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Titel
Geschichte machen. Strukturmerkmale des intergenerationellen Sprechens über die NS-Vergangenheit in deutschen Familien


Autor(en)
Jensen, Olaf
Erschienen
Tübingen 2004: edition diskord
Umfang
415 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Leonhard, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Strausberg

Mit Olaf Jensens Buch liegt nach der Veröffentlichung von Sabine Moller[1] nun die zweite Dissertation vor, die aus dem Forschungsprojekt „Tradierung von Geschichtsbewusstsein“ am Psychologischen Institut der Universität Hannover hervorgegangen ist. Die Ergebnisse der Hauptstudie wurden 2002 unter dem Titel „Opa war kein Nazi“ publiziert[2] und haben seitdem – nicht zuletzt dank des medienwirksamen Vermarktungstalentes des Projektleiters Harald Welzer – eine breite öffentliche Resonanz erfahren.

Während Moller die spezifischen Merkmale der familialen Geschichtstradierung in Ostdeutschland herausgearbeitet hat, beschäftigt sich Jensen eingehend mit den allgemeinen Strukturmerkmalen des intergenerationellen Sprechens über die NS-Zeit. Seine Arbeit beruht auf der quantitativen Auswertung des gesamten Datenmaterials des Forschungsprojektes, d.h. von Interviews mit 40 Familien bzw. 182 Einzelinterviews und Familiengesprächen mit Angehörigen von drei Generationen. Für die Auswertung wurden alle Interviewtranskripte inhaltsanalytisch kodiert und kategorisiert.[3] Die Kategorien selbst waren zuvor durch detaillierte Einzelfallanalysen von drei ausgewählten Familien im Rahmen der so genannten „hermeneutischen Dialoganalyse“[4] entwickelt worden. Die auf diese Weise generierten „Tradierungstypen“, deren Merkmale und Verteilung Jensen hier im Einzelnen vorstellt, sind somit das Ergebnis einer Verbindung quantitativer und qualitativer empirischer Verfahren und belegen anschaulich, dass eine solche Kombination von methodischen Ansätzen nicht nur möglich, sondern auch äußerst fruchtbar sein kann. Daher ist es bedauerlich, dass Jensen das konkrete Vorgehen nur relativ kurz beschreibt, ohne es anhand eines Beispiels detaillierter zu erläutern. Aspekte, die eben diese Methodenkombination betreffen, werden kaum vertieft.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt stattdessen auf der Darstellung der thematischen Ausprägung der Tradierungstypen und ihrer Verteilung innerhalb des untersuchten Samples. Die fünf Strukturtypen – „Opferschaft“, „Rechtfertigung“, „Distanzierung“, „Faszination“ sowie „Heldentum“ – werden nach der Häufigkeit ihres Auftretens der Reihe nach anhand der jeweiligen Themenschwerpunkte zunächst allgemein charakterisiert (z.B. im Fall des Tradierungstyps Rechtfertigung: „Unwissenheit“, „Zwang“ sowie „Armut und Not vor 1933“). Dann werden sie für die drei befragten Generationen (Zeitzeugen, deren Kinder und Enkel) mit Textbeispielen illustriert. Diese für alle fünf Typen konsequent durchgehaltene Darstellungsform ist übersichtlich und aufgrund der zahlreichen Zitateinschübe auch gut nachzuvollziehen, wirkt inhaltlich aber etwas schematisch, da Jensen diesen Rahmen an keiner Stelle verlässt. Noch verstärkt wird der Eindruck durch die gewählte Gliederungsform – für jede Generation wird jeder Themenschwerpunkt einzeln durchnummeriert.

Jensen arbeitet thematische Verschiebungen zwischen den Generationen heraus und kann unter anderem zeigen, dass die Kindergeneration „die Zeitzeugen im Rahmen von Faszination und Heroisierung noch recht nahe am Nationalsozialismus“ platziert, während die Enkel verstärkt zu der Einschätzung neigen, diese „seien eher Opfer und Unbeteiligte gewesen“. Im Gegensatz zu ihren Eltern idealisieren die Enkel also „in gewissem Maße die eigenen Großeltern, die sich selbst in analoger Weise wahrnehmen“ (S. 390f.). Im Vergleich von Einzel- und Gruppengesprächen wird zudem deutlich, dass die „direkte Kommunikation in den Familiengesprächen Auswirkungen auf das Gesprächsverhalten der Nachfolgegenerationen hat“ (S. 74). Da die gemeinsamen Familiengespräche in der Regel durch die Zeitzeugen dominiert werden, werden auch die in den Einzelgesprächen beobachtbaren generationsspezifischen Themenschwerpunkte „beeinflusst und in gewisser Weise nivelliert“ (ebd.).

Darüber hinaus liefert Jensens Arbeit einige interessante Differenzierungen bzw. Ergänzungen mit Blick auf die Resultate der Hauptstudie. Anders als man es angesichts der vielzitierten These von der „kumulativen Heroisierung“[5] vielleicht erwartet hätte, ist der Tradierungstyp Heldentum der zahlenmäßig kleinste; vertreten ist er vor allem in den Interviews der Zeitzeugengeneration (46 Prozent), aber deutlich seltener in den Gesprächen mit den Kindern (16 Prozent) und Enkeln (10 Prozent) (S. 70). Darüber hinaus verweist Jensen zu Beginn seiner Arbeit auch auf konfliktreiche Elemente im intergenerationellen Gespräch über den Nationalsozialismus, die sich immerhin bei der Hälfte der befragten Familien zeigten (S. 32ff.), und nimmt damit explizit einen Kritikpunkt auf, der in Bezug auf die Ergebnisse der Hauptstudie häufig geäußert wurde (S. 29).[6]

Bei der Analyse der Tradierungstypen wird speziell dieser Punkt allerdings nicht weiter berücksichtigt. Auch am Schluss werden diese oder andere Ergänzungen nicht aufgegriffen, so dass sich Jensens Kernaussagen letztlich kaum von denen der Hauptstudie unterscheiden. Da es sich hierbei um dasselbe Interviewmaterial handelt, mag das grundsätzlich nicht erstaunen – eine etwas andere Schwerpunktsetzung wäre allerdings angesichts der Fülle und Vielschichtigkeit des Materials nicht nur wünschenswert, sondern wohl auch angebracht gewesen. Denn schließlich sind die fünf Tradierungstypen selbst schon aus der Hauptstudie sowie aus der einige Jahre zuvor durchgeführten Pilotstudie weitgehend bekannt.[7] Bis auf den Typus „Heldentum“, der aufgrund der veränderten Altersstruktur der beiden Zeitzeugensamples den Typus „Überwältigung“ aus der Vorstudie von 1997 ersetzt, stammen alle anderen Typen bereits aus der Pilotstudie und wurden hier noch einmal überprüft. Natürlich erhöht eine solche erfolgreiche Überprüfung die Geltungskraft der herausgearbeiteten Strukturtypen; sie ist aus methodischen wie theoretischen Gesichtspunkten zu begrüßen. Angesichts der von Jensen bearbeiteten Datenmenge, die zweifellos Anknüpfungspunkte für andere, über die Ergebnisse der Hauptstudie hinausgehende bzw. ergänzende Ansätze geboten hätte, ist es trotzdem etwas schade, dass er sich allein auf eine derartige Überprüfung beschränkt.

Im Ergebnis ist Jensens Arbeit vor allem in methodischer Hinsicht interessant – als Beispiel für eine gelungene Verbindung qualitativer und quantitativer Ansätze. Sie belegt anschaulich, „wie zwischen den Generationen [...] kommuniziert wird“ und was sich „im ‚Familiengedächtnis’ in einem entsprechenden Geschichtsbewusstsein“ bei den verschiedenen Generationen niederschlägt (S. 21). Das Buch präzisiert somit auf materialreiche Weise die Ergebnisse der Studie „Opa war kein Nazi“ – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Anmerkungen:
[1] Moller, Sabine, Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland, Tübingen 2003 (rezensiert von Hasko Zimmer: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-100>).
[2] Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline, „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengespräch, Frankfurt am Main 2002 (rezensiert von Isabel Heinemann: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ZG-2002-127>).
[3] In Anlehnung an Mayring, Philipp, Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken, Weinheim 1997.
[4] Siehe Welzer, Harald, Transitionen. Zur Sozialpsychologie biographischer Wandlungsprozesse, Tübingen 1993.
[5] Vgl. Welzer, Harald, Kumulative Heroisierung. Nationalsozialismus und Krieg im Gespräch zwischen den Generationen, in: Mittelweg 36 10,10 (2001), S. 57-73.
[6] Zur Kritik an einer zu „harmonischen“ Interpretation von Familiengesprächen über den Nationalsozialismus siehe z.B. von Plato, Alexander, Wo sind die ungläubigen Kinder geblieben?, in: WerkstattGeschichte 30 (2001), S. 64-68.
[7] Welzer, Harald; Montau, Robert; Plaß, Christine, „Was wir für böse Menschen sind!“ Der Nationalsozialismus im Gespräch zwischen den Generationen, Tübingen 1997.

Zitation
Nina Leonhard: Rezension zu: Jensen, Olaf: Geschichte machen. Strukturmerkmale des intergenerationellen Sprechens über die NS-Vergangenheit in deutschen Familien. Tübingen 2004 , in: H-Soz-Kult, 04.03.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5448>.
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04.03.2005
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