Titel
Eigenartige Senne. Zur Kulturgeschichte der Wahrnehmung einer peripheren Landschaft


Autor(en)
Siekmann, Roland
Umfang
504 S., 81 Abb.
Preis
€ 24,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Schmidt, Wissenschaftszentrum Berlin

Paragraf 1 des Bundesnaturschutzgesetzes sieht in Absatz 4 vor, dass die „Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf Dauer gesichert“ werden muss, um Natur und Landschaft „auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlagen des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen“ zu schützen. Roland Siekmann greift einen zentralen Aspekt dieser rechtlichen Festlegung heraus und fragt in seiner Dissertation am Beispiel der westfälischen Sennelandschaft danach, wie die „Eigenart“ einer Landschaft sozial und diskursiv konstruiert wird. Dabei bewegt sich Siekmann mutig interdisziplinär zwischen Sozialgeografie sowie Diskurs- und Kulturgeschichte. Dabei gelingt ihm – um im Bild zu bleiben – die Panoramaaufnahme ebenso wie die Detailansicht.

In ausführlichen einleitenden „theoretische[n] Exkurse[n]“, die weniger theoretisch sind als vielmehr das Spektrum abstecken, in dem sich Siekmanns Arbeit bewegt, wird die Landschaft als Forschungsfeld, ihre (Entstehungs-)Geschichte und ihre Wahrnehmung sowie die Entstehung des Naturschutzgedankens vorgestellt. Kompetent, die Kontroversen aufgreifend, auf der Basis der neuesten Forschungsliteratur werden diese Felder abgehandelt, ohne hier allerdings wesentlich Neues zu präsentieren. Die Bedeutung der Besteigung des Mont Ventoux durch Petrarca im Jahr 1336 für die Landschaftswahrnehmung findet ebenso ihren Platz wie die ästhetischen Kategorien in der Landschaftsmalerei der Romantik oder die Sehnsucht nach der Rückkehr zur Natur nach der Entfremdung in der modernen Zeit. Um der „Frage nach der Wahrnehmung von Landschaft und den emotional-ästhetischen Bedeutungsmustern innerhalb der Diskurse“ (S. 18) nachzugehen, wertete Siekmann rund 250 regionalspezifische Texte „mit einem weiten Blick“ aus, die in der Mehrzahl aus der Zeit nach 1900 stammen. Unberücksichtigt blieb die Spezialliteratur zu naturwissenschaftlich-ökologischen Themen (S. 108f.). Hinzu kamen qualitative Interviews mit Senne-Experten und Vertretern der Naturschutzbewegung.

Die Senne erstreckt sich am Südrand des Teutoburger Waldes zwischen Bielefeld und Paderborn, ist aber nach Südwesten von den sich anschließenden Gebieten nicht klar abgrenzbar. Südlich von Bielefeld ist die Senne eine zersiedelte, intensiv genutzte „Allerweltslandschaft“, der Teil der Senne bei Paderborn ist dagegen siedlungsleer, der weiße Fleck im Autoatlas. Durch Waldhude und Verbiss wurde auf dem nährstoffarmen Sandboden die bereits vor 1500 in weiten Teilen einsetzende „Verheidung“ verstärkt. Andere Gebietsteile bildeten dagegen eine Sumpflandschaft. Außer ersten Ansiedlungen in der Jungsteinzeit blieb das Kerngebiet der Landschaft unbesiedelt, ehe im 17. Jahrhundert eine erste planvolle Siedlungsbewegung begann, deren Ziel vor allem die bis zu zwölf Metier tief in den Sandboden eingeschnittenen Erosionsbachtäler bildeten. Doch die armen Böden setzten dem Siedlungsausbau Grenzen und die in der Senne lebenden und arbeitenden Menschen blieben auf Zuverdienst angewiesen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Senne zu einem Gebiet des Heimgewerbes und/oder der Wanderarbeit. Im 20. Jahrhundert bestimmten Sondernutzungen wie Nadelholzforste, Bauplätze für Vorstadtsiedlungen und ein Truppenübungsplatz das Bild der Senne.

Auf diese Beschreibung der Landschaft folgen die „Bewertungen und Klassifizierungen der Landschaft“ im regionalen Schrifttum und die Analyse ihrer Eingebundenheit in den „jeweilig herrschenden Zeitgeist“ (S. 106). Anhand von drei Hauptkategorien nimmt Siekmann diese Analyse vor. Erstens wird die Senne als Freiraum wahrgenommen. Sie ist eine Randlandschaft, ein Grenzland, Ödnis, Armutsregion; zweitens dient die Senne als Projektionsfläche für „Positivwertungen und Ästhetisierungen“ (S. 114f.); drittens schließlich entdeckt man in der Senne ein „positiv bewertetes Bezugsobjekt des Naturschutzes“, die Senne wird zum „Naturparadies“ stilisiert (S. 115). Zwar gesteht Siekmann durchaus Querverbindungen und Überschneidungen zu, entscheidet sich aber – zu Recht – aus analytischen Gründen dafür, die folgenden Kapitel nach diesen Kategorien zu strukturieren.

Die Kategorie des Freiraums und die damit zusammenhängenden Landschaftsassoziationen eröffnen eine beeindruckende Fülle an Aspekten. Bis in die Frühneuzeit bildete die Senne einen Grenzbereich zwischen verschiedenen Herrschaften und eignete sich, ausgestattet nur mit einer dünnen Infrastruktur, als Rückzugsgebiet für „gesellschaftliche Randgruppen“. Dadurch verfestigte sich das Vorurteil, die Senner Bevölkerung bestünde aus „’allerlei Gesindel’“ (S. 125). Als sich im 19. Jahrhundert die Agrarreformer anschickten, die Landwirtschaft zu modernisieren, kamen weitere Negativwahrnehmungen hinzu. Für Reisende des 18. und 19. Jahrhunderts stellte die Senne ein Hindernis dar, auf deren Wegen nur mühsam vorwärts zu kommen war. Noch 1901 nahm mancher die Senne als „Westfalens ödeste Gegend“ wahr. In diesen Freiraum der Randlandschaft wurden zunehmend Randgruppen abgedrängt. Erzählte man sich zunächst noch Räuber- und Zigeunergeschichten über die Senne, so zeichnete sie sich seit dem späten 19. Jahrhundert durch eine „starke Konzentration von Infrastruktur aus den Bereichen Militär, Justiz und Sozialtherapie“ aus. Mit der Geschichte der verschiedenen „Lager“ „ließen sich Bände füllen“ (S. 161), meint Siekmann und greift dann als Beispiele verschiedene Projekte der Bodelschwinghschen Anstalten sowie die Kriegsgefangenenlager der beiden Weltkriege heraus. Eben weil die Senne sich für viele Beobachter als Freiraum darstellte, zog sie Sondernutzungsinteressen auf sich. Aufforstungen, Wohnungsbau, die Errichtung und der ständige Ausbau eines Truppenübungsplatzes seit dem späten 19. Jahrhundert waren die Folge.

Mit dem 19. Jahrhundert verschwanden die Charakterisierungen der Senne als öde, wüst und nutzlos nicht einfach, sondern wurden in neue Werthaltungen integriert. Was einst als langweilig, sandig und „’traurige[s] Bild vollkommener Einöden’“ (so 1853 der Agrarreformer Carl Hermann Ritter) gesehen wurde, erschien nun als „’ernst und wahr’“, als „’herb’“ oder schlicht als „’uralt’“. Der Heidedichter Hermann Löns adelte mit seiner Beschreibung einer „Sennefahrt“ im Jahr 1899 gewissermaßen die Landschaft und löste einen ersten touristischen Senneboom aus. Aus den Geschichten der Räuber und Zigeuner sprachen auch nicht mehr Gefahr und Bedrohung, sondern das Reizvolle und Spukhafte; und die armen Bauern wurden zu volkstümlichen Naturmenschen umstilisiert, deren Zähigkeit, Arbeitsfleiß und Durchhaltewillen auf dem Senner Sand dem verweichlichten Städter als Gegenbild vorgehalten wurde. Schließlich sah man – obwohl die Fakten längst bekannt waren – bis in die 1930er-Jahre darüber hinweg, dass die offene Heidelandschaft keineswegs eine authentische Urlandschaft darstellte, sondern anthropogen bedingt war und ursprünglich in der Senne Eichen-Birkenwald gestanden hatte.

Dies führt ins Zentrum des letzen Kapitels über den Naturschutz, denn mit der Wahrnehmung der Senne als schützenswertes Gut stellte sich die Frage nach der Zukunft der Sennelandschaft. Hatte der traditionelle Naturschutz noch bis in die 1960er-Jahre das Klagelied einer sterbenden Landschaft angestimmt, änderte sich auch hier langfristig die Einstellung. Nicht mehr der Niedergang wird beklagt, sondern ein einzigartiges kaum zerstörtes Naturparadies wird seit den 1980er-Jahren besungen. Der Grund für den Perspektivwechsel ist schlicht: Das Objekt des Interesses hatte gewechselt. Sah man früher die Landschaft der Senne als Ganzes, die durch die Sondernutzung zerstört wurde, so konzentrierten sich jetzt die Bemühungen um jene großen Flächen, die zu dem Truppenübungsplatz gehören. Hier hatte die militärische Nutzung – seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch die britische Rheinarmee – jene offenen, wüsten Sandflächen erhalten, in die die Bachtäler sich eingruben. Mit dem Ende des Kalten Krieges schien sogar ein Truppenabzug im Bereich des Möglichen, so dass Nationalparkideen schnell Gestalt annahmen. Allerdings wurde im Übereifer zu wenig bedacht, dass der Nationalparkgedanke eng mit dem Prozessschutzgedanken gekoppelt ist. Demzufolge sind die Gebiete eines Nationalparks der freien Entwicklung überlassen. In letzter Konsequenz wäre die Senne langfristig zu einer ungenutzten Waldregion geworden. Dies wäre im mitteleuropäischen Raum zwar ein einzigartiges Experiment, doch widerspräche es jenen Wahrnehmungen, die sich in den letzen Jahrhunderten entwickelten und die Senne als weite, leere Heidelandschaft sehen. Doch der Konflikt eskalierte unter den Naturschützern nicht, sondern „Kompromiss- und Zonierungsmodelle beherrschen die Diskussion“ (S. 388) in den letzten Jahren. Da ein Abzug der britischen Truppen derzeit auch nicht abzusehen ist, bleibt vorerst nur die weit gediehene Projektidee – und bei manchem Senne-Fan die Einschätzung, dass die militärische Nutzung zurzeit der beste Schutz für die konstruierte Sennelandschaft ist.

Siekmann ist es gelungen, diese Diskurse souverän aus der Literatur und den Interviews herauszupräparieren. Seine sozialgeografisch-kulturgeschichtliche Spurensuche war erfolgreich. Manches Zitat, manche Äußerung hätte dabei wesentlich geraffter gefasst werden können; vor allem die ausführlichen Begründungen der Naturschützer für ihr Senne-Engagement könnten deutlich kürzer ausfallen, da Siekmann deren Vor- und Einstellungen selbst hervorragend auf gut zwei Seiten zusammenfasst. Zum Schluss seiner Arbeit grenzt Siekmann die Eigenart der Senne auf ihren „Freiraum“-Charakter ein; die beiden Kategorien der Ästhetisierung und des Naturparadieses ließen sich unter dieser Metapher subsumieren. Dies zum Schluss noch einmal betont zu haben, ist besonders wichtig, denn die beiden anderen Kategorien lassen sich für zahlreiche andere, selbst großräumigere Landschaften feststellen. Auch die Alpen etwa galten lange als roh, rau, unwegsam, wurden als Hindernis beim Reisen betrachtet, ehe dann die Umwertung der Landschaft stattfand und ihre Erhabenheit usw. gepriesen wurde. Von daher ist die Senne – deren landschaftlicher Reiz, abgesehen von den Bachtälern, sich dem Rezensenten auch nach rund fünfhundert Seiten Lektüre und trotz der Ausstattung des Buches mit Karten, Gemälden und Ansichten immer noch nicht erschlossen hat – als Freiraum in der Tat eigenartig.

Zitation
Jürgen Schmidt: Rezension zu: : Eigenartige Senne. Zur Kulturgeschichte der Wahrnehmung einer peripheren Landschaft. Lemgo  2004 , in: H-Soz-Kult, 04.10.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4725>.