Sammelrezension: Verlage im Nationalsozialismus

: Der Verlag Hitlers und der NSDAP. Die Franz Eher Nachfolger GmbH. Wien : Praesens  2004 ISBN 3-7069-0220-6, 167 S. € 28,00.

: Die blendenden Geschäfte des Matthias Lackas. Korruptionsermittlungen in der Verlagswelt des Dritten Reichs. München : Pierre Marteau  2004 ISBN 3-00-013343-7, 208 S. € 32,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Merziger, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Historische Publizistik, Freie Universität Berlin

Verlage im Nationalsozialismus zwischen Politik, Ökonomie und Öffentlichkeit

Eine moderne Verlagsgeschichte für die Zeit des Nationalsozialismus ist noch nicht geschrieben. Zumeist entstanden Verlagsgeschichten zu den jeweiligen Verlagsjubiläen. Diese konnten allzu oft den Charakter einer Festschrift nicht ablegen. Die Kapitel zum Nationalsozialismus konzentrierten sich darauf, möglicher Kritik am Verhalten der Verlage im Nationalsozialismus vorweg zu begegnen.[1] Einem extremen Beispiel einer solchermaßen beschönigenden Verlagsgeschichte[2] und der sich daran anschließenden Legenden verdankte das richtungweisende Großprojekt „Bertelsmann im Dritten Reich“ seine Existenz.[3] Es litt allerdings wiederum an den Beschränkungen des Auftrages - in der entgegengesetzten Richtung: Im Mittelpunkt standen die Verantwortlichkeit des Unternehmers und seine Affinitäten zum Nationalsozialismus. Der fehlende Einbezug von Vergleichspartnern wurde durchaus bemerkt, diese wurden aber nicht gesucht und konnten wohl im Rahmen des Auftrages nicht gesucht werden. Dieser Mangel schnitt alle weitergehenden Fragen zu der Rolle eines modernen Medienunternehmens in der Öffentlichkeit im Nationalsozialismus ab. Der Versuch zeigte jedoch, dass es auch jenseits einiger glücklicher Ausnahmen[4] möglich ist, aus Parallelüberlieferungen unterschiedlicher Art eine Verlagsgeschichte zu rekonstruieren. Methodisch arbeitete das Projekt heraus, dass die Geschichte eines Verlages der betriebswirtschaftlichen Perspektive nur so weit folgen sollte, als sie hilft, das Verhalten des Verlages als Akteur in der Öffentlichkeit zu erklären. Nicht zuletzt scheint es, als habe das Projekt einen Anstoß für weitere, hier zu behandelnde Veröffentlichungen gegeben, mit denen auch eine Einordnung des Einzelfalls Bertelsmann in die NS-Verlagslandschaft gelingen könnte.

Thomas Tavernaro untersucht mit der NSDAP eigenen Franz Eher Nachf. GmbH den Großverlag für Buch und Presse im Nationalsozialismus und damit den natürlichen Vergleichspartner jeder Verlagsgeschichte. Tavernaro ist in seiner Untersuchung unabhängig von einem Auftrag; er steht dabei aber vor dem gleichen Problem, dass ein Verlagsarchiv nicht mehr existiert. Seine langjährige Auseinandersetzung - bereits 1997 legte er eine Dissertation zu dem Thema „Eher Verlag“ vor [5] - lässt jedoch eine umfassende Quellenerschließung erwarten.

In der Geschichte der NSDAP vor 1933 spielt der Eher Verlag nicht nur als Multiplikator der Propaganda eine große Rolle, sondern auch als ökonomischer Faktor. Der Verlag soll beständig Gewinn abgeworfen und somit die Partei nicht unwesentlich finanzierte haben - Tavernaro wiederholt dies ohne Beleg. Zu beobachten ist zumindest, dass der Verlag offenbar finanziell von der Weltwirtschaftskrise relativ unberührt blieb, sich vielmehr aufwendige Projekte leistete, wie die Erweiterung des „Völkischen Beobachters“ um regionale Ausgaben Anfang der 1930er-Jahre. Die Diversifizierung des Geschäftes mag das gestützt haben: Neben der Tageszeitung bestanden vor 1933 eine Illustrierte (ab 1927) und eine satirische Zeitschrift (ab 1931) mit für Parteizeitungen hohen Auflagen. Ein breites Sortiment an Zeitschriften, Broschüren und Monografien unterstützt das Bild eines modernen Verlages, der auch vor den ersten Erfolgen der Partei wirtschaftlich erfolgreich geführt wurde. Hitlers „Mein Kampf“ trug zu diesem Erfolg erst ab 1932 in nennenswertem Maß bei. Dieses breite Verlagsprogramm stellt die These einer rein binnenkommunikativen Ausrichtung der gedruckten Propaganda vor 1933 in Frage.

Nach 1933 erhielt der Verlagsleiter Max Amman als Präsident der Reichspressekammer und Reichsleiter der Presse der NSDAP weitgehende Kompetenzen bei der Lenkung und Strukturierung des Pressewesens. Ein Teil der als jüdisch klassifizierten Verlage und der Verlage aus dem Besitz der SPD und KPD fielen an den Eher Verlag oder wurden über Tochtergesellschaften in den Eher Konzern eingegliedert. Aber auch die übrigen Buch- und Presseverlage waren Ziel der Expansion und Objekte der Zentralisierung. Amman entmachtete zuerst die Herausgeber von regionalen NSDAP-Presseprodukten, zumeist die Gauleiter, und gliederte die Produkte mit Hilfe einer Tochtergesellschaft in den Eher Konzern ein. Durch die in der Folge erlassenen so genannten „Amman-Anordnungen“ wurde der mögliche Personenkreis der Herausgeber eingeschränkt, Kartellbildung ausgeschlossen, die Höchstzahl der Presseprodukte an einem Ort festgelegt und der so genannten „Skandalpresse“ das Erscheinen erschwert. Unklar bleibt in der Darstellung Tavernaros, ob die von da an in Tochtergesellschaften eingegliederten Verlage regelrechten „Raubzügen aus den Jahren 1935 und 1938 zum Opfer fielen“ (S. 74) oder ob es sich dabei um Käufe handelt, die zwar unter Druck, letztlich aber ohne Enteignung, formal legal und zu den Umständen entsprechenden Preisen stattfanden. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war der Eher Konzern ein europäischer Großverlag, der in Deutschland einer der großen Buchverlage war und der aufgrund der Aufkäufe und der Schließungswellen im Zug der Papierkontingentierung 82,5 Prozent der Auflage der Presse von 1944 kontrollierte. Dieser weit gestreute ökonomische Einfluss des Verlages ging nicht mit der Kontrolle der Produkte durch den Verlag einher. Die Parteiamtliche Prüfungskommission, die Amman als ein ihm unterstehendes Zentrallektorat für den Eher Verlag erdachte, verselbständigte sich; gleichzeitig scheint der Eher Verlag nur einen einzigen Lektor besessen zu haben.

Mit dem Eher Verlag wäre der ideale Vergleichspartner für den Bertelsmann Verlag gegeben, da sich deren Geschäfte zumindest im Buchmarkt des Zweiten Weltkrieg in ähnlicher Größendimension bewegten. Da Tavernaros 30-seitiges Literaturverzeichnis - eine bunte Sammlung zum großen Teil im Text nicht verwandter Werke - bereits 1999 abbricht, taucht das Bertelsmann-Projekt nicht als Bezugspunkt auf. Es überrascht um so mehr, dass - neben der auch vor 1999 vernachlässigten Buchhandelsgeschichte - Darstellungen, die eng mit dem Thema zusammenhängen [6], und publizierte Quellen [7] nicht wahrgenommen werden. Die im Text genannten Studien zur Pressegeschichte erkennt Tavernaro in ihrer Leistung weitgehend an. Besonders verpflichtet sieht er sich der Arbeit von Hale [8], die auch weiterhin das Standardwerk zum Eher Verlag bleiben wird, und den Arbeiten von Abel und Hagemann [9], die allesamt bis 1970 erschienen. Er übernimmt implizit und unbemerkt deren Blickwinkel, der die propagandistische Selbstbeschreibung des Nationalsozialismus, eine total kontrolliere Öffentlichkeit geschaffen zu haben, als Realität annimmt und dementsprechend Institutionen und deren Struktur in den Mittelpunkt stellte. Explizit will er jedoch keinen der Zusammenhänge aufnehmen, in denen eine Verlagsgeschichte Bedeutung für die Forschung haben könnte, um das „allgemeine Verständnis“ nicht durch eine Frage zu behindern (S. 7). Tavernaro hofft offenbar, dass der Leser seine Materialkompilation für die Forschung fruchtbar macht. Unterstützt hätte den Leser dabei ein Register, das zwar im Inhaltsverzeichnis ausgewiesen ist, im Band aber fehlt. Erschwert wird der Zugang weiter durch die schweren Mängel in Sprache und Orthografie.

Als besonderen Verdienst hebt Tavernaro seine Quellenrecherchen hervor, die natürlich trotz aller Sorgfalt nicht vollständig sein können.[10] Neu erschlossen werden in zwei kurzen Teilen die Übernahmen und Käufe durch den Eher Verlag in Österreich, bei denen deutlich wird, dass langfristig eine europäische Ausbreitung geplant war, und die Abwicklung des Verlages nach 1945. Für die Geschichte des Verlags vor 1933 stützt Tavernaro sich hauptsächlich auf die bekannten Darstellungen der Verlagsgeschichte, die im Nationalsozialismus entstanden. Für die Zeit von 1933 bis 1945 bleibt in großen Teilen ebenso der bekannte Bestand verbindlich. Diese Quellen, wie z.B. die „Amman-Anordnungen“, werden ausführlich zitiert und dem Leser zur Interpretation überlassen. Bei Abweichungen zur bisherigen Forschung unterlässt Tavernaro leider Hinweis und Diskussion. So erschiene die Übernahme des Ullstein Verlags in einem neuen Licht, wenn das Kapital dazu nicht aus dem Vermögen der früheren Gewerkschaften stammte, sondern „eine Reihe von zum Teil sehr bekannten Firmen“ - die Namen werden nicht genannt - über Anzeigenzusagen das Kapital aufbrachten (S. 55). Die Bedeutung des Eher Verlags müsste völlig neu bewertet werden, wenn der Eher Verlag in seinem erfolgreichsten Jahr 1942 nicht, wie bisher angenommen, 106,7 Millionen Gewinn und 63,8 Millionen Gewinn in seinen Tochtergesellschaften, sondern nur 102,8 Millionen Reichsmark Umsatz (S. 70) erwirtschaftete.

Der Eher Verlag und Eher Konzern bleiben trotz ihrer Größe weiter ein Phantom. Unklar ist, wie die Erwerbungen vor sich gingen, was mit den gewaltigen Eingliederungen erreicht werden sollte, und was es für Führung der Verlagsgeschäfte und die Veröffentlichungspolitik bedeutete, Verlag innerhalb einer Tochtergesellschaft des Eher Konzerns zu sein. Fraglich bleibt auch, welche Aussagekraft die, wie Tavernaro es selbst nennt, „theoretischen Strukturen“ (S. 79) für die Konzernorganisation haben. Der Praxis des Verlages oder gar des Konzerns als Akteur der Öffentlichkeit kommt Tavernaro besonders in der Zeit von 1933 bis 1945 nicht nahe. Vielmehr vermittelt er den zu simplen Eindruck, der Verlag habe ausschließlich „die Öffentlichkeit mit Reden und Pamphleten der NS Führung“ versorgt (S. 70).

Olaf Simons, zuvor Mitarbeiter des Bertelsmann-Projekts, und der inzwischen verstorbene Hans Eugen Bühler, Professor für Materialforschung an der Rheinisch-Westfälisch-Technische-Hochschule Aachen und Verfasser einer Studie zum Frontbuchhandel [11], wenden sich dagegen ganz ausdrücklich der Praxis des Verlagsgeschäfts zu. In dem Band „Die blendenden Geschäfte des Matthias Lackas“ wird die Praxis jedoch wiederum im Verlagsgeschäft gesucht. Diese Arbeit schließt direkt an die Studie zum Bertelsmann Verlag an; die Autoren verhehlen nicht, dass sie dort bereits sehr breit dargestelltes Material erneut aufarbeiten wollen. Einen umfassenden Eindruck von den Quellen kann man sich auf einer Internetseite mit dem unglücklichen Namen „Polunbi“ machen, die in Zukunft zu einer bisher fehlenden Datenbank des Verlagswesens von 1900 bis 1960 werden soll.[12] Man will mit den Akten des geheimen Korruptionsprozesses gegen Matthias Lackas und seine Geschäftspartner „das Bild […] auf das Dritte Reich […] werfen [sic!]“, das die öffentlichen Selbstdarstellungen des Nationalsozialismus konterkariere. Hier habe es sich um einen aus den Fugen geratene[n], mit südamerikanischen Diktaturen konkurrierende[n] Staat“ gehandelt (S. 12). Matthias Lackas steht im Mittelpunkt. Er war im Zweiten Weltkrieg Händler von Druckrechten und Papier. Seinen Ausgang nahm seine Karriere im Deutschen Verlag, ehemals Ullstein Verlag. Lackas wurde 1941 nach Berlin zur Führung der Verlagsbuchhandlung Arnold bestellt und organisierte dort aus eigener Initiative die Belieferung der Luftwaffe mit Büchern.

Das Geschäft mit Büchern wurde im Zweiten Weltkrieg unter neuen Bedingungen abgewickelt. Der Kundenkreis veränderte sich: Der Kriegsalltag der Soldaten mit seinen langen Pausen steigerte die Nachfrage nach dem transportablen und dauerhaften Medium „Buch“, so dass alle Verlage enorme Zuwächse, zumindest eine Verdopplung ihres Umsatzes verzeichnen konnten. Den Handel steuerte nicht mehr allein die durch Zensur eingeschränkte Nachfrage, sondern er sollte nach dem Überfall auf Sowjetunion 1941 durch eine Zuteilung auf Anforderung ersetzt werden. Der Rohstoff Papier war nicht mehr frei verfügbar, sondern unterlag einer Kontrolle und ab Mitte 1942 einer Rationierung per Papierschecks. Auftraggeber für Buchdrucke waren die Institutionen, deren Aufträge als kriegswichtig angesehen bzw. denen ab Mitte 1942 ein Kontingent zugestanden wurde, unter anderem alle Waffengattungen des Heeres. Die Verlagsbuchhandlungen fungierten als Zwischenhändler zwischen Kontingentinhabern und Verlagen, da vermieden werden sollte, dass ein Verlag allein das Geschäft abwickelte. Die Auftraggeber wiederum wünschten ein gemischtes Sortiment, das ein Verlag allein nicht befriedigen konnte.

Entgegen diesem Willen wurde die Buchhandlung Arnold zum Monopolisten bei der Luftwaffe. Die Gewinne blieben bei den Zwischenhändlern, woran die Vermittler, wie Matthias Lackas, mit Provisionen beteiligt waren. Zu den nicht vorgesehenen enormen Gewinnabschöpfungen kam, dass das Verfahren der Druckgenehmigung im hier beschriebenen Fall nicht ablief wie geplant. Matthias Lackas kam mit den Druckangeboten der Verlage auf die Luftwaffe zu. Die Verantwortlichen waren bereit, auch nachträglich bereits erfolgte Drucke zu genehmigen, da ihnen damit ermöglicht wurde, ihr Kontingent auszuschöpfen, was wiederum für den Erhalt des Kontingents notwendig war. Die mit der inhaltlichen und formalen Kontrolle betrauten Stellen, das Allgemeine Wirtschaftsamt im Oberkommando der Wehrmacht und die Verteilungsstelle der Reichsstelle für Papier, bestätigten den Handel offenbar fast ohne Ausnahme. Die dort vorgelegten Anträge bzw. Papierschecks hatten zudem immer weniger mit der Realität zu tun. Beim Bertelsmann Verlag wurden Druckgenehmigungen für bereits erfolgte Drucke anderer Bücher benutzt. Später setze sich die Praxis durch, auf nachträgliche Druckgenehmigungen zu hoffen. Die Verlage argumentierten zu ihrer Rechtfertigung, dass mit den kleinen Mengen, die die Druckgenehmigungen auswiesen, eine rationelle und das hieß großzahlige Produktion nicht möglich war. Letztlich hatte das den Effekt, so das Ergebnis von Bühler und Simons, dass Matthias Lackas als Monopolist der Luftwaffe in enger Zusammenarbeit mit den Verlagen bestimmte, was gedruckt wurde. Der Sinn der Papierbewirtschaftung - Einsparung von Rohstoffen und Kontrolle der Inhalte - war somit ins Gegenteil verkehrt.

Für Lackas endeten diese Geschäfte vor Gericht. In dem Prozess bestätigte sich, dass Lackas mit seinen Geschäften weitgehend in einer Grauzone agierte. Denn er wurde nicht wegen des Umgangs mit den Druckgenehmigungen verurteilt, sondern wegen Bestechungen mit kleinen Gefälligkeiten, Untreue und Wehrkraftzersetzung. Simons und Bühler schildern breit die polizeilichen Nachforschungen und den Prozessverlauf; der Leser muss so zweimal die Ermittlung bereits dargestellter Zusammenhänge nachvollziehen. Bei dem Prozess habe es sich um ein Verfahren mit klarer Intention gehandelt. Das Gericht der Wehrmacht habe einen Selbstreinigungsprozess dokumentieren wollen, ohne die Ermittlungen auszuweiten; in die Geschäfte verwickelte zentrale Institutionen, wie der Deutsche Verlag oder Funktionsträger des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, befragte das Gericht nur als Zeugen. Das Todesurteil gegen Matthias Lackas wurde nicht vollstreckt, da er als Zeuge für den geplanten Prozess gegen Bertelsmann bereit stehen sollte. In der Nachkriegszeit gelang ihm eine zweite Karriere als Verleger, in der er besonders erfolgreich als Zulieferer der Bertelsmann Buchgemeinschaft agierte.

Der Blick dafür, welche Folgen diese Erkenntnisse für die Ausprägung öffentlicher Kommunikation im Nationalsozialismus haben könnten, was die sich nach wirtschaftlichen Kriterien organisierende Produktion für unser Bild von der Zensur im Nationalsozialismus bedeutet, fehlt Simons und Bühler. Ausweislich des Nachwortes soll der Fall ein Licht auf die Wirtschaftspraktiken während des Zweiten Weltkrieges werfen. Dafür fehlt allerdings die Verortung des Falls nicht nur in der Kriegswirtschaft – es ließe sich mit gutem Grund bezweifeln, dass das Verlagsgeschäft mit seinem vergleichsweise geringen Umsätzen dafür aussagekräftig ist. Es unterbleibt auch die Verortung der Geschäfte im Verlagsgeschäft selbst. Allein die Tatsache, dass die Luftwaffe als Auftraggeber des Matthias Lackas der Heeresteil mit der geringsten Personenstärke war, die Luftwaffe zudem noch andere Verlagsbuchhandlungen beschäftigte, hätte doch eine starke Relativierung des Falles als Einzelfall von Korruption mit geringer Bedeutung für die gesamte Verlagswirtschaft zur Folge haben müssen. Das Gegenteil ist der Fall, für Bühler und Simons ist der Fall „Lackas“ beispielhaft für zumindest die gesamte Verlagswelt. Sie erheben den ausweislich seiner Einlassungen doch eher mittelmäßig wirkenden Lackas zum „genialen Mittelsmann“ (S. 13). Nach Bühler und Simons hat die Studie vor allem „ihren Reiz in der Konkretisation [sic!], die sie dem Phänomen“ Korruption im Anschluss an die Forschung der letzten Jahre gibt (S. 170). Tatsächlich gelingt es meistenteils die alltägliche Welt der Ökonomie eingängig aufzuarbeiten: wenn etwa die Euphorie derjenigen, die am Krieg verdienen, mit der Kriegslage, wenn der geheime Prozess und dessen Intentionen mit der offiziellen Berichterstattung, wenn die banalen Beweggründe der Handelnden mit dem zeitgenössischen, propagandistischen Bild des Nationalsozialismus kontrastiert werden.

Es bleibt für den Nationalsozialismus, welcher der meistbearbeitete Zeitraum einer Verlagsgeschichte im 20. Jahrhundert ist, zu konstatieren, dass Verlagsgeschichten fehlen, die zu einer Geschichte öffentlicher Kommunikation beitragen könnten, die den Verlag unter Einbezug der politischen, rechtlichen und ökonomischen Bedingungen als Akteur in der Öffentlichkeit neben einer Vielzahl anderer Kommunikatoren schilderten. Ausgehend von dem Verweis auf die Forschungslücke „Verlagsgeschichte“ wurden in den behandelten Bänden in unterschiedlicher Qualität bekannte Quellenbestände neu aufgearbeitet. Gerade vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass der Quellenbestand, der wie kein anderer über die Verlagspolitik und die eigentliche Rolle eines Verlages Auskunft gibt, nicht berücksichtigt wird: die Veröffentlichungen selbst. Die „eigentliche Rolle“ des Verlages beleuchtete diese Massenquelle insofern, als dass gerade an den hier vorgelegten Studien deutlich wurde, dass Verlage nur die Objekte der Presselenkung sind, die zudem in der Ökonomie ihrer Zeit keine besondere Rolle spielten, die ihre Bedeutung aber über das Verlegte, über die Anwesenheit ihrer Produkte in der Öffentlichkeit erlangen. Dieser Quellentyp hat nicht zuletzt den großen Vorteil, verfügbar und in großer Zahl vorhanden zu sein; offenbar scheint die Beschäftigung damit an diesem Charakter einer Massenquelle zu scheitern. Für die Zukunft lässt das Projekt der Historischen Kommission des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zur Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert Abhilfe erwarten. Nach dem ersten Band zu schließen, der den Zeitraum bis 1918 abdeckt, wird dies nicht nur eine vergleichende Geschichte der Zeitschriften- und Buchverlage und ihrer politischen Kontrolle, sondern auch eine ihrer Veröffentlichungen sein.[13]

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu: Hundertfünfundzwanzig Jahre Rütten & Loening 1844-1969, Berlin 1969; Beck, Heinrich (Hg.), Festschrift zum zweihundertjährigen Bestehen des Verlages C.H. Beck 1763-1963, München 1963; Galerie Mutter Fourage (Hg.), Kunst und Leben 1909-1943. Der Berliner Kunstverlag Fritz Heyder, Potsdam 2002; Olbrich, Wilhelm, Hundert Jahre Hiersemann 1884-1984, Stuttgart 1984; Piper, Ernst; Raab, Bettina, 90 Jahre Piper. Die Geschichte des Verlages von der Gründung bis heute, München 1994; Rühle, Oskar, Hundert Jahre Kohlhammer. Geschichtlicher Überblick, in: Hundert Jahre Kohlhammer 1866-1966, Stuttgart 1966, S. 10-162; Ruppelt, Georg, Die Universal-Bibliothek im "Dritten Reich". Zwischen Anpassung und Abstand, in: Bode, Dietrich (Hg.), Reclam. 125 Jahre Universal-Bibliothek 1867-1992. Verlags- und kulturgeschichtliche Aufsätze, Stuttgart 1992, S. 331-357; Sarkowski, Heinz, Die Geschichte des Verlags 1899-1964, in: Der Insel Verlag 1899-1999, Frankfurt am Main 1999, S. 3-499; Sarkowski, Heinz, Der Springer-Verlag. Stationen seiner Geschichte. Teil 1: 1842 - 1945, Berlin 1992. Positiv in dieser Hinsicht fallen auf die populär gehaltene, aber kritische Studie von Wurm, Carsten, 150 Jahre Rütten & Loening. ... mehr als eine Verlagsgeschichte 1844-1994, Berlin 1994 und die verlagswirtschaftlich argumentierende Studie von Lokatis, Siegfried, Hanseatische Verlagsanstalt. Politisches Buchmarketing im "Dritten Reich", Frankfurt am Main 1992.
[2] 1835-1985. 150 Jahre Bertelsmann. Die Geschichte des Verlagsunternehmens in Texten, Bildern und Dokumenten, München 1985.
[3] Friedländer, Saul; Frei, Norbert; Rendtorff, Trutz; Wittmann, Reinhard (Hgg.), Bertelsmann im Dritten Reich, 2 Bände, München 2002.
[4] Vgl. die Hinweise bei: Wiede, Wiebke, Rezension zu: Friedländer, Saul; Frei, Norbert; Rendtorff, Trutz; Wittmann, Reinhard (Hgg.), Bertelsmann im Dritten Reich, 2 Bände, München 2002. In: H-Soz-u-Kult, 13.03.2003, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-1-140, Zugriff 5.1.2005.
[5] Tavernaro, Thomas, Der Zentralverlag der NSDAP. Franz Eher Nachf. Ges.m.b.H. im Vergleich. Münchener Verlage und der Nationalsozialismus. Eine Mentalitätsgeschichte, Phil. Diss. Wien 1997.
[6] Gerd Meier schildert eindrücklich die unterschiedlichen Geschäftmodelle bei der Übernahme von Zeitungsverlagen in Bielefeld, siehe: Meier, Gerd, Nationalsozialistische Presselenkung in Bielefeld - Grenzen der "Gleichschaltung", in: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg 84 (1997), S. 153-181.
[7] Für den Zeitraum von 1920 bis 1923 liegt eine publizierte Aufstellung der Auflagenzahlen des Völkischen Beobachters vor, siehe: Sidman, Charles F., Die Auflagen-Kurve des Völkischen Beobachters und die Entwicklung des Nationalsozialismus Dezember 1920 bis November 1923, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 13,1 (1965), S. 112-118.
[8] Hale, Oron James, The captive Press in the Third Reich, Princeton 1964.
[9] Abel Hagemann, Jürgen, Die Presselenkung im Dritten Reich, Bonn 1970; Karl-Dietrich, Presselenkung im NS-Staat. Eine Studie zur Geschichte der Publizistik in der nationalsozialistischen Zeit, Berlin 1968.
[10] Vgl. zu weiteren nicht einbezogenen Aktenbeständen: Deutsche Bibliothek Leipzig (Hg.), Inventar archivalischer Quellen zur Geschichte des deutschen Buchhandels und Verlagswesens im 19. und 20. Jahrhundert, 23.11.2000, http://tamino.ddb.de:1900/ddbarchiv/index.htm, Zugriff 4.1.2005.
[11] Bühler, Hans-Eugen; Bühler, Edelgard, Der Frontbuchhandel 1939-1945. Organisationen, Kompetenzen, Verlage, Bücher. Eine Dokumentation, Frankfurt am Main 2002.
[12] Simons, Olaf (Hg), Datenbank Schrift und Bild 1900-1960, Juli 2004, http://www.polunbi.de, Zugriff 5.1.2005. Der Begriff „Polunbi“ bezeichnet das „Verzeichnis der auf Grund des § 184 des Reichsstrafgesetzbuchs eingezogenen und unbrauchbar zu machenden sowie der als unzüchtig verdächtigen Schriften“. Es erschien 1926 in einer zweiten Auflage und erhielt zwei Nachträgen 1929 und 1936.
[13] Historischen Kommission der Buchhändler-Vereinigung (Hg.), Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1: Das Kaiserreich 1870-1918, Frankfurt am Main 2001.

Zitation
Patrick Merziger: Rezension zu: : Der Verlag Hitlers und der NSDAP. Die Franz Eher Nachfolger GmbH. Wien  2004 / : Die blendenden Geschäfte des Matthias Lackas. Korruptionsermittlungen in der Verlagswelt des Dritten Reichs. München  2004 , in: H-Soz-Kult, 13.05.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5248>.
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13.05.2005
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