T. Martin: The Affirmative Action Empire

Cover
Titel
The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939


Autor(en)
Martin, Terry
Erschienen
Umfang
496 S.
Preis
$ 27,50
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Dittmar Schorkowitz, Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin

Die an der Universität von Chicago 1996 eingereichte Dissertation überfällt den Leser zu Beginn gleich mit jener scheinbaren These, die dem Buch seinen sperrigen Titel verschaffte: „The Soviet Union was the world’s first Affirmative Action Empire“ (S. 1). Obschon gebetsmühlenartig wiederholt, wartet man lange vergebens (S. 17) auf eine Erklärung, was denn affirmative action eigentlich bedeutet. Statt dessen wird eine weitere Behauptung nachgeschoben, die nicht weniger phrasenhaft daherkommt, wesentliche Vergleichsaspekte einfach ausblendet und somit den geschichtlichen Kontext verzerrt widergibt: „Russia’s new revolutionary government“, heißt es, „was the first of the old European multiethnic states to confront the rising tide of nationalism and respond by systematically promoting the national consciousness of its ethnic minorities and establishing for them many of the characteristic institutional forms of the nation-state“ (S. 1). Als ob Europa - was die Klassifizierung „alt“ hier soll, bleibt unerfindlich - der einzige und zu komparativen Zwecken ausschlaggebende Bezugsrahmen für die Integrationsproblematik von Vielvölkerstaaten sei. Als ob das Russische Reich nicht bis auf den heutigen Tag ein Staat in Europa und Asien (Eurasien) ist. Schließlich, als ob das postkoloniale Bestreben um nationale Selbstbestimmung dort generell unter Nationalismusverdacht gestellt werden kann und das auf ostmittel- und südosteuropäischen Bedingungen beruhende Nationalismus-Konzept[1] ohne weiteres auf die eurasischen Teilräume Russlands übertragbar sei (S. 15).

Die Einordnung ethnischer Großgruppen in das Millet-System[2] des Osmanischen Reiches sowie China mit seinem tributären Klientelsystem[3] bleiben damit unerwähnt. Die Versuche der Habsburger, dem nationalen Separatismus in ihrer Doppelmonarchie Einhalt zu gebieten, werden am Rande als eine „Konzessionen gewährende Defensivstrategie“ bewertet, welche die Sowjetunion zu einer „prophylaktischen Strategie der Nationalismus-Verhinderung“ (S. 1) ausgebaut habe. Auf vergleichbare Prozesse in Indien wird nur ansatzweise hingewiesen (S. 18). Die Bolschewiki hätten demnach Nationalbewusstsein und Nationsbildung der nicht-russischen Minderheiten des Reiches in der Absicht aktiv gefördert, „to prevent the growth of nationalism“ (S. 1). Damit wird die am Beispiel verschiedener Völker Russlands oft widerlegte und dennoch immer wiederkehrende Spekulation unterfüttert, „die bol’ševiki seien Schöpfer von Nationen, nicht ihre Überwinder”[4] gewesen.

Diese eindimensionale Vorstellung von sowjetischer Kulturmission ist schwere Kost! Hier werden nicht nur Nationsbildung mit sowjetischer Nationalstaatsbildung und praktiziertes Völkerrecht auf Selbstbestimmung mit Nationalismus gleichgesetzt. Zu solch undifferenzierter Einschätzung von frühsowjetischer Nationalitätenpolitik, einem - horribile dictu - „novel and fascinating experiment in governing a multiethnic state“ (S. 2), kann nur finden, wer mit den zaristischen Entstehungsbedingungen nationaler Emanzipationsbewegungen u.a. bei Tataren, Kasachen, Burjaten, Kalmücken oder Usbeken nicht vertraut ist und wer die Verfolgung ihrer Nationalregierungen - die Enthauptung ihrer Eliten während der 20er und 30er Jahre - zudem völlig ignoriert. Es läßt sich aber nicht bestreiten, dass die Völker Russlands - darunter im Kaukasus die Armenier und Georgier, in Mittelasien die Kasachen, Tadschiken und Usbeken, aber auch Sibiriens Burjaten und Jakuten - in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein dezidiertes Nationalbewusstsein entwickelt hatten, das sich kulturell und politisch äußerte.[5] Andererseits wird man das unter Stalins Federführung entstandene System der Sowjetrepubliken kaum unter dem Aspekt gewöhnlicher Nationalstaatsbildung abhandeln können. Denn die Formierung der vertikal strukturierten Nationalterritorien und ihr Grenzverlauf wurde bekanntlich nach außen- wie ethnopolitischen, nach demographischen und ökonomischen Kriterien in Moskau oft gegen den Widerstand und zu Lasten der betroffenen Nationalitäten durchgesetzt. Was die Bolschewiki also geschöpft haben, war etwas andres - nämlich die Absicherung ihrer Herrschaft in einem Land, das sein Territorium durch die kolonial-imperialen Aneignungen des 19. Jahrhunderts erst erheblich erweitert hatte. Und eigentlich waren sie auch nicht Schöpfer, sondern Form- und Richtungsgeber. Sie als Transformer zu bezeichen, träfe ihre Funktion genauer.

Bekanntlich hat der administrativ-territoriale Ausbau der Sowjetunion zwar die Bildung einer Vielzahl staatlicher Verwaltungseinheiten unterschiedlichen Souveränitätsgrades nach ethnonationalen Kriterien beinhaltet. Die Behauptung jedoch, es handele sich dabei um „tens of thousands of national territories“ (S. 1, 56), bleibt unbelegt und ist völlig aus der Luft gegriffen. Sie läßt sich weder aus den sowjetischen Volkszählungslisten von 1926 und 1939, die offiziell 196 bzw. - durch begriffliche Neudefinition reduziert[6] - nur mehr 105 Nationalitäten führten, noch aus der vorangegangenen Erhebung von 1897 ableiten, die mehr als 130 Einzelsprachen[7] erfaßte. Selbst wenn man mit Silver[8] annimmt, dass bei der zarischen Volkszählung die Gesamtzahl für die Nationalitäten zu gering und die der Russen zu hoch angesetzt wurde, ändert dies kaum etwas an der Summe der Nationalitäten im Reich, die im Revolutionsjahr 150 nicht überstiegen haben dürfte.

Zwar trifft zu, dass die neuen nationalen Eliten „were trained and promoted to leadership positions in the government, schools, and industrial enterprises“ (S. 1). Doch scheute es das System nicht, jene in den wiederkehrenden Säuberungswellen der 20er und 30er Jahre zu liquidieren, sobald dies der Partei nötig erschien oder sich deren herrschende Linie geändert hatte. Martin verschweigt die in diesem Kontext zu bewertende Tatsache, dass unter den Nationalitäten eine Elite aus vorsowjetischer Zeit aktiv am Aufbau der jungen Sowjetunion beteiligt war und dass diese, wie alle nachfolgenden, pari passu beim Aufbau neuer Personalnetzwerke abgelöst wurde.

Richtig ist, dass die Nationalsprachen zu Amtssprachen wurden. Doch blieb die dominante Funktion des Russischen vor Ort sowie seine transnationale Rolle als lingua franca erhalten, womit eine bilinguale Kommunikation aus vorrevolutionärer Zeit fortgesetzt wurde. In ihr wurden, ungeachtet vielzähliger Schriftreformen, die offiziellen Dokumente und Protokolle zumeist ohne bilinguales Doppel verfasst, die heute in den Archiven ausgewertet werden können. Richtig ist auch, dass der Sowjetstaat „the mass production of books, journals, newspapers ... in the non-Russian languages“ (ebd.) finanzierte. Gleichwohl, von den wenigen Bildungsnationen (Balten, Slaven, Juden, Deutsche, Georgier, Armenier) abgesehen, fragten sich schon die Zeitgenossen, wem dieser Fortschritt - bei einem selbst in den 30er Jahren noch hohen Analphabetismus - eigentlich zugute käme (vgl. S. 127-128, 167). Zudem unterschlägt Martin, dass die Propagandamaschine des Zentralkomitees mit der Förderung der Massenmedien (Presse, Radio, Film) vor allem den Einfluß der Partei erweitern bzw. die Ideologie des homo soveticus unter das Volk bringen wollte und dass diese Formung des neuen Menschen - als politische Bildung getarnt - für besonders effizient im Kontext buchbewehrter Anti-Analphabetismus-Kampagnen (LikBez) gehalten wurde.[9]

Der Blick auf die benutzten Quellen erklärt das Zustandekommen solcher Halbwahrheiten nur teilweise: Von acht aufgesuchten Archiven befinden sich sechs in Moskau, zwei in der Ukraine. Mehr als zwei Drittel der ausgewerteten, leider ohne Titelangabe bleibenden Dokumente stammen aus drei Moskauer Archiven, die für ihre Materialfülle zur Partei- und Staatsgeschichte sowie zur Nationalitätenpolitik bekannt sind: das Russländische Zentrum zur Verwahrung und Erforschung von Dokumenten der Neuesten Geschichte (Rossijskij Centr Chranenija i Izučenija Dokumentov Novejšej Istorii, RCChIDNI)[10], das Staatsarchiv der Russländischen Föderation (Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii)[11] und das hiermit zusammengelegte ehemalige Zentralstaatliche Archiv der RSFSR (Central’nyj Gosudarstvennyj Archiv RSFSR). Ohne den Fleiß des Verfassers und die Mühen der Forschungsebene - die der Rezensent zu würdigen weiß - herabmindern zu wollen, wird damit klar, dass hier methodisch einiges im Argen liegt. Der Mangel an historischer Tiefe, den man sich bspw. im Russländischen Staatlichen Geschichtsarchiv (Rossijskij Gosudarstvennyj Istoričeskij Archiv, RGIA) zu Petersburg hätte besorgen können, vorenthält den Blick auf Entwicklungen und Kontinuitäten, die zur Beurteilung der behandelten Periode unerläßlich sind. Neben der zeitlichen fehlt zudem - mit Ausnahme der Ukraine - eine räumliche Vergleichsebene, die dem zentristischen Blickwinkel Moskauer Behörden die Realitäten aus der Reichsperipherie gleichgewichtig entgegenhält. Eine solch empirische Schieflage resultiert zwangsläufig in selektiver Wahrnehmung, weil nun der Analyse der in der Regel sprachgeglätteten und durch vorauseilenden Gehorsam bereinigten Parteiprotokolle somit das Korrelativ einer ungeschminkten und oft dissidenten Berichterstattung zur Lage der Nationalitäten vor Ort abgeht.

Die eingeschränkte Belastbarkeit Martinscher Untersuchungsergebnisse ist durch die Auswahl veröffentlicher Quellen weiter begrenzt. Denn breit herangezogen wurden vor allem die für Weißrussland, die Ukraine, Georgien, Tatarstan und Kasachstan in russischer Sprache vorliegenden stenographierten Protokolle und Berichte der Parteitage, von Sitzungen des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR, des Turkologenkongresses sowie anderer Parteiorganisationen. Hinweise auf Spezialkenntnisse des Verfassers zu den von ihm behandelten nicht-slavischen Nationen und Nationalitäten sind aus der russisch- bzw. ukrainisch- oder englischsprachigen Primärliteratur nicht erkennbar. Ein paar Bücher aus frühstalinistischer Zeit über den sowjetischen Orient reichen einfach nicht aus, um autoritative Aussagen über die Lage der Nationalitäten dort und den sie betreffenden Sowjetisierungsprozess treffen zu können - erst recht nicht im Rahmen einer Dissertation. Dies gilt insbesondere für die Teile der Untersuchung, in denen Aspekte einer kasachischen, burjatischen oder kalmückischen Nationalitätenpolitik beleuchtet werden. Martin wandelt methodisch damit auf ausgetretenen Holzwegen einer älteren Forschung, die ihr konkretes Spezialwissen - im vorliegenden Fall zur Ukraine und teilweise zu Weißrussland - in Ermanglung von Quellenzugängen und Regionalkenntnissen gerne verallgemeinerte und oft für die gesamte Sowjetunion in Anwendung bringen wollte. Das aber hat bekanntlich weniger mit Wissenschaft, als mit der Erringung von Meinungsführerschaft zu tun.

Vor diesem Hintergrund erklären sich eine Reihe irreführender Simplifikationen, falscher Annahmen und unscharfer Begrifflichkeiten. So ist die funktionale Verknüpfung von sowjetischer Nationalitäten- und Außenpolitik im Kontext nicht nur des Nachkriegswandels in Europa sondern auch des ‚Erwachens des Ostens‘[12], d.h. der antikolonialen Bewegungen Chinas, der Mongolei, Tibets, Indiens, Persiens und der Türkei, zu sehen. Die hierbei global zu Tage tretenden Implikationen umfassen die Komintern- sowie die Bildungspolitik und können daher schlechterdings auf die Ukraine oder Moldova und ein flink übernommenes ‚Piedmont-Prinzip‘ (S. 9, 275, 281) reduziert werden.

Was Martin unter „aggressive republics such as Ukraine, Tatarstan, and Kazakhstan“ (S. 140) versteht, konnte der Rezensent dagegen nicht in Erfahrung bringen. Bei den „Mongols of the Soviet client state of Mongolia“ (S. 198) wird es sich wohl um die Chalcha-Mongolen der Mongolischen Volksrepublik handeln. Der in Tabelle 33 vermittelte Eindruck, die Korenizacija habe bei den Burjaten 1939 ein statistisches Wachstum von 72,3% gegenüber 1926 erreicht, ist irreführend (S. 381). Weder wird hierbei erklärt, wie der Anteil der Titularnation an der Gesamtbevölkerung der Burjat-Mongolischen ASSR von 43,8% im Jahre 1926 um über die Hälfte auf 21,3% im Jahre 1939 absinken konnte, noch werden der im Zuge der Gebietsreform von 1937 ausgegliederte Ust‘-Ordynsker Burjatische (Nationale) Autonome Kreis des Irkutsker Gebietes sowie der Aginsker Burjatische (Nationale) Autonome Kreis des Čitaer Gebietes der RSFSR in Rechnung gestellt.[13]

Dieser für die frühsowjetische Nationalitätenpolitik charakteristische und auch bei Martin durchgängig verwandte Begriff Korenizacija, dessen Bedeutung mit Indigenization indes nur zum Teil widergegeben ist (S. 10), bezieht sich allgemein auf das Gebot zur Integration der Nationalitäten vor allem durch die Bereitstellung von Arbeits- bzw. Bildungsplätzen und durch die Teilhabe der Eliten am politischen Entscheidungsprozess unter Zuhilfenahme festgelegter Quoten. Seine politische Bedeutung ist jedoch für die Zeit bis 1928 in der Fachliteratur und auch bei Martin überbewertet. Weder konnte die Korenizacija ihre dekolonisatorische Intention zugunsten der Nationalitäten voll verwirklichen, noch eine subjektiv betroffene ostslavische Bevölkerung von der ausgleichenden Gerechtigkeit der Nationalquoten überzeugen, obschon gerade diese Regelung allen Nationalitäten - auch den ostslavischen - dort zugute kam, wo sie sich in der Minderheit befanden. Außerdem stand doch eine parteilose, sozialrevolutionäre oder kommunistische Elite 1917 schon unter den Titularnationen bereit. Deren Engagement und Einfluß war bekanntlich bis zum Ende der Leninschen Nationalitätenpolitik nicht unerheblich, auch wenn ihr Anteil im Zuge kleiner Parteisäuberungen zunehmend reduziert wurde. Die Absicherung einer nationalen Teilhabe an der Macht - überwiegend als nacionalizacija bezeichnet - erhielt erst Mitte der 20er Jahre Priorität, nachdem Parteizugehörigkeit und Loyalität zur Parteilinie, Bildungsniveau und Nationalzugehörigkeit zu entscheidenden Selektionskriterien bei der Besetzung der Leitungsebene wurden. Auch verschärfte sich die Problematik des Nationalproporzes und der Quotenregelung auf einem „tide labor market“ (S. 137) nicht allein für ostslavische Bürger, sondern auch zunehmend bei den Nationalitäten, weil nun mittlere und untere Verwaltungsebenen mit qualifizierten Funktionären besetzt werden mußten.[14]

Unverständlich bleibt daher auch der zeitliche Untersuchungsrahmen, der erst im Jahre 1923 einsetzt. Die formelle Verabschiedung der beiden Resolutionen vom XII. Parteitag im April und der ZK-Sitzung am 10. Juni 1923 - auf der übrigens das Schicksal von Sultan Galiev besiegelt wurde - können dafür nicht ernsthaft als Begründung herhalten (S. 9, 25), wo doch Lenin bis zu seinem Tode über die Forderung nach kultureller Autonomie und territorial-administrativer Souveränität mit Vertretern der Nationalitäten in Auseinandersetzung stand, wo doch Stalin von 1917 bis 1923 Volkskommissar für Nationalitäten gewesen war und es schon im September des Revolutionsjahres eine besondere Abteilung für Nationalitäten beim Innenministerium der Provisorischen Regierung gegeben hatte. In welcher Hinsicht und ob der Tod Lenins (21.1. 1924) für die sowjetische Nationalitätenpolitik eine Zäsur darstellte, wird indes nicht diskutiert. Hinzu kommt, dass der eigentliche Höhepunkt staatlicher Integrationsleistung in die Phase des ersten Fünfjahresplanes (1928-1932) fällt, da es - wie Martin einräumt (S. 24) - in den Jahren zuvor an der Finanzierung mangelte und ab 1933 nicht nur der Terror einsetzte, sondern ein „russischer Nationalismus“ (S. 271), der dem russischen Volk die nie ernsthaft strittig gemachte Funktion eines primus inter pares - eines ‚älteren Bruders‘ bzw. ‚Mittelpferdes in der Trojka‘ - nun auch offiziell wieder zuschrieb. Im übrigen verdeutlicht die Periodisierungsproblematik, wie sehr sich die gesellschaftliche Entwicklung des Sowjetstaates der 20er und 30er Jahre immer noch dem Versuch einer überzeugend strukturellen Einordnung entzieht, trotz der gängigen Unterteilung in die bekannten Zeithorizonte (Kriegskommunismus, NĖP, Kollektivierung, Terror) und trotz einer intensiv voranschreitenden Forschung zur Kulturrevolution.

Eine solch blauäugige Meldung wie „major positive features of the Soviet nationalities policy, then, were the promotion of national territories, languages, elites and identities“ (S. 13), aber kann nur in die Welt setzen, wer um die im Kontext der Speranskijschen Reformen entstandenen Selbstverwaltungen u.a. von Burjaten, Kasachen und Kalmücken nicht weiß, wer von der historischen Geographie Russlands unbeleckt ist und den aussichtslosen Kampf der Eliten gegen den von russischen Bauern, Kosaken, Beamten und Parteifunktionären gleichermaßen betriebenen Landraub an nationalen Territorien nicht kennt. Das Wissen um diese von Gewalt begleiteten Siedlungs- und Verdrängungsprozesse wäre allerdings die Voraussetzung zum Verständnis einer ökonomischen Marginalisierung gewesen, über die viele Nationalitäten Klage führten. Auch hätte auf diesem Hintergrund der terminologische Missgriff „ethnic conflict“ (S. 56, 57) vermieden werden können, weil klar geworden wäre, dass man es hier mit politischen (sic) Konflikten zu tun hat, die auf ökonomischer und territorialer Marginalisierung, oft auch auf politischer Ausgrenzung und einer fortgesetzten Russifizierung bzw. Sowjetisierung nationaler Kultur basieren. Eine unkritische Übernahme der in den Sitzungsprotokollen und Parteitagsberichten gängigen Bezeichnungen ‚nationaler Konflikt‘ (nacional’nyj konflikt) bzw. ‚nationaler Zwist‘ (nacional’naja rozn‘) ist höchst problematisch. Die bei Ted Gurr oder David Laitin entlehnte Attributierung von (politischen) Konflikten[15] als ‚ethnische‘ bzw. ‚religiöse‘ ist nicht oder wäre nur dann zulässig, wenn Eindeutigigkeit darüber herrscht, dass sie in solche abschließend transformiert wurden. Für den Untersuchungsrahmen trifft das allerdings nicht zu.

Der Behandlung sowjetischer Sprachenpolitik und der Schriftreformen fehlt neben der nötigen Sachkenntnis vor allem die Einbettung in die Forschungsliteratur.[16] Es stimmt beispielsweise nicht, dass die Kalmücken die altmongolische Schrift verwendet hätten (S. 185): Sie benutzten die Zaja-Panditiza, eine reformierte Schrift, auch als Todo Bičig bekannt. Diese wurde offiziell bis zur Annahme der Kyrilliza am 12.1. 1924 verwendet, welche Anfang 1930 der Latiniza wich, um 1938 endgültig der Kyrilliza Platz zu machen. Irreführend ist zudem der erweckte Eindruck (S. 185, 193), der Wechsel zur Kyrilliza sei unter der kalmückischen Elite einhellig gewesen. Die Ablösung der Zaja-Panditiza war vielmehr umstritten und eine abgekartete Sache der moskautreuen Fraktion. Die Agitation zur Umstellung auf die Kyrilliza setzte im Januar 1923 ein und kulminierte am 6.1. 1924 in einer arrangierten Diskussionsveranstaltung zu N.O. Očirovs Vortrag „Das Zaja-Panditische Alphabet und die russische Transkription“, anlässlich der 150 stimmberechtigte Studenten der Arbeiterfakultät, der Parteischule sowie des Pädagogischen Technikums ‚eingeladen‘ worden waren.[17]

Von Agvan Doržiev und der Einführung einer nach ihm benannten Schrift unter den Burjaten scheint der Verfasser nicht gehört zu haben. Dabei hatte die Nationalisierung der Schulen, die Wahl des umgangsprachlichen Burjat-Mongolischen als Unterrichtssprache sowie die Lehre der altmongolischen Schrift zusammen mit einer burjat-mongolischen Literaturschrift in den höheren Klassen schon zu den Hauptforderungen der nach 1905 zugelassenen burjatischen Parteien gehört: „Das russische Alphabet aber wurde abgelehnt, da es der Phonetik der Sprache fremd ist und keine historische Grundlage im burjat-mongolischen Leben besitzt.“[18] Daher wurde auf der Gründungskonferenz des Zentralrates für kulturelle Angelegenheiten der Burjat-Mongolen der RSFSR und Fernöstlichen Republik (DVR) auch die Einführung der Agvan-Doržiev-Schrift für das Burjat-Mongolische Autonome Gebiet der RSFSR und das Burjatische Autonome Gebiet der DVR (22.6.-2.7. 1922) mit 23 gegen 5 Stimmen beschlossen.[19]

Die von Terry Martin eingeführte Bezeichnung Affirmative Action für die frühsowjetische Nationalitätenpolitik, die ihn zu einer einfallslosen Dreiteilung seiner Untersuchung (Implementing the Affirmative Action Empire; The Political Crisis of the Affirmative Action Empire; Revising the Affirmative Action Empire) in elf Kapiteln verleitet hat und das Fehlen überzeugender Thesen unterstreicht, bleibt ein schwammiger Begriff, der mal die politische Absichtserklärung zur Integration nationaler Minderheiten meint, oft aber als Paraphrase dessen dient, was sowohl bei den Zeitgenossen wie in der relevanten Forschungsliteratur mit nacionalizacija umschrieben, oder präziser mit nationaler Quotenregelung (bronja), Schriftreform bzw. Sprachenpolitik ausgedrückt wurde.

Das plakative catch-word, dem eine vom Verfasser kaum erörterte Sowjetisierung (Russifizierung) der nationalen Begriffs- und Lebenswelten gegenüberstand, weist übrigens zwei unterschiedliche Entstehungshintergründe auf, einen nordamerikanischen - auf den Martin nicht eingeht - und einen russischen (S. 16-17). Zum einen handelt es sich dabei um den Erlass des amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson vom 24.9. 1965, mit dem öffentliche und Bundeseinrichtungen der Vereinigten Staaten von Amerika dazu verpflichtet wurden, den Anteil von Frauen und Farbigen (non-whites) unter ihren Angestellten zu erhöhen. Die seit 1924 geltende national origins quota schaffte der Congress in diesem Zusammenhang ab.[20] Zum anderen ist jene „»positive« (bejahende) Tätigkeit“ gemeint, um derentwegen Lenin die „nach Stärkung des Nationalismus strebende Bourgeoisie“[21] noch 1913 angegriffen hatte. Bekanntlich änderte Lenin seine Meinung mit der Zeit. Eine Abkehr vom Internationalismus implizierte dies jedoch ebenso wenig wie eine Übernahme der ‚bejahenden Tätigkeit‘ (Affirmative Action) des gebrandmarkten Bürgertums. Frühsowjetische Nationalitätenpolitik beinhaltete in der Theorie paradoxerweise beides, die Integration nach sozialen und nach nationalen Kriterien, auch wenn die Praxis der Implementierung an der asiatischen Peripherie des Reiches anders aussah als im europäischen Teil der Sowjetunion.

Ob darüber hinaus eine konzeptionelle Gleichsetzung von rassischer bzw. geschlechtlicher Anti-Diskriminierungsgesetzgebung in den USA mit frühsowjetischer Nationalitätenpolitik möglich ist, wird von Martin an keiner Stelle diskutiert. Mir scheint jedenfalls der Versuch, Profile einer für Amerika seit den 60er Jahren typischen Integrationsproblematik auf Prozesse der sowjetischen Staatswerdung in Anwendung bringen zu wollen, ebenso unzulässig wie die Gleichsetzung von Stalins politischem (sic) Begriff von Nationalkultur mit „symbolic ethnicity“[22] (S. 13, 183). Stalins bekanntes Diktum - „national in der Form, proletarisch im Inhalt“ - war eine ideologisch-politische Soll-Vorgabe und kein Fazit zur kulturellen Realität weder im sowjetischen Vielvölkerstaat noch im Ancien Régime. Nationalkultur war ihm eine in der Zeit sich ändernde Vorstellung davon, um welche Elemente Kultur entdinglicht oder sowjetisiert werden müßte, damit die Platz greifende Homogenisierung die diversen Nationalitäten schneller zu einem Sowjetstaat verschmelze. Das öffentliche Ergebnis war zunächst multiethnische, später patriotische Folklore. Die Kultur verzog sich dabei in’s Private oder ging in den Untergrund.

Bei Martin irritiert vor allem, dass er seinen Text ohne diskursive Auseinandersetzung entwickelt. Der Forschungsstand zu den Komplexen Schriftreform, Hunger, Partisanen, Kollektivierung und Aufstände ist bibliographisch nur mangelhaft erschlossen. Undifferenziert steht daher ungeprüftes neben gesichertem Wissen. Der einsame Griff in die Archivkiste suggeriert dort spektakulär Neues, woran sich die Forschung schon abgearbeitet hat. Indem der Verfasser zudem die ideologische Repräsentation seiner Quellen unhinterfragt weiterreicht, transportiert er auch ungefiltert den propagandistischen Effekt ihrer Narrative. Auch wurde der Versuch gar nicht erst unternommen, die Dialektik der Gegensätze (Herrschaft und Integration, Staat und Gesellschaft, Zentrum und Peripherie, Macht und Ohnmacht, Kontinuität und Wandel, Theorie und Praxis, Absicht und Wirkung, Wirklichkeit und Ideologie, Programm und Alltag) als methodisches Gliederungsprinzip einzuführen. So mutet die fehlende Quellenkritik dem Leser nicht nur eine subjektiv bleibende Sicht gesellschaftlicher Entwicklung zu. Historiker werden außerdem Zeuge des unausgesprochen bleibenden Versuches, die Geschichte der frühsowjetischen Nationalitätenpolitik in affirmativer Hinwendung neu zu schreiben.

Es ist unbegreiflich, wie sich der Verfasser dabei zu solch undifferrenzierten Aussagen wie: „Positive support of the forms of nationhood was the essence of Soviet nationalities policy“ (S. 18) oder auch „By encouraging the growth of national identity and resolutely opposing assimilation, the Soviet government showed an ostentatious and unthreatening respect for the national identity of all non-Russians“ (S. 183) hat hinreißen lassen. Ob er darunter die Unterdrückung des Islam und des Buddhismus, die Liquidierung einer sich für ihre nationale Kultur einsetzenden Elite, die Ersetzung der Nationalschriften durch die Kyrilliza, die ideologische Gleichschaltung von Bildung und Künsten, die gewaltsame Kollektivierung oder die in Hungerepedemien resultierende Abschaffung der traditionellen Nomadenwirtschaft verstanden hat? Nein, die angebliche Förderung des Nationalbewusstseins - deren ständige Aushöhlung die nationalen Eliten doch seit Jahrzehnten beklagten[23] - gilt ihm als „central aspect of the Affirmative Action Empire’s strategy of preventing the growth of nationalist sentiment“ (ebd.). Sätze wie diese verfestigen denn auch beim Rezensenten den Eindruck, dass der Verfasser die sowjetische Nationalitätenpolitik, wenn schon nicht von ihren Verbrechen lossprechen, so doch ihre Auswüchse ex post abmildern oder einfach nicht zur Kenntnis nehmen möchte.

Martin, von dem im Promotionsjahr Arbeiten zur Geschichte der Völker Russlands mit Ausnahme eines Beitrages zu den Zaporoger Kosaken in Katharinäischer Zeit[24] nicht vorlagen, wäre wahrscheinlich besser beraten gewesen, entweder die Veröffentlichung seiner Untersuchung auf die sowjetische Ukraine zu beschränken - von der seine brauchbare These behauptet, sie habe „the central role in the evolution of the Soviet nationalities policy throughout the Stalinist period“ (S. 24) eingenommen - oder sich in Fallstudien erheblich tiefer in die Geschichte einzelner Nationalitäten einzuarbeiten, um sich eine breitere Vergleichsgrundlage der kolonialen und imperialen Ausgangslage zu verschaffen. Schließlich werden Dissertationen nicht besser, je länger sie liegen, sondern durch sachliche Ergänzungen und methodische Verbesserungen.[25] Die besprochene Arbeit, die ihre reichen Archivfunde ungenügend auswertet und dem Leser unsortiert präsentiert, wird beiden Erwartungen nicht gerecht.

Anmerkungen:
[1] Siehe Hroch, Miroslav, Social Preconditions of National Revival in Europe, Cambridge 1985.
[2] Vgl. bei Kraft, Ekkehard, Von der Rum Milleti zur Nationalkirche - die orthodoxe Kirche in Südosteuropa im Zeitalter des Nationalismus, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 51 (2003)3, S. 392-408; Hendrich, Béatrice, Milla - millet – Nation. Von der Religionsgemeinschaft zur Nation? Über die Veränderung eines Wortes und die Wandlung eines Staates [= Europäische Hochschulschriften, Reihe 31, Politikwissenschaft 465], Frankfurt a.M. 2003; sowie Bremer, Thomas, Kirchen und Religionsgemeinschaften, in: Südosteuropa. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. Ein Handbuch, hg.v. Magarditsch Hatschikjan und Stefan Troebst, München 1999, S. 151-168, hier das Kapitel Religion und Nation.
[3] Fairbank, John K.; Têng, Ssu-yü, On the Ch’ing Tributary System, in: Harvard Journal of Asiatic Studies 6 (1941)2, S. 135-246.
[4] So etwa die abwegige Schlußfolgerung von Jörg Baberowski in den Jahrbüchern für Geschichte Osteuropas 51 (2003)1, S. 139, die sich durch diese und andere „jüngere historische Forschungen“ - welche Baberowski hier indes nicht benennen kann oder will - Bahn gebrochen hat. Vgl. dazu Conquest, Robert, The Nation Killers. The Soviet Deportation of nationalities, London 1977.
[5] Siehe hierzu schon meine kritische Einlassung anläßlich der Besprechung zu: Krueger, John R.; Service, Robert G. (ed.), Kalmyk Old-Script Documents of Isaac Jacob Schmidt 1800 - 1810. Todo biciq Texts, Transcription, Translation from the Moravian Archives at Herrnhut [= Asiatische Forschungen 143]. Wiesbaden 2002; in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 51 (2003)4, S. 592-596.
[6] Simon, Gerhard, Das nationale Bewußtsein der Nichtrussen der Sowjetunion, in: Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 47 (1986), S. 35.
[7] Die Nationalitäten des Russischen Reiches in der Volkszählung von 1897, Teile A – B. Hg.v. Henning Bauer, Andreas Kappeler, Brigitte Roth [= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 33A-B], Stuttgart 1991, hier Teil A, S. 137, 148; Teil B, S. 19-24, 69-72, 151, 154.
[8] Silver, Brian, The Ethnic and Language Dimension in Russian and Soviet Censuses, in: Research Guide to the Russian and Soviet Censuses, ed. by R.S. Clem, Ithaca 1986, S. 70-97. Vgl. auch Alfavitnyj spisok narodov, obitajuščich v Rossijskoj Imperii nakanune vseobščej perepisi. Izdanie Kanceljarii Komiteta Ministrov, S. Peterburg 1895, wo 140 Nationalitäten aufgeführt sind.
[9] Aufschlussreich ist hier die Resolution des VIII. Kongresses der RKP(b) „über die politische Propaganda und die Kultur- und Bildungsarbeit auf dem Lande“ vom März 1919. Der Wortlaut findet sich auszugsweise übersetzt in: Die sowjetische Bildungspolitik 1917-1960. Dokumente und Texte, hg. und erläutert von Oskar Anweiler und Klaus Meyer. Zweite, verbesserte Auflage, Wiesbaden 1979 [= Erziehungswissenschaftliche Veröffentlichungen des Osteuropa-Institutes der Freien Universität Berlin 12], S. 92-95. Siehe auch Anweiler, Oskar, Geschichte der Schule und Pädagogik in Russland. Vom Ende des Zarenreiches bis zum Beginn der Stalin-Ära. Wiesbaden 1979 [= Erziehungswissenschaftliche Veröffentlichungen des Osteuropa-Institutes der Freien Universität Berlin 1], hier S. 213-215.
[10] Bis zur Umbenennung am 12.10. 1991 bekannt als das Zentrale Parteiarchiv des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU (Central‘nyj Partijnyj Archiv Instituta Marksizma-Leninizma pri CK KPSS).
[11] Dies ist das Zentralstaatliche Archiv der Oktoberrevolution, der Obersten Organe der Staatsgewalt und der Staatsverwaltung der UdSSR (Central‘nyj Gosudarstvennyj Archiv Oktjabr‘skoj Revoljucii, Vysšich Organov Gosudarstvennoj Vlasti i Organov Gosudarstvennogo Upravlenija SSSR) bevor es durch Regierungsverfügung No. 809 am 28.4. 1992 umbenannt wurde. Das Archiv bewahrt u.a. Dokumente zur Leninschen Nationalitätenpolitik, zum Bürgerkrieg und Kampf gegen die Konterrevolution sowie zur Errichtung der Sowjetmacht vor Ort auf, die sich in den Fonds der Volkskommissariate des Inneren, für Nationalitäten sowie für Staatskontrolle der RSFSR befinden. Der Fond des Obersten Sowjets (Verchovnyj Sovet SSSR) beinhaltet auch Dokumente ständiger Kommissionen des Unionsrates und des Nationalitätenrates, die sich auf ökonomische, soziale, kulturelle und staatsrechtliche Fragen beziehen. Warum Martin aber hier auf die Auswertung des besonders wertvollen Fondes R-1318 (Narodnyj Komissariat po delam nacional‘nostej Rossijskoj Sovetskoj Federativnoj Socialističeskoj Respubliki (NarKomNac RSFSR, NKN RSFSR), predstavitel‘stva Narkomnaca RSFSR v dogovornych i avtonomnych respublikach i ich predstavitel‘stva pri NarKomNace RSFSR, 1917-1924gg.) mit seinen herausragenden, in 22 Findbüchern (opisi) verzeichneten 3512 Dokumenten verzichtet hat, bleibt ein völliges Rätsel. Vgl. dazu Dittmar Schorkowitz: Staat und Nationalitäten in Russland. Der Integrationsprozess der Burjaten und Kalmücken, 1822-1925. Stuttgart 2001 [= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 61], S. 34-37, 509-512.
[12] Vgl. bei Lenin, Vladimir Il’ič, Referat auf dem II. Gesamtrussischen Kongress der kommunistischen Organisationen der Völker des Ostens, 22. November 1919, in: W.I. Lenin Werke, Bd. 30. Berlin 19796, S. 136-147, hier S. 145.
[13] Der Kommentar von Walter Kolarz hierzu war denn auch kurz und treffend: „Whichever way Buryat-Mongolia‘s frontiers were to be fixed, the Republic was bound to have a Russian majority, in view of the sucessful Russian colonization which had been carried out in the Buryat country.“, in: Kolarz, Walter, The Peoples of the Soviet Far East. London 1954, S. 117.
[14] So berichtete der Sekretär des Burjat-Mongolischen Gebietskomitees, dass die Parteiorganisation der ASSR Anfang 1925 an die 2000 Mitglieder und Kandidaten umfaßte, von denen jedoch nur 300 die burjatische Nationalität besaßen. Es hätten sich zwar reichlich Burjaten als Delegierte zur Wahl gestellt, es mangele aber an Nationalkadern auf Leitungsebene: „Bezüglich der Komplettierung von Sowjet- und anderen Organen steht die Sache schlechter. Dort stolpern wir auf Schritt und Tritt über das Fehlen vorbereiteter burjatischer Kader“, weswegen die Verordnung, „die Sekretäre der Chošun-Exekutivkomitees, der Volksgerichte, Volksankläger, Milizorgane usw.“ mit Nationalkadern zu besetzen, auch nicht ausgeführt werden könne; Zakrytye pis‘ma Burjat-Mongol‘skogo oblastnogo komiteta RKP/b/ v RKP/b/ i Sibirskoj kraevoj komitet s charakteristikoj geografičeskogo, ėkonomičeskogo i političeskogo položenija oblasti i sostojanii partijnoj i sovetskoj raboty, in: RCChIDNI:17:31:6:10-11, 15.1. - 7.9. 1925. Die Staatliche Generalplankommission der Burjat-Mongolischen ASSR meldete für 1924/25, dass von 16 Beamten des Volkskommissariates für Arbeiter- und Bauerninspektion nur 3 Burjaten und von 278 Milizbeamten nur 30 Burjaten waren, dass es lediglich vereinzelt burjatische Mitarbeiter der Staatlichen Politischen Verwaltung gab, von 59 leitenden Justizbeamten 28 Russen, 20 Burjaten, 11 Sonstige und von 107 Justizgehilfen 85 Russen, 15 Burjaten, 7 Sonstige waren; siehe Cleinow, Georg, Neu-Sibirien (Sib-krai). Eine Studie zum Aufmarsch der Sowjetmacht in Asien, Berlin 1928, S. S. 29.
[15] Vgl.: Gurr, Ted Robert; Harff, Barbara, Ethnic Conflict in World Politics. Boulder 1994; sowie Brubaker, Rogers; Laitin, David D., Ethnic and Nationalist Violence, in: Annual Review of Sociology 24 (1998), S. 423-452. Donald Horowitz sprach dagegen von: Ethnic Groups in Conflict, Berkeley 1985.
[16] So fehlen etwa die bahnbrechende Arbeiten von: Baldauf, Ingeborg, Schriftreform und Schriftwechsel bei den muslimischen Russland- und Sowjettürken (1850-1937). Ein Symptom ideengeschichtlicher und kulturpolitischer Entwicklungen [= Bibliotheca Orientalis Hungarica], Budapest 1993; sowie von: Kara, D’erd‘, Knigi mongol‘skich kočevnikov (sem‘ vekov mongol‘skoj pis‘mennosti), Moskau 1972. Nach einschlägigen Titeln sucht man in der Bibliographie vergebens, beispielsweise Bilinsky, Yaroslav, Expanding the Use of Russian or Russification? Some Critical Thoughts on Russian as a Lingua Franca and the »Language of Friendship and Cooperation of the Peoples of the USSR«, in Russian Review 40 (1981)3, S. 317-332 sowie Kreindler, Isabelle, Educational Policies toward the Eastern Nationalities in Tsarist Russia. A Study of Il‘minskii's System. Ph.D. Diss., Columbia 1969.
[17] Perepiska po delam narodnogo obrazovanija. (Imeetsja material, kasajuščijsja zamena zajapandita russkim alfavitom, takže o škol‘nom stroitel‘stve i o dviženii škol v oblasti, nekotoraja čast‘ dela predstavljaet perepisku o studentach različnych vuzov), in: Central‘nyj Gosudarstvennyj Archiv Respubliki Kalmykija:R-112:1:33, 15.12. 1923 - 28.12. 1924. Nasunov, Ovše: „Kalmyckaja Avtonomnaja Oblast‘“, in: Žizn‘ Nacional‘nostej, kn. 1, hg.v. Narkomnac: M.P. Pavlovič, M. Sultan-Galiev, I.P. Trajnin. Moskau 1923, S. 57-62. Pavlov, Dordži Antonovič, Formirovanie i razvitie kalmyckogo nacional‘nogo literaturnogo jazyka, in: Issledovanija po kalmyckomu jazykoznaniju: Sbornik naučnych trudov. Ėlista 1987, S. 3-24. Namsinov, I.E., 320 let starokalmyckoj pis’mennosti, in: 320 let starokalmyckoj pis‘mennosti: Materialy naučnoj sessii: Sbornik statej. Ėlista 1970, S. 3-10.
[18] Zapiska missionera I. Vostorgova o sostojanii učebnogo dela v Zabajkal‘skoj eparchii, o nacional‘nom dviženii burjat i popytkach Japonii rasprostranit‘ svoe vlijanie v Mongolii, in: RGIA:803:3:2304:3b, 1907.
[19] Perepiska i materialy po delam Central‘nogo Soveta po kul‘turnym delam Burjat-Mongol R.S.F.S.R. i D.V.R., in: GARF:1318:4:8:113-115, 26.4. 1921 - 9.12. 1922. Sažinov, Ž.S., Junost‘ Ėlbek-Dorži, in: Ėlbek-Dorzi Rinčino, Dokumenty, Stat‘i, Pis’ma. Hg.v. Komitet po delam archivov pri Sovete Ministrov Respubliki Burjatija. Ulan-Udė 1994, S. 202-205.
[20] The National Experience. A History of the United States, ed. by John M. Blum et al., San Diego 19846, S. 825. Der Förderung war die rechtliche Gleichstellung durch John F. Kennedey im März 1961 vorausgegangen. Vgl.: Cahn, Stephen (Ed.), The Affirmative Action Debate. New York 1995.
[21] Lenin, Vladimir Il’ič, Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage, in: W.I. Lenin Werke, Bd. 20. Berlin 19735, S. 3-37. Im Orginal lautet die Stelle „dal’še načinaetsja «pozitivnaja» (položitel’naja) dejatel’nost‘ buržuazii, stremjaščejsja k ukrepleniju nacionaliszma“. Siehe „Kritičeskie zametki po nacional’nomu voprosu“, in: Lenin, Vladimir Il’ič, Polnoe Sobranie Sočinenij, tom 24. Moskau 19615, S. 113-150; alle Hervorhebungen im Orginal.
[22] Terry Martin beruft sich hierbei auf den Soziologen Gans, Herbert, Symbolic Ethnicity. The Future of Etnic Groups and Cultures in America, in: Ethnic and Racial Studies 2 (1979)1, S. 9-17.
[23] Vgl. etwa das bittere Fazit des Präsidiumsvorsitzenden des Kalmückischen Gebietskomitees der RKP(b) Araši Čapčaev auf der I. Parteikonferenz des Kalmückischen Autonomen Gebietes im Februar 1921: „Unser CIK erkämpft sich allmählich und Schritt für Schritt, im Zuge quälend langer und ausdauernder Arbeiten, oftmals vollkommen bitterer Mißerfolge und schmerzhafter Fehler, das Recht auf Selbstbestimmung, das Recht auf Selbständigkeit ... In drei Jahren der Revolution hat das kalmückische Proletariat sein Zentralorgan von Kopf bis Fuß neu konstituiert ... jetzt stehen wir recht kräftig auf den Beinen. Jetzt haben auch unsere Kalmücken die Politik gelernt.“, in: Protokol I s-ezda RKP/b/ Kalmyckoj avtonomnoj oblasti, RCChIDNI:17:13:390:5b, 9b, 18.-20. 2. 1921. Die Rede wurde veröffentlicht, in: Čapčaev, Araši Čapčaevič: Vystuplenija, reči, doklady: Sbornik dokumentov. Zusammengestellt von A.I. Naberuchin, Z.B. Očirova, A.O. Tapkina. Ėlista 1990, S. 41-51, hier S. 43, 51.
[24] Martin, Terry, The Empire‘s New Frontiers. New Russia‘s Path from Frontier to Okraina 1774-1920, in: Russian History 19 (1992)1-4, S. 181-201.
[25] Vorab erschienen waren Martin, Terry, The Origins of Soviet Ethnic Cleansing, in: Journal of Modern History 70 (1998), S. 813-861; ders., The Russification of the RSFSR, in: Cahiers du monde russe 39 (1998)1-2, S. 99-118; ders., Borders and Ethnic Conflict. The Soviet Experiment in Ethno-Territorial Proliferation, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 47 (1999)4, S. 538-555.

Zitation
Dittmar Schorkowitz: Rezension zu: : The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939. Ithaca  2001 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 04.02.2005, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-4794>.
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04.02.2005
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