A.R. Hofmann u.a. (Hgg.): Stadt und Öffentlichkeit in Ostmitteleuropa

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Titel
Stadt und Öffentlichkeit in Ostmitteleuropa 1900-1939. Beiträge zur Entstehung moderner Urbanität zwischen Berlin, Charkiv, Tallin und Triest


Hrsg. v.
Hofmann, Andreas.R.; Wendland, Anna Veronika
Erschienen
Stuttgart 2002: Franz Steiner Verlag
Umfang
308 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Bauer, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Freie Universität Berlin

Präziser als der sehr allgemeine Obertitel gibt der Untertitel dieser auf eine Tagung am Leipziger Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) zurückgehenden Publikation das zusammenführende Kriterium der insgesamt 15 Beiträge an: moderne Urbanität wird an einigen ausgewählten Merkmalen wie Architektur, Geselligkeit, Kommunikation in ihrer Genese und/oder Entwicklung vor allem in Mitteleuropa zwischen Jahrhundertwende und Beginn des Zweiten Weltkriegs untersucht. Den theoretischen Bezugspunkt als Klammer geben hierbei sowohl die in den westeuropäischen Wissenschaftsgesellschaften ausführlich und teilweise kontrovers diskutierten Konzepte von Öffentlichkeit ab als auch die in unterschiedlichen Disziplinen virulenten Debatten um den (Ost-)Mitteleuropa-Begriff. Wie die Herausgeber in ihrer Einleitung differenziert darlegen, kann keiner der beiden Begriffe „Öffentlichkeit“ und „Ostmitteleuropa“ eine feststehende Definition für sich beanspruchen und beide bleiben auch problematisch in Bezug auf ihre Verbindung mit „Stadt“. Neben der knappen aber problemorientierten Einführung in die Öffentlichkeitsdebatte sind auch die Reflexionen der Herausgeber über die Reichweite des Begriffs „Ostmitteleuropa“ bedenkenswert, in denen sie auf die longue durée der Frühen Neuzeit hinweisen, die das Gebiet zwischen ehemaligem Imperium Romanum und der Kiewer Rus’ nachhaltig prägte und neben der unterschiedlichen historischen Entwicklung auch andere „Stadt“-Vorstellungen produzierte. Dennoch wird zweifelhaft bleiben, ob Triest oder Berlin auch unter einen weit gefassten Begriff von „Ostmitteleuropa“ fallen.

Die folgenden Beiträge sind in drei Abschnitten versammelt, die die Besetzung des öffentlichen Raumes durch Architektur, die Öffentlichkeitsformen der Stadtkultur in Festen und Nachbarschaften und schließlich die Formierung gesamtstädtischer Öffentlichkeiten durch Vereinswesen, Massenmedien und politische Herrschaft thematisch ordnen. Der Gewinn an Konzentration auf diverse Merkmale und Formen der Öffentlichkeit wird durch den Verlust des Bezuges auf die am ehesten feste Größe im Dreieck „Öffentlichkeit – Ostmitteleuropa – Stadt“ beeinträchtigt, nämlich die jeweilig untersuchten Städte wie Charkiv, Tallinn, Krakau, Lemberg, Warschau, Triest, Brünn. Die Zusammenstellung nach den Städten hätte sich insbesondere angeboten, da die Adhäsionskraft des benutzten, eher „dünnen“, weil allgemein oder additiv verfahrenden Einteilungsrasters zudem noch durch unterschiedliche theoretische und quellentypologische Zugänge konterkariert wird. Auch die Aufsätze mit Vergleichen zu den unterschiedlichen Entwicklungen in verschiedenen Städten helfen dem gelegentlich nur sehr geringen Bezug der Aufsätze untereinander wenig ab. Immerhin lassen sie in Ansätzen die räumliche „Konsistenz“ des Begriffs „Ostmitteleuropa“ erahnen.

Was in dem ersten Abschnitt idealiter intendiert wurde, hat Harald Häußermann in einer eher abstrakten Skizze der „Topographien der Macht“ am Beispiel Berlins (!) knapp zusammengestellt. „Anhand von städtebaulichen Arrangements, von Eingriffen in die Stadtstruktur und von ästhetischen Veränderungen“ (S. 84) verfolgt er in den 5 Epochen seit dem Kaiserreich, wie der Raum der Stadt repräsentativ, zivilgesellschaftlich und kulinarisch erschlossen wurde. Es zeigen sich die signifikanten Differenzen der verschiedenen Regimes auch als solche der von ihnen geschaffenen öffentlichen Räume. Eine solche anschauliche Typologie können die anderen Beiträge des ersten Abschnitts kaum aufweisen. Alena Janatkovás Untersuchung zum Verhältnis von Großstadtplanung und Expertenöffentlichkeit in Prag und Brünn arbeitet zwar die Unterschiede der Konzeptionen und der städtischen Entwicklung heraus, verbleibt aber letztlich eher auf eine Darstellung der tschechoslowakischen Architekturzeitschriften beschränkt. Auch Andreas Fülberth kann in seinem kurzen Beitrag nur generelle Linien von öffentlichen Debatten in den drei Hauptstädten des Baltikums über die architektonische Gestaltung der jeweiligen Kapitale aufzeigen. Präziser äußert sich hingegen Dorota Głazek in ihrer Untersuchung der nationalen Aspekte von Architektur und Denkmalen in den oberschlesischen Industriestädten und weist auf die konfessionellen und nationalen Differenzen hin, die ihre Spuren nicht nur in Zeitungen, sondern auch Gebäudestilen und Monumenten hinterließen und damit zur nationalen Identitätsbildung beitrugen.

Noch ephemerer als die trotz ihrer Erinnerungsfunktion oft schnellvergängliche Denkmalkultur und daher oft nur subtiler Analyse zugänglich zeigt sich die Nachzeichnung der zeremoniellen, nachbarschaftlichen und sprachlichen Strukturen in Städten. Es sind ausführlichere und anschaulichere Beiträge, die in diesem Abschnitt die „große“ und „kleine“ Öffentlichkeit miteinander verbinden. So kann Hanna Kozińska-Witt in einer gut dokumentierten Studie zeigen, wie die beiden Städte Warschau und Krakau sich unterschiedliche „images“ nicht nur durch historisch unterschiedliche Zugehörigkeiten, sondern auch durch deren Verstärkung in zeremoniellen Selbstdarstellungen gaben. Eine Liste der Anlässe zeigt bereits, wie sehr diese Traditionspflege in Krakau zumindest Teil einer Strategie der Wiedergeburt des polnischen Staates 1918 aus der Reform der Stadtverwaltung war. Warschau hingegen als moderne Kapitale trat auf dem Gebiet der Repräsentation durch große Zeremonien eher im Zusammenhang mit von der Regierung veranstalteten Anlässen auf.

Die wichtige Unterscheidung von „öffentlich“ und „privat“ ist Thema von Annett Steinführers Untersuchung der Integration von Arbeitsmigranten in Brünn, wie sie in ihren späteren Erinnerungen auftauchen. Es geht Steinführer um die nach dem Stadtsoziologen Hans Paul Bahrdt für wachsende Industriestädte typische Engführung von kleiner Öffentlichkeit und Privaträumen in Aufnahmearchitekturen von Pendlern und Neu“bürgern“. Ergänzend zum Aufsatz über die Brünner Stadtplanung und zu dem über die Zeremonielle in Krakau und Warschau geht die Autorin auf die Besonderheit der wachsenden Stadt mit ihrer Zuwanderung und Eingemeindung dörflicher Strukturen sowie die Kommunikationsräume von Parks, Demonstrationen, Gasthäusern, Kinos, etc. ein. Die Einwirkung der großen Öffentlichkeit auf die kleine der Nachbarschaften und Kollegengespräche am Arbeitsplatz untersucht Anna Veronika Wendland am Beispiel der Nationaldiskurse in Lemberg, konkreter am Fall einer versuchten Denunziation. Wendland zeichnet ein differenziertes Bild des Verlaufs der nationalen Entzweiung zwischen Ukrainern und Polen in der Stadt, die insbesondere durch den Ersten Weltkrieg vertieft wurde. Noch 1936, fast zwanzig Jahre nach den Kämpfen des „Lemberger Novembers“ 1918 um die Zugehörigkeit der Stadt zu Polen, konnte eine Klage vor Gericht erhoben werden, mit der Behauptung, dass eine bestimmte Familie ukrainischen Kämpfern geholfen habe – ein Beispiel dafür, wie der nationalistische Diskurs von der Presseöffentlichkeit in die privaten Beziehungen diffundierte.

Das Zusammenleben von Polen, Deutschen und Juden in Lodz untersuchen Danuta Bieńkowska und Maria Kamińska ebenfalls anhand von für linguistische Forschungen erhobenen Aufzeichnungen sowie Zeitungsartikeln aus der Zeit der Jahrhundertwende. Ihr Ergebnis klingt allerdings etwas die Konflikte glättend. Aufschlussreich sind die vergleichenden Ausführungen von Rüdiger Ritter zum Musikleben in Warschau und Wilna. Dieses eignet sich für die Untersuchung von Öffentlichkeiten insbesondere durch die schichtenübergreifende Ausübung, die Veränderung durch den medialen technischen Wandel und die Möglichkeiten der ideologischen Inanspruchnahme musikalischer Darbietungen. Ritter zeigt den Strukturwandel der Öffentlichkeit als einen Wechsel vom Adel zum Bürgertum als Träger der musikalischen Ereignisse in Warschau und die quasi selbstverständliche Einordnung Wilnas in das Konzept „polnische Musik“.

Den dritten Abschnitt des Bandes eröffnet ein knapper, aber kundiger Text Elena Mannovás zur Hauptstadtfrage in der Slowakei und ihrem Konnex mit der Vereinsöffentlichkeit. Am Beispiel der Feuerwehrvereine lässt sich das Eindringen der nationalen Frage in vorher eher an anderen Themen orientierten Öffentlichkeiten am Ende des 19. Jahrhunderts beobachten. Die wachsende national/ethnische Dominanz am Ende der Herrschaft des k.u.k. Reiches gewann auch in den Arbeiterkulturvereinen der Stadt Triest an Brisanz, wie Sabine Rutar in einem informationsreichen Beitrag zeigt. Ihr geht es vor allem um die Räume dieser spezifischen Kultur und ihre Zeremonielle im Spannungsfeld der slowenischen und italienischen Identität der Stadt. Damit verweist der Aufsatz auf die mehrfach anklingenden oder explizit behandelten Rituale und Verhaltensstrukturen von sozialen Schichten innerhalb der Städte und auf den Beitrag von Harald Binder, der umfangreich die politischen Öffentlichkeiten von Lemberg und Krakau darstellt. Ausgehend von den unterschiedlichen Positionen in der 1848er-Revolution und ihrem Impakt auf die Entstehung von politischer Öffentlichkeit (hier als bürgerliche verstanden) bezieht Binder sowohl die Stadtanlage als auch die Presse in seine gründliche Darstellung der beiden Hauptstädte Galiziens ein, die sowohl den ethnischen Gruppen als auch der „Besetzung des städtischen Raums durch die Sozialdemokratie“ (S. 277) ihre Aufmerksamkeit schenkt. Eine entscheidende Rolle für die Veränderung der Stadttopografien spielte ihr rasantes Wachstum, das im Falle Lodz in Europa von keiner Stadt übertroffen wurde. Andreas R. Hofmann erinnert in einem ausführlichen Text an das negative Image der Industriestadt, die von 1820 bis 1910 ihre Bevölkerungszahl versechshundertfachte (S. 172) und Probleme der Außenwahrnehmung als kulturloser Moloch und „Ungeheuer-Stadt“ (S. 242) in die als einer „Stadt der Arbeit“ umzulenken suchte. Auch Charkiv, dessen Aufstieg Guido Hausmann kundig nachzeichnet, erlebte den Aufstieg vom Handelsknotenpunkt zur größeren Universitätsstadt, die eine von Geselligkeitsvereinen der Kaufleute und Verwaltungsbeamten sowie einer sich entwickelnden liberalen Presse geprägte große Öffentlichkeit hervorbrachte. Den Band abschließend untersucht Hanna Kozińska-Witt am Beispiel von Warschau und Krakau die auch in Hausmanns Aufsatz zu Charkiv behandelte Beziehung von Stadträten und Presse. Sie verweist auf die unterschiedlichen historischen Voraussetzungen der zunächst russisch bzw. österreichisch, dann, nach 1918 polnisch verwalteten Städte. Auch hier spielt das Nebeneinander der nationalen Teilöffentlichkeiten eine große Rolle, aber ebenso die Integration von Zuwanderern oder die nationale politische Auseinandersetzung. Immerhin kann Kozińska-Witt für das konservative Krakau die Entstehung einer „mittleren Öffentlichkeit“ (S. 298) feststellen, die auf der Kontrollmöglichkeit der Presse beruhte.

Für die weitere Diskussion um die konkrete Herausbildung von Öffentlichkeit in Ost- und Mitteleuropa bietet der ansprechend gestaltete Band im Detail eine Reihe von anregenden Hinweisen und Beispielen und kann in Teilen für sich beanspruchen, neue Perspektiven eröffnet zu haben.

Zitation
Markus Bauer: Rezension zu: Hofmann, Andreas.R.; Wendland, Anna Veronika (Hrsg.): Stadt und Öffentlichkeit in Ostmitteleuropa 1900-1939. Beiträge zur Entstehung moderner Urbanität zwischen Berlin, Charkiv, Tallin und Triest. Stuttgart  2002 , in: H-Soz-Kult, 11.01.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4492>.
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11.01.2005
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