V. Roelcke: Krankheit und Kulturkritik

Titel
Krankheit und Kulturkritik. Psychiatrische Gesellschaftsdeutungen im bürgerlichen Zeitalter (1790-1914)


Autor(en)
Roelcke, Volker
Erschienen
Frankfurt am Main 1999: Campus Verlag
Umfang
252 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maja Bächler, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften

Neurasthenie war und ist ein "Modethema". Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich die westeuropäische Öffentlichkeit mit der Nervosität oder Nervenerschöpfung als Zeichen des Verfalls der Gesellschaft.[1] Heute setzen sich vermehrt Medizinhistoriker/innen mit diesem Phänomen auseinander.

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine überarbeitete Version der Habilitationsschrift von Volker Roelcke, die bei der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn eingereicht wurde. Der Untersuchungszeitraum beginnt im ausgehenden 18. Jahrhundert. Roelcke begründet dies mit dem zu dieser Zeit entwickelten Modell des Nervensystems, das die Möglichkeit bot, nicht nur das Zusammenspiel im Körperinneren sondern auch die Wechselwirkung des Körperinneren mit der Außenwelt zu untersuchen und sich damit von der bisherigen Humoralpathologie unterschied. Außerdem verweist Roelcke auf das Werk Jean-Jacques Rousseaus, der Natur und Kultur gegenüber stellte und die Verderbtheit des Kulturmenschen gegenüber "primitiven" Völkern betonte. Dies habe die Entstehung eines Diskurses über ein Phänomen wie die "Zivilisationskrankheit" ermöglicht - der Begriff selbst wurde allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt.

Roelcke verwendet den Begriff der "Zivilisationskrankheit" als eine Art Spiegel, um die Geschichte der bürgerlichen Selbstwahrnehmung und des bürgerlichen Selbstverständnisses durch den medizinischen Diskurs abzubilden. Voraussetzung hierfür ist die Annahme, daß die Analyse des zeitgenössischen Sprachgebrauchs bestimmter, ausgewählter Begriffe einen Zugang zur historischen Realität eröffnet und für die Fragestellung nach der Entstehung und Veränderung eines Phänomens - wie dem bürgerlichen Selbstverständnis - nutzbar gemacht werden kann. Roelcke lehnt sich in seiner kulturanthroprologischen Herangehensweise bewußt an die Begriffsgeschichte von Reinhart Koselleck an. In Abgrenzung zum sozialhistorisch geprägten Ansatz von Joachim Radkau, der nicht von einem ausschließlich "terminologischen" Konstrukt, sondern von realen Leidenserfahrungen und somit von einer "tatsächlichen" Zunahme nervöser Zustände ausgeht,[2] sieht Roelcke in dem vermehrten Zugriff auf das Deutungsmuster Neurasthenie keine reale Basis. Während Radkau bemängelt, daß man die "Erfahrung der Betroffenen [der an Neurasthenie erkrankten; MB] [...] nur durch die Brille des 'ärztlichen Blicks' zu sehen bekommt"[3], will sich Roelcke gerade diesen Blick zunutze machen, da er in dem Mediziner einen zentralen Akteur des medizinischen Diskurses sieht, der gleichzeitig fest in der bürgerlichen Gesellschaft verwurzelt ist. Geschichts- und Gesellschaftsdiagnosen des Mediziners aber seien Teil und Ausdruck bildungsbürgerlicher Kultur (S.30). Für Roelcke sind Diskurse "Resultate von Aushandlungsprozessen" (S.29) und somit dynamischer und auch weiter gefaßt, als es der diskursanalytische Ansatz Foucaults zulassen würde.

Roelcke tastet sich in mehreren Schritten an seinen Untersuchungsgegenstand heran. Zunächst beschreibt er die Bedingungen die im 18. Jahrhundert Aufmerksamkeit gegenüber einem Phänomen wie der Zivilisationskrankheit entstehen ließen. Innerhalb seines Untersuchungszeitraumes wählt er herausragende Mediziner und "Psychologen" aus, die stufenweise den Begriff der Zivilisationskrankheit neu geformt oder verändert haben. Um ihre Verwurzelung in der bürgerlichen Gesellschaft nachzuweisen, erfaßt Roelcke sie zunächst biographisch und widmet sich dann ihren Schriften. Diese werden in zwei Teile gegliedert: einen vorwiegend medizinischen und einen vorwiegend gesellschaftlichen. Im medizinischen Teil geht Roelcke auf die Bedeutung ihrer Schriften im medizinischen Diskurs ein, während er im gesellschaftlichen Teil anhand der Kategorien Natur, Kultur, Gesellschaft, Geschichte und Zivilisation die Sicht der Akteure auf diese Kategorien durch den medizinischen Diskurs beleuchtet. Roelckes Untersuchungszeitraum endet mit der Aufsplitterung der zeitgenössischen Neurasthenie-Debatte in drei wirkungsgeschichtlich relevante Teile am Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier beginnt eine neue Ära der Wahrnehmung von Zivilisationskrankheiten, die für seine Fragestellung nach der Entwicklung eines bürgerlichen Selbstverständnisses, keine Rolle mehr spielt. Roelcke will sich zwar ausdrücklich auf den deutschen Sprachraum beschränken, zieht aber die Theorien anderssprachiger Länder hinzu, die der deutschsprachigen Öffentlichkeit auf diesem Gebiet neue Impulse gaben.

Roelcke beginnt mit einer Analyse der Vorstellungen von einem der Pioniere der "modernen" Psychiatrie, dem Mediziner Johann Christian Reil, der die These von einer Überempfindlichkeit des menschlichen Körpers bei fortschreitender Entwicklung der Kultur im Sinne von Bewegungslosigkeit und Vergnügungssucht, aufstellte. Der Begriff "Cultur" erfährt bei Reil eine negative Bewertung, da ein Zusammenhang von Kultur und erhöhter Anfälligkeit von Nervenkrankheiten angenommen wird. Die Voraussetzungen dieser Denkart schuf Reil, indem er eine theoretische Trennung des körperlichen Organismus und einer außerkörperlichen Welt, die in Wechselwirkung zueinander stehen, zuließ. Erst mit dieser Konstruktion war es möglich, negative oder positive Einflüsse der Außenwelt auf den Organismus zu denken.

Das folgende Kapitel markiert den Verlauf der Auseinandersetzungen um den Begriff der Zivilisationskrankheit und beginnt mit den Anfang des 19. Jahrhunderts diskutierten Kontroversen namentlich zwischen Johann Christian Heinroth und Christian Friedrich Nasse. Sowohl Somatiker als auch Psychiker basierten ihre Hypothese auf der Annahme, daß die Seele eine vom Körper unabhängige Existenz haben müsse, was theologisch mit der Prämisse der Unsterblichkeit der Seele begründet wurde. Der "Somatiker" Nasse war im Gegensatz zu Heinroth eher praxisorientiert und begann mit einer Klassifizierung der verschiedenen Formen des "Irreseyns". Er beschäftigte sich weniger mit den auf die Seele einwirkenden äußeren Einflüssen, als vielmehr mit der Wechselwirkung zwischen Körper und Seele. Ein Vergleich der beiden führt Roelcke zu der Behauptung, durch die Ausklammerung der sozialen Welt innerhalb des psychiatrischen Diskurses gehe dieser konform mit der "Entpolitisierung des akademischen und öffentlichen Lebens" (S.67) durch die Karlsbader Beschlüsse. Erst durch die Julirevolution in Frankreich sei es zu einer erneuten Politisierung der Diskussionen um das "Irreseyn" gekommen.

Der von Roelcke herausgegriffene Vertreter dieser neuen Generation ist Wilhelm Griesinger, der sich von seinen Vorgängern vor allem durch die Ablehnung religiös autorisierter Anthropologie abgrenzte und für die "Politisierung der Physiologie im Sinne bürgerlich-liberaler Wertvorstellungen" (S.79) eintrat. Er sah in der sozialen Lage eine zentrale Determinante psychischer Erkrankungen, was zu sozialreformerischen Agitationen führte. Der Franzose Benedict Auguste Morel führte den Begriff der Degeneration in die Wissenschaftssprache ein, der sich schnell im deutschsprachigen Raum verbreitete und rezipiert wurde, so auch von Griesinger. Für ihn bot das Degenerationskonzept die Möglichkeit, den Übergang von krank zu gesund zu konzeptionalisieren, und er ebnete damit den Weg, die Zivilisationskrankheit auch außerhalb psychiatrischer Institutionen zur Untersuchung zu eröffnen. Die Natur steht bei Griesinger der Bildung und Kultur als das Individuum hemmende und schädigende Kraft gegenüber. Zwar erkannte er, daß auch die moderne Zivilisation Risiken der psychischen Gefährdung beinhalten kann, doch glaubte er an den Fortschritt allgemein und den der Medizin als Mittel der Kompensation im besonderen. Weiterentwickelt wurden seine Theorien vor allem von Richard von Krafft-Ebing, Valentin Magnan und Paul Julius Möbius, insofern sie keinen Lebensbereich von Krankheitsverdacht ausschlossen und damit das Deutungsangebot der Zivilisationskrankheit entscheidend erweiterten.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hielt die Elektrizitätslehre Einzug in den psychiatrisch-medizinischen Diskurs. Damit wurde ein neues Paradigma, die Neurologie, geschaffen. Roelcke stellt im folgenden einen Zusammenhang zwischen der Elektrifizierung der Großstadt und der "elektrifizierenden" Interpretation des Nervensystems her. Diese Verknüpfung habe zur "Entdeckung" des neuen Krankheitsbildes "Neurasthenie" geführt. George Miller Beard formulierte als erster eine Theorie über diese Namensschöpfung als eigenständige Krankheitseinheit. Der Amerikaner lokalisierte verschiedene Krankheitssymptome im Nervensystem und faßte das Krankheitsbild unter dem neuen Begriff zusammen. Hervorgerufen wurden diese Symptome nach der Theorie Beards durch den Faktor "moderne Civilisation", insbesondere durch die Begleiterscheinungen einer Industrienation. Damit wurde erstmalig das Krankheitsbild einer Zivilisationskrankheit als eigenständiges und spezifisches wahrgenommen. Roelcke vermutet daher, daß die sich ändernde bildungsbürgerliche Selbstwahrnehmung hier ein sichtbares Zeichen hinterlassen hat, da das Bürgertum sich zu diesem Zeitpunkt (1880 bis ca. 1895) in einer Krise befunden habe, die Zweifel an der industrialisierten Gesellschaft aufkommen ließ. Beards Theorien wurden auch im deutschsprachigen Raum rezipiert und weiterentwickelt. Verfeinert wurde der Begriff der Degeneration durch biologische und ästhetische Deutungen, beeinflußt vor allem von sozialdarwinistischen Ansätzen und der Idee der "Décadence".

Ende des 19. Jahrhunderts wurden immer mehr Schriften zu der Erscheinung der Zivilisationskrankheit publiziert. Erwähnenswert sind hierbei besonders die Schriften Emil Kraepelins, der neue Klassifikationen für bestimmte Symptome entwickelte. Hierzu benutzte er empirische Methoden, indem er zum einen die Krankheitsakten für längerfristige Forschungen zugänglich machte und zum anderen Räume schaffte, in denen er die Patienten/innen besser beobachten konnte. Für ihn hatten soziale Variablen keinen Einfluß auf das Nervensystem, psychische Störungen seien vielmehr determiniert durch biologische Prozesse. Degeneration betreffe demzufolge nicht nur Individuen, sondern vielmehr die ganze Nation, weswegen er den Staat zur Durchführung einer Art "Rassenhygiene" zu verpflichten versuchte. Kraepelins Vorschläge und Ansätze wurden von seinen Zeitgenossen zum Teil kritisch rezipiert. Vor allem Oswald Bumke gab in seinen Überlegungen sozialen und psychischen Variablen mehr Raum.

Roelcke wendet dann seinen Blick nach Wien zu Siegmund Freud. Für ihn war vor allem die Verdrängung schuld am kulturellen Niedergang der Gesellschaften. Anders als Kraepelin sah Freud jedoch Wechselwirkungen zwischen soziologischen und biologischen Ursachen und Wirkungen.

Doris Kaufmann stellte 1995 die These auf, daß die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft und die Entstehung eines psychiatrischen Diskurses etwa zeitgleich erfolgten und miteinander in einen Kontext zu setzen sind [4]. Darauf aufbauend hat Roelcke den medizinischen Diskurs um die Zivilisationskrankheit und hier insbesondere die Neurasthenie herausgegriffen, um durch einen Teil der bürgerlichen Gesellschaft - den Mediziner - exemplarisch die bürgerliche Selbstwahrnehmung aufzuspüren. Dies ist ihm in jeder Hinsicht gelungen. Etwas dürftig fällt seine Behandlung der historischen Hintergründe der jeweiligen Zeitabschnitte aus. Hier bezieht sich Roelcke vornehmlich auf historische Standardliteratur (Wehler, Nipperdey) und beleuchtet den historischen Rahmen, in dem sich die Mediziner bewegten in etwa ein-seitigen Überblicksdarstellungen. Im Hinblick auf seine Fragestellung und die von ihm verwendete Methode läßt sich diese Kürze rechtfertigen, und eine detailliertere Einordnung in den historischen Hintergrund hätte vermutlich sein eigenes Anliegen mehr verschleiert als aufgehellt. Trotzdem:Wer dieses Buch liest, sollte genügend Wissen über die Ereignis- und Geistesgeschichte der Epoche mitbringen und sich ein medizinisches Fachwörterbuch zurechtlegen, da viele Fachbegriffe der Medizin ungeklärt bleiben.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Eckart: "Die wachsende Nervosität unserer Zeit". Medizin und Kultur um 1900 am Beispiel einer Modekrankheit, in: G. Hübinger / R. vom Bruch / F.W.Graf (Hgg): Kultur und Kulturwissenschaften um 1900 II: Idealismus und Positivismus. Stuttgart 1997, S. 207-226, hier: S. 207.
[2] Vgl. Joachim Radkau: Die wilhelminische Ära als nervöses Zeitalter oder: Die Nerven als Netz zwischen Tempo- und Körpergeschichte, in: GG 20 (1994), S.211-241, hier S.224.
[3] Ibidem. S. 226.
[4] Doris Kaufmann: Aufklärung, bürgerliche Selbsterfahrung und die "Erfindung" der Psychiatrie in Deutschland 1770-1850. Göttingen 1995.

Zitation
Maja Bächler: Rezension zu: : Krankheit und Kulturkritik. Psychiatrische Gesellschaftsdeutungen im bürgerlichen Zeitalter (1790-1914). Frankfurt am Main  1999 , in: H-Soz-Kult, 09.12.1999, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4339>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.12.1999
Beiträger
Redaktionell betreut durch