeigen. Zu Recht macht er darauf aufmerksam, dass mit dem Klassizismus des Prokopios vor allem eine bestimmte Denkweise über die Geschichte gemeint ist.[4] Fraglich ist hingegen die These, dass die Anekdoten im ersten Teil des Bellum Persicum eine Dekadenz des persischen und des römischen Großreiches illustrieren sollen. Die Kenntnisse der Schriften Platos muss nicht bedeuten, dass Prokopios enge Beziehungen zu den heidnischen Neuplatonikern hatte. Beachtenswert sind die Verweise auf die Aneignung der platonischen Reflexionen zur Tyrannei durch Prokopios. Nicht plausibel ist hingegen Kaldellis' Meinung über den Agnostizismus des Prokopios, seine Beweisführung kann in dieser Frage nicht überzeugen. Kaldellis übergeht die eindeutig christlichen Aussagen des Historikers und lehnt die These, dass Prokopios an die Interventionen des barmherzigen, wohlwollenden Gottes glaubt, entschieden ab. Warum bleiben jedoch in diesem Zusammenhang die Berichte über die wunderbare Rettung der Städte Edessa und Apameia unberücksichtigt?

Das Buch hat einen stark polemischen Charakter, besonders heftige Kritik wird an den Meinungen von Av. Cameron geübt; trotzdem fehlen im Literaturverzeichnis einige ältere und neuere Titel. Zu nennen sind hier vor allem die Bücher von Ch. Gizewski, der die kritischen Äußerungen zu Justinians Gesetzgebung in den Anekdota ausführlich interpretiert - eine Frage, für die sich auch Kaldellis (S. 157ff., Anhang I; S. 228) interessiert - sowie von A. M. Taragna, die sich mit der Frage nach der Funktion der Reden in den Geschichtswerken der spätantiken Historiker befasst.[5]

Anmerkungen:
[1] Evans, J. A., Procopius, New York 1972; Cameron, Av., Procopius and the Sixth Century, London 1985; Pazdernik, Ch. F., A Dangerous Liberty and a Servitude Free from Care. Political Eleutheria and Douleia in Procopius of Caesarea and Thucydides of Athens, Diss. Princeton 1997; Taragna, A. M., Logoi historias. Discorsi e lettere nella prima storiografia retorica bizantina, Alessandria 2001.
[2] Vgl. dazu Brandes, W., Anastasios ho dikoros: Endzeiterwartung und Kaiserkritik in Byzanz um 500 n. Chr., ByzZ 90 (1997), S. 24-63 und Meier, M., Das andere Zeitalter Justinans. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen 2003. Die Arbeit von Meier konnte Kaldellis noch nicht kennen.
[3] Dies hatte bereits Cameron (wie Anm. 1), S. 118 hervorgehoben.
[4] Vgl. dazu Cameron (wie Anm. 1), S. 34f.
[5] Gizewski, Ch., Zur Normativität und Struktur der Verfassungsverhältnisse in der späteren römischen Kaiserzeit, München 1988; Taragna (wie Anm. 1).

Zitation
Dariusz Brodka: Rezension zu: : Procopius of Caesarea. Tyranny, History, and Philosophy at the End of Antiquity. Philadelphia  2004 , in: H-Soz-Kult, 01.06.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4048>.
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01.06.2004
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