G. R. Ueberschär u.a.: Dienen und Verdienen

Title
Dienen und Verdienen. Hitlers Geschenke an seine Eliten


Ed.
Ueberschär, Gerd R.; Winfried Vogel
Published on
Frankfurt am Main 1999: S. Fischer
Extent
302 S.
Price
DM 44,00/€ 9,90
Reviewed for H-Soz-Kult by
Bernd Boll, Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur

Damals waren sie heiß begehrt, nach 1945 eher peinlich: die Geschenke, die Hitler freigiebig an seine Eliten verteilte. Weil sie während des "Dritten Reiches" von Staats wegen geheimgehalten, danach aus naheliegenden Gründen systematisch verschwiegen wurden, umgibt sie bis heute ein Mythos, der zahlreichen Gerüchten Vorschub leistete. Zwar haben bereits Olaf Groehler 1971 und Gerhard L. Weinberg 1979 kleinere Einzelstudien dazu vorgelegt, systematisch und umfassend werden die Zusammenhänge zwischen Dienen und Verdienen im Nationalsozialismus aber erst mit der vorliegenden Studie von Gerd R. Ueberschär und Winfried Vogel offengelegt - soweit das auf Grund der eingeschränkten Quellenüberlieferung heute noch möglich ist.

Nach einem kurzen Rückblick auf die Handhabung von Geschenken im 18. und 19. Jahrhundert gehen die Autoren auf die Verwendung der bescheidenen Verfügungsmittel des Reichspräsidenten in der Weimarer Republik ein und beschreiben die Entstehung des nationalsozialistischen Dotationswesens bis 1939. Den größten Teil der Darstellung nehmen die Dotationen, monatlichen Sonderzuwendungen und sonstigen Geschenke während des Zweiten Weltkriegs ein. Ein fünfzig Seiten umfassender Dokumententeil enthält im wesentlichen aufschlußreiche Einzelheiten zu rund zwanzig Dotationsangelegenheiten.

Ueberschär und Vogel machen deutlich, daß sich das Gebaren von Hitler und seinen Eliten grundlegend von der neuzeitlichen Schenkungspraxis in Europa unterschied. Die adligen Herrscher belohnten Staatsmänner, Feldherren und Offiziere für besondere Verdienste, sei es durch Nobilitierung, sei es durch einmalige finanzielle Zuwendungen, kleinere Summen in Form von Renten oder Pensionen, oder die Schenkung von Immobilien. Nach mittelalterlichen Vorbildern machten sie Schenkungen, um eine persönliche Beziehung zum Beschenkten herzustellen, wobei die Erwartung entscheidend war, dadurch eine gegenseitige Verpflichtung herzustellen. Zumal für die Schenkungen der preußischen Könige war allerdings kennzeichnend, daß sie zum einen "als Zeichen der Dankbarkeit und Anerkennung in siegreich beendeten Kriegen" (S. 34) - also für zurückliegende und damit überschaubare Verdienste - gewährt wurden, und zum anderen, daß sie in der Regel öffentlich bekannt waren.

Hitler mußte Geschenke zunächst allein aus Verfügungsmitteln des Reichskanzlers bestreiten, 1934 kamen die des Reichspräsidenten hinzu. Die bis dahin obligatorische Prüfung durch das Parlament und die Gegenzeichnung durch den Reichsfinanzminister fielen im "Dritten Reich" weg, das Geld wurde von Jahr zu Jahr großzügiger ausgegeben: Allein zwischen 1933 und 1935 stiegen die Etatmittel für Geschenke von 150.000 auf 3,3 Millionen Reichsmark, und bis 1945 standen Hitler 40 Millionen jährlich zur Verfügung, über deren Verwendung er allein entscheiden konnte.

Bis 1939 berücksichtigte er vor allem seine Anhänger, verdiente "völkische Kämpfer" ebenso wie andere Personen, die sich um die "Bewegung" verdient gemacht hatten, und außerdem persönliche Bekannte. Andere erhielten Zuwendungen, ohne daß dabei bestimmte Kriterien zu erkennen gewesen wären. Üblicherweise handelte es sich um monatliche Zahlungen von einigen hundert Mark, die als "Ehrensold" deklariert wurden, oder als einmalige Beihilfen für besondere Notfälle. Darüber hinaus erhielten militärische Dienststellen aus Hitlers Dispositionsfonds Geschenke, martialische Gemälde etwa oder Fotografien von Hindenburg und Hitler. Seit 1937 bezog die Wehrmacht 100.000 Mark jährlich für Erholungsurlaube ihrer Offiziere, eine Summe, die im Krieg auf eine Million aufgestockt wurde. Gelegentlich wurden Ausgleichszahlungen an hohe Offiziere gezahlt, die keine ihrem Rang entsprechende Planstelle gefunden hatten. Weitere Summen aus Hitlers Fonds wurden für Staatsbegräbnisse oder Geschenke an ausländische Regierungschefs aufgewendet.

So willkürlich die Vergabe und der bedachte Personenkreis bis 1939 gewesen war, handelte es sich doch in der Regel um Summen, die sich im Rahmen der jeweiligen Einkommensverhältnisse bewegten. Mit dem Krieg kam das Ende der Bescheidenheit. Die Dotationen zu Hindenburgs 85. Geburtstag 1933 und an den alten Feldmarschall von Mackensen zwei Jahre später hatten dafür gewissermaßen Präzedenzfälle abgegeben: Beide wurden auf Lebenszeit von Steuern befreit und erhielten Grundbesitz auf Staatskosten, die sich im Fall von Hindenburg auf eine Million Mark beliefen; zu seinem 86. Geburtstag schenkte ihm Hitler eine weitere Million. Im Krieg wurde das System der Dotationen weiter perfektioniert, das Spektrum der Beschenkten weiter, die Verteilung professioneller. Für die Verteilung der Mittel war in erster Linie die Reichskanzlei zuständig, aber auch die Präsidialkanzlei und die Parteikanzlei mischten mit, außerdem von Fall zu Fall eine Reihe weiterer Stellen wie der Reichsführer SS. Richtlinien für die Gewährung von Dotationen gab es nicht, und natürlich waren sie auf Anweisung Hitlers steuerfrei, um den im Krieg bis zu 65 Prozent betragenden Steuersatz zu umgehen. Hitler habe damit die Absicht verfolgt, folgern Ueberschär und Vogel, seine Eliten zu korrumpieren, wobei sich viele willig bereit fanden, ihm zu Diensten zu sein.

Im Juli 1940 führte Hitler steuerfreie Aufwandsentschädigungen für Generäle ein, je nach Rang 2000 oder 4000 Mark im Monat, zusätzlich zu den von der Besoldungsordnung ohnehin vorgesehenen Aufwandsentschädigungen. Sonderzuwendungen erhielten auch Beamte der Reichskanzlei und Adjutanten der Wehrmacht beim "Führer", wenn auch in geringerer Höhe. Im Frühjahr 1945 wurden jeden Monat mehr als 300.000 Reichsmark an 121 Angehörige der zivilen und militärischen Führungsschichten verteilt. Verbreitet waren auch einmalige Zuwendungen in beträchtlicher Höhe. Ein Personenkreis, der auf Betreiben von Albert Speer besonders häufig und großzügig bedacht wurde, waren Architekten, Bauräte, Künstler und Schriftsteller: Der Bildhauer Arno Breker erhielt insgesamt 800.000 Mark. Auch Minister und Staatssekretäre gehörten zu den Beschenkten, wobei einzelne Reichsminister anläßlich runder Geburtstage Schecks über 250.000 Mark entgegennehmen konnten, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop zu seinem 50. Geburtstag sogar über eine Million. Der Chef der Reichskanzlei, Hans-Heinrich Lammers, erhielt zu seinem 65. Geburtstag Haus- und Grundbesitz und dazu als Bauzuschuß 600.000 Mark in bar. Ähnlich großzügig bedachte Hitler prominente Funktionäre von NSDAP, SA und SS.

Besonders tief griff er zugunsten der Spitzenmilitärs der Wehrmacht in die Staatskasse, die sich ihrerseits nicht gerade bescheiden gaben. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel etwa, ein ergebener Gefolgsmann Hitlers, verstand es, die ursprüngliche Summe durch geschicktes Verhandeln beträchtlich zu erhöhen. Aber nicht nur Nazis verfielen angesichts der Großzügigkeit ihres Oberbefehlshabers der Habgier. Als "Paradebeispiel für die Verführungskraft der Hitlerschen Gelddotationen" (S. 152) bezeichnen Ueberschär und Vogel das Beispiel des Generalfeldmarschalls Wilhelm Ritter von Leeb, ein gegenüber Hitler durchaus kritischer Mann. Als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord erhielt er von Hitler zu seinem 65. Geburtstag am 5.9.1941 einen Scheck über 250.000 Mark. Fünf Jahre später behauptete er, man habe diese Geschenke nicht ablehnen können, ohne den "Führer" zu brüskieren und damit sein Leben aufs Spiel zu setzen. Was er jedoch verschwieg: auch nach seiner Demission als Oberbefehlshaber ließ er sich von Hitler bei der Suche nach Waldbesitz unter die Arme greifen, und als ihm am Ende ein Stück Staatswald angeboten wurde, zahlte der ihm sogar den Kaufpreis vollständig aus der Staatskasse, so daß Leeb den Scheck in voller Höhe anderweitig verwenden konnte.

Obwohl die Dotationen heimlich erfolgten, wußte doch jedermann von ihnen, wenn auch wenig Genaues. Die korrumpierende Wirkung, die von ihnen ausging, blieb kritischen zeitgenössischen Beobachtern nicht verborgen. Ulrich von Hassell notierte am 20. April 1943 in sein Tagebuch: "Je länger der Krieg dauert, desto geringer wird meine Meinung von den Generälen. Sie haben wohl technisches Können und physischen Mut, aber wenig Zivilcourage, gar keinen Überblick oder Weltblick und keinerlei innere, auf wirklicher Kultur beruhende geistige Selbständigkeit und Widerstandskraft, daher sind sie einem Manne wie Hitler völlig unterlegen und ausgeliefert. Der Mehrzahl sind außerdem die Karriere im niedrigen Sinne, die Dotationen und der Marschallstab wichtiger als die großen, auf dem Spiel stehenden sachlichen Gesichtspunkte und sittlichen Werte." (S. 77)

Ueberschär und Vogel zeigen überzeugend, wie der Nationalsozialismus beim Versuch, neue Eliten, einen NS-"Adel" gewissermaßen, an die Stelle der alten zu setzen, auf ältere Vorbilder zurückgriff, um sich deren Loyalität zu sichern. Im Gegensatz zu den Monarchen früherer Jahrhunderte ging es Hitler allerdings nicht um das Belohnen von Verdiensten, sondern um das Einbinden führender Angehöriger der zivilen, militärischen und kulturellen Eliten in sein politisches Programm, völlig unabhängig von der Frage, ob sie sich um das "Dritte Reich" bereits verdient gemacht hatten. Allerdings sind auch kritische Anmerkungen angebracht. Unzulänglich ist der kurze Abschnitt, in dem die Autoren zum Vergleich Löhne und Preise in den dreißiger und vierziger Jahren anführen. Abgesehen von vermeidbaren Ungenauigkeiten und mangelnden Differenzierungen hinsichtlich der Löhne von Arbeitern hätte man gerne etwas über die Höhe heutiger Gehälter von Generälen, Ministern und Staatssekretären erfahren.

Schwerer wiegt jedoch ein anderer Punkt. Auf der Basis ihrer empirischen Befunde hätten die Autoren weitergehende Betrachtungen über die Motivation von Eliteangehörigen, zum nationalsozialistischen Vernichtungsprogramm beizutragen, anknüpfen können. Diese hätten dem üblichen Schema, das Verhalten von Individuen in der NS-Hierarchie in erster Linie auf intellektuelle Vorprägungen zurückzuführen, eine plausible alternative Lesart entgegensetzen können. Leider begnügen sie sich bei ihrer Interpretation des Verhaltens der von Hitler beschenkten Nicht-Nationalsozialisten mit der etwas hilflosen Vermutung, es hätten die "Gefühle des Zuspätgekommenen oder des in früherer feudaler Gesellschaft der Kaiserzeit Übergangenen" eine Rolle gespielt. Aber schon das Alter der meisten Beschenkten zeigt, daß sie vor 1918 nicht für eine Dotation in Frage gekommen wären. Dennoch zeigt die Studie, daß die Affinität der zivilen und militärischen Eliten zu Hitler und zum Nationalsozialismus zumindest teilweise auch mit Prestige, Geld und Besitz erkauft war. Eine empirische Überprüfung dieser Hypothese auf der Grundlage der von Gerd R. Ueberschär und Winfried Vogel ermittelten Fakten wäre für die nahe Zukunft zu wünschen.

Citation
Bernd Boll: Rezension zu: Ueberschär, Gerd R.; Winfried Vogel (Hrsg.): Dienen und Verdienen. Hitlers Geschenke an seine Eliten. Frankfurt am Main  1999 , in: H-Soz-Kult, 20.09.2000, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-467>.
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20.09.2000
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