Herbst (Hg.), Die Commerzbank und die Juden 1933-1945

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Titel
Die Commerzbank und die Juden 1933-1945.


Hrsg. v.
Herbst, Ludolf; Weihe, Thomas
Erschienen
München 2004: C.H. Beck Verlag
Umfang
444 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Münzel, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Universität Bielefeld

Im Zuge des unternehmensgeschichtlichen Booms der letzten Jahre haben die großen deutschen Banken, insbesondere die Deutsche Bank und die Dresdner Bank, und ihre Rolle in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft besondere Aufmerksamkeit erfahren. Seit 1998/99 beschäftigt sich ein unter der Leitung des Berliner Zeithistorikers Ludolf Herbst arbeitendes Projektteam auch mit der Vergangenheit der stets etwas im Schatten der beiden übrigen einstmaligen Berliner Großbanken stehenden Commerzbank. Ein Teil der Mitarbeiter präsentiert nun unter dem – leider recht plakativ geratenen – Titel "Die Commerzbank und die Juden 1933–1945" erste Zwischenergebnisse ihrer Forschungen. [1] Den thematischen Mittelpunkt des knapp 450 Seiten starken, aus sieben Einzelbeiträgen bestehenden Sammelbandes bildet die ebenso facettenreiche wie zentrale Frage nach der Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der jüdischen Bevölkerung und der Mitverantwortung der Commerzbank an "Arisierungs-" und Verdrängungsprozessen.

Dem eigentlichen Thema vorangehend zeichnet Detlef Krause "jüdische Traditionslinien" in der Commerzbank bis in die 1920er-Jahre hinein nach und schließt dabei Privatbankiers, Vorstandsmitglieder und Angestellte ein. Krause verzichtet auf einen in anderen Untersuchungen bisweilen vorschnell pauschalisierten "Ethnizitäts"-Begriff [2]; er verweist vielmehr etwa auf die ökonomisch-zweckrationale Kooperation jüdischer und nichtjüdischer Aufsichtsratsmitglieder und spricht von einem "uneinheitliche[n] Bild zwischen Assimilation und Betonung jüdischer Traditionen" (S. 31). Auch mit der Kooptierung jüdischer Direktoren verbundene Integrationsprobleme nach der Angliederung des "jüdischen" Bankhauses J. Dreyfus 1897 lassen sich demnach nicht auf deren religiöse Herkunft, sondern auf abweichende, durch unterschiedliche Unternehmensformen geprägte Geschäftsauffassungen zurückführen.

Thomas Weihe stellt zunächst die Verdrängung jüdischer Mitarbeiter aus Führungspositionen der Commerzbank nach 1933 dar. Das "Berufsbeamtengesetz" fand dabei trotz mehrheitlicher Kapitalbeteiligung der (staatlichen) Deutschen Golddiskontbank offenbar keine Anwendung, bis 1937 amtierte ein jüdischer Direktor. Überdies gewannen einzelne jüdische Mitarbeiter im Rahmen der Betreuung jüdischer Kunden z.T. an individueller Bedeutung. Doch bleiben insbesondere beim Versuch, die tatsächliche ökonomische Relevanz dieses Kundensegments zu ermessen, viele Unschärfen bestehen und bleibt man auf "Analogieschlüsse und Plausibilitätsvermutungen" (S. 65) angewiesen. Womöglich hätte die Heranziehung weiterer, über die berücksichtigten Filialen in Mainz und München hinausgehender Beispiele hilfreich sein können. Zumindest aber hätte eine fragwürdige Aussage wie diejenige, dass im Zusammenhang mit der Entlassung jüdischer Bankmitarbeiter "[n]ur wer antisemitische Stereotype benutzte" im NS "ohne allzu großes Risiko erfolgreich öffentlich für einzelne Juden" habe eintreten können (S. 69), nach einer kritischeren Diskussion verlangt.

Begrifflich ausdifferenziert und systematisch wendet sich Ludolf Herbst der Beteiligung der Commerzbank am Prozess des erzwungenen Verkaufs bzw. der Liquidation "jüdischer" Unternehmen bis 1940 zu und untersucht deren Bemühungen, sich strategisch an die neuen Bedingungen anzupassen. Herbst sieht es als problematisch an, davon auszugehen, dass "die Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit durch die nationalsozialistische Politik [...] den Banken zu einem lukrativen Geschäft verholfen" habe (S. 127), und analysiert vor diesem Hintergrund die Kreditpolitik der Commerzbank gegenüber "jüdischen" Unternehmen wie gegenüber ihren "nichtjüdischen" Erwerbern. So legitim und grundsätzlich sinnvoll diese Skepsis ist, so problematisch erscheint doch die konsequente Fixierung auf eine Perspektive, aus der heraus "jüdische" Unternehmen vorrangig als betriebswirtschaftliche "Sicherheitsrisiken" behandelt werden. Man muss sich fragen, ob die gleichzeitigen potentiellen und gezielt ausgenutzten Profitchancen der Commerzbank bei einer solchen Betrachtungsweise nicht allzu sehr in den Hintergrund treten. Die Präsentation der Rolle der Bank als diejenige eines "ruhenden Pols" (S. 136) läuft Gefahr, Interessennetzwerke und die Haltung einzelner Direktoren oder Filialleiter zu sehr zu marginalisieren.

Hannah Ahlheim geht näher auf die Rolle und das Verhalten der Commerzbank bei der Einziehung jüdischen Vermögens ein und schildert auf der Basis von Mitteilungsblättern des Unternehmens und Kontounterlagen am Beispiel verschiedener Einzelfälle das persönliche Schicksal jüdischer Kunden und deren fortschreitende Benachteiligung durch die Bank. Ahlheim skizziert die rechtlichen Voraussetzungen und arbeitet dabei die innerhalb der Verwaltungspraxis entstehenden Unsicherheiten und Kompetenzkonflikte sowie die sich für die Commerzbank dadurch eröffnenden Handlungsspielräume heraus. Diese nutzte das Großunternehmen nicht zugunsten der Enteigneten, Verfolgten und Emigrierten, sondern ließ sich, sofern legalistische Kaschierungen und bürokratisches Vorgehen Rechtssicherheit und ökonomische Effizienz versprachen, widerstandslos in den staatlichen Behördenapparat einspannen.

Mit dem Beitrag von Christoph Kreutzmüller und Jaroslav Kucera, einem Vergleich der Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit im Sudetenland und im Protektorat Böhmen und Mähren auf der einen und in den besetzten Niederlanden auf der anderen Seite, wird der Blick über das Gebiet des "Altreichs" hinaus ausgeweitet. Die Autoren stellen ausführlich die jeweiligen politischen, administrativen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gegenüber und befassen sich mit der Bedeutung der Großbanken im Prozess der wirtschaftlichen Expansion. Während das niederländische Bankensystem von den Einflüssen deutscher Großbanken im Wesentlichen unberührt blieb, wurde durch politische Maßnahmen und wirtschaftspolitische Vorgaben der deutschen Besatzer der Weg für ein erfolgreiches Vordringen der Banken in die Wirtschaftsstrukturen der böhmisch-mährischen Gebiete geebnet. Durch ihr anfänglich zögerliches Verhalten, das eher aus Risikoerwägungen und mangelnden Auslandserfahrungen als aus moralischen Bedenken resultierte, fiel die Commerzbank indes im Protektorat hinter die Konkurrenzbanken zurück und leitete erst 1940 einen expansionsorientierten Strategiewechsel ein. Insbesondere im niederländischen Reichskommissariat konnte sie durch die Übernahme der in jüdischem Besitz befindlichen Privatbank Hugo Kaufmann & Co's und mit Hilfe ihrer Tochtergesellschaft Rijnsche Handelsbank ihre Position festigen und beteiligte sich aktiv an "Arisierungen" und Verdrängungsvorgängen. Im Protektorat hingegen blieb ihre Bedeutung in dieser Hinsicht sekundär.

Der erste Beitrag Ingo Looses fokussiert auf der Grundlage sehr umfangreicher Quellenauswertungen das Verhalten der deutschen Banken im Kontext der Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der jüdischen Bevölkerung Polens. Der Einfluss von Staats- und Parteistellen war erheblich größer als zuvor in Österreich oder den besetzten tschechoslowakischen Gebieten; zugleich wurde zielstrebiger auf Enteignungs-, Entrechtungs- und "Arisierungs-"Maßnahmen hingearbeitet. Die "Aufbruchstimmung" (S. 235) der deutschen Großbanken wurde in den eingegliederten Gebieten durch die Tatsache gedämpft, dass die Verwaltungsinstanzen direkt steuernd eingriffen und den Verkauf verstaatlichter und kommissarisch verwalteter Unternehmen selbst in die Hand nahmen. Gleichwohl profitierten die Bankinstitute – im Generalgouvernement unter noch stärker von antisemitischer Brutalität geprägten Bedingungen – von der Expansion deutscher Firmen und dem System der forcierten Ausbeutung. Durch ihre bereitwillige Kooperation machten sie es überhaupt erst möglich, dass die nationalsozialistischen Ziele von Politik und Administration effektiv umgesetzt werden konnten. Im Übrigen wurden nicht nur vereinzelte Mitarbeiter der Commerzbank zu Mitwissern der Umstände und Dimensionen von Zwangsarbeit, Ghettoisierung und Deportationen.

Der zweite Aufsatz Looses konzentriert sich stärker auf die Commerzbank als solche und rückt – in bewusster Distanzierung von einem undifferenzierten "Schuld"-Begriff – die Frage ins Zentrum, welches Wissen und welche Kenntnisse innerhalb der Bank über das Konzentrationslager Auschwitz bestanden. Dazu werden ihre geschäftlichen Beziehungen zur J.A. Topf & Söhne KG in Erfurt untersucht, einem Unternehmen, das für den Bau der Krematorien in Auschwitz verantwortlich war. Rein ökonomisch gesehen war der Krematoriumsbau weder direkt für Topf & Söhne noch indirekt für die Commerzbank von wirklich großem Gewicht. Entscheidender ist jedoch, dass Loose die Pauschalannahme zurückweist, die Commerzbank in Erfurt oder Berlin habe "vor Kriegsende Kenntnisse von der tatsächlichen Zweckbestimmung des KL Auschwitz II als eines Vernichtungslagers" besessen (S. 306). Zugleich lasse sich aber auch nicht nachweisen, dass innerhalb der Commerzbank ein Wissen um die Judenvernichtung in Auschwitz nicht vorhanden gewesen sei. Die eigentliche, fatale Erkenntnis, so Looses Resümee, liege indes darin, dass die Möglichkeit bestand, dass auch interne Kenntnisse über die Vernichtungsvorgänge die deutschen Großbanken nicht zu einer Reduzierung ihres geschäftlichen Engagements oder gar einer Verweigerung weiterer Kredite veranlasst hätten.

Ein Gesamturteil über den Sammelband muss schon aufgrund der Heterogenität der Ansätze und Perspektiven der verschiedenen Beiträge uneinheitlich ausfallen. Mit ihm liegt eine fundierte und instruktive Untersuchung vor, die quellengesättigt und ohne Apologetik die Geschichte der Commerzbank im NS ausleuchtet und sich mit pauschalen Antworten nicht zufrieden gibt. Es wird offenbar, wie schnell mögliche moralische Bedenken hinter ökonomische Interessen zurücktraten und wie effektvoll sich die Bank mit den Bedingungen des "neuen Staates" und in den besetzten Ländern arrangierte, wenn auch deutlich weniger aggressiv als etwa die Dresdner Bank. Die Studie geht mit ihrer Einbeziehung einer Vielzahl unterschiedlicher Aspekte und der Darstellung allgemeinerer Rahmenbedingungen über eine Unternehmensgeschichte im eigentlichen Sinne weit hinaus. Doch liegt hierin auch eines ihrer Defizite: Nicht durchgängig, aber doch an vielen Stellen werden Hoffnungen auf eine prononciertere Herausarbeitung der eigentlichen Spezifika der Rolle der Commerzbank enttäuscht. Verstärkt wird dies insbesondere dadurch, dass das Unternehmen in weiten Teilen als erstaunlich konturlose Institution ohne identifizierbare Einzelakteure erscheint. Eine gezielte Berücksichtigung mindestens leitender Mitarbeiter hätte, ohne damit zu einer simplifizierenden Personalisierung ökonomischer Vorgänge beitragen zu müssen, den Blick auf die Frage schärfen können, wie das Verhalten der Bank zwischen 1933 und 1945 rückblickend zu bewerten ist. Nicht wenige Ergebnisse und Einschätzungen des Bandes werden, so lässt sich wohl prognostizieren, Anlass zu Diskussionen geben; in jedem Fall darf man der Präsentation weiterer Ergebnisse gespannt entgegensehen.

Anmerkungen:
[1] Bereits veröffentlicht wurde Lorentz, Bernhard, Die Commerzbank und die "Arisierung" im Altreich. Ein Vergleich der Netzwerkstrukturen und Handlungsspielräume von Großbanken in der NS-Zeit, in: VfZ 50 (2002), S. 237-268.
[2] Vgl. zur Problematisierung im größeren Zusammenhang jetzt Münzel, Martin, Vergessene Wirtschaftsführer. Die jüdischen Mitglieder der deutschen Wirtschaftselite 1927–1955, Dissertation Bielefeld 2004, S. 71ff.

Zitation
Martin Münzel: Rezension zu: Herbst, Ludolf; Weihe, Thomas (Hrsg.): Die Commerzbank und die Juden 1933-1945. München  2004 , in: H-Soz-Kult, 28.07.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4081>.
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28.07.2004
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