H. Bodenschatz: Städtebau im Schatten Stalins

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Titel
Städtebau im Schatten Stalins. Die internationale Suche nach der sozialistischen Stadt in der Sowjetunion 1929-35


Hrsg. v.
Bodenschatz, Harald; Post, Christiane
Erschienen
Berlin 2003: Verlagshaus Braun
Umfang
416 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Albrecht Wiesener, Zentrum für Zeithistorische Forschung Postdam

„Moskau ist nicht Magnitogorsk“ entfuhr es dem sowjetischen Architekten Boris M. Iofan in seiner Kritik an den Entwürfen für einen Generalplan der Stadt Moskau im Juli 1932 vor den Genossen der Moskauer Parteileitung (S. 157). Besser hätte man die städtebauliche Wende in der Sowjetunion der frühen 1930er-Jahre wohl kaum auf den Punkt bringen können. Steht Magnitogorsk beispielhaft für die frühe Phase des sozialistischen Städtebaus in der Sowjetunion, die durch den Bau neuer Städte und Siedlungen in unmittelbarer Nähe zu gigantischen Industrialisierungsprojekten gekennzeichnet war, so repräsentiert Moskaus Entwicklung in den 1930er-Jahren wie keine andere sowjetische Stadt die Besonderheiten eines „Städtebaus im Schatten Stalins“.

Unter diesem Titel haben Harald Bodenschatz und Christiane Post einen beeindruckenden Band herausgegeben, der vor allem durch seine ausführliche und anschauliche Quellendiskussion und die reiche Ausstattung mit Bildmaterial besticht. Der Band ist Ergebnis eines von der DFG geförderten Forschungsprojektes am Schinkelzentrum der Technischen Universität Berlin. Neben den beiden Herausgebern haben Uwe Altrock, Susanne Karn, Steffen Ott, Benjamin Braun, Heike Hoffmann und Franziska Träger Beiträge verfasst, die in die Gesamtdarstellung eingeflossen sind. Die inhaltliche Darstellung umfasst die Bedingungen, Akteure, Verlaufsformen und Ergebnisse der städtebaulichen Wende in der Sowjetunion im Kontext der beiden ersten Fünfjahrpläne und bezieht auch die Rolle des internationalen Kulturaustauschs mit ein. Im Kern geht es dabei um die „Durchsetzung des Primats der Politik im Städtebau“ und die Ausschaltung fachlicher Alternativen für die städtebauliche Entwicklung (S. 11).

Daß der Städtebau der Ära Stalins mehr war als eine „diktatorische Geschmacksverirrung“ (S. 7) dürfte allein schon aufgrund des großstädtischen Charakters dieses Städtebaus und seiner Beziehung zum Leitbild der europäischen Stadt der Neuzeit einleuchten. Dieser Akzeptanz steht allerdings, so die Herausgeber in ihrem Vorwort, ein überraschend geringes Wissen über die Akteure und Prozeduren der städtebaulichen Wende in der Sowjetunion gegenüber. Die Rezeption des sowjetischen Städtebaus war auch in der Fachwelt jahrzehntelang durch normative Positionen bestimmt, die stets die grundsätzliche politische Haltung zur Sowjetunion (verbrecherische Diktatur oder Diktatur des Proletariats) wie auch die fachliche Haltung zur architektonischen und städtebaulichen Moderne (Fortschritt oder Fehlentwicklung) widerspiegelten (S. 7).

Es erweist sich für das Verständnis der Auseinandersetzung um den sowjetischen Städtebau in den frühen 1930er-Jahren als überaus hilfreich, dass die Herausgeber der Darstellung ein kurzes Kapitel zur Entwicklung in den 1920er-Jahren vorausschicken. In dieser Zeit waren Städtebau und Architektur in der Sowjetunion vor allem durch den Siedlungsbau am Rande der Großstädte und durch ein buntes, widersprüchliches und konkurrierendes Spektrum an Architekturorganisationen gekennzeichnet (S. 19, 24).

Mit den Großprojekten des ersten Fünfjahrplans wurde der sowjetische Städtebau auf Jahre hin in den Dienst der Industrialisierung gestellt. Die mit dieser brachial vorgetragenen Industrialisierungspolitik verbundenen Schlüsselfragen nach der Überwindung des Gegensatzes von Stadt und Land und der Durchsetzung einer neuen sozialistischen Lebensweise prägten die städtebaulichen Debatten dieser Jahre zutiefst (S. 27ff.). Sie wurden zwischen Desurbanisten und Urbanisten geführt, während der Einfluss der politischen Zentrale auf die Ausrichtung des sowjetischen Städtebaus wuchs, wie das Beispiel der beiden Wettbewerbe von 1929/30 für den Generalplan von Magnitogorsk und für die „Grüne Stadt“ an der Peripherie von Moskau verdeutlicht (S. 45-57, 78-85). Zeitgleich mit diesen Debatten wurden seit 1928 immer mehr ausländische Fachleute für die Planung und Realisierung von Großprojekten des Städte- und Industriebaus in die Sowjetunion berufen, darunter so prominente Vertreter wie Ernst May und Albert Kahn (S. 30-43, 57-63). Der Rückzug der Gruppe May aus der Zentralbank für Wohnungsbau und Kommunalwirtschaft im Frühjahr 1931 zeigte allerdings schon zu einem frühen Zeitpunkt die Grenzen des praktischen Engagements ausländischer Fachleute an (S. 63).

In den folgenden Kapiteln über „Die große städtebauliche Wende 1931/32“ (S. 93-116) und über den „Sozialistischen Städtebau im Zeichen der kritischen Aneignung der Tradition 1932-35“ (S. 119-207) wird der erkennbare Stilwechsel in der sowjetischen Architektur in der ersten Hälfte der 1930er-Jahre politisch kontextualisiert und erscheint damit weniger als „Abkehr von der Architektur der Moderne“, denn als Beginn einer politisch selbstbewussten Hinwendung auf die bestehende Stadt, in der sich verschiedene europäische Einflüsse und Traditionen mit einander verbanden (S. 271). In der Forschung etablierte Ansichten bezüglich der Bedeutung der Wettbewerbsentscheidungen zum Sowjetpalast 1932 und auch im Hinblick auf die Absage des IV. Architektur-Kongresses in Moskau 1934 werden dabei von den Autoren revidiert. Dagegen bleibt der politische Einfluss auf die Diskussion im sowjetischen Städtebau auch in dieser Darstellung zentral. Das wird in der ausführlichen Wiedergabe und Diskussion der Rede von Lasar Kaganowitsch auf dem Juni-Plenum des ZK der Kommunistischen Partei 1931 deutlich (S. 95-101). Die Rede konnte von den sowjetischen Architekten und ihren westlichen Fachkollegen als Signal verstanden werden, dass die Zeit der großen Experimente und der organisatorischen Zersplitterung im sowjetischen Städtebau vorbei war. Dass es sich dabei allerdings weniger um die Durchstellung eines politischen Ziels von oben handelte, zeigen die Verweise der Autoren auf die katastrophalen Zustände in Moskau und anderen Städten, die ein Agieren der Parteiinstitutionen auf dem Gebiet der Kommunalwirtschaft und des Städtebaus dringend erforderlich und aus einer „Spielwiese für Experten ein Kampffeld der Partei für den Aufbau des Sozialismus“ machten (S. 101).

Wie die weitere Darstellung verdeutlicht, rangen Parteifunktionäre, Architekten und Städtebauer auf diesem „Kampffeld“ vor allem um die zukünftige Gestalt der sowjetischen Hauptstadt Moskau, während andere städtebauliche Projekte wie Magnitogorsk in den Hintergrund traten und mit den Folgen der Neuorientierung zu kämpfen hatten (S. 193-207). Bedeutendstes Ergebnis dieser Politisierung des Städtebaus durch die Kommunistische Partei war der 1935 offiziell beschlossene Generalplan von Moskau, der von den Autoren mit Recht als „Apotheose des Aufbaus des Sozialismus“ bezeichnet wird (S. 272). Die ausführliche Diskussion der Planungen und Entwürfe zu diesem Generalplan ermöglicht dem Leser einen hervorragenden Einblick in die Planungspraxis im sowjetischen Städtebau während der frühen 1930er-Jahre (134-192). Als willfährige Erfüllung politischer Vorgaben lässt sich diese Planungspraxis kaum zutreffend beschreiben, sondern sie stellte sich vielmehr – im Rahmen der strukturellen Grundentscheidungen – als „relativ offener Prozeß“ dar, in dem konkrete Projekte konkurrierend erarbeitet werden konnten (S. 272). Allerdings markierte die Verabschiedung des Generalplans 1935 auch den Endpunkt dieser begrenzten Offenheit in der Interpretation städtebaulicher Entwicklungen und Erfordernisse (S. 275).

Mit der Umsetzung wesentlicher Vorhaben des Generalplans von Moskau befasst sich das letzte Kapitel, das bilderreich den Bau der Moskauer Metro, des Moskau-Wolga-Kanals sowie die Planungen für den Palast der Sowjets und den Umbau des Südwest-Stadtbezirks dokumentiert (S. 209-267). Zu Beginn der 1940er-Jahre stellte Moskau eine hybride Mischung verschiedener Städte dar: der neuen Stadt des Generalplans, der alten Stadt aus der Zeit vor der Revolution und der neuen Stadt der Baracken (S. 267).

In der Zusammenfassung „Auf der Suche nach der sozialistischen Stadt 1929-35“ (S. 269-280) wird noch einmal der besondere politische Charakter dieser „Ausnahmeperiode des europäischen Städtebaus“ hervorgehoben (S. 279). Die „Optik einer auf die Moderne festgelegten Städtebaugeschichtsschreibung“, so Harald Bodenschatz, wird der sowjetischen Entwicklung in den 1930er-Jahren nicht gerecht und setzt sich stets der Gefahr aus, angesichts der antimodernen Züge des Generalplans die Vielschichtigkeit und Prozesshaftigkeit der Suche nach der sozialistischen Stadt aus dem Blick zu verlieren (S. 273, 275). Als gewinnbringender erweist sich, und das zeigt dieser Band auf überzeugende Weise, eine offene Herangehensweise, die vor allem den Modernisierungsanspruch der sowjetischen Gesellschaftspolitik und die unterschiedlichen Tempi und sozialpolitischen Bezüge der beiden Fünfjahrpläne als Hintergrund für die Darstellung und Wertung dieser Städtebaugeschichte heranzieht. Dass dabei auf die Einbeziehung der neueren kulturgeschichtlichen Literatur zur sowjetischen Zwischenkriegszeit verzichtet wurde, muss allerdings zum Schluss kritisch angemerkt werden. Damit verbleibt auch dieser Band innerhalb eines architektur- und städtebaugeschichtlichen Erklärungshorizontes und fragt gerade nicht danach, auf welche Weise Architektur und Städtebau auf die sowjetische Gesellschaft in den 1920er und 1930er-Jahren zurückwirkten.

Zitation
Albrecht Wiesener: Rezension zu: Bodenschatz, Harald; Post, Christiane (Hrsg.): Städtebau im Schatten Stalins. Die internationale Suche nach der sozialistischen Stadt in der Sowjetunion 1929-35. Berlin  2003 , in: H-Soz-Kult, 19.06.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4089>.
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19.06.2004
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