M. Klundt (Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel

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Titel
Heldenmythos und Opfertaumel. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im deutschen Geschichtsdiskurs


Hrsg. v.
Klundt, Michael
Erschienen
Köln 2004: PapyRossa Verlag
Umfang
191 S.
Preis
€ 13,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Leonhard, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Strausberg

Die Frage, inwiefern sich die öffentliche Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus in der „Berliner Republik“ im Vergleich zur „Bonner Republik“ verändert hat, ist schon häufiger gestellt worden.[1] Mit Blick auf die jüngsten Diskussionen um den Bombenkrieg gegen Deutschland und die Vertreibungen von Deutschen in der Nachkriegszeit ist dabei verschiedentlich auf eine neue Tendenz hingewiesen worden, die Leiden und „Opfer“ der Deutschen im und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vordergrund zu stellen.[2] Hier knüpft auch der von Michael Klundt herausgegebene Sammelband an. In der Einleitung des Herausgebers heißt es, dass die Entwicklung der geschichtspolitischen Auseinandersetzungen erkennen lasse, dass „die Debatten bis zum Ende der 90er Jahre [...] eher von deutschen Tätern und Mitläufern handelten, während die neuerlichen Kontroversen [...] stärker den Charakter der kollektiven deutschen Opfergeschichte hervorheben“ (S. 8). Ziel der einzelnen Buchbeiträge sei es daher, anhand verschiedener Kontroversen und Themengebiete sowohl „den kausalen Kontext diverser Kriegs- und Nachkriegsphänomene als auch den Zusammenhang ihrer heutigen medialen Vermittlung und geschichtspolitischen Bedeutung“ (S. 9) zu analysieren.

Der Band gliedert sich in drei Teile: Im ersten Abschnitt „Der Zweite Weltkrieg – Ursachen, Folgen und verdrängte Fakten“ geht es um die Rezeption des Bombenkrieges und die Behandlung von Deserteuren früher und heute. Im zweiten Kapitel des Buches („Faschismus und Krieg in Film und Fernsehen“) folgen zwei Beiträge, welche die Kontinuitäten von NS-Spielfilmen nach 1945 sowie Form und Inhalt der Fernseh-Dokumentationen von Guido Knopp untersuchen. In den drei Aufsätzen des letzten Abschnitts „Geschichtspolitik und Opferdiskurse“ werden schließlich Ursachen und Folgen der Vertreibung der Sudetendeutschen, geschlechtsspezifische Aspekte in der Wahrnehmung von Nationalsozialismus und Krieg sowie allgemeine geschichtspolitische Tendenzen seit 1989/90 thematisiert.

Wie bei den meisten Sammelbänden ist auch im vorliegenden Fall die Qualität der einzelnen Beiträge unterschiedlich. Als besonders gelungen sind die Beiträge von Bernd Kleinhans und Gerd Wiegel zu nennen: Kleinhans belegt auf sachliche, anschauliche Weise, wie im Nachkriegsdeutschland der 1950er-Jahre durch die Wiederausstrahlung von NS-Spielfilmen, die nach 1945 als „unpolitisch“ klassifiziert worden waren, autoritäre, antidemokratische Deutungsmuster verbreitet wurden. Die in der Einleitung aufgeworfene Frage nach einem neuen deutschen Opferbewusstsein spielt hier freilich keine Rolle – anders als im Beitrag von Gerd Wiegel. Wiegel weist anhand einer detaillierten Analyse des Konzeptes der im ZDF ausgestrahlten NS-Dokumentationen von Guido Knopp überzeugend nach, dass sich der Erfolg dieser Filme, der sich in den hohen Einschaltquoten widerspiegelt, in erster Linie durch das dort präsentierte Vergangenheitsbild erklären lässt, „das sowohl für die Erlebnisgeneration als auch für ihre Nachkommen vor allem in persönlicher Entlastung und der verdrängten Frage nach der eigenen Verantwortung besteht“ (S. 97). Problematisch an den Knopp-Serien ist Wiegel zufolge somit weniger die populäre Art der Geschichtsdarstellung, sondern in erster Linie das dort präsentierte Geschichtsbild, bei dem die Täterschaft allein Hitler und der ihn umgebenden Führungsschicht zugeschrieben, die Rolle der „ganz normalen Deutschen“ dagegen ausgeblendet werde.

Von geringerem Erkenntniswert – zumindest aus wissenschaftlicher Sicht – sind demgegenüber die beiden ersten Aufsätze des Bandes sowie der Beitrag des Herausgebers, und zwar vor allem aufgrund des gewählten Argumentationsstils: Bei Kurt Pätzolds Artikel über die Diskussion um den Bombenkrieg wie auch bei Gerhard Zwerenz’ Beitrag zum Umgang mit Wehrmachtsdeserteuren handelt es sich um polemische, jeweils durch autobiografische Anmerkungen versehene Statements, in denen die eigene Positionsbestimmung gegenüber einer sachlichen Analyse eindeutig überwiegt. Dass es auch anders geht, zeigt der ebenfalls äußerst kritische, aber eher Fakten statt Polemik bemühende Aufsatz von Erich Später über die Hintergründe der Vertreibung der Sudetendeutschen und deren Politik nach 1945.

Gesinnung anstelle von Analyse dominiert auch bei Michael Klundts Aufsatz, welcher der in der Einleitung angesprochenen Perspektivverschiebung – weg von der Täter-, hin zur Opferperspektive – gewidmet ist. Klundt macht diese Verschiebung an drei Beispielen fest: an Adenauer und der NS-Verdrängung der Nachkriegszeit, am „Wehrmachtsausstellungs-Skandal von Peenemünde (2003)“ (S. 162) und vor allem an Jörg Friedrichs Buch über den Bombenkrieg.[3] Nun mag man sich fragen, was der öffentliche Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Adenauer-Zeit mit aktuellen geschichtspolitischen Debatten zu tun hat – Klundts Hinweis, dass laut der ZDF-Umfrage „Unsere Besten“ aus dem Jahr 2003 die Deutschen Konrad Adenauer für den Besten aus ihrer Mitte halten (S. 158), reicht dazu meines Erachtens nicht aus. Ebenso zweifelhaft ist, ob die Tatsache, dass nur die lokale Presse über die Absage eines israelischen Wissenschaftlers und eines Hamburger Publizisten für eine Diskussionsveranstaltung im Rahmen der so genannten Wehrmachtsausstellung in Peenemünde berichtete, wirklich einen „Geschichtspolitik-Skandal der Wehrmachtsausstellung und der Berliner Republik“ darstellt, „worüber allerdings leider kaum jemand etwas erfuhr“ (S. 165), da sich „die diversen liberalen deutschen Tageszeitungen“ (mit Ausnahme der Berliner „taz“) untereinander abgesprochen hätten, darüber nicht zu berichten. Sieht man ferner davon ab, dass Klundts Kritik an Friedrichs „Der Brand“ wenig Neues enthält[4], ist schließlich zu fragen, wie er zu der Erkenntnis kommt, dass die zentrale Funktion der aktuellen geschichtspolitischen Debatten darin bestehe, „den Zweiten Weltkrieg vom Faschismus und seiner Vorgeschichte abzutrennen. [...] Aus den gegenwärtigen geschichtspolitischen Debatten lässt sich auch häufig ein selektives, segmentiertes und abstraktes Schuldanerkenntnis herausdestillieren, welches schließlich aus den NS-Verbrechen die ‚Verpflichtung’ ableitet, die deutsche Außenpolitik – ‚aus historischer Verantwortung’ – weiter zu militarisieren sowie den deutschen Hegemonialanspruch in Europa und weltweit zu bestärken“ (S. 174f.). Diese Thesen mögen einleuchten oder nicht – plausibel hergeleitet und belegt werden sie jedenfalls weder von Klundt, noch ergeben sie sich zwangsläufig aus den Beiträgen der anderen Autoren des Sammelbandes, auf die Klundt in diesem Zusammenhang verweist.

Kurz: Für Leserinnen und Leser, die sich wissenschaftlich mit Problemstellungen und Entwicklungen der öffentlichen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit beschäftigen, bietet nur ein Teil der vorliegenden Aufsätze aufschlussreiche Erkenntnisse. Die anderen Beiträge wie auch die Buchkonzeption als Ganzes sind dagegen eher als ein Versuch der Autoren bzw. des Herausgebers zu werten, sich durch scharf formulierte, zum Teil stichhaltige, mitunter aber auch recht abwegige Argumente im geschichtspolitischen Diskurs selbst zu positionieren.

Anmerkungen:
[1] Siehe z.B. Kirsch, Jan-Holger, Nationaler Mythos oder historische Trauer? Der Streit um ein zentrales „Holocaust-Mahnmal“ für die Berliner Republik, Köln 2003, v.a. S. 22ff., 45ff., sowie die dort aufgeführten Literaturhinweise.
[2] So z.B. Müller, Achatz von, Volk der Täter, Volk der Opfer, in: Die ZEIT, 23.10.2003, S. 35; Raulff, Ulrich, 1945. Ein Jahr kehrt zurück. Tausche Geschichte gegen Gefühl, in: Süddeutsche Zeitung, 30.10.2003, S. 11; Staas, Christian, Verteidigung der Gegenwart, in: Die ZEIT, 20.11.2003, S. 38; Uhl, Heidemarie, Hitlers letzte Opfer? Die Vertreibung aus deutscher und österreichischer Sicht, in: Süddeutsche Zeitung, 29.10.2003, S. 14; Ulrich, Bernd, Alle Deutschen werden Brüder, in: Die ZEIT, 30.10.2003, S. 46. Siehe hierzu auch den Bericht über die Tagung „German Suffering/Deutsches Leid: Re(-)presentations“ vom März 2004: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=419.
[3] Friedrich, Jörg, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945, München 2002.
[4] Vgl. z.B. Kettenacker, Lothar (Hg.), Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940–1945, Berlin 2003; Greiner, Bernd, „Overbombed“. Warum die Diskussion über die alliierten Luftangriffe nicht mit dem Hinweis auf die deutsche Schuld beendet werden darf, in: Literaturen 3 (2003), S. 42-44. Siehe auch die Rezension von Ralf Blank über Friedrichs Buch „Brandstätten“ (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=3483) sowie generell zum Thema Bombenkrieg die Sammelrezension von Jörg Arnold (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=2861).

Zitation
Nina Leonhard: Rezension zu: Klundt, Michael (Hrsg.): Heldenmythos und Opfertaumel. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im deutschen Geschichtsdiskurs. Köln  2004 , in: H-Soz-Kult, 26.07.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4094>.
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26.07.2004
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