R. Suny (Hg.): A State of Nations

Cover
Titel
A State of Nations. Empire and Nation Making in the Age of Lenin and Stalin


Hrsg. v.
Martin, Terry; Suny, Ronald G.
Erschienen
Umfang
Paperback
Preis
$ 18,40
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Dittmar Schorkowitz, Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin

Mit diesem Sammelband präsentieren die einer politischen Geschichte Rußlands zuarbeitenden Historiker Ron Suny und Terry Martin die Erträge einer 1997 in Chicago abgehaltenen Konferenz zur Nationswerdung und Nationalitätenpolitik in der frühen Sowjetunion. Vorgestellt werden soll damit erneut eine Auswahl von Arbeiten - leider nur - amerikanischer und insbesondere der Chicagoer Schule (Sheila Fitzpatrick, David Laitin, Ronald Suny u.a.) nahe stehender Nachwuchswissenschaftler, deren Erträge in der Tradition sowjetunionbezogener area studies stehen und die ihr innovatives Kapital vor allem aus der intensiven Nutzung rußländischer Regionalarchive ziehen.[1]

Als roter Faden durchzieht den Band das Spannungsfeld von imperialer Herrschaft und nationaler Identität in historischer Perspektive. Reflektiert wird damit eine in den 60er Jahren aufgekommene und seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Vielvölkerstaates erneuerte Debatte zu den maßgeblichen Wirkungskräften im Integrationsprozeß von Staat und Nation in Rußland. Auf eine kurze Formel gebracht, lautet die Frage, ob die nationsbildenden Leistungen durch die politische Herrschaft der Bolschewiki (R. Pipes) oder durch sozialen Wandel (A. Inkeles, R.A. Bauer) erbracht wurden.[2] Sind Adaptation und Homogenisierung auf eine gegen die Selbstbestimmung der nicht-russischen Nationalitäten gerichtete ‚Kommunismus-Contra-Nationalismus-Losung’ und die zarische Russifizierung damit fortsetzende Sowjetisierung unter Lenin und Stalin zurückzuführen oder haben nicht vielmehr Industrialisierung und wissenschaftlicher Fortschritt die Assimilation traditioneller Gesellschaften im Zuge einer allgemeinen Modernisierung bewirkt - eine Angleichung, die in der Identität vom Sowjetbürger mündete?

Der kaum entscheidbare Prioritätenstreit beider Standpunkte führte in den 70er Jahren zum Paradigmenwechsel und nachfolgend in eine bis heute währende Diskussion, die der gezielten respektive der prozeßgesteuerten Aushöhlung von nationaler Identität durch Russifizierung/Sowjetisierung bzw. Modernisierung die Dialektik von „nation-making and nation-destroying“ (S. 6) entgegenhält, an der Ron Suny mit seinen Publikationen [3] keinen geringen Anteil hat. Dennoch setzt sich der kontrovers geführte Diskurs zum historischen Integrationsprozeß der rußländischen Nationalitäten zwischen den Primordialisten auf der einen und den Konstruktivisten, aus deren Feder die meisten der hier anzuzeigenden Beiträge stammen, auf der anderen Seite bis heute fort – eine Debatte, in der die Transformalisten mit ihrem kombinatorischen Erklärungszugriff auf staatliche Herrschaft, sozialen Wandel und ethnokultureller Identität nur eine randständige Mittlerposition einnehmen.

Den sich in der Zeit wandelnden, metaphorischen Gebrauch des Begriffs Imperium (Empire) nimmt Ron Suny zum Anlaß, das Russische und das Sowjetische Reich von der Problematik des inneren Staatsaufbaus her zu thematisieren,[4] als dessen Besonderheit u.a. die politische Ungleichheit der vielen Völker dieses Staates auf dem Hintergrund eines asymmetrischen Zentrum-Peripherie-Verhältnisses gilt. Als Leitfrage dient ihm die keineswegs neue Beobachtung,[5] warum sich die europäischen Großreiche der Romanovs, Habsburger und Osmanen nicht zu Nationalstaaten entwickelten, sondern in imperialer Erstarrung verharrten (S. 29). Schubkräfte ihres Zerfalls macht Suny vor allem im institutionellen und diskursiven Wandel aus, die mit Entstehung des Nationalstaates eintraten, wobei er für Rußland einen Schwerpunkt auf den Gegensatz von Reich und Nation bei der Identitätsbildung setzt. Daß aber die Schwierigkeiten nicht nur der russischen Nationswerdung (S. 43), sondern auch des Reichszusammenhalts von der sprichwörtlichen Größe des Landes, den beschränkten Mitteln, den sagenhaft schlechten Straßen sowie dem Mangel an Bevölkerung bzw. geeigneten Leuten (maloljudie) abhing, ist schon bei Vasilij Ključevskij – „Rossii est’ istorija strany, kotoraja kolonizuetsja“[6] - nachzulesen. Die Entdeckung solch allgemeiner Fliehkräfte ist kaum originell zu nennen, noch kann sie durch eklektisches Anleihen an Bekanntes oder durch das ständige name-dropping von Größen der amerikanischen Rußlandgeschichtsschreibung an Gewicht gewinnen.

Gleichsam enttäuscht Terry Martins nachfolgender Beitrag, dessen ironisch gemeinter Untertitel nicht erheitert, obschon hiermit Lenins bekannter Klassiker (Imperializm kak vysšaja stadija kapitalizma) vom Kopf auf die Füße gestellt werden soll,[7] weil nämlich Ideologie und Wirklichkeit kaum in ein Verhältnis gesetzt und die Absicht politischer Deklarationen und Resolutionen somit nicht am Grad ihrer Ausführung vor Ort gemessen werden. Für den Rezensenten nicht überraschend kommt, daß die frühsowjetische Nationalitätenpolitik dabei erneut mit apologetischen Äußerungen verteidigt wird, die solche Unhaltbarkeiten hervorbringt wie die These: „The Soviet Union was the first country in world history to establish affirmative action programs for national minorities, and no country has yet approached the vast scale of soviet affirmative action“ (S. 78). Hatte Martin doch in seiner im gleichen Jahr erschienen Dissertation die frühsowjetische Nationalitätenpolitik als „novel and fascinating experiment in governing a multiethnic state“ [8] beschrieben. Was man kaum vermutet: in der ersten und besseren Hälfte von Terry Martins Beitrag geht es um die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur unter Kommunisten (Pjatakov, Bucharin, Luxemburg, Lenin, Stalin) heftig diskutierte Frage, welche Rolle der Nationalismus in der revolutionären Situation einnehmen könne und welcher Platz ihm im Sozialismus zukäme.

Dass sich Nationen durch den Wunsch ihrer Mitglieder „for a particular type of social and political cohesion based on belonging to a historical, territorialized community that is politically sovereign“ (S. 94) und nicht durch eine gemeinsame Ethnizität auszeichnen, sondern nur eine imaginierte Gemeinschaft von blutsverwandten Mitglieder sind, illustriert Joshua Sanborn am Beispiel der rußländischen Armee.[9] Der Gebrauch metaphorischer Verwandtschaft sei für die Mobilisierung von Identitäten bei und nach der Rekrutierung von Soldaten mit unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft unabdingbar gewesen. Die These klingt zwar frisch, bringt jedoch - in Anbetracht des für Rußland im 19. Jahrhundert typischen vaterländischen Patriotismus, eines seit Nikolaus I. auch offiziellen Paternalismus, einer an patriarchalisch-familiäre Bezügen orientierten und bis in die ersten Fünfjahrespläne hinein der Vormoderne verhafteten Gesellschaft - keine neue Erkenntnis. Sanborns Quellenbelege sind denn auch auf rhetorische Allgemeinplätze, „united, harmonious, Russian family ... brother in arms ... members of a united worker-peasant family“ (S. 96) etc., beschränkt. Die eigentliche Frage, ob und warum eine Mobilisierung der Herzen (Identitäten) trotz der allgemeinen Wehrpflicht (seit 1874) von Nöten gewesen sei, bleibt weitgehend unbeantwortet. Die Übernahme westlicher Revolutionslyrik (liberté, égalité, fraternité) wird nicht thematisiert. Aufschlußreich ist dagegen der aufgezeigte Zusammenhang zwischen der Welt- bzw. Bürgerkriegsdesertierung, der mangelhaften Versorgungslage der Soldatenfamilien an der Heimatfront und den Versuchen der Bolschewiki zur politischen Regulierung dieses Konfliktes.

In einem für das Verständnis der rußländischen Kriegsführung und selbst der heutigen ‚Terrorismus-Bekämpfung’ im Nordkaukasus aktuellen Aufsatz untersucht Peter Holquist die Rolle der Militärstatistik und ihrer Wirkungsweise in Russland.[10] Als ausgewiesener und - für transatlantische Kollegen selten genug - französische sowie deutsche Fachliteratur rezipierender Militärhistoriker [11] versteht es Holquist, das Interesse des Lesers durch das Öffnen einer europäischen Vergleichsebene und Beobachtungen zur allgemeinen Indienststellung der Sozialwissenschaften (Bevölkerungsstatistik, Ethnographie, Anthropogeographie) durch staatliche Behörden seit dem späten 19. Jahrhundert zu wecken. Das Ausmaß transnationalen Wissenstransfers wird schlagartig deutlich, wenn man erfährt, daß die sich in Statistiken niederschlagende Kolonialerfahrung der Briten in Indien, der Franzosen in Algerien und der Russen im Kaukasus in rußländischen Militärzeitschriften ständiger Analyse unterzogen wurde, die Graf D.A. Miljutin besonders förderte. Die Bevölkerungsstatistiker galten dem Kriegsministerium eben als gleichermaßen nützliche Zuarbeiter wie dem Außenministerium die reisenden Geographen. Daß die Bolschewiki in der Statistik nicht nur ein zentrales Mittel zur Informationsbeschaffung und Herrschaftslegitimation, sondern auch des social engineering sahen, „a tool for governing and organizing the state“ (S. 112), macht diese von der Geschichtsschreibung wenig beachtete Thematik besonders reizvoll.

Die Transformation des mittelasiatischen Kulturraumes in postrevolutionäre Nationalstaaten (Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenien, Kirgisien, Kasachstan) gilt als das Ergebnis einer ‚gelenkten’ Revolution, das in der Literatur überwiegend einer frühsowjetischen Nationalitätenpolitik (Frunze, Kujbyšev) angelastet wird. Adeeb Khalid hinterfragt diese Sichtweise in einem Beitrag, der sich mit dem nationsbildenden Anteil des Dschadidismus befaßt - eine vorrevolutionäre Reformbewegung des Islam im Russischen Reich, insbesondere bei den Tataren der Krim, des Wolgagebiet und bei den Usbeken Zentralasiens.[12] Einem breiteren Publikum durch die Pionierarbeiten von Carrère d’Encausse und Seymour Becker bekannt geworden,[13] hat diese zwischen Aufklärung und Nationalismus gefangene Bewegung den Kurs der rußlandtürkischen Intelligenzija zwischen Reform und Revolution in Gestalt des Sultan-Galievismus’ bis in die 30er Jahre hinein bestimmt. Khalid bezieht sich allerdings ausschließlich auf den zentralasiatischen, d.h. auf den bucharischen Dschadidismus und das Wirken Abdul Rauf Fitrats, „easily the most influential Jadid of the period“ (S. 146), über den er früher schon berichtete.[14] Diese unbefriedigend bleibende Einschränkung und eine fehlende Positionierung des Beitrags in der Forschungsliteratur [15] wird indes wettgemacht durch die einfühlsame Beschreibung zur Metamorphose der auch als Jung-Bucharen bezeichneten Dschadidisten, die zwischen Moskauer Revolutionsversprechen, ihren Besitzstand wahrenden russischen Siedlern und konservativen Mullahs politisch zu vermitteln suchten und sich dabei selbst zu Nationalrevolutionären radikalisierten.

Es verwundert zwar, daß Konstruktivisten Staatsgründungen neuerdings als Geburtsakt überschreiben. Auch war Baschkirien, wie Daniel Schafer [16] mit Verweis auf Richard Pipes nahelegen möchte, bei weitem kein republikbildender Einzelfall der Nationalitätenpolitik Lenins, die keine Skrupel kannte, für im Bürgerkrieg erwiesene Loyalität nationalkulturelle Autonomie in Aussicht zu stellen und zu gewähren. Doch schmälern diese Marginalien nicht Schafers sorgfältige Erörterung der Frage, inwiefern baschkirische und tatarische Nationalstaatsbildung zusammenhängen, ob die Konstituierung der beiden turksprachigen Wolgarepubliken in Ufa und Kazan’ als schlagendes Beispiel für das ‚divide et impera’ eines Sowjetimperialismus taugt, wie Grishko, Bennigsen, Wimbush, Rorlich u.a. argumentierten. Das Lavieren des bekannten Nationalpolitikers und Orientalisten Zeki Velidi Togan (Zeki Validov) zwischen den Fronten findet dabei ebenso Erklärung wie Lenins auf schmalem Spielraum basierende und gegen die Internationalisten (Bucharin, Pjatakov) durchgesetzte Linie, „to justify the creation of Soviet national republics“ (S. 169).

Mit der revolutionären Übergangsphase in Zentralasien beschäftigen sich zwei weitere Beiträge. Douglas Northrop behandelt am Beispiel Usbekistans das seit Gregory Massell einem breiteren Publikum bekannte und für weite Teile des Russischen Reiches gültige Problem sowjetischer Parteipropaganda, welche Bevölkerungsgruppen in Ermanglung einer Arbeiterklasse für die Sache der Bolschewiki mobilisiert werden konnten.[17] Zwar boten sich der Abteilung für Agitation und Propaganda (Agitprop) mit der beigeordneten Frauenabteilung (Ženotdel) und dem Kommunistischen Jugendbund (Komsomol) die Frauen wie auch die Jugend als Adressat kommunistischer Befreiungsverheißungen vor allem im sowjetischen Orient an, da ihr aufgrund patriarchalischer Sozialverhältnisse und muslimischer Tradition hier beide Gruppen aus westlicher Sicht als ‚rückständige’ und unterdrückte Schichten galten. Der erwartete Erfolg blieb jedoch aus, was Northrop in Sonderheit darauf zurückführt, daß sich die Sowjetpropaganda zu schnell an Dingen - wie z.B. den Schleier - festmachte, die von den Reformgegnern leicht als verteidigungswerte Symbole nationaler Identität in Stellung gebracht werden konnten - als Metapher in einem Diskurs, der sich weniger gegen die Modernisierung selbst, als gegen deren russisch-sowjetische Form- und Richtungsgebung richtete.

Doch liefert Northrops auch orientalistische Projektionsflächen europäischer Reisender einbeziehende Diskursanalyse weder eine Untersuchung insbesondere zur Stellung der Frau im turksprachigen Raum Mittelasiens noch zur usbekischen Identität im Allgemeinen. Er funkt damit auf gleicher Wellenlänge wie Matt Payne, dessen Beitrag ebenfalls nicht wirklich hält, was der Titel verspricht.[18] Eine Arbeiterklasse hat es bei den nomadischen Kasachen bis zur Industrialisierung nicht gegeben, wohl aber Hirten, Bauern, Arbeiter, Handwerker und Kosaken. Gelegenheits- und Saisonarbeiter machen noch lange kein Proletariat. Eine kasachische Arbeiter- und Soldatenschaft organisierte sich als Reaktion auf ein überwiegend ostslawisches Milieu sporadisch und lokal in einigen Heeresverbänden sowie an den wenigen Produktionsstätten des Landes - im Bergbau, in den Ölfeldern und beim Bau der Turkestan-Sibirien-Eisenbahn (Turksib). Viel entscheidender für den Werdegang der kasachischen Gesellschaft als die erzwungene Modernisierung mit entstehender Bürokratie, Nomenklatur und Produzenten aber war - wie bei den Kalmücken - die gewaltsame Seßhaftmachung der Nomaden, die im Zuge der Kollektivierung an die zwei Millionen Opfer forderte und die in ihren Auswirkungen von Payne nicht gewürdigt wird.[19]

Die abschließenden Aufsätze von Peter Blitstein [20] und David Brandenberger [21] runden durch ihre übergreifende Themenstellung die Beiträge ab, obschon die sowjetische Sprachenpolitik wie auch der vaterländische Patriotismus etwas aus dem zeitlichen Rahmen des Sammelbandes fallen. Doch gehört die Prägung durch schulische und politische Bildung in ihrer identitätsbildenden Absicht gewiß zum Kernbereich der Nationsbildung. Blitstein beschreibt am Beispiel des russischen Sprachunterrichts an nicht-russischen Schulen den mit der zweiten Hälfte der 30er Jahre verstärkten Standardisierungsprozeß in der sowjetischen Bildungspolitik. Bei der Vereinheitlichung des Russischunterrichts erwies sich der Kampf gegen den so genannten bürgerlichen Nationalismus unerwartet als höchst kontraproduktiv, da die russischsprachige Literatur der neuen Volksfeinde aus den Regalen der Bibliotheken verschwand und damit auch als Lehrmaterial an den Schulen fehlte. Zudem verhinderte der Mangel an qualifizierten Lehrkräften, Textbüchern und Finanzmitteln die politische Umsetzung bis weit in die Nachkriegszeit. Eine unionsweite Durchsetzung des Russischen als Unterrichtssprache (nicht als Fach) an nicht-russischen Schulen erlebte Stalin nicht mehr. Da half auch kein Rückgriff auf eine russozentristische Erinnerungskultur, die, wie Brandenberger darlegt, unter dem Eindruck des bevorstehenden Weltkrieges patriotische Gemeinsamkeit signalisieren und herstellen sollte. Denn trotz aller Beteuerungen auf die ‚Große Freundschaft unter den Völkern der UdSSR’ hatten geschichtspolitische Direktiven die Mobilisierung einer heroischen Vergangenheit festgelegt, war die Richtung durch Stalins name-dropping längst abgesteckt: Nevskij, Donskoj, Minin, Požarskij, Suvorov und Kutuzov.

Der Gesamteindruck des Buches ist dennoch enttäuschend, haben wir doch einen unausgewogenen Band über den frühsowjetischen Vielvölkerstaat vor uns, der den Prozeß der Nations- und Staatsbildung lediglich an vier Beispielen - Usbeken, Baschkiren, Tataren, Kasachen – näher beleuchtet und daher keinen Beitrag zu den unter Stalin deportierten Völkerschaften, d.h. zum ‚nation-destroying’ liefert. Weder knüpft das Werk an ältere Forschungsstränge an, so daß das Rad ständig neu erfunden werden muß, noch bringt es neue Erkenntnisse. An Literatur und Quellen werden bis auf wenige Ausnahmen nur englisch- und russischsprachige Texte ausgewertet. Relevante Bezüge zum Verständnis gegenwärtiger Entwicklungen sind nicht aufgezeigt. Stattdessen wird die Rede von einer in der Vergangenheit, mutmaßlich zwischen 1880 und 1930 liegenden Konstruktion nationaler Identitäten, die immer auch Transformation bestehender Identitäten ist, über Gebühr strapaziert, ohne daß klar wird, wie diese im Einzelnen bemessen wurden. Doch wird getretener Quark bekanntlich breit, nicht stark. Die in ihrer Qualität sehr unterschiedlichen und überwiegend aus Dissertationen entstandenen Beiträge vermitteln oft den Eindruck, daß ihren Autoren der Schlüssel zur Interpretation dessen fehlt, was sie den Materialbergen der Archive entreißen konnten. Begrifflichkeiten - eigentlich catchwords - wie ‚affirmative action’, national identity’ oder ‚nativization’ allein geben aber weder den Stoff zu einer Theorie gesellschaftlichen Wandels her noch erklären sie befriedigend wo die Risse im roten Imperium [22] ihren Anfang genommen haben.

[1] Vgl. dazu Daniel R. Brower, Edward J. Lazzerini (Eds.): Russia’s Orient. Imperial Borderlands and Peoples, 1700-1917, (Bloomington: Indiana University Press, 1997). Robert P. Geraci, Michael Khodarkovsky (Eds.): Of Religion and Empire. Missions, Conversion, and Tolerance in Tsarist Russia, (Ithaca: Cornell University Press, 2001).
[2] Pipes, Richard: The Formation of the Soviet Union. Communism and National¬ism 1917-1923, (Cambridge: Harvard University Press, 1954). Alex Inkeles, Raymond A. Bauer: The Soviet Citizen. Daily Life in an Totalitarian Society, (Cambridge: Harvard University Press, 1961).
[3] Grundlegend zur Problemstellung ist seine Arbeit über die Bakuer Kommune. Suny, Ronald Grigor: The Baku Commune, 1917-1918. Class and Nationality in the Russian Revolution, (Princeton: University Press, 1972).
[4] The Empire Strikes Out. Imperial Russia, “National” Identity, and Theories of Empire, S. 23-66.
[5] Vgl. bei Geoffrey A. Hosking: Russia: People and Empire, 1552-1917, (Cambridge: Harvard University Press, 1997). Andreas Kappeler: Rußland als Vielvölkerreich: Entstehung, Geschichte, Zerfall (München: C.H. Beck, 1992). Dietrich Geyer: Der russische Imperialismus: Studien über den Zusammenhang von innerer und auswärtiger Politik 1860-1914 [= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 27]. Hg.v. H. Berding, J. Kocka, H.-U. Wehler, (Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, 1977).
[6] Ključevskij, Vasilij Osipovič: Sočinenija v devjati tomach. Tom I: Kurs russkoj istorii. Čast’ I, predisloviem V.L. Janina, V.A. Aleksandrova. Hg.v. V.L. Janin, (Moskau: Mysl’: 1987), S. 50. Siehe auch bei Hans-Joachim Torke: „Continuity and Change in the Relations Between Bureaucracy and Society in Russia, 1613-1861“, in: Canadian Slavic Studies 5(4) (1971), S. 457-476 sowie Carsten Goehrke: „Die geographischen Grundlagen Rußlands in ihrem historischen Beziehungsgeflecht“, in: Handbuch der Geschichte Rußlands I(1), S. 8-72. Hg.v. M. Hellmann, G. Schramm, K. Zernack, (Stuttgart: A. Hiersemann, 1981).
[7] An Affirmative Action Empire. The Soviet Union as the Highest Form of Imperialism, S. 67-90. Die Begründung hierfür folgt auf S. 80.
[8] Martin, Terry: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939, (Ithaca, London: Cornell University Press, 2001), S. 2. Siehe dazu meine Besprechung in: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=4794.
[9] Family, Fraternity, and Nation-Building in Russia, 1905-1925, S. 93-110.
[10] To Count, to Extract, and to Exterminate. Population Statistics and Population Politics in Late Imperial and Soviet Russia, S. 111-144.
[11] Holquist, Peter: “Conduct Merciless Mass Terror: Decossackization of the Don, 1919”, in: Cahiers du Monde Russe et Soviétique 38 (1997), S. 127-162. Ders.: “From Estate to Ethnos: The Changing Nature of Cossack Identity in the Twentieth Century”, in: Russia at a Crossroads. History, Memory and Political Practice, ed. by Nurit Schliefman. London, Portland 1998.
[12] Nationalizing the Revolution in Central Asia. The Transformation of Jadidism, 1917-1920, S. 145-162.
[13] Carrère d’Encausse, Hélène: Réforme et Révolution chez les Musulmans de L’Empire Russe: Buchara 1867-1924, (Paris : 1966). Becker, Seymour: Russia’s Protectorates in Central Asia: Bukhara and Khiva, 1865 – 1924, (Cambridge, Harvard University Press: 1968).
[14] Khalid, Adeeb: „Representations of Russia in Central Asian Jadid”, in: D.R. Brower, E.J. Lazzerini (eds.): Russia’s Orient. Imperial Borderlands and Peoples, 1700-1917, S. 188-202, (Bloomington: Indiana University Press, 1997).
[15] Eine Bezugnahme auf Arbeiten von Alexandre Bennigsen, Chantal Lemercier-Quelquejay, Hélène Carrère d’Encausse, Seymour Becker u.a. sucht man ebenso vergebens, wie Hinweise auf neuere Literatur. Vgl. daher u.a. bei Edward J. Lazzerini: “Ethnicity and the Uses of History: The Case of the Volga Tatars and Jadidism”, in: Central Asian Survey 1(2/3) (1982). Ders.: “Local Accommodation and Resistance to Colonialism in Nineteenth-Century Crimea”, in: D.R. Brower, E.J. Lazzerini (eds.): Russia’s Orient. Imperial Borderlands and Peoples, 1700-1917, S. 169-187, (Bloomington: Indiana University Press, 1997). Jo-Ann Groß: “Historical Memory, Cultural Identity, and Change: Mirza ‘Abd al-‘Azis Sami’s Representation of the Russian Conquest of Bukhara”, in: ebd., S. 203-226.
[16] Local Politics and the Birth of the Republic of Bashkortostan, 1919-1920, S. 165-190. Seine 1995 an der Universität von Michigan eingereichte Dissertation trägt noch den Titel: Building Nations and Building States. The Tatar-Bashkir Question in Revolutionary Russia, 1917-1920. Vgl. bei Richard Pipes: “The First Experiment in Soviet Nationality Policy: The Bashkir Republic, 1917-1920”, in: Russian Review 9 (1950), S. 303-319.
[17] Nationalizing Backwardness. Gender, Empire, and Uzbek Identity, S. 191-220. Vgl. bei Gregory J. Massell: The Surrogate Proletariat. Moslem Women and Revolutionary Strategies in Soviet Central Asia, 1919-1929, (Princeton: University Press, 1974).
[18] The Forge of the Kazakh Proletariat? The Turksib, Nativization, and Industrialization During Stalin’s First Five-Year Plan, S. 223-252.
[19] Vgl. bei Frank Lorimer: Population of the Soviet Union, (Geneva 1946). Lawrence Krader: Peoples of Central Asia [= Indiana University Publications, Uralic and Altaic Series 26]. 2nd edition, ed. by Th.A. Sebeok, (Bloomington Indiana University Press, 1966).
[20] Nation-Building or Russification? Obligatory Russian Instruction in the Soviet Non-Russian School, 1938-1953, S. 253-274.
[21] „... It is Imperative to Advance Russian Nationalism as the First Priority“. Debates Within the Stalinist Ideological Establishment, 1941-1945, S. 275-299.
[22] So der Titel des von K. Linhuber und J. Eidlitz aus dem Französischen übertragenen, 1979 bei Fritz Molden in Wien, München etc. erschienenen Buches von Hélène Carrère d’Encausse.

Zitation
Dittmar Schorkowitz: Rezension zu: Martin, Terry; Suny, Ronald G. (Hrsg.): A State of Nations. Empire and Nation Making in the Age of Lenin and Stalin. Oxford  2001 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 04.11.2005, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-4796>.
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04.11.2005
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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