W. Duchkowitsch u.a.: Die Spirale des Schweigens

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Titel
Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft


Hrsg. v.
Duchkowitsch, Wolfgang; Hausjell, Fritz; Semrad, Bernd
Erschienen
Münster 2004: LIT Verlag
Umfang
277 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Groos, Berlin

Seit zwanzig Jahren werden Arbeiten zur Zeitungswissenschaft im Nationalsozialismus veröffentlicht. Biografische Studien und Lokalgeschichten zeitungswissenschaftlicher Institute prägen die kommunikationswissenschaftliche Fachhistoriografie, übergreifende Ansätze einer Institutionen-, Theorie-, Forschungs- und Sozialgeschichte des Fachs sind selten. Die Funktionen der Zeitungswissenschaft für die nationalsozialistische Pressepolitik, das Selbstverständnis der Zeitungswissenschaftler und die Praxis von Lehre und Forschung an der nationalsozialistischen Hochschule wurden quellenkritisch noch nicht umfassend dargestellt und interpretiert. Begleitet wird die Forschung, vergleichbar mit der Geschichtswissenschaft, durch Debatten um die Vergangenheit einiger führender Repräsentanten der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Bundesrepublik: [1] Emil Dovifat und Karl d’Ester hatten sich früh als Widersacher und Opfer des nationalsozialistischen Machtanspruchs in der Wissenschaft stilisiert, ohne diese pauschale Sichtweise durch (selbst-) kritische Einlassungen zu ihrer akademischen Existenz zu konkretisieren. Wilmont Haacke, letzter lebender Zeitungswissenschaftler der Epoche des Nationalsozialismus, Franz Ronneberger oder Elisabeth Noelle-Neumann äußerten sich abwehrend und verweigerten sich der Diskussion um ihre Rolle in der Diktatur.

Die jüngste Debatte löste Horst Pöttker im Informationsdienst Aviso der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) mit der Behauptung aus, die Kommunikationswissenschaft habe ihre „NS-Vergangenheit“ nicht aufgearbeitet, stattdessen beschwiegen und beschönigt. Die Zeitungswissenschaft sei mit dem Nationalsozialismus strukturell vereinbar gewesen: 1933 habe sich „die national-konservative Tendenz“ in der Zeitungswissenschaft durchgesetzt und „rasch eine völkische Färbung“ angenommen. Dovifats Standardwerk Zeitungslehre I (1937), das „perfekt in das NS-Konzept von der Zeitung als Propaganda- und Führungsinstrument“ gepasst habe, könne als wissenschaftliche Legitimation der nationalsozialistischen Presse- und Propagandapolitik verstanden werden. Dovifat, Noelle-Neumann, Haacke und Ronneberger hätten die Nachkriegsdisziplin prägen können und personifizierten auch eine inhaltliche Kontinuität bis zur Gegenwart. [2]

Die Rigorosität und Pauschalität dieser Anklage und die eindimensionale Auslegung der komplexen Bindungen der Zeitungswissenschaft an die politischen, wissenschaftlichen und publizistischen Intentionen und Institutionen des Nationalsozialismus waren der Auslöser für eine Kontroverse [3], die die Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK dazu bewog, Kontinuität und Umbruch in der Fachgeschichte zu thematisieren. Der vorliegende Band versammelt 18 Beiträge, Positionen, Erfahrungsberichte, theoretische Annäherungen und quellenkritische Studien. Die Tagungsreferate aus dem Januar 2002 und einige ergänzende Aufsätze wurden bereits veröffentlicht [4], sieben Beiträge werden erstmals vorgelegt. Auf die zentralen Texte soll näher eingegangen werden.

Als Einführung fungiert ein Gespräch der Herausgeber Duchkowitsch und Hausjell mit Wolfgang Langenbucher. Langenbucher äußert sich zur Nachkriegsentwicklung des Fachs aus einer persönlichen, von eigenen Erfahrungen getragenen und die Wiener Verhältnisse besonders akzentuierenden Perspektive. Die Schilderung ist spannungsreich und farbig, vielfach aber auch unscharf. Zahlreiche Andeutungen nur partiell bekannter Zusammenhänge und Vermutungen über Handlungsmotive und Hintergründe ergänzen sich nicht zu einer systematischen und in den Fakten abgesicherten Gesamtschau des Themas. Es wäre sinnvoller gewesen, den Verlauf der Vergangenheitsdebatte in der Kommunikationswissenschaft, die Geschichte der Zeitungswissenschaft, den Forschungsstand und die kontroversen Interpretationen zumindest in groben Zügen, punktuell auch vergleichend darzulegen und die mit der Fachgeschichte im Nationalsozialismus sowie der Kontinuitätsthese verbundenen Fragen zu systematisieren.

Um „Begriffsinstrumente“ für eine differenzierte handlungsorientierte Beurteilung der Zeitungswissenschaft im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit zu gewinnen, schlägt Pöttker eine Typologisierung von Handlungsweisen vor. Fehlende Präzision, unscharfe Abgrenzung und unzureichende Verbindung seiner idealtypischen Kategorien „ideologische Konformität“, „Opportunismus“ und „normales Alltagshandeln“ mit empirisch nachweisbaren Handlungen im zeitungswissenschaftlichen Kontext lassen an der Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens zweifeln (S. 44-48).[5] Bernd Sösemann, der sich bereits zuvor deutlich gegen Pöttkers Thesen gewandt hatte, spricht sich energisch gegen die Ansicht aus, es habe nach 1945 eine inhaltliche Kontinuität im Fach gegeben und wendet sich gegen Pauschalvorwürfe und „Verschwörungsthesen“. Das historische Sichtfeld müsse durch Grundlagenforschung auf verbreiterter Quellenbasis, durch die Einbeziehung der administrativen Ebenen in Ministerien und Parteistellen und durch Vergleich der Zeitungswissenschaftler mit anderen gesellschaftlichen Gruppen erweitert werden (S. 86f.). Nach Stefanie Averbeck und Arnulf Kutsch befand sich die Zeitungswissenschaft im Nationalsozialismus in einer Phase „ideologischer und organisatorisch-pragmatischer Überformung“, in der das Fach seinen Gegenstand als publizistisches Führungsmittel der herrschenden Ideologie angepasst habe (S. 60). Sie stellen die Ideengeschichte des Fachs zwischen 1900 und 1960 in einem stark vereinfachenden Phasenmodell dar, dessen Tragfähigkeit bei künftigen Systematisierungsversuchen zu überprüfen sein wird.

Hans Bohrmann gibt einen systematischen Überblick über die institutionelle und personelle Konstellation der Zeitungswissenschaft vor und nach 1945, sieht die Zeitungswissenschaft im Nationalsozialismus „objektiv belastet“ und in der fehlenden Klärung über Intensität und Qualität dieser Belastung „eine versäumte Chance, die zu übersehen der Fachgeschichtsschreibung nicht erlaubt werden kann“ (S. 120f.). Rudolf Stöber legt die Bedingungen und Auswirkungen der in der Nachkriegs-Publizistik in Berlin, München und Münster durch Dovifat, d’Ester und Walter Hagemann personifizierten Kontinuität in einer vergleichenden, quellenkritisch sorgfältigen und durch Empathie gekennzeichneten Untersuchung dar. Sein Plädoyer für eine „Rückbesinnung auf die hermeneutisch-quellenkritische Methode“ (S. 143) in der Kommunikationswissenschaft ist auch für die Fachhistoriografie von Bedeutung. Hanno Hardt bewertet die „unheimliche Kontinuität“ als ein „gesellschaftspolitisches Versagen“ (S. 154). Der versäumte Neuanfang nach 1945 habe die nur scheinbar „neue“ Publizistikwissenschaft für Jahre von Entwicklungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften entfernt.

Der Beitrag von Lutz Hachmeister über Franz Alfred Six und seine Mitarbeiter behandelt die erst in den letzten Jahren beachteten Verbindungen von der Zeitungswissenschaft zum Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, einen sowohl für die Sozial- als auch für die Ideengeschichte der Zeitungswissenschaft wichtigen Aspekt. Ein institutionell und personell entwickeltes, für die Zeitungswissenschaft spezifisches Verhältnis des Fachs zum SD, wie sowohl die zugespitzte Formulierung „Presseforschung und Vernichtungskrieg“ als auch die inhaltliche Alleinstellung des Textes nahe legen, bestand jedoch nicht. Six’ Werdegang in Zeitungswissenschaft und SD war spektakulär, aber nicht typisch und sollte nicht im Zentrum einer Interpretation der Zeitungswissenschaft stehen. [6]

Die abschließenden Studien, alle zu personellen und institutionellen Zusammenhängen in Wien, halten den Erwartungen an einen „Aufbruch“ aus der „Spirale des Schweigens“ nicht durchgängig stand. So können Duchkowitschs Mutmaßungen zur „ideologischen Konformität“ Kurt Paupiés in ihrer vorläufigen, methodisch ungenügend abgesicherten Form nicht überzeugen. Peer Heinelt gelingt es dagegen, die Tätigkeiten Ronnebergers in Wien mit biografischer Sorgfalt zu systematisieren und, quellengestützt und unaufgeregt argumentierend, auf strukturelle Zusammenhänge zwischen Ronnebergers Äußerungen vor 1945 und seiner späteren PR-Theorie aufmerksam zu machen. Hausjell setzt sich weitgehend deskriptiv mit der Union Nationaler Journalistenverbände auseinander, für deren Forschungsinstitut Ronneberger nur am Rande tätig war. Verena Blaums Beitrag zu Wilmont Haacke zeichnet aufklärerische Emotionalität aus. An den Nachweis antisemitischer Positionen in den frühen Texten Haackes zum Feuilleton sowie der Textsäuberung der Feuilletonkunde (1942/44, Neuausgabe 1951-53) schließt die berechtigte Kritik an Haacke und dem Fach an, die Auseinandersetzung mit diesen Schriften und deren wissenschaftlichem Umfeld über Jahrzehnte gemieden zu haben. Dagegen erscheint der Vorwurf, Haacke habe sein wissenschaftliches Frühwerk verborgen, dessen „Publikationsspur“ nur unter großen Mühen offen gelegt werden könne, konstruiert. Die Feuilletonkunde, die Fachzeitschrift Zeitungswissenschaft und auch das Handbuch der Zeitungswissenschaft standen seit jeher der Forschung offen. Tatsächlich ragen Haackes Texte der frühen 1940er-Jahre im Hinblick auf ihre antisemitischen Passagen aus der zeitungswissenschaftlichen Literatur der Zeit heraus. Ihre wissenschaftsgeschichtliche und biografische Einordnung hat die Vorgänge um Haackes Promotion (1936/37) zu berücksichtigen, als der aktenkundige Vorwurf fehlender Einsicht in die nationalsozialistische Judenpolitik Haackes Hoffnungen auf eine wissenschaftliche Laufbahn beendet zu haben schien. Blaum nimmt die einschlägige Literatur oder die Quellen jedoch nicht zur Kenntnis, sondern zieht auf methodisch fragwürdige Weise Haackes Glaubwürdigkeit in Zweifel (S. 187-190). [7]

Die Herausgeber des Sammelbandes hatten sich zwei Ziele gesetzt: Die Vergangenheit der Zeitungswissenschaft vor 1945 sollte aufgearbeitet und der Umgang „mit dem Erbe der NS-Zeit“ untersucht werden (S. 9). Der Schwerpunkt wurde auf die Vergangenheitsbewältigung gelegt, was angesichts der Pöttker-Kontroverse und des anschließend von Pöttker erhobenen Vorwurfs, die Diskussion unter Fachkollegen habe gezeigt, auch heute sei eine offene Diskussion über die Vergangenheit der Kommunikationswissenschaft nicht möglich (S. 13-22), verständlich ist. Die Orientierung an der Kontinuitätsthese stellt jedoch nicht nur wegen deren ideologischer Aufladung und generalisierenden Bewertung von sehr differenziert, auch widersprüchlich verlaufenden Prozessen ein Problem dar. Die Kontinuitätsthese bezieht ihre Brisanz aus einer allgemeinen Vorstellung über die Zeitungswissenschaft im Nationalsozialismus: Demnach sei sie durch institutionelle Staatsnähe, Kompatibilität der theoretischen Modelle mit der praktizierten Pressepolitik, teilweise auch Übereinstimmung ihrer Vertreter mit den kommunikationspolitischen Leitvorstellungen des Regimes sowie insgesamt hohe Funktionalität für das politisch-publizistische System der NS-Diktatur bestimmt gewesen. In der Begriffsbildung „nationalsozialistische Zeitungswissenschaft“ kommt dieses Bild zum Ausdruck. Kontinuität zweier Stadien der Zeitungswissenschaft bzw. Publizistikwissenschaft kann jedoch nur sinnvoll untersucht werden, wenn diese Stadien so umfassend erforscht sind, dass zu den grundlegenden Fragen überzeugende Antworten vorliegen. Das trifft für die Zeitungswissenschaft bislang nicht zu. Der Begriff „nationalsozialistische Zeitungswissenschaft“ täuscht daher eine gesicherte Erkenntnis vor, die nicht besteht.

Die Verdienste des Bandes liegen in der Versachlichung der Debatte und der Differenzierung der Positionen. Auch liefert er eine Bestandsaufnahme, wichtige Systematisierungen und einige gelungene quellenkritische Studien. Besonders die persönlich gehaltenen Berichte von Kurt Koszyk und Walter J. Schütz sowie das einleitende Gespräch mit Langenbucher vermitteln eindrucksvoll das lange Schweigen nach 1945. Als Schwächen sind insbesondere die unzureichende Strukturierung der Debatte, der Verzicht auf eine ausreichende Reflexion der inhaltlichen und methodischen Prämissen der Kontinuitätsthese sowie auf eine abschließende Bilanzierung anzusprechen.

Es ist zu hoffen, dass sich die Debatte um die Zeitungswissenschaft von schillernden begrifflichen Simplifizierungen wie „Belastung“ und „Kontinuität“ löst. Ideengeschichte, institutionelle und personelle Strukturen, die zwischen dem Fach und der nationalsozialistischen Wissenschafts- und Pressepolitik bestehenden Verbindungen, Interessen und Erwartungen sowie die Funktionen der Zeitungswissenschaft in der Diktatur sind noch keineswegs hinreichend untersucht, die Fortschritte der historischen Forschung zu Wissenschaft und Hochschule im Nationalsozialismus nicht ausreichend rezipiert worden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Köhler, Otto, Große Kunst der Camouflage – Ein Zeitungswissenschaftler im Wechsel seiner Auflagen: Emil Dovifat, in: Ders., Unheimliche Publizisten. Die verdrängte Vergangenheit der Medienmacher, München 1995, S. 58-88; Strauch, Rüdiger, „Elisabeth Noelle-Neumann. Mitgemacht, weitergemacht. Deutschlands bekannteste Medienwissenschaftlerin und die braunen Flecken der Publizistikwissenschaft“, in: Der Tagesspiegel, Nr. 17417, 25.05.2001.
[2] Pöttker, Horst, Mitgemacht, weitergemacht, zugemacht. Zum NS-Erbe der Kommunikationswissenschaft in Deutschland, in: Aviso, Nr. 28, Jan. 2001, S. 4-7.
[3] Pöttkers pauschale Aussagen wurden überwiegend zurückgewiesen, methodische und sprachliche Unzulänglichkeiten des Textes kritisiert. Vgl. http://www.dgpuk.de/aktuell/poettker/poettker.htm, 16.03.2002.
[4] Zunächst als: Kontinuitäten und Umbrüche. Von der Zeitungs- zur Publizistikwissenschaft, in: Medien & Zeit 17,2/3 (2002).
[5] Auch für Dovifat ließe sich „normales Alltagshandeln“ (z.B. Nachruf auf Hans Traub), auch für d’Ester „Opportunismus“ (z.B. Mitherausgeberschaft der Zeitungswissenschaft) nachweisen. Stöber bezeichnet Dovifat und d’Ester sinnvoll beide als „angepasste Außenseiter“ (S. 143).
[6] Vgl. Hachmeister, Lutz, Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six, München 1998. Hachmeister habe auf der Tagung im Januar 2002 die Meinung vertreten, „kein Fach sei gemessen an seiner Größe tiefer in den Holocaust verstrickt gewesen als die Zeitungswissenschaft“, Publizistik 47 (2002), S. 100f. Dazu, im vorliegenden Band, die Äußerungen von Hachmeister (S. 80) und Bohrmann (S. 122).
[7] Ähnlich bereits Große, Alfried, Wilhelm Kapp und die Zeitungswissenschaft, Münster 1989, S. 177-184. Zu Haackes Promotion vgl. Sösemann, Bernd, Auf dem Grat zwischen Entschiedenheit und Kompromiß, in: Ders. (Hg.), Emil Dovifat. Studien und Dokumente zu Leben und Werk, Berlin 1998, S. 133-139.

Zitation
Peter Groos: Rezension zu: Duchkowitsch, Wolfgang; Hausjell, Fritz; Semrad, Bernd (Hrsg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft. Münster  2004 , in: H-Soz-Kult, 09.04.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4052>.
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09.04.2004
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