P. Alheit u.a.: Die zögernde Ankunft im Westen

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Titel
Die zögernde Ankunft im Westen. Biographien und Mentalitäten in Ostdeutschland


Autor(en)
Alheit, Peter; Bast-Haider, Kerstin; Drauschke, Petra; Bast- Haider, Kerstin
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Campus Verlag
Umfang
349 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Leonhard, Berlin

Bei dem vorliegenden Buch handelt es um die deutsche Teilveröffentlichung eines deutsch-polnisch-tschechischen Forschungsprojektes über Mentalitätsentwicklungen in einer Grenzregion. Peter Alheit, Kerstin Bast-Heider und Petra Drauschke geht es darum zu zeigen, dass die ostdeutsche Gesellschaft „eine strukturell ‚modernisierungsresistente’, eine ‚verspätete Gesellschaft’ ist“ (S. 7). Sie glauben, den Schlüssel für die politischen und sozialen Probleme in den neuen Ländern (z.B. Rechtsextremismus) gefunden zu haben: Ursache hierfür sei eine spezifisch ostdeutsche „Mentalitätskonfiguration“, „die viele Elemente einer spezifisch ‚deutschen’ Figuration der vergangenen beiden Jahrhunderte fortschreibt“ (S. 339). Alheit et al. verstehen darunter ein „Zivilitätsdefizit, das die Entfaltung gesellschaftlicher Ressourcen behindert, sich in allen Milieus und Schichten den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Herausforderungen zu stellen“ (S. 42). Dieses Defizit wird auf eine „‚quasi-feudale’ Formierung des sozialen Raumes“ (S. 321) zurückgeführt, die nicht nur die DDR gekennzeichnet habe, sondern weiterhin in den neuen Ländern fortwirke. Leider (oder vielleicht: zum Glück?) muss man nach der Lektüre des Buches sagen, dass Alheit et al. den Beweis für diese schwerwiegende These schuldig bleiben. Die vier Kapitel plus Einführung wirken zudem disparat und unterscheiden sich in Stil und Form deutlich voneinander. Nicht zuletzt aus diesem Grund wirkt das Buch wenig überzeugend.

Das beginnt mit den Begriffen: In der Einleitung werden mit Verweis auf die Arbeiten von Norbert Elias und Pierre Bourdieu eine Reihe von Begrifflichkeiten wie „Mentalität“ und „Mentalitätsraum“, „Milieu“ und „Milieumentalitäten“ sowie das Konzept der „intergenerationalen Konfigurationen“ eingeführt. Während Letzteres auf die Entwicklung der „Formalitäts-Informalitäts-Spanne“ abhebt, welche den Modernisierungsgrad einer Gesellschaft bestimmt, verwenden Alheit et al. zur Differenzierung zwischen verschiedenen „Gruppen- oder ‚Submentalitäten’“ innerhalb eines Mentalitätsraumes – hier: dem ostdeutschen – die Milieukategorie (S. 15); Milieu und Mentalität werden also weitgehend als Synonyme gebraucht.[1] Wie die objektiven sozialen Lagen mit den subjektiven Wahrnehmungs- und Deutungsmustern unterschiedlicher sozialer Gruppen im Einzelnen zusammenhängen, und welche Rolle dabei bestimmte historische Prozesse spielen, die das Verhältnis von offiziellen und inoffiziellen Regeln beeinflussen, bleibt jedoch unklar. In Kapitel 1 wird nur ganz allgemein für die ostdeutsche Gesellschaft als Ganzes eine Kontinuität der „Untertanenmentalität“ vom 19. bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts nachgezeichnet. Auch in den Fallstudien, also bei der Auswertung des empirischen Materials (Kapitel 3), findet die Unterscheidung zwischen Mentalitätsraum und Milieumentalitäten seltsamerweise keine Verwendung; die eingangs eingeführte Differenzierung zwischen „politischem“ und „kulturellem Kapital“, zwischen der „technischen Intelligenz“, den „Funktionseliten“, der „Arbeiterklasse“, der „bürgerlichen Intelligenz“ und den „Selbständigen“ wird ebenfalls nirgends aufgegriffen.

Doch eine mangelnde innere Kohärenz zeigt sich nicht nur bei den Begriffen. Sieht man davon ab, dass nicht ganz ersichtlich ist, warum in Kapitel 2 die (fast 50 Seiten umfassende) sozioökonomische Beschreibung Eisenhüttenstadts als „Exkurs“ überschrieben ist, wenn diese Stadt als Untersuchungsgebiet doch bewusst als Kontrast zur Situation in der Oberlausitz gewählt wurde (S. 85), mag man sich generell fragen, ob eine so ausführliche Darstellung überhaupt nötig gewesen wäre. Der rote Faden war für die Rezensentin jedenfalls nur zum Teil zu erkennen: Warum ist es z.B. wichtig zu wissen, dass in Eisenhüttenstadt eine „bunte Jugendszene“ existiert, „die sich auf verschiedene Jugendclubs verteilt“ und es dort „interessante Projekte zur Musikkultur und der Auseinandersetzung mit rechten Jugendlichen zum Abbau von Aggressionen und Freizeitgestaltung“ gibt, aber „nach Meinung vieler Jugendlichen [...] in Eisenhüttenstadt nicht viel los [ist], will man eine Disco besuchen. Hier kennt jeder jeden, da erscheinen Frankfurt oder Berlin attraktiver“ (S. 131).

Die Frage nach dem Sinn dieses langen Kapitels stellt sich jedoch noch aus einem anderen Grund: Wozu braucht man ein insgesamt fast 100 Seiten langes sozioökonomisches Profil der Regionen, wenn bei der Auswertung in keiner Weise Bezug zu diesem Untersuchungsgebiet genommen wird? Kein Wunder, dass die AutorenInnen glauben, ihre Ergebnisse für ganz Ostdeutschland verallgemeinern zu können! Selbst die DDR als allgemeiner Rahmen wird in den Fallstudien quasi nur am Rande erwähnt. Bezeichnenderweise zeigt sich das besonders deutlich beim so genannten Ankerfall für den Typus der „Persistenz“, des laut Alheit et al. am häufigsten anzutreffenden Typus (S. 322f.): Die dort vorgestellte Familie gehört einer pietistisch ausgerichteten christlichen Gemeinde an, was das Leben der Familienmitglieder in allen Bereichen prägt. Aus eben diesem Grund ist die Lebensgeschichte der untersuchten Personen, wie Alheit et al. selbst anführen, aber gerade „viel weniger eine typische DDR-Geschichte [...] als vielmehr eine in besonderer Weise christliche Lebensgeschichte“ (S. 156). Natürlich lassen sich auch an untypischen Fällen typische Merkmale aufzeigen. Wenn es jedoch darum geht, besondere Modernisierungsresistenzen in Ostdeutschland aufzuzeigen, die auf die vierzigjährige DDR-Vergangenheit zurückzuführen sind, eignet sich ein solches Beispiel zur Illustration dieser These kaum, zumal auch in den anderen vorgestellten Fällen der spezifische Bezug zu den Lebensumständen – und somit zu den objektiven Faktoren – in der DDR und den neuen Ländern nicht herausgearbeitet wird.

Dies ist vor allem deshalb schade, da die generierte Typologie intergenerationeller Konstellationen, die den empirischen Kern des Buches ausmachen, für sich genommen durchaus überzeugt. Auf der Basis von 42 Interview-Tandems, die jeweils aus einem Großelternteil und einem Enkelkind bestehen, wurden Lebensläufe und berufliche Werdegänge der Befragten miteinander verglichen und anhand klar definierter Kriterien einem von drei Typen („Persistenz“, „Modernisierung“, „Bruch“) zugeordnet. Erscheinen sowohl die Interpretation der Interviews als auch die Typologie plausibel, da die Strukturmerkmale des jeweiligen Ankerfalls durch dokumentierende Textstellen aus anderen Interviews derselben Kategorie illustriert werden, lassen den Leser die Schlussfolgerungen im vierten Kapitel dagegen erneut ratlos zurück: Vom häufigen Auftreten des „Persistenz“-Typus wird auf die in Ostdeutschland vorherrschende intergenerationale Modernisierungsresistenz (S. 324) geschlossen, die sich in allen Milieus widerspiegele. Nun ist eine solche Verallgemeinerung qualitativer Ergebnisse m.E. höchst problematisch. Dazu kommt hier, dass der Bezug zu den Milieus überhaupt nicht nachzuvollziehen ist, da diese, wie bereits erwähnt, weder bei der Vorstellung des Samples noch im Rahmen der Falldarstellungen einbezogen werden. Ebenso wenig nachzuvollziehen ist die Interpretation der „‚Erblasten‘ subtil rechtsextremer und rassistischer Orientierungen“ (S. 333). So unerfreulich diese Erkenntnis auch sein mag: Die „distanzlos[e]“ Bezugnahme auf „Erlebnisse aus der Nazizeit wie auf liebenswerte Erinnerungen aus Kindheit und Jugend“ (S. 334) kennzeichnet leider nicht nur die Erzählungen ostdeutscher Angehörigen der Zeitzeugengeneration, sondern lässt sich mindestens ebenso bei westdeutschen Vertretern dieser Generation beobachten[2], auch wenn sich sonst die Kommunikation über die NS-Zeit in Ostdeutschland von der in Westdeutschland in mancherlei Hinsicht unterscheiden mag.[3] Rechtsextreme Entwicklungen in Ostdeutschland lassen sich so jedenfalls nicht schlüssig erklären.[4]

Vor diesem Hintergrund erscheint der Hinweis fast müßig, dass den Autoren die massenhafte Migration junger Ostdeutscher (nicht zuletzt aus strukturschwachen Gegenden wie der Oberlausitz) in westliche Bundesländer nur einen Nebensatz wert ist (S. 337). Nachdem die Habitusresistenz der Ostdeutschen nun schon mal belegt ist, braucht man solche Tatsachen, die man möglicherweise als Zeichen für eine wie auch immer geartete „Modernisierung“ interpretieren könnte, ja auch nicht weiter zu berücksichtigen.

Anmerkungen:
[1] Alheit et al. berufen sich an dieser Stelle u.a. auf die Studie von Michael Vester et al., Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt am Main 2001. Vester et al. (S. 244f.) halten demgegenüber allerdings an der analytischen Unterscheidung zwischen „Milieu“ und „Mentalität“ fest.
[2] Vgl. z.B. Welzer, Harald et al., „Opa war kein Nazi!“ Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengespräch, Frankfurt 2002; Leonhard, Nina, Politik- und Geschichtsbewusstsein im Wandel. Die politische Bedeutung der nationalsozialistischen Vergangenheit im Verlauf von drei Generationen, Münster 2002.
[3] Moller, Sabine, Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland, Tübingen 2003.
[4] Zu möglichen historischen Ursachen speziell der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland siehe die Beiträge in Behrends, Jan C. et al. (Hgg.), Fremde und Fremdsein in der DDR, Berlin 2003.

Zitation
Nina Leonhard: Rezension zu: : Die zögernde Ankunft im Westen. Biographien und Mentalitäten in Ostdeutschland. Frankfurt am Main  2004 , in: H-Soz-Kult, 10.12.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5161>.
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10.12.2004
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