Cover
Titel
Zum irdischen Frieden.


Autor(en)
Senghaas, Dieter
Erschienen
Frankfurt/M. 2004: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Umfang
307 Seiten
Preis
€ 11,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Thomas Kater, Universität Paderborn, Institut für Humanwissenschaften: Philosophie

An Großem orientiert sich die jüngste Schrift von Dieter Senghaas, liefert doch Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ die Vorlage nicht nur für Titel und Gliederung. Auch die Intention der Schrift weiß sich dem Vorbild von 1795 verbunden: „immer noch“ geht es „um Überlegungen über die Bedingungen der Möglichkeit von Frieden, aber auch über die Wahrscheinlichkeit einer Verwirklichung der jeweiligen Friedensprogrammatik“ (S. 7). Doch zugleich nimmt Senghaas eine deutliche Abgrenzung vor. Wenn vom Frieden gesprochen werde, reiche es nicht aus, im Abstrakt-Allgemeinen zu verbleiben, wie es in philosophischer Tradition üblich sei. Aber ebenso ist es unzureichend, die Frage nach dem Frieden, wie gerade in den Sozialwissenschaften üblich, bloß am Beispiel begrenzter Regionen zu untersuchen. Entsprechend hoch ist der Anspruch: Senghaas will ein „wirklichkeitsnahes Gesamtbild“ darlegen, das der Komplexität „einer beharrlich zerklüfteten Welt“ in ihrer ganzen „strukturellen Heterogenität“ im 21. Jahrhundert gerecht wird (S. 9f.). Kann ein solches Programm letztlich nicht doch nur scheitern?

Dem aber wird taktisch klug vorgebaut. Dieter Senghaas beansprucht nicht, einen die Frage nach dem Frieden abschließend beantwortenden Beitrag vorzulegen, sondern will lediglich „jene Erkenntnisse, Einsichten und auch Vermutungen, insbesondere aber wißbares weltkundiges Wissen, aufbereiten, die für ein zeitgemäßes differenziertes Verständnis der gegenwärtigen und absehbar zukünftigen weltweiten Friedensproblematik von Bedeutung sind.“ (S. 11) Vorgetragen wird das in drei Teilen mit insgesamt zehn Abschnitten. Im ersten Abschnitt diskutiert er in aller gebotenen Kürze die „heute „dysfunktional gewordene Maxime“ (S. 24) ‚si vis pacem, para bellum’, die der Frage nach dem Frieden insofern nicht gerecht wird, als sie Frieden bloß als Nicht-Krieg bestimmt, unterkomplex sowie „nachhaltig dissoziativ angelegt“ ist (S. 18) und dadurch die Komplexität moderner funktional ausdifferenzierter Gesellschaften verfehlt. Dagegen ist festzuhalten, dass das „weltweit wirksame Interdependenzgefüge“ wesentlich geprägt ist von der „politische(n) Dynamik“ moderner Gesellschaften (S. 23). Den irdischen Frieden zu denken impliziert deshalb, die relevanten „Rückkopplungen“ zwischen „einer innergesellschaftlichen und internationalen Friedensstruktur“ (S. 23) zu reflektieren. Frieden kann dabei begrifflich erschlossen werden nur im Modus einer „Konfiguration“, so dass „in der Realität eine Friedensstruktur entsprechend konfigurativ gestaltet sein muß.“ (S. 23) Dieses Programm entfaltet Senghaas im zweiten Abschnitt anhand der Maxime ‚si vis pacem, para pacem’. Im Mittelpunkt steht sein hinlänglich bekanntes zivilisatorisches Hexagon, das es zwar erlaubt, Frieden als Konfiguration zu denken, zugleich aber als bloß „fragiles Gebilde“ (S. 40), dessen Fragilität begründet ist in der notwendigen Abhängigkeit seiner sechs Elemente, deren Beziehung nur im Modus von Rückkopplungen beschrieben werden kann.

Der dritte Abschnitt ist der Frage gewidmet, wie friedenspolitische Vernunft ermöglicht werden kann. Orientiert an Sigmund Freud wird eine Typologie politischer Konflikte für das „Entscheidungssystem von Nationalstaaten“ (S. 122) entwickelt. Das daraus abgeleitete „Schema möglicher Konflikte im nationalen und internationalen politischen System“ (S. 113) liefert ein Modell für eine ‚Friedensursachenforschung’, das beansprucht, „irrationales Verhalten“ (S. 122) rational zu erklären. Denn, so hält Senghaas überzeugend fest: „Staaten handeln viel weniger rational, als es die Theorie behauptet.“ (S. 82) Der den ersten Teil beschließende vierte Abschnitt ist der Verteidigung des Konzepts des zivilisatorischen Hexagons gegen seine Kritiker gewidmet.

Der zweite Teil enthält zwei die Definitivbestimmungen ergänzende „Zusätze“: Im fünften Abschnitt trägt Dieter Senghaas vier „Komplexprogramme“ (S. 144) als „Vorstellungen über das Optimum“ vor (S. 160). Das aber nicht als Utopie, sondern im Sinne Kants als „regulative Idee mit praxisrelevanter Perspektive“ (S. 160). In ihrem Mittelpunkt steht die direkt an den zweiten Abschnitt anschließende These, dass Frieden nicht gedacht werden kann als Reduktion, sondern allein als Steigerung von Komplexität. Und das heißt: Inkorporation der Komplexität des zivilisatorischen Hexagons in die Welt des Politischen auf allen Ebenen. Der sechste Abschnitt zeigt am Beispiel der OECD-Welt zum einen historische Erfahrungen bei der Herausbildung stabiler Friedenszonen auf, zum anderen im Anschluss an Überlegungen zu ihren strukturbildenden Folgen und allgemeinen Strukturmerkmalen Perspektiven der „Selbsterweiterung“ (S. 180). Hier ist allerdings zu monieren, dass sich die friedenspolitische Analyse der OECD-Welt auf historisch eher dünnem Eis bewegt und deshalb die Frage ihrer Erweiterung letztlich spekulativ bleibt. Das räumt Senghaas durchaus ein, auch wenn er betont, dass die Möglichkeit regionaler Friedenszonen im globalen Maßstab keine bloßen „Chimären“ sind (S. 181), weil es eben Vorbilder gibt. Der abschließende dritte Teil des Buches versammelt als „Anhang“ in vier Abschnitten Analysen zu strukturbedingten Dilemmata der Welt, zu Interdependenzen im internationalen System, zur modernen Entwicklungsproblematik und zum notwendigen Erfordernis interkultureller Dialoge.

Dieses komplexe Panorama einer tragfähigen Theorie des Friedens kann in seinem systematischen Zusammenhang erschlossen werden anhand des zweiten Abschnitts, „dem zentralen Kapitel dieses Buches“ (S. 301). Im Anschluss an Alfred H. Frieds ‚ursächlichen Pazifismus’ entfaltet Senghaas die Idee eines „konstruktiven Pazifismus“ (S. 27), indem er das für die innergesellschaftliche zivile Konfliktbearbeitung notwendige Gefüge von Gewaltmonopol, seiner rechtsstaatlichen Kontrolle, der auf Interdependenzen basierenden Affektkontrolle, demokratischer Teilhabe, sozialer Gerechtigkeit und einer Kultur konstruktiver Konfliktbearbeitung auf das System der internationalen Beziehungen überträgt. Dabei folgt er nicht der Idee einer Friedensstiftung durch einen „Weltstaat (im gängigen Sinne des Begriffs)“ (S. 70), setzt dieser doch eine Homogenität der Welt voraus, die nicht gegeben ist. Der strukturellen Heterogenität werde vielmehr eine an den Elementen des zivilisatorischen Hexagons orientierte Weltfriedensordnung gerecht, die dadurch ausgezeichnet ist, dass regionale Friedenszonen und internationales System als „ein quasi-konföderatives Arrangement von Regionen“ (S. 70) einander wechselseitig ergänzen und stabilisieren. Als besonderer Fall und deshalb als Vorbild für ein solches Ordnungsmodell wird das Europa der EU vermerkt. Dass es „sich an anderer Stelle in der Welt wiederholen“ kann (S. 74), ist jedoch bloße Hoffnung, die ihren Grund darin hat, dass auch hier die spezifischen historischen Voraussetzungen, die wohl wesentlich als Katastrophen zu benennen sind, ausgeblendet bleiben.

Kennzeichnend für „Zum irdischen Frieden“ ist Emphase in der Sache, verbunden mit Nüchternheit bei der Analyse der Lage. Senghaas gelingt es, bloßem Utopismus ebenso zu entgehen, wie er sich nachdrücklich dagegen verwahrt, angesichts der unleugbaren friedenpolitischen Probleme, vor die sich die Welt gestellt sieht, auf Frieden als langfristig unhintergehbares Ziel der Politik zu verzichten. Denn: „Die Konstitutionsbedingungen vernünftigen Friedens sind bekannt.“ (S. 80) Dem Frieden als „Jahrhundertaufgabe“ (S. 299) darf man sich somit sowenig verweigern, wie man die Bedingungen seiner Möglichkeit realistisch abschätzen muss. Weil eben nicht „Homogenität, sondern strukturelle Heterogenität“ die Welt kennzeichnet als eine in „Teilwelten zerklüftete Welt“ (S. 294, S. 9f.), ist man konfrontiert mit einem nur schwer zu gestaltenden Gefüge komplexer Interdependenzen wie struktureller Dilemmata, die wiederum durch „Eigendynamiken“ (S. 296) geprägt sind, die sich durchaus als hochgradig resistent gegenüber pazifizierenden Steuerungsversuchen zeigen.

Dieter Senghaas’ Buch wird der Komplexität der Welt wie den Schwierigkeit einer dauerhaften Friedensstiftung durchaus gerecht. Dass sich dabei nicht immer ein systematischer Zusammenhang im Gefüge der zehn Abschnitte erschließen lässt, ist wohl dem Umstand geschuldet, dass sich die Welt des Friedens Vereinfachungen verschließt, eben „analytische, aber auch beträchtliche friedenspolitische Probleme“ birgt (S. 64). Wenn aber der irdische Frieden nur gedacht werden kann als „brüchig bleibendes Konstrukt ohne Bestandgarantie“ (S. 54), muss das dann nicht auch von Büchern über den irdischen Frieden gelten? Und so ist „der Titel dieses Buches (…) kein Etikettenschwindel“ (S. 13) auch insofern, als hier soziologische Theoriebildung unter wiederkehrendem Rekurs auf historische Argumentationen vorgetragen wird, die jedoch an der Oberfläche bleiben, da die vielfältigen wie reichhaltigen Erkenntnisse der historischen Friedensforschung im Wesentlichen ausgeblendet werden.

Zitation
Thomas Kater: Rezension zu: : Zum irdischen Frieden. Frankfurt/M.  2004 , in: H-Soz-Kult, 04.04.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5395>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.04.2005
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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