W. Hartmann (Hg.): Ludwig der Deutsche und seine Zeit

Cover
Titel
Ludwig der Deutsche und seine Zeit.


Autor(en)
Hartmann, Wilfried
Erschienen
Umfang
264 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Esmyol, Bremen

Im Oktober 2002 beschäftigte sich eine Tagung in Lorsch, dem Ort der Grablege Ludwigs des Deutschen, mit Zeit und Person des ostfränkischen Königs (ca. 806–876). Anlass bot eine Reihe von Neuveröffentlichungen, insbesondere eine Biografie Ludwigs des Deutschen von Wilfried Hartmann[1], unter dessen Herausgeberschaft nun der Tagungsband mit elf Beiträgen erschienen ist.

Wilfried Hartmann (Ludwig der Deutsche – Portrait eines wenig bekannten Königs, S. 1-26) erkennt in der Herrscherpanegyrik individuelle Züge des ostfränkischen Königs. Anhand historiografischer Quellen kommt Hartmann zu Aussagen über Jugend, Erscheinungsbild, Charakter und Herrscherqualitäten Ludwigs. Er bescheinigt ihm, durchaus in Übereinstimmung mit dem üblichen Herrscherlob, Frömmigkeit, literarische Bildung, erfolgreiche Kriegsführung und Unbestechlichkeit. Hervorzuheben ist Ludwigs großes Interesse an weltlichen und kirchlichen Wissenschaften. Als rex litteratus pflegte er den geistigen Austausch mit hervorragenden Gelehrten seiner Zeit (Hrabanus Maurus, Regino von Prüm), förderte die volkssprachige Dichtung und versuchte sich vermutlich persönlich als Literat.

Thomas Zotz (Ludwig der Deutsche und seine Pfalzen. Königliche Herrschaftspraxis in der Formierungsphase des Ostfränkischen Reiches, S. 27-46) bezeichnet das Jahr 853 als „pfalzengeschichtliches Zäsurjahr“ (S. 34) hinsichtlich der Nutzung der urkundlich als palatium bezeugten Aufenthaltsorte Ludwigs Aachen, Altötting, Frankfurt, Heilbronn, Ingelheim, Osterhofen, Ranshofen, Regensburg, Trebur und Ulm. Von diesen besuchte er bei weitem am häufigsten Regensburg und Frankfurt, denen Zotz Residenzcharakter zuspricht (S. 28). Wurde Regensburg vor 852 – in der Aufbauphase des ostfränkischen Reichs nach 843 – insbesondere für die Verhandlung bairischer, schwäbischer und slawischer Angelegenheiten genutzt, stand Frankfurt als Aufenthaltsort und Austragungsstätte bedeutender Reichsversammlungen an erster Stelle und war als das „ostfränkische Pendant zum Pfalzort Aachen“ (S. 30) von gesamtfränkischer Bedeutung.

Ausgehend von zwei Briefen, in denen Papst Johannes VIII. Ludwig den Deutschen auch 876 noch Hludovicus rex Baioariae nannte, fragt Roman Deutinger nach der Bedeutung von Land und Volk Bayerns für Ludwig nach der Reichsteilung von Verdun 843 (Hludovicus rex Baioariae. Zur Rolle Bayerns in der Politik Ludwigs des Deutschen, S. 47-66). Bereits kurz nach 843 kann Bayern nicht mehr als „Basislandschaft“ (S. 60) des Ostfränkischen Reichs bezeichnet werden, nach 870 ist es Deutinger zufolge geradezu „reichsfern“. Zunehmend verlegt Ludwig der Deutsche seinen Aufenthalt nach Westen, Aachen löst Regensburg als zweitwichtigste Residenz (nach Frankfurt) ab. Kernland des Ostfrankenreichs war aufgrund seiner zentralen Lage das Rhein-Main-Gebiet zwischen Frankfurt, Mainz und Worms. Mit Baioaria bezeichneten die Italiener (und der Papst) schlicht pars pro toto das gesamte Ostfrankenreich, analog zur Bezeichnung Allemagne für ganz Deutschland.

Eric J. Goldberg (Ludwig der Deutsche und Mähren. Eine Studie zu karolingischen Grenzkriegen im Osten, S. 67-94) stellt für den ewigen Kampf Ludwigs gegen die Mähren das „Grenzüberfallmodell“ (S. 68) als Kriegsstrategie in Frage. Anstatt schnell ausgeführter Überfälle des ostfränkischen Heers auf das mährische Grenzgebiet müsse vielmehr von einer Belagerungsstrategie ausgegangen werden, mittels derer Ludwig die (archäologisch bestätigten) zahlreichen großen Befestigungsanlagen der mährischen Fürsten zu überwinden versuchte. Ziel seiner Feldzüge, die eine ausgeklügelte militärische Infrastruktur und Logistik erforderte, war die Sicherung einer Tributherrschaft über die Mähren nach karolingischer Tradition. Die komplexen Militärstrategien zeigen die Bedeutung der militärischen Führungskraft des Königs, die sich in der zeitgenössischen Historiografie wiederfindet.

Nicholas Brousseau (Die Urkunden Ludwigs des Deutschen und Karls des Kahlen – ein Vergleich, S. 95-119), erkennt Unterschiede in der Entwicklung der Urkunden Ludwigs des Deutschen und Karls des Kahlen nach 858. Vermutlich wich Ludwig der Deutsche hier durchaus bewusst von kaiserlichen Traditionen ab, um sich vom Westfrankenreich zu differenzieren. Die unterschiedliche Überlieferungslage (Karl der Kahle: 428 echte Urkunden, davon 111 Originale; Ludwig der Deutsche: 171 echte Diplome, davon 92 Originale) führte im 19. Jahrhundert zu einer unterschiedlichen Entwicklung der diplomatischen Methode in Frankreich und Deutschland (Theodor Sickel und Paul Kehr einerseits, Arthur Giry und Georges Tessier andererseits). Die zunehmenden Unterschiedlichkeiten zwischen dem Ostfränkischen und dem Westfränkischen Reich im Laufe des 10. und 11. Jahrhunderts spiegelte sich in den Diplomen.

Die Mainzer Synode von 847 bezeichnet Boris Bigott (Die Versöhnung von 847. Ludwig der Deutsche und die Reichskirche, S. 121-140) als „bedeutende[n] Schritt in der Formierung des Ostfränkischen Reichs“ (S. 140). Kaiser Ludwig der Fromme behielt zu Lebzeiten die Prärogative in der Besetzungspolitik für die bedeutendsten Abt- und Bischofsämter auch in Ostfranken. Dies veranlasste Ludwig den Deutschen nach dem Tod seines Vaters 840 zu Umbesetzungen mit eigenen Anhängern, um einen Ausgleich in den Spannungen zwischen König und Klerus anzustreben. Nur so konnten diese ihren gemeinsamen Auftrag erfüllen, heterogene Reichsteile und Bevölkerungen zusammen zu halten.

Ernst Tremp (Ludwig der Deutsche und das Kloster St. Gallen, S. 141-160) beleuchtet die Bedeutung des Klosters St. Gallen während der Regierungszeit Ludwigs des Deutschen, in der das Kloster unter der „dominierenden Abtsgestalt“ (S. 158) Grimald aufblühte. Der Abt – gleichzeitig Erzkapellan – half dem König, nach der Lösung der Abtei aus der Abhängigkeit des Konstanzer Bischofs Alemannien in das Ostfrankenreich einzubinden.

Mit überlieferungsgeschichtlichen Problemen der Bücherverzeichnisse aus der Blütezeit des St. Galler Skriptoriums 841-883 befasst sich Hannes Steiner (Buchproduktion und Bibliothekszuwachs im Kloster St. Gallen unter den Äbten Grimald und Hartmut, S. 161-183). Ein kleinerer Teil der Schriften aus der Grimald-Zeit lag dem Verfasser des Breviarum librorum vor, einige andere, die bis 880 das Skriptorium noch nicht verlassen hatten, jedoch nicht. Steiner datiert daher (mit Paul Lehmann) das Breviarum librorum auf ca. 850-880.

Astrid Krüger (Sancti Nazari ora pro nobis – Ludwig der Deutsche und der Lorscher Rotulus, S. 184-202) deutet die einzige überlieferte liturgische Rollenhandschrift aus karolingischer Zeit nördlich der Alpen als eigens für die Hofbibliothek Ludwigs des Deutschen angefertigte Hof-Litanei. Dies belegt sie u.a. anhand der dort aufgeführten umfangreichen und ungewöhnlichen Heiligenliste mit 534 Namen, die sich an Listen des römischen Messkanons orientiert, zudem anhand der ausdrücklichen Fürbitten für Ludwig den Deutschen, seine Ehefrau Hemma und ihre Nachkommen.

Wolfgang Haubrichs (Ludwig der Deutsche und die volkssprachige Literatur; S. 203-232) und Chiara Staiti (Das Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg und Ludwig der Deutsche, S. 233-254) untersuchen die volkssprachige Literatur zur Regierungszeit Ludwigs des Deutschen. Haubrichs widmet sich der mehr oder weniger sicheren Entstehungszeit volkssprachiger Texte des 9. Jahrhunderts, insbesondere der beiden bedeutenden Schöpfungen Heliand und Liber evangeliorum des Otfrid von Weißenburg. Letzteres Werk datiert Staiti zwischen 863 und 871. Otfrids Widmungstext an Ludwig den Frommen, ein „in höchst kunstvoller Form [...] stark stilisiertes Herrscherbild“ (S. 238), stellt König und Evangelienbuch „nebeneinander [in das] Zentrum der kommunikativen Aufmerksamkeit“ (S. 254).

Ein ganz besonderes Verdienst dieses Tagungsbandes mit durchweg hochwertigen Beiträgen liegt darin, jüngere Historiker zu Wort kommen zu lassen, deren Dissertation teilweise erst vor kurzem abgeschlossen wurde (Goldberg, Bigott), bzw. noch nicht erschienen ist (Brousseau, Krüger). Ein Register erleichtert den gezielten Zugriff auf Personen und Orte. Acht Abbildungen veranschaulichen die entsprechenden Ausführungen.

Anmerkung:
[1] Hartmann, Wilfried, Ludwig der Deutsche, Darmstadt 2002.

Zitation
Andrea Esmyol: Rezension zu: Hartmann, Wilfried: Ludwig der Deutsche und seine Zeit. Darmstadt 2004 , in: H-Soz-Kult, 10.12.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4984>.
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10.12.2004
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