Sammelrezension: W. J. Mommsen: Erster Weltkrieg

: Der Erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters. Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch Verlag  2004 ISBN 3-596-15773-0, 220 S. € 13,90.

: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der erste Weltkrieg 1914-1918. Stuttgart : Klett-Cotta  2002 ISBN 3-608-60017-5, 188 S. € 30,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jost Dülffer, Historisches Seminar, Universität zu Köln

Wenn von einem Autor in kurzem Abstand zwei Bände erscheinen, die den gleichen Geschichtszeitraum umfassen, fragt man zunächst nach den Ähnlichkeiten: zweite veränderte Auflage, Taschenbuch, neue Vermarktung? Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Wolfgang J. Mommsen legt ganz unterschiedliche Bände vor: das eine, der neue „Gebhardt“, ist ein Handbuch nur zur deutschen Geschichte, das andere eine Aufsatzsammlung zu deutschen und internationalen Aspekten des Themas. Entstehung, Ansatz und Zielgruppe sind anders gelagert; natürlich kann kein Autor zu den gleichen Fragen seine Antworten binnen kurzer Zeit zweimal denken.

Der emeritierte Düsseldorfer Professor und langjährige Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London hatte seine frühe Karriere in den 1960er-Jahren mit einer Fülle von Buchpublikationen zum Imperialismus begonnen (neben Max Weber, der ihn lebenslang seither begleitet). Seit einigen Jahren hat er sich stärker dem Ersten Weltkrieg zugewandt, gehört er doch – zusammen mit einigen seiner ehemaligen Schüler wie vor allem Stig Förster, Gerhard Hirschfeld und Gerd Krumeich – zu den Wiederentdeckern des Ersten Weltkriegs als zentrales, aber bis dato nicht neu erforschtes Themengebiet der jüngeren Geschichte.

Zu den vielen Vorzügen Mommsens gehörte es seit langem, dass er innere und äußere Geschichte nicht isoliert betrieb, auf beiden Gebieten beträchtliche Leistungen vorweist und vielfache Verzahnungen aufweisen kann, die nicht in einer wohlfeilen Theorie – scheinbar – aufgehen. Seine Aufsatzsammlung umfasst 12 Beiträge, von denen acht bereits an anderer Stelle gedruckt sind, vier Originalbeiträge sind dabei, die alle dem Duktus nach wohl ursprünglich Vorträge darstellten. Durchweg sucht der Verfasser auch bei früher vertretenen Themen neue Forschungen aufzunehmen und zu verarbeiten, aber auch seinerseits die neueren Fragestellungen anderer Autoren mit eigenen Beiträgen zu erweitern und oft quellennah zu erörtern. Im weltpolitischen Rahmen hält Mommsen im – titelgebenden – zweiten Aufsatz daran fest, dass das bürgerliche Zeitalter an den Anfang seines Endes gelangte. Gerade bürgerliche Kräfte seien es gewesen, die für nationalistische Aufladung am stärksten empfänglich waren (allerdings trug gerade Erich Ludendorff keinen Adelstitel – und der berühmte Kriegsrat fand am 8., nicht 3. Dezember 1912 statt). Regierungen wiederum hofften ihre Schwäche und mangelnde Durchsetzungsfähigkeit durch imperialistische Hoffnungen zu verbessern; Staatensystem und Weltwirtschaftssystem wiedersprachen sich zunehmend und somit erschien ein „preemptive stroke“ immer wahrscheinlicher zu werden. Ein Anhänger von Fritz Fischers These vom „Griff nach der Weltmacht“ war Mommsen schon in einem ersten Aufsatz dazu im Jahr 1966 nicht gewesen und kann hier relativ nahtlos anknüpfen und die jeweilige Gewichtung von Verantwortlichkeiten der einzelnen Mächte und Faktoren für den Krieg erörtern, ohne jedoch die deutsche Hauptverantwortung infrage zu stellen. Aber – wie angedeutet – die gesellschaftspolitische Bedeutung des Kriegsbeginns für die Staaten insgesamt rangiert in der Bedeutung vor der politischen Verantwortung der Akteure und einzelnen Staaten für den Krieg als solchen.

Und zum Versailler Vertrag nach dem Krieg hält Mommsen sehr dezidiert an einer Unterscheidung der heftigen deutschen Reaktionen und der tatsächlich gar nicht so empörenden Entwicklungsmöglichkeiten fest. Vorbereitet wird dies durch einen gleichfalls international vergleichenden Beitrag zur Rezeption von Woodrow Wilsons Friedenszielen während des Krieges, in der die deutsche Politik erst relativ spät und taktisch bedingt (somit auch durchsichtig) auf diese Linie einschwenkte. Dennoch führte der Erste Weltkrieg „zum weitgehenden Zerfall des europäischen Staatensystems“ (S. 9). Ein profunder Überblick über das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg entstammt ursprünglich der neuen Enzyklopädie des Ersten Weltkrieges. Neue Sichten formuliert der Autor bei einer Abhandlung über die christlichen Kirchen und den Stellungnahmen deutscher und britischer Dichter. Bei der Erörterung des Kriegsalltags zeigt sich Mommsen offen für die Vielfalt der entsprechenden Erfahrungen, bleibt aber bei seiner Ablehnung der Aussagekraft von Feldpostbriefen. Bedeutend scheinen mir die – wohl eingebetteten – Ausführungen über die Anfänge „völkischer Flurbereinigung“ zu sein, die als Beginne von „ethnic cleansing“ nicht nur den polnischen Grenzstreifen – wie im Titel gesagt – betrafen. Schließlich wird auch der in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts wieder stärker diskutierte Mitteleuropa-Gedanke in seinen historischen Ursprüngen seit 1848 abgeholt und mit manchen sprechenden Quellenzitaten ausgelotet.

Der neue Band des „Gebhardt“ aus der Feder Mommsens ist in eine Serie von fünf Bänden zum langen 19. Jahrhundert eingebettet, für die insgesamt Jürgen Kocka verantwortlich zeichnet, der auch – in den römischen Ziffern – eine Gesamtbibliografie voranstellt. Angesichts eines spezifischen Literaturverzeichnisses, eines nützlichen Datengerüsts etc. bleiben nur ca. 130 Seiten für den eigentlichen Text. Hier gibt Mommsen in sechs größeren Kapiteln einen guten Überblick über die deutsche Geschichte. Dabei holt er anfangs und zu Ende weit aus, bemüht sich dabei immer einleuchtend und präzise die internationalen Rahmenbedingungen von der Julikrise 1914 an zu umreißen und somit implizit eine Gesamtgeschichte der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts zu liefern. Dieser titelgebende Begriff von George Kennan, als Übersetzung aus dem Amerikanischen von „seminal“ zumindest mit einer gewissen Kreativität ins Deutsche übertragen, hat sich ja in allen wissenschaftlichen Lagern sehr schnell zum wohl meist gebrauchten Schlagwort entwickelt und ist auch bei Mommsen titelgebend.

So eng und genau der Verfasser aber auch das internationale Setting in den Blick nimmt, so ernst nimmt er aber auch die militärischen Operationen mit allen „Innovationen“ der Kriegstechnik, wenn auch unter scharfer Herausarbeitung militärischer Kalküle und Verantwortlichkeiten. Der Begriff der „mörderischen“ Materialschlachten schält bei aller Nüchternheit der Diktion doch die sprachlich nur sehr schwer zu fassenden neuen Dimensionen des Krieges, die zumal in einem 10seitigen Abriss über Kriegsalltag an der Front und in der Heimat die Dimensionen der letzten Jahre mit einbezieht. Ein Schlüsselkapitel, § 5, hat die deutsche Gesellschaft, die auch sonst am Rande einbezogen ist, zum Thema und erörtert neben der Kriegswirtschaft vor allem die Auswirkungen auf Sozialstruktur und soziale Gegensätze. Neu sind gegenüber früheren Veröffentlichungen (aber auch schon durch Sammelbände etc. durch Mommsen vorbereitet) die breiteren Ausführungen über die kulturellen Eliten, denen auch die beiden großen Kirchen eingefügt werden. Die Darstellung atmet insgesamt den Geist des juste milieus der deutschen Geschichtswissenschaft dieser Generation von Historikern. Der Band bricht relativ schroff mit dem Kriegsende im November 1918 ab, was wohl der Reihe der Gebhardt-Bände geschuldet sein dürfte.

Kontroversen sind – in dem Band eingangs benannt – insgesamt sehr stark einer ausgleichenden Sicht gewichen, die alte Grabenkämpfe der Geschichtswissenschaft weitgehend überwindet. Dennoch sind – wie schon beim oben vorgestellten Sammelband – neuere Fragestellungen von Alltag über Gender bis zur Kultur angesprochen. Sie zeugen von einer hohen Lernfähigkeit und Integrationskraft von Wolfgang Mommsen. Die Diktion ist klar und zumeist schnörkellos, bringt komplizierte Sachverhalte gut auf den Punkt, veranschaulicht, wo es nötig erschien. Dennoch kann man beim neuen „Gebhardt“, zumal angesichts der soliden und damit nicht ganz preiswerten Ausgestaltung an der Erreichbarkeit der Zielgruppe Studierende fragen.

Damit steht der geneigte Leser und somit auch Käufer vor einem Dilemma: das billigere Taschenbuch enthält breitere Perspektiven und weitere Themen als das Handbuch. Die Forschungsdiskussion ist aber naturgemäß samt Literatur besser im Handbuch erfasst und damit die Möglichkeit weiterer eigener Arbeit. Beide Bücher braucht ein wissenschaftlicher Normalverbraucher wohl nicht – aber vollständiger und abgewogener ist auch hier der „Gebhardt“, während die jüngste Aufsatzsammlung daneben auch zupackendere Aufsätze und Materialien enthält.

* Die Rezension wurde im Juli verfasst. Wolfgang J. Mommsen verstarb am 11. August 2004.

Zitation
Jost Dülffer: Rezension zu: : Der Erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters. Frankfurt am Main  2004 / : Die Urkatastrophe Deutschlands. Der erste Weltkrieg 1914-1918. Stuttgart  2002 , in: H-Soz-Kult, 18.08.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4818>.
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18.08.2004
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