B.H. McLean: An introduction to Greek epigraphy

Cover
Titel
An introduction to Greek epigraphy of the Hellenistic and Roman periods from Alexander the Great down to the reign of Constantine. (323 B.C.-A.D. 337)


Autor(en)
McLean, Bradley Hudson
Erschienen
Umfang
XX, 516 S.
Preis
€ 78,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Weiß, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Das Buch McLeans füllt zweifelsfrei eine Lücke. Alle bisherigen Einführungen in die griechische Epigrafik befassen sich vorrangig mit der klassischen Zeit. Doch stammt der weitaus größere Teil der griechischen Inschriften aus der Zeit des Hellenismus und der Kaiserzeit. Gestützt auf die gängigen Einführungen kommt man mit diesen Texten gerade als Anfänger kaum zurecht, denn Hellenismus und Kaiserzeit haben neue Inschriftentypen und neue Institutionen hervorgebracht. Es ist vollkommen richtig, die beiden Epochen dann in einem Buch zusammenzufassen. McLean verfügt, wie man es von dem Verfasser eines solchen Werkes auch erwarten darf, über Editionserfahrung. Im gleichen Jahr wie das besprochene Buch ist sein Katalog der Inschriften des Museums von Konya erschienen.[1]

McLeans Buch ist überaus reichhaltig. Allein das Inhaltsverzeichnis erstreckt sich über sieben Seiten. Studenten oder Doktoranden dürfen sich nach der Lektüre als eingeweiht in die Materie betrachten. Lehrenden wird das Werk als Leitfaden für entsprechende Lehrveranstaltungen dienen. Dies sei trotz nachfolgend anzumerkender Mängel nachdrücklich betont.

Gleich zu Beginn macht McLean auf einen wichtigen Umstand aufmerksam, dass nämlich ein inschriftlich fixierter Text bereits selbst eine Geschichte hat - vom Entwurf des Textes (draft) über die Übertragung des Textes auf den Stein (transscription) bis zum Einmeißeln durch den Steinmetz (engraving). Fehler im Text einer Inschrift müssen also nicht immer zu Lasten des Steinmetzes gehen (S. 9-18). Das Buch gliedert sich dann in drei Hauptteile. Im ersten Teil werden "general matters" abgehandelt. Ausführlich wird zunächst das Leidener Klammersystem erläutert. Die Warnung vor 'Abweichlern' von diesem System fehlt nicht.[2] Es folgt ein Kapitel zu Paläografie, Punktuation, Abkürzungen in Inschriften (auf S. 52-54 findet sich eine Auswahlliste mit den geläufigsten Abkürzungen) und Zahlzeichen. Unter der Überschrift zum dritten Kapitel "Inscriptions as archaeological artifacts" hätte zumindest der Rezensent unter anderem Ausführungen zu den Inschriftenträgern und zu Datierungsmöglichkeiten mit Hilfe der Archäologie erwartet. Stattdessen findet sich hier eine detaillierte Einführung in die Herstellung von Abklatschen (inklusive der Abbildung einer "epigraphic squeeze brush", S. 70) und deren Bedeutung für die Epigrafik.

Kapitel 4 befasst sich mit der Onomastik griechischer Eigennamen und der prosopografischen Methode. Kapitel 5 behandelt die römischen Namen. In dieses Kapitel werden auch die Eigennamen und Titulaturen der römischen Kaiser einbezogen. Hier kommt es allerdings zu sachlichen Ungenauigkeiten. Ganz unglücklich ist der Hinweis auf S. 125: "the agnomen Augustus was given to Iulius Caesar Octavianus by the Senate in 27 B. C." Es mag noch angehen, "Augustus" bei den späteren Kaisern onomatologisch als Agnomen aufzufassen, im Jahre 27 v.Chr. war dies aber unzweifelhaft ein Ehrentitel. Und dass Augustus den Namen Octavianus nie, schon gar nicht im Jahre 27, selbst geführt hat und nur in der kurzen Periode zwischen Mai und November 44 v.Chr. von Cicero so genannt wurde, sollte bekannt sein.[3] Auf S. 134 folgen zwei weitere Missgriffe zum Thema: den einen, "The cognomen of the gens Iulia was Caesar", muss man nicht kommentieren; der andere: "In 38 B. C. Augustus abandoned the praenomen Gaius, substituting in its place autokrator/imperator [...] This change emphasized his new role contrast to his previous role as triumvir and military despot". Die Verlängerung des Zweiten Triumvirates über 38 hinaus scheint McLean entgangen zu sein. Genug der Mängelliste. Das Kapitel 5 schließt mit einer überaus nützlichen "Chronological List of Roman Emperors" mit instruktiven Beispielen ihrer Nennung und ihrer Titulatur in den griechischen Inschriften (S. 138-145). Kapitel 6 befasst sich mit der antiken Zeitrechnung. Auch dieses Kapitel wird angereichert mit nützlichen Übersichten: so etwa einer Liste der verschiedenen eponymen Magistrate in den unterschiedlichen Städten (S. 150-153), einer Übersicht zu den verschiedenen griechischen Monatsnamen (S. 162), einer Aufstellung der Monatsnamen in den kleinasiatischen Provinzen der Kaiserzeit (S. 170) oder einer Tabelle mit den wichtigsten Ären (S. 176).

Der zweite Hauptteil behandelt unter der Überschrift "The nature of Greek inscriptions" die einzelnen Inschriftenklassen. Dekrete (Kap. 8), dann noch einmal gesondert Ehren- und Proxeniedekrete sowie Ehreninschriften (Kap. 9), Weihinschriften und ex-votos (Kap. 10), Grabinschriften (Kap. 11) und schließlich die Freilassungsinschriften (Kap. 12) erhalten allesamt ein eigenes Kapitel. Die übrigen Klassen werden summarisch in Kapitel 7 abgehandelt. Struktur, charakteristische Elemente und typische Formeln der einzelnen Gattungen werden vorgestellt. Immer wieder finden sich gelungene Unterkapitel zu Einzelaspekten, so in Kapitel 11.07 ein instruktiver Einblick in die antike Grab- und Memorialkultur. Insbesondere mit Rücksicht auf den avisierten Leserkreis wäre vielleicht zu Beginn des Kapitels 8 der Hinweis vonnöten gewesen, dass bei weitem nicht alle Dekrete, sondern wahrscheinlich nur ein kleiner Bruchteil auf Stein publiziert wurde, während der weitaus größere Teil nur temporär auf hölzernen tabulae albatae öffentlich aufgestellt wurde.[4] Auf S. 243 ist die Datierung der Inschrift IGRR IV 907 auf die Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. zu korrigieren (nicht "A. D. 80-90").[5]

Der dritte Hauptteil wendet sich "Selected topics" zu. Einige "Themen", wie die Bedeutung der Inschriften für die Religionsgeschichte, hat McLean bereits im zweiten Hauptteil zur Genüge abgedeckt (Kap. 10 zu den Weihinschriften sowie 11.08 und 11.09 zu den jüdischen und christlichen Grabinschriften) und muss sie hier nicht wiederholen. Kapitel 13 erörtert die wichtigsten Gremien und Magistraturen der griechischen Städte. Hier wären einige erläuternde Bemerkungen angebracht gewesen, etwa dass viele Amtsbezeichnungen, z.B. Agoranomos, nicht nur für die hellenistische Zeit gültig waren, sondern sich bis in die römische Zeit hielten, und einige Magistraturen, wie die Eirenarchen, erst in römischer Zeit eingeführt wurden. McLeans Kapitelüberschrift "Magistrates, other functionaries and the government of the Hellenistic city" ist irreführend.[6] Nützlich ist auch hier wieder eine ausführliche Liste der griechischen Magistraturen und Ämter (S. 319-324).

Kapitel 14 ist mit "Roman administration and functionaries" überschrieben. Darunter finden sich Einzelkapitel zum senatorischen cursus honorum, zu den ritterlichen Karrieren, zur Provinzialverwaltung und den römischen Städten. Vor allem im Kapitel zur senatorischen Laufbahn (14.01) wird der Einsteiger an manchen Stellen den Durchblick verlieren. Es wäre notwendig gewesen, dem Leser zu erklären, dass es sich bei den senatorischen Ämtern zu allererst um stadtrömische Ämter handelt. Einige Sätze sind auch schlicht falsch. S. 326f.: "In the time of the Principate, all except patricians were then required to become aedilis or tribunus plebis after their quaestorship, before reaching the praetorship". Die Patrizier haben natürlich die kurulische Aedilität vor der Praetur bekleidet. S. 327: "Around A. D. 197, when the number of praetors was set at six, it was required that all consuls be ex-praetors". Die Regelung, dass dem Consulat die Praetur vorausgehen muss, geht bereits auf die lex Villia annalis aus dem Jahre 180 v.Chr. zurück. Falsch ist auch der Hinweis, Augustus habe die Mitgliederzahl des ordo senatorius auf 600 festgelegt (S. 328). Augustus hat die Zahl der Senatsmitglieder auf 600 begrenzt. Der ordo senatorius umfasste weitaus mehr Personen, nämlich auch die Frauen und Kinder der Senatoren. Ganz missglückt ist auch die Überschrift zu Kapitel 14.03 "Offices open to persons below senatorial and equestrian rank". Behandelt werden hier die Magistrate der römischen coloniae. Diese Thematik aber gehört systematisch in das Kapitel 14.07 "Colonies, Roman cities and free cities".

Das Kapitel 15 enthält Sprachwissenschaftliches unter anderem zu Lautverschiebungen, Assimilationen, Dialekten. All diese Phänomene wirken sich bekanntlich auf die Orthografie der Inschriften aus. Kapitel 16 liefert unter der Überschrift "Epigrams" eine kompakte Einführung in die Metrik. Kapitel 17 schließlich bietet einen Überblick zu antiken Währungen. Es folgt eine knappe Übersicht der wichtigsten elektronischen Hilfsmittel für die griechische Epigrafik [7] sowie ein über 80 Seiten langes Abkürzungsverzeichnis "of epigraphical and related classical publications". Warum hat denn hier kein Verlagsvertreter Einhalt geboten und für die Zeitschriften, Akademieschriften usw. einen Verweis auf die Année Philologique oder ähnliches eingefordert? Mehrere Indizes (Greek terms, Greek personal names, Latin terms, Roman personal names, General index) beschließen das Buch. Umfassende weiterführende Literaturhinweise finden sich am Ende der einzelnen Kapitel.

Ein letztes ist zu beklagen: Den Druckfehlerteufel hätte man enger an der Leine halten müssen. Dieser durfte vor allem in den bibliografischen Angaben zu deutschen Titeln sein Unwesen treiben. Einiges ist beinahe amüsant (S. 128, Anm. 47: "Theodore E. Mommsen", S. 192, Anm. 42 "adonischischen" statt "agonistischen"). Die französischen oder italienischen Titel blieben ebenfalls nicht verschont (S. 156, Anm. 33: "obsservazioni"); auch nicht, was viel gravierender ist, die griechischen Zitate: S. 269, 5. Zeile von unten: die Inschrift lautet "Aphrodisia chaire" (nicht "chreste"); S. 243: skytobyrseon (nicht skytobyreon); S. 255 muss es vor Anm. 27 in der Umschrift Theuodotos heißen (nicht Theodotos). Die Bildunterschrift zu Abb. 15 ist, man kann es nicht anders nennen, schluderig. Die auf dem Foto deutlich zu lesende zweite Zeile der Inschrift (metropoleos tes Asias) fehlt in der Textwiedergabe, der Geehrte heißt T. Publius Vedius (nicht Hedius) Marcellus, auf dem Stein steht etimesan (nicht eteimesan) und schließlich fehlt (ebenso wie zu Abb. 17) ein Publikationsnachweis. In Abb. 8 ist am Ende der ersten Zeile der Inschrift hemo[n zu lesen (nicht m[ou).

Dennoch ist das Buch für Studenten der Altertumswissenschaften als Einführung in die griechische Epigrafik der hellenistisch-römischen Zeit zu empfehlen. Ideal erschiene dem Rezensenten die Lektüre des Buches als Begleitung zu einer Lehrveranstaltung oder, um einen Begriff des anbrechenden Zeitalters der BA-/MA-Studiengänge zu bemühen, im "angeleiteten Selbststudium".

Anmerkungen:
[1] McLean, Bradley Hudson, Greek and Latin inscriptions in the Konya Archaeological Museum (Regional epigraphic catalogues of Asia Minor 4), London 2002.
[2] Zum Problem der bis heute trotz der Leidener Konvention herrschenden Uneinheitlichkeit in den verschiedenen Editionen vgl. neben der bei McLean S. 28, Anm. 2-4 angegebenen Literatur noch Merkelbach, Reinhold, The maddening use of Robertian brackets, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 49 (1982), S. 287-290.
[3] Vgl. dazu Rubincam, Catherine, The nomenclature of Julius Caesar and the later Augustus in the triumviral period, Historia 41 (1992), S. 88-103, hier S. 89f.
[4] Vgl. dazu Eck, Werner, Inschriften auf Holz. Ein unterschätztes Phänomen der epigraphischen Kultur Roms, in: Kneissl, Peter; Losemann, Volker (Hgg.), Imperium Romanum. Studien zu Geschichte und Rezeption. FS Karl Christ 75. Geb., Stuttgart 1998, S. 203-217; vgl. auch Ders., Öffentlichkeit, Monument und Inschrift, in: XI Congresso internazionale di epigrafia greca e latina 1997, Roma 1999, S. 55-75.
[5] Die Inschrift wurde zuletzt publiziert in IKibyra (IK 60) als Nr. 63.
[6] Zu den grammateis (S. 308) ist unbedingt die Arbeit von Schulte, Claudia, Die Grammateis von Ephesos, Stuttgart 1994, zu ergänzen; zu den Sitonai (S. 315) vgl. Strubbe, Johan H. M., The sitonia in the cities of Asia Minor under the principate, Epigraphica Anatolica 10 (1987), S. 45-82 und 13 (1989), S. 99-122.
[7] Hier fehlt die online abrufbare Datenbank der Prosopographia Imperii Romani, http://www.bbaw.de/forschung/pir/stichworte.html.

Zitation
Alexander Weiß: Rezension zu: : An introduction to Greek epigraphy of the Hellenistic and Roman periods from Alexander the Great down to the reign of Constantine. (323 B.C.-A.D. 337). Ann Arbor  2002 , in: H-Soz-Kult, 27.09.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4393>.
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27.09.2004
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