F. Helzel: Ein König, ein Reichsführer und der Wilde Osten

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Titel
Ein König, ein Reichsführer und der Wilde Osten. Heinrich I. (919-936) in der nationalen Selbstwahrnehmung der Deutschen


Autor(en)
Helzel, Frank
Umfang
344 S.
Preis
€ 25,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniela Siepe, Scriptorium Münster

Frank Helzel ist Lehrer an der König-Heinrich-Schule (Gymnasium) im nordhessischen Fritzlar. Mitte der 1990er-Jahre las er Heinz Höhnes zuerst 1967 veröffentlichten Bestseller „Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS“ und war überrascht, unter den historischen Leitfiguren Heinrich Himmlers den Namenspatron seiner Schule zu entdecken. Der Reichsführer-SS, so erfuhr Helzel, hing dermaßen obsessiv an dem mittelalterlichen König, dass er sich in die Vorstellung hineinsteigerte, Heinrichs Reinkarnation zu sein. Im Kampf des Sachsen gegen Slawen und Ungarn im Osten des Reiches sah Himmler ein Vorbild für die nationalsozialistische „Lebensraumpolitik“. Als in Fritzlar, dem Ort der Königserhebung Heinrichs I., die Errichtung eines Denkmals diskutiert wurde, um Heinrich als Gründer des deutschen Reiches zu ehren, machte Helzel in Leserbriefen an die Lokalzeitung auf die Zusammenhänge aufmerksam und erntete durchweg aggressive Reaktionen. Daraufhin beschloss er, den Hintergründen nachzugehen und sich mit der Person Heinrichs sowie dessen Rezeption seit dem 19. Jahrhundert intensiver auseinanderzusetzen.

Das Buch beruht auf Helzels Marburger Dissertation von 1999 und weiteren Recherchen. Es will die Frage beantworten, „wie ein mittelalterlicher König zur Idolfigur des zweitmächtigsten und in vielen Zusammenhängen mächtigsten Mannes des ‚Dritten Reiches’ werden konnte“. Darüber hinaus soll es den „Stellenwert eines mittelalterlichen Königs im nationalen Selbstbild von Deutschen […] durchleuchten“ (S. 12).

Der Band besteht aus drei thematischen Blöcken. Der erste (Kapitel 1 bis 4) wendet sich den Darstellungen Heinrichs I. in Geschichtsschreibung, Drama, Oper und Lyrik sowie in Konversationslexika vom 19. Jahrhundert bis ins „Dritte Reich“ zu. Helzel zeichnet nach, wie Heinrichs Status als Reichsgründer aufgrund der Quellenlage kontrovers und oft nach politischer Interessenlage gedeutet wird. Mitte des 19. Jahrhunderts wird Heinrich von der preußisch-kleindeutschen Geschichtsschreibung zum Exponenten eines nationalen und nach Osteuropa orientierten Königtums stilisiert, die nach Italien ausgerichtete Kaiserpolitik seines Sohnes Otto I. dagegen als unnational abgewertet. Diese Charakterisierung Heinrichs verbindet sich schließlich mit Feindbildern von wilden, kulturlosen Slawen-Horden, die sich ebenso in künstlerischen Verarbeitungen der Nibelungensage feststellen lassen. Letztere ist zusammen mit der Arminiuslegende letztendlich sehr viel wirkmächtiger als der Heinrich-Stoff. Der zweite Abschnitt (Kapitel 6 bis 10) beschäftigt sich mit der politischen Instrumentalisierung dieser Bilderwelten zur Rechtfertigung von Forderungen nach Land oder „Lebensraum“ in Osteuropa und interpretiert den Heinrich-Kult der SS. Der letzte Teil (Kapitel 12 bis 14) resümiert Ergebnisse und geht auf die Rhetorik des Kalten Kriegs ein sowie auf Rezeptionstendenzen der gegenwärtigen Mediävistik. Zwei Exkurse (Kapitel 5 und 11) vertiefen Einzelaspekte.

Für Helzel ist die Heinrich-Rezeption Teil eines männlich dominierten nationalen Diskurses, der Gruppenidentität schafft über die aggressive Abgrenzung vom Fremden und die sakrale Beschwörung von Gründungsvätern und männlichen Genealogien (S. 13; S. 25-40). Himmlers Reinkarnationsglaube, so die These, ist hier verwurzelt (S. 26) und somit wie alle Reinkarnationsphantasien „nur eine Nuance im Totenkult männlich-ideologischer Genealogielinien“ (S. 298).

Das Buch ist eine umfassende und äußerst belesene Abhandlung der Heinrich-Rezeption und Heinrich-Instrumentalisierung im Verlauf von 200 Jahren deutscher Geschichte. Eine große Schwäche liegt aber in der häufigen Aneinanderreihung nur knapp kommentierter wörtlicher Zitate. Laut Vorwort sind diese „unausweichlich, weil sie auch nachvollziehbar machen sollen, wie der Verfasser selbst immer tiefer in die vom Namenspatron seiner Schule ausgehende Beunruhigung hineingeriet“ (S. 16). Helzels „mäandernde Lektüre“ (ebd.) in allen ihren Windungen mitvollziehen zu müssen macht die Lektüre des gelegentlich überfrachtet und assoziativ wirkenden Textes allerdings anstrengend.

Helzel vereinfacht komplexe Sachverhalte zu sehr, besonders das Phänomen des Nationalismus. Die Darstellung der Bedeutung Heinrichs I. für das Oberhaupt der SS befriedigt ebenso wenig wie ihre Verortung im oben skizzierten nationalen Diskurs. Schon die Prämisse ist fragwürdig. Hielt sich Himmler tatsächlich für eine Reinkarnation Heinrichs I.? Die Behauptung ist zeitgenössisch, wird in der wissenschaftlichen Literatur aber meist vorsichtiger betrachtet als bei Heinz Höhne.[1]

Viele Beobachtungen Helzels sind anregend. Seine Analyse leidet aber darunter, dass er alles monokausal auf eine Heinrich-Rezeption bezieht. Mit Recht macht er bei der Behandlung der ostwestfälischen Wewelsburg, die zum weltanschaulichen Zentrum der SS ausgestaltet werden sollte, auf drei Dinge aufmerksam: Für die SS war bedeutsam, dass das Gebäude auf den Überresten einer alten sächsischen Wallburg errichtet worden war. Sie brachte die Wewelsburg in Zusammenhang mit der alten Sage von der „Schlacht am Birkenbaum“, in der ein Heer aus dem Osten in einer apokalyptischen Schlacht vom Westen geschlagen wird (S. 160). Nicht zuletzt fand in Wewelsburg im Vorfeld des Überfalls auf die Sowjetunion 1941 eine Gruppenführertagung statt, auf der Himmler den Massenmord an der slawischen Bevölkerung proklamierte (S. 166f.). Trotzdem darf die Wewelsburg nicht auf die Charakterisierung als „Heinrichsburg“ (S. 166) reduziert werden. In ihrem Umkreis gibt es viele Heldensagen und Legenden – Widukind und Arminius/Hermann prägen die Landschaft; das ehemalige Heiligtum der Sachsen, die Irminsul, wird beispielsweise bei Marsberg oder an den Externsteinen vermutet. Dies alles und nicht zuletzt der außerordentlich erfolgreiche Wahlkampf der NSDAP in Lippe im Januar 1933[2] mag dazu beigetragen haben, Himmlers Interesse an der Wewelsburg zu wecken, und damit sind nur wenige Aspekte genannt. Helzel sind die Fakten bekannt, aber für ihn gibt es nur ein Entweder-oder. Dass Himmler eine Kopie der „Heiligen Lanze“, die Heinrich I. einst erworben hatte, in der Wewelsburg bewahrte (S. 168ff.), ist zudem eine Legende, die Helzel von Trevor Ravenscroft übernimmt (S. 169, Anm. 57; S. 171, Anm. 68), einem Klassiker der auf phantasievollen Spekulationen beruhenden Kryptohistorie.[3]

Bei der Behandlung der Siedlungs- und Vernichtungspolitik der SS unterliegt Helzel ähnlichen Kurzschlüssen. Seiner Meinung nach ist diese Politik die Realisierung eines Konzepts, das auf Himmlers Heinrich-Rezeption beruhe (S. 205). Erst durch Himmlers Reinkarnationsglauben sei für diesen der Völkermord denkbar geworden (S. 284). Ein Beispiel aus der Beweisführung: Helzel behauptet, dass die Einheit Dirlewanger die nahezu wörtliche Umsetzung der „Schar der Merseburger“ aus der Sachsengeschichte Widukinds von Corvey gewesen sei (S. 14, 193f.). Die mittelalterliche Schar bestand aus Räubern und Dieben, die sich in den Dienst des sächsischen Königs begeben hatten und dafür ihre Strafe erlassen bekamen. Widukind mag in der Tat als Anregung gedient haben, und der Hinweis findet sich häufig in der Literatur. Die Frage ist aber, ob man dem Charakter der SS-Einheit aus Wehrmachtsgefangenen und KZ-Häftlingen gerecht wird, indem man sie als Neuauflage der Merseburger betrachtet.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Helzel hat die Faszination, die der mittelalterliche Namensvetter auf den Reichsführer-SS ausgeübt hat, in einen geistesgeschichtlichen Kontext eingeordnet. Seine weiter gehenden Interpretationen vermögen jedoch nicht zu überzeugen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Ackermann, Josef, Heinrich Himmler als Ideologe, Göttingen 1970, S. 60; Wegner, Bernd, Hitlers Politische Soldaten: Die Waffen-SS 1933–1945. Leitbild, Struktur und Funktion einer nationalsozialistischen Elite, Paderborn 1999, S. 61f.; Kroll, Frank-Lothar, Utopie als Ideologie. Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich, Paderborn 1999, S. 238f. (Die Arbeiten von Wegner und Kroll fehlen bei Helzel.)
[2] Vgl. Hüser, Karl, „Lippische Durchbruchsschlacht“ im Januar 1933 – eine nationalsozialistische Legende – ihre ideologischen Folgen, in: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 52 (1983), S. 245-258.
[3] Vgl. Ravenscroft, Trevor, Die heilige Lanze, Der Speer von Golgatha, München 1996. Das Buch wurde im englischen Original zuerst 1972 publiziert und erschien seitdem in vielen Auflagen und mit abgewandelten Titeln, so unter dem bezeichnenden: Der Speer des Schicksals. Das Symbol für dämonische Kräfte von Christus bis Hitler, Zug 1974. Als kritische Einordnung solcher Machwerke vgl. Rissmann, Michael, Hitlers Gott. Vorsehungsglaube und Sendungsbewusstsein des deutschen Diktators, Zürich 2001, S. 137-172.

Zitation
Daniela Siepe: Rezension zu: : Ein König, ein Reichsführer und der Wilde Osten. Heinrich I. (919-936) in der nationalen Selbstwahrnehmung der Deutschen. Bielefeld  2004 , in: H-Soz-Kult, 17.05.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4068>.