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Titel
Justinian. Herrschaft, Reich und Religion


Autor(en)
Meier, Mischa
Erschienen
München 2004: C.H. Beck Verlag
Umfang
128 S.
Preis
€ 7,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Börm, Institut für Klassische Altertumskunde, Christian-Albrechts-Universität Kiel

In den vergangenen Jahren hat das gestiegene Interesse der althistorischen Forschung an der Spätantike zu einer Reihe von mehr oder weniger umfangreichen Arbeiten über Kaiser Justinian I. geführt, wobei als Einführungen besonders die Taschenbücher von James A. S. Evans [1] und Pierre Maraval [2] Erwähnung verdienen. Mischa Meier, der bereits mit seiner viel beachteten, 2003 veröffentlichten Habilitationsschrift [3] sowie einigen Aufsätzen als ausgewiesener Justinian-Experte hervorgetreten ist, hat nun seinerseits eine sehr knappe Einführung in die Zeit des neben Konstantin bekanntesten spätantiken Kaisers vorgelegt.

Wie kaum anders zu erwarten, gleicht Meiers Buch in mancher Hinsicht einem Exzerpt aus seiner großen Justinian-Monografie, deren Grundthesen der Leser hier in komprimierter Form wieder findet. Das Büchlein folgt einem klaren Aufbau. Zunächst (S. 7-13) erläutert Meier die Vorstellung, die Justinian selbst von seinem Amt gehabt und die sich insofern von der seiner Vorgänger unterschieden habe, als bereits bei der Erhebung Justinians zum Mitregenten seines kranken Onkels Justin I. mit der Tradition gebrochen worden sei, eine wenigstens fiktive Mitwirkung des Volkes zu inszenieren: Von Anfang an habe Justinian sein Kaisertum einzig durch einen göttlichen Auftrag legitimiert und mithin die letzten Spuren des augusteischen Prinzipats beseitigt. Im Folgenden (S. 14-28) bereitet Meier gewissermaßen die Bühne für die späteren Ereignisse: Die einfache Herkunft Justins und seines Neffen aus dem lateinischsprachigen, mehrheitlich dem Chalcedonense anhängenden Illyricum wird ebenso geschildert wie die religiösen Verhältnisse in Ostrom um 500, die Topografie Konstantinopels und die Rolle der hauptstädtischen Massen; ferner gibt Meier einen sehr knappen Überblick über den Verfall des weströmischen Reiches im fünften Jahrhundert. Sodann (S. 25-28) wird die bereits in Meiers Habilitationsschrift vertretene These skizziert, das Ausbleiben der Parusie Christi habe, gerade angesichts der "um 500 einsetzenden Katastrophen" (S. 27), zu einer tiefen Verunsicherung der Zeitgenossen geführt.[4]

Im vierten Kapitel (S. 29-46) werden der Aufstieg Justinians sowie, nach einem knappen Überblick über die wichtigsten dogmatischen Streitigkeiten innerhalb des spätantiken Christentums, seine und Justins Religionspolitik geschildert. Ferner geht Meier kurz auf die Erstellung des Corpus Iuris (übrigens verweist er immer wieder auf die Novellen, um Inhalte der kaiserlichen Propaganda zu belegen) und den Wiederausbruch des 506 durch einen Waffenstillstand unterbrochenen Perserkrieges [5] ein, der 532 durch den "Ewigen Frieden" beendet werden kann. Dabei äußert Meier mehrfach die Ansicht, in den ersten Jahren Justinians sei an den Versuch einer renovatio imperii noch nicht gedacht worden: "Das vielbeschworene Restaurationsprogramm Justinians existierte 532 noch nicht" (S.46).

Im Folgenden (S. 47-55) schildert Meier den Nika-Aufstand von 532 und bietet dabei eine Kurzfassung seiner an anderer Stelle [6] breit ausgeführten These, der Kaiser habe die blutigen Unruhen bewusst herbeigeführt, um die Opposition enttarnen und beseitigen zu können; seine Herrschaft sei dabei, anders als in den Quellen behauptet, niemals in Gefahr gewesen. Die Erwähnung der durch die Revolte verursachten Zerstörungen bietet Meier dann Gelegenheit, kurz auf Justinians umfangreiches Bauprogramm zu verweisen. Ein weiteres kurzes Kapitel (S. 56-61) ist Theodora gewidmet, deren Einfluss Meier zufolge trotz ihrer Parteinahme für die Monophysiten insgesamt eher geringer als der anderer spätantiker Kaiserinnen war.[7]

In seiner Schilderung der Kriege gegen Vandalen und Ostgoten bis 540 folgt Meier überwiegend Prokops Darstellung,[8] wobei er betont, erst angesichts der unerwarteten Rückeroberung Nordafrikas sei der Plan entstanden, auch Italien und den übrigen Westen wieder der römischen Herrschaft zu unterwerfen. Nachdem er kurz "Weitere Reformen" (S. 71-76) erwähnt hat, wendet sich Meier nun den Katastrophen der Jahre 540-542 (Eroberung Antiochias durch die Perser unter Husrav I., Wiederaufflammen des Gotenkrieges, Ausbruch der Pest) zu, die für ihn einen entscheidenden Einschnitt markieren (S. 77-84).

Für die Jahre nach 542 macht Meier ein noch weiter gesteigertes Interesse des Kaisers an theologischen Fragen (Dreikapitelstreit, 5. Ökumenisches Konzil) und einen Rückgang der antikisierenden Tendenzen sowie der gesetzgeberischen Aktivität Justinians aus (S. 85-92). Wie ein Nachspiel werden der wechselhaft verlaufende Krieg gegen die Sasaniden, die schließliche Zerschlagung des Ostgotenreiches, die schwierige Konsolidierung der afrikanischen Provinzen und die (von Meier richtig als ephemer eingeschätzte) Errichtung einer oströmischen Exklave in Südspanien geschildert (S. 93-101). Anschließend (S. 102-113) beschreibt Meier die Veränderungen, die durch die Krisenerfahrung in Gesellschaft, religiöser Praxis (Liturgisierung) und Kaisertum hervorgerufen oder beschleunigt worden seien und von ihm an anderem Ort als "Kontingenzbewältigung" verstanden worden sind. Nach einem abschließenden Überblick über die Herrschaft Justinians II. fasst Meier seine Bewertung des justinianischen Zeitalters noch einmal kurz zusammen (S. 114-119). Die anschließende, teilweise knapp kommentierte Auswahlbibliografie führt Überblicks- und Vertiefungswerke auf und bietet gerade auch Studenten nützliche Hinweise.

Meier ist es insgesamt gelungen, eine in vielerlei Hinsicht unübersichtliche Phase der ausgehenden Spätantike in eindrucksvoller Weise zusammenzufassen. Dass Laien, an die sich die Bücher der Reihe ja nicht zuletzt richten, zum Teil gewiss dennoch leicht den Überblick verlieren werden, ist kaum Meier anzulasten, sondern eher auf die Komplexität des Themas zurückzuführen. Positiv hervorzuheben ist dabei vor allem, dass - anders als bei den meisten Titeln der Reihe - oft auf die antiken Quellen verwiesen wird und zum Teil auch übersetzte Zitate angeführt werden.

Etwas problematisch erscheint allerdings Meiers "Verschwörungstheorie" hinsichtlich des Nika-Aufstandes. Es stellt sich die Frage, ob es nicht doch etwas zu weit geht, Justinians offenbare Missachtung der üblichen spätantiken Regeln für die Kommunikation zwischen Volk und Herrscher als Teil eines perfiden Plans zur Beseitigung der Opposition zu interpretieren und zu postulieren, der Kaiser habe die Situation von Anfang bis Ende vollständig unter Kontrolle gehabt und selbst sein widersprüchliches Verhalten während der Anfangsphase der Revolte sei kalter Berechnung entsprungen. Meiers Erklärung entbehrt zwar durchaus nicht der Logik und soll hier nicht grundsätzlich verworfen werden. Meines Erachtens ist es aber nahe liegender, Justinians Verhalten mit der von Meier skizzierten Herrschaftsauffassung des Kaisers zu erklären: Wenn der populus Romanus mehr oder weniger explizit jeder Bedeutung (und sei sie auch nur symbolisch) für die Legitimation des allein von Gott eingesetzten Kaisers beraubt werden sollte, wäre es nur konsequent, den Nika-Aufstand als das direkte, gewaltsame Aufeinanderprallen des traditionellen Konzepts mit dem von Justinian vertretenen zu verstehen. Das Ergebnis des Aufstands, die Schwächung der senatorischen Opposition, als von vornherein geplantes Ziel darzustellen, ist vielleicht doch zu sehr eine Argumentation ex eventu.

Dieser kleine Einwand soll aber nicht den Blick darauf verstellen, dass mit Meiers Buch nun eine insgesamt solide und gut lesbare Kurzdarstellung der Zeit Justinians in deutscher Sprache vorliegt, die den aktuellen Forschungsstand wiedergibt und der - auch im Rahmen von Lehrveranstaltungen - weite Verbreitung zu wünschen ist.

Anmerkungen:
[1] Evans, J. A. S., The Age of Justinian, London 1996.
[2] Maraval, P., L'empereur Justinien, Paris 1999.
[3] Meier, M., Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen 2003.
[4] Vgl. dazu auch Brandes, W., Anastasios ho dikoros: Endzeiterwartung und Kaiserkritik in Byzanz um 500 n.Chr., ByzZ 90 (1997), S. 24-63.
[5] Einschlägig dazu Greatrex, G., Rome and Persia at War, 502-532, Leeds 1998.
[6] Meier, M., Die Inszenierung einer Katastrophe: Justinian und der Nika-Aufstand, ZPE 142 (2003), S. 273-300.
[7] Vgl. dazu auch Evans, J. A. S., The empress Theodora, Austin 2002; Leppin, H., Theodora und Iustinian; in: Temporini-Gräfin Vitzthum, H. (Hg.), Die Kaiserinnen Roms, München 2002, S. 437-481.
[8] Zu Prokop, der mit Abstand wichtigsten Quelle für die Zeit Justinians, vgl. neben der einschlägigen Arbeit von Cameron, Averil, Procopius and the Sixth Century, London 1985; jetzt auch Kaldellis, A., Procopius of Caesarea. Tyranny, History, and Philosophy at the End of Antiquity, Philadelphia 2004.

Zitation
Henning Börm: Rezension zu: : Justinian. Herrschaft, Reich und Religion. München  2004 , in: H-Soz-Kult, 07.06.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4489>.
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07.06.2004
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