H.-P. Schwarz: Anmerkungen zu Adenauer

Cover
Titel
Anmerkungen zu Adenauer.


Autor(en)
Schwarz, Hans-Peter
Erschienen
Umfang
218 S.
Preis
€ 17,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Siegfried Schwarz, Berlin

An Publikationen über Person und Politik des ersten Bundeskanzlers besteht gewiss kein Mangel. Nun hat der Bonner Historiker und Politologe Hans-Peter Schwarz, Verfasser einer grundlegenden Adenauer-Biografie in zwei Bänden[1], einen neuen Essay hinzugefügt. In ihm versucht er, in knapper Form nicht nur die Leistungen des Regierungschefs, sondern zugleich Adenauers Umstrittenheit und „in die Abgründe der Größe“ hineinzuleuchten. Er tut dies mit einer Methodik, die vor in Erinnerung zu rufen einem Vierteljahrhundert Sebastian Haffner mit seiner eigenwilligen Schrift über Hitler getan hat.[2] Schwarz gliedert seinen Essay in sieben Kapitel: „Leben“, „Leistungen“, „Außenpolitik“, „Verrat?“, „Modernisierung“, „Nachtseiten“, „Was bleibt?“.

Einen Großteil des Textes verwendet der Autor auf die Prägungen, die Adenauer durch den Zeitgeist des Wilhelminismus vor 1918 und durch seine weit verzweigte Verwandtschaft im Großraum Köln-Bonn erfahren hat. Schwarz spitzt die gesellschaftliche Denkweise des Adenauerschen Umfelds drastisch zu, wenn er bemerkt: „Jedenfalls hält man Köln allen Ernstes für den Nabel der Welt, betrachtet schon die Düsseldorfer als Feinde, erst recht die Berliner […] und sieht schon kurz hinter dem bergischen Land die asiatische Steppe beginnen.“ (S. 24) Der Autor schildert, wie sich in dieser Sphäre der Aufstieg Adenauers aus dem Kölner Kleinbürgertum in die tonangebenden Kreise des etablierten Großbürgertums vollzog und wie er 1917 in die Spitzenposition des Kölner Oberbürgermeisters gelangte.

Schwarz erwähnt, dass Adenauer während der Weimarer Republik zweimal als möglicher Kandidat für das Amt des Reichskanzlers gehandelt wurde und kennzeichnet sodann die Umstände, unter denen der Kölner Oberbürgermeister 1933 von den Nazis aus seiner Funktion gedrängt worden ist. Der Autor registriert, dass Adenauer zwar eine gegenüber dem Naziregime ablehnende Gesinnung gehabt habe, aber am aktiven Widerstand in der Zeit des „Dritten Reiches“ nicht beteiligt gewesen sei. Nach 1945 seien dem späteren Kanzler seine zahlreichen Verbindungen zur katholischen Kirche am Niederrhein, zu maßgeblichen Wirtschaftskreisen in Köln und im Ruhrgebiet „die ganz unverzichtbare Basis“ seiner dann folgenden steilen Karriere in der CDU der Bizone, im Parlamentarischen Rat und als erster Bundeskanzler gewesen (S. 28).

Schwarz hebt in langen Passagen die Leistungen des Kanzlers auf dem Gebiet der Außenpolitik besonders hervor. Er meint, „die außergewöhnliche persönliche Leistung des Außenpolitikers Adenauer [werde] heute weitgehend anerkannt, auch wenn wichtige Aspekte dieser Politik noch strittig sein mögen“. Er habe „den Aufstieg des Staates von der Ohnmacht zur Rolle einer der großen Mächte Europas tatsächlich in starkem Maß als sein Werk betrachten können“ (S. 51). Schwarz hat hierbei natürlich die einseitige Westbindung der Bundesrepublik durch deren Hinwendung zur EWG, zur NATO und zahlreichen weiteren westeuropäischen und atlantischen Strukturen im Auge. Diese Bindung habe Adenauer selbst nicht nur aus der politischen Konstellation nach 1945 erklärt, sondern vor allem mit der „untrennbaren Zugehörigkeit zum christlich-abendländischen Kulturkreis begründet“ (S. 82).

Die Dilemmata der Adenauerschen Außenpolitik liegen – wie Schwarz es beschönigend nennt – in seiner „nur noch defensiven“ Ost- und Deutschlandpolitik (S. 87). Dass er „in Russland die Hauptgefahr“ erblickte, dass er den Antikommunismus generell und die antisowjetische Politik im Speziellen pflegte, ist allgemein bekannt. Dass er aber auch die Wiedervereinigung Deutschlands nicht aktiv betrieben hat, wird in der Schrift des Autors allzu vorsichtig als „umstritten“ charakterisiert. Es fehlt die klare Wertung in der Publikation, dass das Ziel der Wiedervereinigung auf dem Wege geduldiger Verhandlungen (die von östlicher Seite angeboten worden waren) nicht auf der Tagesordnung seiner Politik stand.

Im Band findet sich lediglich die Wiedergabe einer Bemerkung Adenauers vom Juni 1952 auf die Frage eines Gesprächsteilnehmers nach den Zeitvorstellungen einer Wiedervereinigung, ob diese in 25 oder in 100 Jahren sein könnte, da meinte er, diese werde in etwa 5 bis 10 Jahren stattfinden (S. 112f.). Schwarz kommentiert diese Äußerung, Adenauer habe sich zwar „sehr mit seiner zeitlichen Prognose“ getäuscht, aber das Kalkül des Kanzlers sei im Effekt zutreffend gewesen. Der Autor meint damit offensichtlich die 38 Jahre (!) später vollzogene Vereinigung der zwei Teilstaaten, herbeigeführt jedoch unter völlig anderen Umständen und vorbereitet durch eine andere Politik, nämlich durch die seit 1969/1970 geduldig betriebene Annäherungs- und Vertragspolitik der sozialliberalen Regierung.

Fragwürdig wirken die abfälligen Attribute, die der Autor für prominente und verdiente Gegner der Adenauerschen Ost- und Deutschlandpolitik findet: Er nennt als „Un-Gewichte“ den „biederen Ollenhauer“, den in die „traurige Rolle des gesamtdeutschen Jakob gedrängten Jakob Kaiser“, den „aufbrausenden und enttäuschten Thomas Dehler“, den „bierernst-redlichen Protestanten Heinemann“, den „altertümlichen Bismarckianer Paul Sethe“. Allzu herablassend behandelt er in diesem Zusammenhang den „Frechdachs Rudolf Augstein“, den Schwarz als einen „nie ganz erwachsenen Pennäler, Mixtur aus Klassenprimus und Lümmel […] kräftig verstärkt durch die Rotzigkeit des Soldaten“ charakterisiert. Er bezeichnet Augstein als einen „Nationalisten pur sang, ressentimenterfüllt, überheblich, anti-französisch“ (S. 122f.).

Sie alle hätten „Feindschaft gegen Adenauers kalte, allen nationalpolitischen Experimenten abholde Westpolitik“ gehegt. Der Autor bezichtigt Rudolf Augstein sogar der „üblen Nachrede wegen angeblich versäumter Gelegenheiten“ (S. 123) in der Adenauerschen Ost- und Deutschlandpolitik und meint damit die allzu berechtigte Nachfrage, ob nicht in der Zeit 1952-1955 ernsthafte, wenngleich langwierige Verhandlungen zwischen dem Westen und der Sowjetunion geboten gewesen wären.

Aufschlussreich sind die minimalen verbalen Zugeständnisse, die Schwarz gegenüber dem immer wieder erhobenen Vorwurf macht, Adenauer habe nach 1918 mit dem Gedanken gespielt, eine „Rheinische Republik“ oder einen „Rheinstaat“ mit einer Anlehnung an Frankreich und einer entsprechenden Distanzierung vom Deutschen Reich und von Preußen zu begünstigen oder zu tolerieren. Der Autor wendet ein, alles sei unklar geblieben: die Ausdehnung eines solchen Gebildes, dessen Verbindung zum Deutschen Reich, die Art seines Zustandekommens, seine Durchsetzbarkeit. Er fügt aber hinzu, solche Pläne seien eine „idée fixe“ Adenauers gewesen, die von ihm „in Momenten der Ausweglosigkeit periodisch hervorgekramt“ worden seien, „verbunden mit der Behauptung, diese ‚Westdeutsche Republik’ könne auch die außenpolitische Haltung Deutschlands in ihrem friedensfreundlichen Geiste beeinflussen“.

Schwarz fügt an, Adenauer habe immer wieder betont, er habe für das ohnehin besetzte Rheinland „nur“ an eine Loslösung von Preußen gedacht, auch dies „bloß“ im äußersten Notfall, mit einem „Sonderstatus im Reichsverband“. Nun meint der Autor hierzu, ein solcher Sonderstatus lasse sich „allerdings weit dehnen oder eng fassen, und dass Adenauer, wie dies auch später seine Art war, mit großer Wendigkeit diesem das, jenem anderes vorgaukelte, um über die Runden zu kommen“. Adenauer sei die Maxime aus dem Herzen gesprochen gewesen: „Wer nicht mindestens zwei Pferde auf einmal reiten könne, habe kein Recht auf einen Job im politischen Zirkus.“ (S. 124f.)

Der Verfasser führt aus, dass Adenauer „kein Konsens-Politiker“ gewesen sei. Dies unterscheide ihn fundamental von Helmut Kohl und lasse „viel eher an die unverträgliche Margaret Thatcher denken“. Gefürchtet gewesen seien „seine immer wieder aufflammende Streitsucht, die sich mit zunehmendem Alter noch verstärkte. Wenn er nicht gerade bestimmte Persönlichkeiten oder Gruppen für sich einnehmen wollte, war er zumeist auf Krawall frisiert. Instinktive Unduldsamkeit gegenüber Meinungen, die von der seinen abweichen, […] mögen manches erklären. […] Er liebte sowohl den lauten Krach als auch die lautlose Unterminierung seiner Gegner – in beidem war er ein Meister.“ (S. 170)

Hans-Peter Schwarz hat einen durchaus lesenswerten Essay vorgelegt, in dem er nochmals ein Resümee seiner langjährigen Forschungen über Adenauer und die Außenpolitik der Bundesrepublik zieht. Insgesamt kann es nicht verwundern, dass – trotz kritischer Einsprengsel – ein insgesamt bewunderndes, anerkennendes, Adenauers Leistungen über das normale Maß hinaus einstufendes Porträt des ersten Bundeskanzlers entstanden ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Schwarz, Hans-Peter, Adenauer, Bd. 1: Der Aufstieg 1876-1952, Stuttgart 1986; Bd. 2: Der Staatsmann 1952-1967, Stuttgart 1991.
[2] Haffner, Sebastian, Anmerkungen zu Hitler, München 1978.

Zitation
Siegfried Schwarz: Rezension zu: : Anmerkungen zu Adenauer. München  2004 , in: H-Soz-Kult, 28.04.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5556>.
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28.04.2005
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