A. Karsten (Hg.): Jagd nach dem roten Hut

Cover
Titel
Jagd nach dem roten Hut. Kardinalskarrieren im barocken Rom


Hrsg. v.
Karsten, Arne
Erschienen
Göttingen 2004: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
304 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Günther Wassilowsky, Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Das hier zu besprechende Buch könnte durchaus im Regal der Ratgeberliteratur stehen, wo es von einem klugen Buchhändler unter Titeln wie „Easy self-business“ oder „Einmaleins des modernen Karrieremanagement“ eingeordnet wurde. Dabei handelt der Band gar nicht von den Schremps, McKinseys oder Kerrys unserer Tage. Seine Helden gehörten stattdessen allesamt dem vornehmsten Gremium der heiligen römisch-katholischen Kirche an, waren erfolgreich bei ihrer „Jagd nach dem roten Hut“, sind einmal im Zeitraum zwischen 1500 und 1800 von Päpsten zu Kardinälen kreiert worden. Durch die Art und Weise jedoch, wie in diesem Sammelband ein gutes Dutzend purpurrote Kurienkarrieren aus dem Zeitalter des Barock nachgezeichnet werden, treten soziale Muster und Gesetzmäßigkeiten, persönliche ‚hard‘ und ‚soft skills‘ zutage, von denen man einige für verblüffend aktuell halten mag – Faktoren und Fähigkeiten, die auch heute noch nach oben befördern, und dies längst nicht nur auf Kirchentreppen. Ein solcher Befund könnte im allzu seriösen Geschichtswissenschaftler den Verdacht schüren, hier handle es sich um triviale Rückprojektionen einer viel späteren Zeit in doch so ganz andere geschichtliche Epochen hinein. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Denn die Wahrnehmung historischer Alterität wird in der Einführung des Herausgebers als geradezu konstitutiv für das angewandte historiographische Konzept erklärt: Ihr hohes Credo der Unterhaltsamkeit („Wir wollen den Leser über das Leben in der Vergangenheit informieren und ihm dabei die Beschäftigung mit dieser Vergangenheit so leicht, so angenehm, so unterhaltsam wie möglich machen“, S. 7) können die Autoren erklärtermaßen nämlich nur dann erfüllen, wenn sie das „Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ (S. 8) wirklich herausarbeiten, also die historisch fernen Wertesysteme, Etiketten und Rahmenbedingungen aus ihrer Zeit heraus zu verstehen suchen und in ihrer ganzen Gegenwartsdifferenz auch deutlich machen. Dass am Ende dem heutigen Leser dann doch so vieles bekannt und karrieretechnisch immer noch brauchbar erscheint, spricht nicht allein – aber auch – für katholisch-konfessionskulturelle Genialität im Umgang mit anthropologischen Konstanten. Jedenfalls mag das durchweg herzerfrischend geschriebene Buch aufgrund einer solchen Aktualität seinen Weg nicht nur auf die Schreibtische der gelangweilten Zunft, sondern auch auf die Nachttische der schlaflosen Aufsteiger von heute finden!

Der Berliner Kunsthistoriker Arne Karsten hat als Herausgeber der fünfzehn „historischen Essays“ (S. 7) auf ein munteres Autorenvölklein zurückgreifen können, das in verschiedenen Konstellationen und Kontexten, mit Kollektiv- wie Einzelpublikationen die frühneuzeitliche Romforschung der letzten fünf Jahre ungemein belebt hat. [1] Ein produktives Feld dieses aktuellen wissenschaftlichen Rominteresses, aus dem auch die „Jagd nach dem roten Hut“ hervorging, ist das seit Frühjahr 2001 von der Fritz Thyssen Stiftung geförderte, am kunsthistorischen Seminar der Berliner Humboldt-Universität und am Seminar für Geschichte der Universität Freiburg (Schweiz) angesiedelte Forschungsprojekt „REQUIEM – Die römischen Papst- und Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit“. Sind ihre Protagonisten auch noch so unterschiedlich, so zeichnet alle Beiträge doch eine für Sammelbände äußerst seltene Konvergenz in Fragestellung und Methode aus. Dies hat offenkundig damit zu tun, dass auch diese Art Rom-Clan ihren Kardinal (oder schon Papst?) vorweisen kann. Bindung beruht in diesem Fall aber kaum auf Landsmannschaft oder klientelärer Schulabhängigkeit, sondern auf einer kollektiven (und mittlerweile vielfach empirisch erprobten) Überzeugung, dass sich mit dem von Wolfgang Reinhard entwickelten mikropolitischen Verflechtungsinstrumentarium gesicherte Einblicke in die Funktionsweise des frühneuzeitlichen päpstlichen Herrschaftssystems gewinnen lassen.

Interesse und Methode präjudizieren bei einem biographischen Sammelwerk naturgemäß auch die Auswahl der zu portraitierenden Kardinäle. Dem Herausgeber ist es allerdings durchaus bewusst, dass eine derartige (un-)gnädige Wahl einiger weniger aus der kreierten Masse freilich immer etwas höchst Streit- und Anfechtbares darstellt. Nachdem die kirchenhistorische Romhistoriographie der Ära Jedin-Alberigo-Ganzer sich gemäß des damaligen kirchlichen Gegenwartsinteresses reformerischen Lichtgestalten wie Girolamo Seripando, Carlo Borromeo oder Giovanni Morone zuwandte, präsentiert uns die sozialhistorische Romforschung nun die intriganten Dunkel- und leichten Lebemänner – und lieber noch: die aufschlussreichen Langeweiler. Zusammen mit den einsamen Spitzenleuten steigt also auch die breite Konvention wieder aus dem Kardinalsgrab. In Auswahl und Urteil spielen moralische Kriterien keine Rolle mehr. Pfründenjäger und Playboys werden jetzt aus zeitgenössischen Normen heraus verstanden und erfahren späte empathische Einfühlung bei den modernen Sozialhistorikern. Das Spektrum der profilierten Kardinäle reicht von Innocenzo del Monte, dem heiß geliebten Kardinalnepoten von Julius III., einem „Rotrock-Rowdy“ (S. 39), den man einmal der Queer History zur monographischen Aufarbeitung empfehlen sollte. Es geht über Fürstensöhne wie Ascanio Maria Sforza und Maurizio di Savoia, über Konvertiten wie Friedrich Landgraf von Hessen-Darmstadt, über Sozialaufsteiger wie Angelo Giori. Und es reicht bis zu gebildeten Überzeugungstätern wie dem Mailänder Erzbischof Federico Borromeo oder dem päpstlichen Super-Archivar Giuseppe Garampi. Erfinderische Theologenkardinäle wie Roberto Bellarmino kommen hingegen nicht zum Zug.

In der Summe entsteht schließlich das facettenreiche Bild einer frühneuzeitlichen Elitenkultur, in der im Vergleich zu anderen soziokulturellen Biotopen viele Prozesse durch das römische Spezifikum der zölibatären Wahlmonarchie zwar nicht exklusiv, aber sehr wohl in beschleunigter Form beobachtbar sind. Die dabei wirkenden Regeln und Verhaltenskodices werden nicht in einem gelehrten Vor- oder Nachspann expliziert, sondern treten jeweils bei der Beschäftigung mit dem konkreten biographischen Material hervor: sei es die „A-B-A-Regel“ (S. 135), nach welcher der Klient des einen Papstes erst wieder vom übernächsten Papst Gunst zu erwarten hat; sei es die „Parvenü-Regel“, nach welcher die Aufsteiger gut daran tun, ihre Herkunftsdefizite durch Leistung und Übererfüllung der herrschenden Etikette zu kompensieren (S. 175); sei es die „dissimulatio-Regel“, nach der man der Kunst des Heuchelns so lange wie irgend möglich frönen soll (S. 96).

Fünfzehn purpurfarbene Kardinalskarrieren, in denen die Autoren mit Verflechtung unglaublich viel, aber doch nicht alles erklärt haben. In den nachgezeichneten Erfolgsgeschichten wird ein ganzes Bündel von Karrierefaktoren präsent, das offensichtlich in diesem hochkompetitiven System des frühneuzeitlichen Roms zur Wirkung gekommen ist. Ob dann aber die existentielle Relevanz der Religion in den Akteuren gar so gering zu veranschlagen ist, wie dies sozialhistorisches Erkenntnisinteresse oft mit sich bringt? Als Reaktion auf den theologischen Reduktionismus der kirchenhistorischen Romforschung alter Schule mag die neue Religionsabstinenz verständlich sein. Und freilich waren kuriale Karrieren „im Rom der Frühen Neuzeit in aller Regel nicht religiös motiviert“ (S. 246). Doch sollte man nicht ausschließen, dass sich in der Elitenkultur gerade eines „heiligen Hofes“ religionsgeprägte kognitive Muster, implizite Theologien in spezifischen Rechtfertigungsstrategien und genuin religiöse Motive transparent machen lassen. Und zwar auch bei den scheinbar so religionslosen kardinalizischen Heerführern und Heiratsvermittlern. Ein blinder Fleck, der – dies dürfte deutlich geworden sein –Lektürevergnügen und Erkenntnisgewinn jedoch keineswegs zu trüben vermag.

Anmerkung:
[1] Neben den Beiträgen des Herausgebers enthält der Band Essays von Carolin Behrmann, Daniel Büchel, Birgit Emich, Ulrich Köchli, Guido Metzler, Tobias Mörschel, Volker Reinhardt, Hillard von Thiessen, Philipp Zitzlsperger und Julia Zunckel. Allein in diesem und im vergangenen Jahr sind folgende Sammelbände erschienen: Daniel Büchel / Volker Reinhardt (Hg.), Modell Rom? Der Kirchenstaat und Italien in der Frühen Neuzeit, Köln 2003; Arne Karsten / Philipp Zitzlsperger (Hg.), Tod und Verklärung. Grabmalskultur in der Frühen Neuzeit, Köln 2004; Horst Bredekamp / Volker Reinhardt (Hg.), Totenkult und Wille zur Macht. Die unruhigen Ruhestätten der Päpste in St. Peter, Darmstadt 2004.

Zitation
Günther Wassilowsky: Rezension zu: Karsten, Arne (Hrsg.): Jagd nach dem roten Hut. Kardinalskarrieren im barocken Rom. Göttingen  2004 , in: H-Soz-Kult, 28.09.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4939>.
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Veröffentlicht am
28.09.2004
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