Chr. Reusser: Vasen für Etrurien

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Titel
Vasen für Etrurien. Verbreitung und Funktionen attischer Keramik im Etrurien des 6. und 5. Jahrhunderts vor Christus


Autor(en)
Reusser, Christoph
Erschienen
Zürich 2002: Akanthus
Umfang
Bd. 1, 206 S.; Bd. 2, 270 S.
Preis
€ 75,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Petra Amann, Institut für Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik, Universität Wien

Im vorliegenden Werk hat sich Christoph Reusser der Mühe unterzogen, den Fragen nach Verbreitung und Funktion der attischen Keramik in Etrurien in ausführlicher und systematischer Art und Weise nachzugehen, was bis dahin sicherlich als ein Desiderat der Forschung gelten durfte. Mit Schwerpunkt auf dem 6. und 5. Jahrhundert v.Chr. stehen nicht der athenische Produzent und Händler, sondern die etruskischen Konsumenten und ihre Welt im Vordergrund des Interesses.

Band I des Werkes, eine 1995 von der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern angenommene, inhaltlich weitgehend unveränderte Habilitation, enthält die wesentlichen Zusammenfassungen und Ergebnisse der Arbeit, während Band II ausschließlich der Dokumentation des reichen Materials und dem wissenschaftlichen Apparat gewidmet ist. In der "Einleitung" zu Band I erläutert Reusser seinen methodischen Ansatz, der eine geografisch möglichst breit angelegte und funktional vielschichtige Materialbasis vorsieht, und gibt einen kurzen Einblick in den Forschungsstand (S. 8-14). "Verbreitung und Verteilungsmechanismen" attischer Keramik in Etrurien werden in Kapitel II anhand dreier Muster-Regionen (Emilia, Arno-Tal, Chiana-Tal) kurz erläutert, wobei Reusser von einer größeren Anzahl von Mittelsmännern und relativ komplexen Strukturen des Handels ausgeht und einen echten Marktaustausch nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage für möglich hält (S. 25f.).

Mit dem darauf folgenden Kapitel beginnt das eigentliche Herzstück der Arbeit: Anhand zahlreicher Beispiele werden nacheinander die drei großen Fundkategorien - Häuser, Heiligtümer und Gräber - auf das Vorhandensein attischer Keramik untersucht, wobei bewusst Fundkomplexe unterschiedlicher Bedeutung und Größenordnung sowohl in Küstennähe als auch im Hinterland gewählt wurden. Der geografische Raum ist mit Kernetrurien, der Etruria Padana, Kampanien und Kolonien oder Emporia wie Aleria auf Korsika und Genua an der ligurischen Küste weit gefasst, um mögliche regionale Unterschiede oder Übereinstimmungen erkennen zu können. Kapitel III ("Attische Vasen in etruskischen Häusern und Heiligtümern", S. 29-45) wertet rund 80 Häuserfunde [1] und 40 Heiligtumsfunde auf etruskischem Gebiet und im nördlichen Latium vetus[2] aus: Attische Keramik scheint zum üblichen Inventar reicher, aber auch einfacher etruskischer Wohnhäuser des 6. und 5. Jahrhunderts v.Chr. gehört zu haben, wo sie auch wirklich verwendet wurde (S. 30). Das Vorherrschen von Schalen, Skyphoi und - in deutlich geringerem Ausmaß - Krateren zeige den Funktionszusammenhang zu Bankett und Symposion (S. 34). Aus den Kultstätten Etruriens, und zwar auch aus den kleineren, meist anonymen und abseits gelegenen Heiligtümern ist die Präsenz attischer Vasen ebenfalls gut bekannt, allerdings sei ihre Anzahl hier eher bescheiden; Ausnahmen sind die Bezirke von Uni-Leukothea sowie Suri und Cavatha in Pyrgi, der heilige Bezirk von Gravisca und das Apollon-Heiligtum in Pompeji (S. 38f.). Zum Großteil handelt es sich um Symposionskeramik, die Schale dominiert. Von der Funktion her kann es sich um Weihgeschenke, rituelles Kultgeschirr oder Gebrauchsgeschirr bei Kultmahlen handeln; so werden z.B. die kleinen 'Zellen' im Uni-Heiligtum von Pyrgi von Reusser mit Kultmahlen in Verbindung gebracht. Antike Flickungen sind überall belegt, in Heiligtümern jedoch relativ selten (S. 45).

Das umfangreiche Kapitel IV ("Attische Vasen in etruskischen Gräbern", S. 47-122 und Bd. II, Tabellen 3-21) untersucht Anzahl, Formenspektrum und Häufigkeit attischer Keramik im Grabbereich in zentralen Hauptorten (Vulci, Cerveteri und Bologna), in kleineren Zentren des Hinterlandes (Saturnia, San Giovenale, Val Berretta bei Vetulonia), in Emporien oder Kolonien außerhalb des zentralen Siedlungsgebietes (Genua, Aleria), in kleineren Grabgruppen (Monte Avigliano bei Bologna, Le Balone bei Rovigo) und in ausgewählten Einzelgräbern (Todi, Monteleone di Spoleto, Castel San Mariano, Sasso Marconi, Prodo bei Orvieto, Ischia di Castro). Eine ausführlichere Behandlung der Nekropolen von Orvieto / Volsinii veteres wäre aufgrund der großen Bedeutung dieser Stadt im 6. und 5. Jahrhundert v.Chr. wünschenswert gewesen, bei den kleineren Grabgruppen fehlt Material aus Kernetrurien. Was die Einzelgräber betrifft, so liegen sowohl das ins späte 5. Jahrhundert v.Chr. zu datierende Kriegergrab in der San Raffaele-Nekropole von Todi (S. 105ff.), das mit mindestens 60 attischen Gefäßen diejenige Einzelbestattung mit der höchsten Anzahl an attischer Keramik in ganz Mittel- und Norditalien ist, als auch das Fürstengrab von Monteleone di Spoleto (S. 108) auf umbrischem Gebiet und sind für Etrurien und seine Gesellschaft nur begrenzt repräsentativ.

Folgende Ergebnisse können nach Reusser aus der Analyse des Funerärbereichs gewonnen werden (S. 110ff.): Attische Keramik gehörte überall zu den üblichen Grabbeigaben, 60 bis 80 Prozent aller Gräber etruskischer Nekropolen enthielten attische Gefäße. Mehr als drei Vasen pro Grab sind eher selten; eine Ausnahme stellt Aleria dar. Ihre hohe Anzahl in der reichen "Tomba dei Vasi Attici" im Tumulus II der Banditaccia-Nekropole von Cerveteri (mindestens 95 attische Gefäße) erklärt sich durch die Größe (14 Klinen) und die lange Belegungsdauer des Kammergrabes (S. 62). Die Beigabe attischer Importkeramik ist weder im 6. noch im 5. Jahrhundert auf eine zahlenmäßig geringe Elite oder Oberschicht begrenzt, sondern auch in der 'Mittelschicht' breit gestreut. Dass Männer-, Frauen- und Kindergräber nach Reusser keine deutlichen Unterschiede in der Ausstattung mit attischen Gefäßen zeigen (allerdings scheint es hier lokale Unterschiede zu geben, vgl. S. 115), wird mit dem von geschlechts- und altersspezifischen Rollenbildern unabhängigen rituellen Aspekt dieser Grabbeigabe erklärt (S. 116). Die häufigste bzw. eine der häufigsten Formen ist die Schale, daneben sind lokal unterschiedlich der Krater in Bologna, die Amphore in Vulci und Tarquinia, die Lekythos in Cerveteri und die Oinochoe in Spina beliebt (S. 111f.).

In Kapitel V ("Die Rolle der Gefäßformen", S. 123-144) wird nach einer Auflistung jener in Athen erzeugten Gefäßformen, die direkt auf etruskische Vorbilder zurückgehen, der Frage nachgegangen, welche Bedeutung die Vasenform im allgemeinen für den etruskischen Käufer hatte. In der schwarzfigurigen, rotfigurigen und schwarzgefirnißten attischen Ware dominieren in allen Lebensbereichen offene Trinkgefäße wie Schalen und Skyphoi; das breiteste Formenspektrum (S. 132) findet sich in Cerveteri und Bologna, wobei Reusser für den Funerärbereich Bolognas ein "'ideales' Service attischer Keramik" (S. 135: Krater, Amphore, Schale, Skyphos und Oinochoe) erkennen und aufgrund seiner rituellen Verankerung auf ganz Etrurien umlegen möchte. Ohne Frage kommt dem Bankett/Symposion und dem zugehörigen Geschirr aus Keramik und Bronze in Etrurien sowohl im Alltagsleben als auch im Sepulkralbereich eine wichtige Rolle zu. Dies zeigen die zahlreichen Gefäßdarstellungen in der etruskischen Grabmalerei deutlich, die in Kapitel VII ("Gefäße und Geräte in der etruskischen Wandmalerei", S. 191-202) ausgewertet werden.[3]

Die auf den attischen Vasen dargestellten Bildthemen konnten nach Reusser (Kapitel VI, "Zur Gewichtung der Bildthemen", S. 145-190) durchaus eine Rolle beim Kauf spielen; besonders beliebt waren Kriegerdarstellungen, Athletenbilder, Herakles, Symposion und Komos und dionysische Szenen. Er plädiert mit Recht dafür, dass die Bilderwelt des 6. und 5. Jahrhunderts v.Chr. von den Etruskern auch verstanden und selbständig ins eigene, dem griechischen ähnliche Wertesystem eingegliedert wurde (S. 189). Welche Bildthemen wiederum in Etrurien besonderen Anklang fanden, dürfte im Athener Kerameikos durchaus bekannt gewesen sein (S. 190). Ein Vergleich mit Gefäßformen und Themen der etruskischen Vasenmalerei wäre an dieser Stelle interessant gewesen. Im abschließenden Kapitel VIII (S. 203-206) gibt Reusser eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse in Form von elf kurzen "Thesen".

Bd. II enthält neben der Dokumentation 20 Tafeln (S. 119-140), wo neben einigen Plänen erstaunlich wenig attische Keramik gezeigt wird, eine Bibliografie (S. 198-235), Register und Konkordanzen (S. 237-262) und jeweils eine Zusammenfassung der Ergebnisse in italienischer und englischer Sprache. Leider ist nur die bis 1995 erschienene Literatur vollständig aufgenommen, jene zwischen 1995 und 2002 wurde nur in Auswahl und nicht systematisch berücksichtigt.[4]

Das Buch ist sorgfältig recherchiert, das Urteil Reussers in der Regel vorsichtig und ausgewogen. Wenn auch nicht alles wirklich neu ist, so wurde es jedenfalls auf eine breite, gut dokumentierte Basis gestellt, die Grundlage für jede zukünftige Beschäftigung mit attischer Keramik in Etrurien und ihrer Vermarktung im Allgemeinen sein wird.

Anmerkungen:
[1] Die Dokumentation dazu findet sich in Bd. II, Karte 4, Anhang 2/S. 31-63, Tabelle 1.
[2] Zur Dokumentation vgl. Bd. II, Karte 5, Anhang 3/S. 64-100, Tabelle 2.
[3] Die Dokumentation dazu findet sich in Bd. II, Anhang 4, S. 101-112; vgl. auch Anhang 5, "Funde attischer Keramik in bemalten etruskischen Gräbern", S. 113-118. Zu Frauendarstellungen (und dazugehörigen Gefäßen) in der etruskischen Vasen- und Wandmalerei vgl. Amann, Petra, Die Etruskerin. Geschlechterverhältnis und Stellung der Frau im frühen Etrurien (9.-5. Jh. v.Chr.) (Österr. Akad. d. W., phil.-hist. Klasse, Denkschr. 289), Wien 2000, S. 141ff., 146ff., bes. S. 154.
[4] So ist z.B. die Publikation zur Arnoaldi-Nekropole von Bologna inzwischen erschienen: Macellari, Roberto, Il sepolcreto nel terreno Arnoaldi di Bologna: 550-350 a.C., Venedig 2002.

Zitation
Petra Amann: Rezension zu: : Vasen für Etrurien. Verbreitung und Funktionen attischer Keramik im Etrurien des 6. und 5. Jahrhunderts vor Christus. Zürich  2002 , in: H-Soz-Kult, 03.05.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4400>.
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03.05.2004
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