Titel
Der Herr des Feuers. Friedrich Hielscher und sein Kreis zwischen Heidentum, neuem Nationalismus und Widerstand gegen den Nationalsozialismus


Autor(en)
Schmidt, Ina
Erschienen
Köln 2004: SH-Verlag
Umfang
335 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Berthold Petzinna, Berlin

Über herausragende Gestalten der rechtsintellektuellen Szene der Weimarer Republik sind bereits verschiedene Arbeiten entstanden. Ihre Biografen haben Oswald Spengler, Ernst Niekisch, Ernst v. Salomon, Friedrich Wilhelm Heinz und natürlich auch Ernst Jünger gefunden. [1] Dass Friedrich Hielscher erst jetzt eine Lebensbeschreibung gewidmet wurde, ist eigentlich erstaunlich.

Dazu mag beigetragen haben, dass Hielscher als besonders bizarre Persönlichkeit erschien; ein Eindruck, den er durch seine Selbstinszenierung bereits bei Zeitgenossen erweckte und durch seine recht frei gehaltene Autobiografie – er bestand auf dem schon ungebräuchlichen Frakturdruck – noch verstärkte. [2] Vollends in mythischen Qualm gerückt wurde Hielschers Profil durch die phantasiereiche Schrift zweier französischer Autoren, die ihm die Rolle des großen Dirigenten in den Kulissen der SS andichteten. [3] Das deutlich reservierte Urteil, das Michael H. Kater in seiner großen Studie zum „Ahnenerbe“ der SS über Hielschers Wirken während des „Dritten Reiches“ fällte, tat wohl das ihrige dazu, dass das Thema „Friedrich Hielscher“ zunächst in den Hintergrund trat. [4]

Mit dem Buch von Ina Schmidt, hervorgegangen aus einer Dissertation bei Stefan Breuer, ist nun diese Lücke gefüllt. Die Verfasserin stützt sich in erster Linie auf die Nachlässe Hielschers und der Angehörigen der von ihm gebildeten „Kreise“. Hinzu tritt als zweiter großer Quellenbestand das umfangreiche publizierte Schrifttum Hielschers, seiner Gefolgsleute und nahe stehender oder konkurrierender Autoren. Insbesondere die akribische Auswertung von Hielschers verstreuten Publikationen, die oft in heute nur schwer zugänglichen Periodika der 1920er und 1930er-Jahre ausgegraben werden mussten, erweisen sich als wertvoll für den Nachvollzug seiner Entwicklung und die Nuancierung seiner politischen und weltanschaulichen Positionen.

Im methodischen Zugriff setzt sich die Autorin von dem durch Armin Mohler in die wissenschaftliche Debatte eingeführten Begriff der „Konservativen Revolution“ und Mohlers Binnendifferenzierungen hierzu ab. Gerade die Ablehnung einer Schematisierung, um so die Fortentwicklung der Positionen einzelner Autoren oder Gruppen zwanglos verfolgen zu können, leuchtet im Verlauf der Darstellung zunehmend ein, ist doch im Kreis um Friedrich Hielscher eine deutliche Akzentverschiebung in der Ideologie und eine gravierende Umorientierung in den politischen Zielvorstellungen und Wertungen zu beobachten. Mitlaufend richtet Schmidt ein Augenmerk immer wieder auf die Organisation der Geschlechterverhältnisse in Hielschers Bannkreis, ein Gesichtspunkt, der durch die unübliche Einbindung bisexueller Praktiken in das Gruppenleben von besonderem Belang ist.

Die Verfasserin erliegt nicht der nahe liegenden Versuchung, ihre Darstellung zu stark auf den Protagonisten zu fokussieren, so dass über eine bloße Einzelbiografie Hielschers hinaus ein Gruppenportrait entsteht. Biografische Skizzen der zentralen Kreismitglieder und Bezugspersonen, oft zu ausführlicheren Kurzbiografien ausgebaut, erweitern den engeren Gegenstand der Analyse zu einer Milieustudie.

Hielscher, Jahrgang 1902, entstammte einer national orientierten Kaufmannsfamilie und wuchs in Schlesien auf. Den Kontakt zur rechtsintellektuellen Szene vermittelte August Winnig, der als Rechtsabweichler von der SPD den Kapp-Putsch unterstützte. Der Kenntnisstand über die Interna der rechtsintellektuellen Publizistik und Gruppenbildung wird durch Schmidt um manche Facette ergänzt. Der Charismatiker Hielscher entfaltete mit seinem religiös fundierten Ideenkonglomerat aus Heidentum, Nationalbolschewismus und eigenwillig verdrehter, eschatologisch aufgeladener Reichsmythologie offenbar recht bald beträchtlichen Einfluss im entsprechend disponierten Milieu von Autoren wie Ernst v. Salomon, Friedrich Wilhelm Heinz, Franz Schauwecker und Ernst Jünger.

Die Autorin weist nach, dass die Jüngers weitere schriftstellerische Entwicklung fort von der Thematik des Ersten Weltkriegs und der politischen Publizistik prägenden Jahre um 1930 deutlich den Einfluss von Gedankengängen Hielschers zeigen, der auch später in Jüngers Tagebüchern präsent blieb. [5]

Diese erste Phase der politischen und literarischen Wirksamkeit Hielschers, gipfelnd in dem Erscheinen seines bekenntnishaften Programmwerks „Das Reich“ 1931, war öffentlich wahrnehmbar und fand auch außerhalb der engen rechtsintellektuellen Szene Resonanz. Zu Hielschers Bekanntenkreis gehörten u.a. Martin Buber sowie die kommunistischen Nachwuchsintellektuellen Karl August Wittfogel und Alfred Kantorowicz. Die Analyse bietet hier einen panoramatischen Überblick über die turbulente Szene der republikfeindlichen Berliner Intellektuellen der letzten Weimarer Jahre und bestimmt Hielschers Position in diesem Feld. Ein Namenregister, mit dessen Hilfe sich dieses Netzwerk personenorientiert erschließen ließe, fehlt leider.

Mit dem Jahr 1933 änderte sich dieses Bild. Hielscher ließ seine Zeitschrift „Das Reich“, die ihm neben seinen Vortragsreisen zu studentischem und bündischem Publikum auch als weiteres Instrument der Werbung von Gefolgsleuten gedient hatte, einschlafen und verlegte sich auf die klandestine Arbeit.

Hiermit nähert sich die Autorin dem umstrittensten Teil von Hielschers Wirksamkeit: seiner Rolle im Rahmen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Es kann mit dieser Untersuchung als erwiesen gelten, dass eine planvolle und aktive Widerstandstätigkeit Hielschers und seines zweiten, vornehmlich aus den Reihen der bündisch orientierten Studentenschaft rekrutierten Kreises existiert hat. Hielschers religiöses Sinnangebot – dessen Charakterisierung durch Schmidt als „pantheistisch“ er widersprochen haben würde – , seine dem bündischen Modell folgende politische Vision, ein korrespondierender prophetischer Gestus sowie der elitäre Zuschnitt seines Kreises entsprachen genau dem Suchverhalten seiner Zielgruppe und begründeten ein hohes Maß an Zusammenhalt. Anfänglich pro-nationalsozialistisches Engagement zahlreicher Mitglieder dieses Kreises im Sinne einer „linken“ Lesart des Nationalsozialismus und auch Hielschers Affinität zu einzelnen NS-Zielen – sein flüchtiger Bekannter Ernst Bloch nannte ihn zeitgenössisch einen „Halb- und Edelnazi“ [6] – fallen nicht aus dem Rahmen bürgerlicher Widerstandskarrieren. Der Hielscher-Kreis war kraft seiner religiösen Bindung imstande, jene „Gegenutopie“ zu bieten, die – einer Bemerkung Hans Mommsens zufolge – als alternativer Gesellschaftsentwurf das psychologische Unterpfand einer konsequent widerständigen Position darstellte. [7]

Detailliert schildert Schmidt die Strategie der Gruppe, ihre Aktivitäten und Verbindungen, die auch ins Ausland reichten, wie z.B. in der Kooperation mit bretonischen Separatisten, mit Fritz Dietlof Graf v. d. Schulenburg und Adolf Reichwein. Hier zeigt sich ein weiteres Mal, wie verbindend in der jüngeren Generation des bürgerlichen bzw. adligen Widerstandes der gemeinsame Hintergrund einer wie auch immer vagen bündischen Vorstellungswelt war.

Als aufgeklärt kann nunmehr auch die umstrittene Rolle des Wolfram Sievers gelten. Sievers hatte als Geschäftsführer des „Ahnenerbes“ durch den Auftrag Himmlers in der zweiten Kriegshälfte auch die medizinischen Menschenversuche an KZ-Häftlingen in seinem Verantwortungsbereich. Auf Initiative Hielschers hin blieb Sievers trotz dieser unvorhergesehenen Entwicklung weiter in seinem Amt im Sinne der Gruppe tätig. Doch trug ihm das Verharren im Amt im so genanten „Ärzteprozess“ in Nürnberg das Todesurteil ein, das auch vollstreckt wurde. Hielschers Taktik, Kreismitglieder für den Tag eines möglichen Umsturzes in Einflusspositionen des Systems vorzuschieben, führte auch den Historiker Otto Ernst Schüddekopf ins Reichssicherheitshauptamt. Sein Fall ging glimpflicher aus.

Licht fällt durch die Arbeit Schmidts auch auf die Interna des Potsdamer Infanterieregiments 9, bekanntlich eine Hochburg des militärischen Widerstandes, und auf das Attentat vom 20. Juli 1944. Durch Oberleutnant Paul Widany war der Hielscher-Kreis direkt in die Umsturzbestrebungen vom Sommer 1944 eingebunden.

Nachdem politische Ambitionen zerstoben waren, schrumpfte der Kreis nach 1945 zunächst auf eine primär religiös motivierte Kerngruppe. Einer ersten Abspaltung 1970 folgte in den 1980er-Jahren die Abwendung der verbliebenen Anhängerschaft. Hielscher lebte nunmehr allein mit seiner Frau auf einem abgelegenen Einödhof im Schwarzwald, den das Paar seit 1964 bewohnte. Er starb am 6. März 1990.

Im Hielscher–Kreis bündelten sich gleichsam Motive und Reaktionsmuster, die zum Inventar dessen gehören, was – unscharf genug – als „Moderne“ gilt. Mag auch die an Stefan George erinnernde Form der Kreisbildung um Hielscher gegenwärtig aus der Mode sein, so sind doch die Einblicke in Wunschpotenziale, die durch die lebensgeschichtlichen Darstellungen zu einzelnen Kreismitgliedern eröffnet werden, oft beklemmend aktuell. Insofern liegt hier ein Dokument zu einer Art deutscher Befindlichkeiten vor, die nicht vorschnell als „überwunden“ erklärt werden sollte.

Anmerkungen:
[1] Siehe zu diesen u.a. Felken, Detlef, Oswald Spengler. Konservativer Denker zwischen Kaiserreich und Diktatur, München 1988; Rätsch-Langejürgen, Birgit, Das Prinzip Widerstand. Leben und Wirken von Ernst Niekisch, Bonn 1997; Klein, Markus Josef, Ernst von Salomon. Eine politische Biographie, Limburg an der Lahn 1994; Meinl, Susanne, Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz, Berlin 2000; Noack, Paul, Ernst Jünger. Eine Biographie, Berlin 1998.
[2] Hielscher, Friedrich, Fünfzig Jahre unter Deutschen, Hamburg 1954.
[3] Vgl. Pauwels, Louis; Bergier, Jacques, Aufbruch ins Dritte Jahrtausend, Bern 1962.
[4] Kater, Michael H., Das „Ahnenerbe“ der SS 1935 – 1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, München 2001.
[5] Vgl. z.B. Jünger, Ernst, Siebzig verweht V, Stuttgart 1997, S. 11, 143; auch Jünger, Ernst, Sämtliche Werke. Werkausgabe in 22 Bänden, komplett. Band 17: Eumeswil. Erzählende Schriften III, Stuttgart 1980, S. 317.
[6] Vgl. Bloch, Ernst, Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt am Main 1981, S. 147. Bloch nahm auch nach 1945 noch Interesse an Hielschers Ergehen, was bei dem Autor des „Prinzips Hoffnung“ nicht verwundert.
[7] Vgl. Mommsen, Hans, Der Widerstand gegen Hitler und die deutsche Gesellschaft, in: Schmädeke, Jürgen; Steinbach, Peter (Hgg.), Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler (Publikationen der Historischen Kommission zu Berlin), München 1986, S. 8.

Zitation
Berthold Petzinna: Rezension zu: : Der Herr des Feuers. Friedrich Hielscher und sein Kreis zwischen Heidentum, neuem Nationalismus und Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Köln  2004 , in: H-Soz-Kult, 29.07.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5090>.
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29.07.2004
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