Titel
Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart


Autor(en)
Marx, Christoph
Erschienen
Paderborn 2004: UTB
Umfang
391 S.
Preis
€ 18,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katja Füllberg-Stolberg, Humboldt-Universität Berlin

Der von Christoph Marx verfasste Band bietet einen ausgezeichneten Überblick, der auf anschauliche Weise die historischen Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent darstellt. Das Buch ist auf breites Interesse gestoßen und hat insbesondere unter Studierenden der Afrikawissenschaften eine sehr positive Resonanz gefunden, nicht zuletzt deshalb, weil es dem Wunsch nach Überblickswerken, zudem noch in deutscher Sprache, nachkommt. Der Autor Marx lehrt als Professor für Außereuropäische Geschichte an der Universität Essen und hat sich u. a. mit seinen Forschungen zur Geschichte des südlichen Afrika einen Namen gemacht.

Diese „Geschichte Afrikas“ geht weit über einen rein strukturgeschichtlichen Überblick hinaus, da Marx immer wieder auch auf Fallbeispiele zurückgreift, um sowohl Regionen übergreifende Entwicklungen wie Sonderfälle zu veranschaulichen. Es gelingt ihm, wie in der Einleitung angekündigt, Generalisierungen und Pauschalurteile zu vermeiden und die Strukturgeschichte durch menschliches Handeln lebendig zu machen (S. 11). Marx Anliegen ist es, „die Geschichte Afrikas als die Geschichte der Afrikaner“ zu schreiben, „die als geschichtlich Handelnde in Erscheinung treten“ (S. 12).

Marx verzichtet auf die noch immer vorherrschende Periodisierung in eine vorkoloniale, koloniale und nachkoloniale Geschichte Afrikas, die in eurozentristischer Weise ein statisches Afrikabild vermittelt und suggeriert, erst durch die europäische Kolonisation seien entscheidende Entwicklungsimpulse gegeben worden. Gleichwohl macht er deutlich, wie einschneidend die kurze Phase des Kolonialismus für die Geschichte des Kontinents war. Der Kolonialismus veränderte die afrikanisch-europäischen Beziehungen nachhaltig, seine negativen Folgen sind bis heute spürbar. Begrüßenswert ist auch die Einbeziehung Nordafrikas in die gesamte Darstellung, vor allem da Marx immer wieder historische Entwicklungen im nördlichen und im sub-saharischen Afrika miteinander vergleicht und in Beziehung setzt, wie am Beispiel der europäischen Siedlergesellschaften in Algerien und Südafrika (S. 104ff.) deutlich wird. In dieser Vorgehensweise unterscheidet sich der Band nicht nur von den wenigen deutschsprachigen Überblickswerken [1], sondern auch von der Mehrzahl internationaler Veröffentlichungen.

Der Band ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil mit dem Titel „Expansion“ umfasst einen Zeitraum von rund hundert Jahren (1800-1900), wobei „Expansion“ sich nicht auf das Vordringen der Europäer und die Ausbreitung der Kolonialherrschaft beschränkt, sondern gerade auch Bezug nimmt auf innerafrikanische Entwicklungen wie die Gründung der islamischen Reiche im frühen 19. Jahrhundert. Am Beispiel des Sokoto Kalifats legt Marx dar wie – unabhängig von europäischen Einflüssen – die starke Verbreitung des Islam zu tiefgreifenden Veränderungen der politischen und gesellschaftlichen Strukturen in weiten Teilen des Westsudan führte.

Der zweite Teil widmet sich der Hochphase des europäischen Kolonialismus (ca. 1890 - 1930). „Lebenswelten unter kolonialer Herrschaft“ schildert facettenreich, wie die Europäer unter anderem durch die Schaffung eines kolonialen Verwaltungsapparates, die Verbreitung christlicher Missionen und westlicher Bildungsmodelle massiv in den afrikanischen Alltag eindrangen. Gleichwohl, so erläutert Marx, standen die Afrikaner nicht als willenlose Subjekte passiv einer uneingeschränkten Herrschaft des kolonialen Staates gegenüber. Er betont vielmehr, wie sich bis hinunter auf Dorfebene die Machtbalance zwischen den Vertreter/innen der Kolonialadministration und den Kolonisierten unterschiedlich einpendelte. Die afrikanischen Reaktionen auf das europäische Vordringen reichten von gewaltsamen Widerstandsaktionen bis zur Gründung politischer Organisationen, die zur Entstehung von Nationalbewegungen beitrugen (S. 224ff.).

Der dritte Teil „Brüche und Kontinuitäten“ spannt den zeitlichen Rahmen von den Anfängen der Entkolonisierung (Dekolonisation) bis zu den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von den Einflüssen der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre und den geopolitischen Veränderungen als Folge des Zweiten Weltkriegs auf Afrika, beschäftigt sich der letzte Teil unter anderem mit der „Entlassung“ der Mehrheit der afrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit Anfang der 1960er-Jahre, schildert Beispiele erfolgreicher und gescheiterter Demokratisierungsbestrebungen und setzt sich kritisch mit der Krise des post-kolonialen Staates und der von den Europäern immer wieder postulierten These vom Staatszerfall auseinander (S. 336). Der dritte Teil schließt mit einem Kapitel zu den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen am Ende des 20. Jahrhunderts.

Eindrucksvoll gelingt es Marx immer wieder die afrikanische Perspektive zu betonen und in den Mittelpunkt seiner Darstellung zu rücken. Das Buch ist sehr engagiert geschrieben und wendet sich insbesondere an einen jungen Leserkreis. Einige der lockeren sprachlichen Formulierungen sind allerdings Geschmackssache. Als Beispiel sei die „hektische Landgrapscherei“ (S. 115) im Zusammenhang mit der kolonialen Aufteilung Afrikas genannt.

Der Text wird ergänzt durch umfangreiches Bildmaterial, einige Karten und Chronologien (z.B. die „Aufteilung Afrikas“, S. 130ff.), die zur Veranschaulichung der historischen Prozesse beitragen. Kurzporträts bringen den Leser/innen so unterschiedliche Persönlichkeiten wie den Sotho-Herrscher Moshoeshoe (S. 52f.) oder den deutschen Afrikaforscher Heinrich Barth (S. 101) nahe. Insgesamt fällt die gute didaktische Aufbereitung einzelner Themenfelder auf. Dies gilt auch für die grafisch hervorgehobenen Exkurse zu ausgewählten politischen, ökonomischen und kulturellen Themen wie „Sklavenhandel und politische Zentralisierung in Dahomey und Oyo“ (S. 20ff.), „Kulturgeschichte des Kolonialismus und seines Endes“ (S. 252f.), „Kampf ums Bier“ (S. 201ff.) oder auch Erläuterungen zu Ethnien wie den Fulbe (S. 62) oder Hinweise zu „afrikanischen Währungen“ (S. 31ff.). Marx kann hier auf seine Erfahrungen als Verfasser von Studienbriefen der Fernuniversität Hagen zurückgreifen. [2]

Kritisch angemerkt werden muss die Wahl der Fallbeispiele, die teilweise recht willkürlich anmutet. Die sehr subjektive Auswahl birgt die Gefahr, dass einerseits wichtige Entwicklungen in einigen Regionen keine Berücksichtigung finden, andererseits spezifische Fälle in ihrer Bedeutung überschätzt werden. So fehlt eine tiefer gehende Betrachtung des Asante Reiches, dessen interne Auseinandersetzungen zwischen herrschender Elite und Händlerschicht seit dem frühen 19. Jahrhundert zu beträchtlichen politischen Veränderungen führten, die weit in die Nachbarregionen ausstrahlten. Im Gegensatz dazu nimmt die Konföderation der Fante-Staaten, die nach nur wenigen Jahren in die Bedeutungslosigkeit versank, als Beispiel für afrikanische Modernisierungsbestrebungen nach europäischem Vorbild zu breiten Raum ein (S. 82ff.).

Positiv zu vermerken ist, dass Marx sich nicht nur „klassischen“ Debatten wie den Ursachen des Aufstiegs des Zulu-Reiches unter Shaka (S. 52ff.) widmet, sondern aktuelle Trends in der Afrikaforschung aufnimmt. Er befasst sich ausführlich mit dem wichtigen Bereich der Urbanisierung, wenn auch teilweise zu Lasten des ländlichen Sektors, wobei insbesondere die agrarischen Entwicklungen in der Kolonialzeit vernachlässigt werden. Eher antiquiert mutet die schematische Unterteilung in Siedler-, Bergbau- und Plantagenkolonien an. Diese Systematisierung greift zu kurz, da beispielsweise das britische Protektorat Nigeria nicht berücksichtigt wird, das weder Strukturen europäischer Siedlergesellschaften noch die typischen Kennzeichen ausgedehnter Plantagenwirtschaft aufweist.

Begrüßenswert sind des Weiteren die zahlreichen Ausführungen zur Situation der Frauen unter kolonialer Herrschaft (S. 194f.), beispielsweise der gesellschaftliche und wirtschaftliche Einfluss der Marktfrauen in Ghana und Nigeria (S 244f.). Allerdings legt Marx einen zu starken Schwerpunkt auf die „Landfrauen“ (S. 370ff.) und vernachlässigt weibliches Leben in den Städten und die Betätigung von Frauen im politischen und kulturellen Bereich. Die Darstellung wichtiger Strömungen des Panafrikanismus (S. 227ff.) ist ebenfalls hervorzuheben, es bleibt allerdings unverständlich, warum unter diesem Stichwort auch Vereinigungen wie die „Young Kikuyu Association“ oder die „Gold Coast Federation of Cocoa Farmers“ subsumiert werden, deren panafrikanische Ambitionen bezweifelt werden müssen.

Nicht unerwähnt bleiben soll der lückenhafte, Benutzer unfreundliche Index des Buches. Wichtige Stichworte wie Asante (Ashanti) oder Oyo, dessen Geschichte in einem Exkurs hervorgehoben wird, sind nicht aufgeführt bzw. unter „Ghana“ und „Nigeria“ verzeichnet.

Diese „Geschichte Afrikas“ war längst überfällig. Ein Kompliment an Christoph Marx für ein sehr lesenswertes, informatives Buch, das auf erfrischende Weise die Geschichte des afrikanischen Kontinents der vergangenen zwei Jahrhunderte nahe bringt.

Anmerkungen:
[1] Harding, Leonhard, Geschichte Afrikas im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999 und Grau, Inge; Mährdel, Christian; Schicho, Walter (Hgg.), Afrika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Wien 2000.
[2] Z. B. Marx, Christoph, Nationalismus der Buren und der Schwarzen in Südafrika 1910-1960. Studienbrief der FernUniversität Hagen 1995.

Zitation
Katja Füllberg-Stolberg: Rezension zu: : Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart. Paderborn  2004 , in: H-Soz-Kult, 14.07.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5401>.
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Veröffentlicht am
14.07.2006
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