U. Bartels: Die Wochenschau im Dritten Reich

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Titel
Die Wochenschau im Dritten Reich. Entwicklung und Funktion eines Massenmediums unter besonderer Berücksichtigung völkisch-nationaler Inhalte


Autor(en)
Bartels, Ulrike
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
551 S.
Preis
€ 86,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kay Hoffmann, Haus des Dokumentarfilms, Stuttgart

Obwohl Bilder der Wochenschauen aus dem „Dritten Reich“ primäre Quellen für jedes historische Programm im Fernsehen sind und dadurch darüber bestimmen, welches Bild sich die Zuschauer heute von der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs machen, fehlte bisher eine umfassende Darstellung ihrer Produktionsbedingungen, der staatlichen Einflussnahme und ihrer ästhetischen Gestaltung. Zwar gibt es bereits seit den 1970er-Jahren Studien des Instituts für den wissenschaftlichen Film (IWF) in Göttingen zu einzelnen Ausgaben der Wochenschau, die in Form von Begleitheften kompetent analysiert worden sind. Hans Barkhausen liefert in seiner Studie zur Propaganda auch interessante Details zum „Dritten Reich“, konzentriert sich jedoch auf den Ersten Weltkrieg.[1] Zudem gab es vereinzelt Memoiren von Kameraleuten der Propaganda-Kompanien wie z.B. von Hans Ertl [2] oder Werner Bergmann.[3] Eine detaillierte Darstellung zu den Propaganda-Kompanien legte schließlich 1962 Hasso von Wedel vor, der ab 1942 Chef der Abteilung Wehrmachtpropaganda im Oberkommando der Wehrmacht war [4], und Peter Bucher veröffentlichte 1984 einen Bestandskatalog des Bundesarchiv-Filmarchivs in Koblenz sowie einige Aufsätze, die versuchten, die Wochenschauproduktionen in einen Gesamtzusammenhang einzubetten.[5] Dagegen hat die Film- und Medienwissenschaft sich dieses Themas bisher nur am Rande angenommen; diesen Herbst werden die Ergebnisse des DFG-Forschungsprojektes zur Ästhetik und Geschichte des dokumentarischen Films vor 1945 veröffentlicht, das auch die Wochenschauen berücksichtigt.

Die Historikerin Ulrike Bartels schließt also mit ihrer Dissertation, die bereits 1996 in Göttingen angenommen und für die jetzige Veröffentlichung aktualisiert wurde, eine Forschungslücke. Es handelt sich um die erste umfassende Arbeit zum Thema, die auf fundierten Aktenstudien - wichtige Bestände des Propagandaministeriums (RMVP) wurden allerdings im Krieg zerstört - und der Sichtung aller überlieferten Wochenschauausgaben beruht. Die Darstellung gliedert sich in zwei große Blöcke, zum einen die Produktionsbedingungen der Wochenschauen im „Dritten Reich“, die wachsende Einflussnahme des Staates, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs sowie die Wochenschau als Instrument der Massenbeeinflussung. Der zweite Teil liefert die statistische Inhaltsauswertung aller überlieferten Wochenschauausgaben und detaillierte Inhaltsanalysen zur Repräsentation von völkisch-nationalen Themen in der Wochenschau.

Bartels beginnt mit einem kurzen Überblick zu den Wochenschauen vor 1933, die jene gestalterischen Standards setzten, die nach der Machtübernahme weiterhin galten. Trotz der Bedeutung, die Propagandaminister Joseph Goebbels dem Film als Mittel der Massenbeeinflussung zubilligte, richtete das RMVP erst 1935 das "Deutsche Film-Nachrichtenbüro" unter Leitung von Hans Weidemann ein, das die inhaltliche und künstlerische Koordination und Überwachung der vier verschiedenen Wochenschauen übernahm (S. 79). Sie kamen mit einer geringen Zahl von Kopien ins Kino; ihre Laufzeit betrug bis zu 16 Wochen, d.h. von Aktualität kann man kaum sprechen. Inhaltlich dominierten Unterhaltung und Sport, die einen Anteil von 30-40 Prozent an den Sujets hatten. Politik spielte eine untergeordnete Rolle. Wie auch Felix Moeller bei der Auswertung der Goebbels Tagebücher feststellte, gibt es bis Mitte 1938 keine Hinweise auf ein persönliches Interesse des Propagandaministers am Einsatz der Wochenschau zur Agitation.[6] Dies änderte sich spürbar erst nach dem Angriff auf Polen (S. 129). Im Krieg wurden die vier existierenden Wochenschauen zusammengeführt zur "Deutschen Wochenschau", die Anzahl der Kopien nach Angabe des ehemaligen Reichs-Filmintendanten Fritz Hippler auf bis zu 2.400 erhöht. Goebbels und Hitler kontrollierten persönlich die einzelnen Ausgaben und griffen insbesondere in den Kommentartext und die Musikgestaltung ein (S. 121). Die Bearbeitung und ästhetische Gestaltung des meist stummen Materials der Kameraleute der Propagandakompanien erfolgte zentral in Berlin. Insbesondere durch den Einsatz von Musik und durch den Kommentar wurde eine Erhöhung des eigentlichen Ereignisses angestrebt (S. 98f.); es dominierten lange Passagen ohne gesprochenen Text. Spätestens nach der Niederlage in Stalingrad 1943 verlor die „Deutsche Wochenschau“ ihre Glaubwürdigkeit bei den Zuschauern (S. 131). Die Kontinuität und hohe Anzahl prädikatisierter Wochenschauen wertet Bartels als Indiz für die "hohe Wertschätzung, welche diesem Medium als politisch-ideologischer Propaganda entgegengebracht wurde" (S. 153). Sie geht von einer direkten Bevormundung durch den NS-Staat zumindest ab 1939 aus. Sehr detailliert wird die personelle Struktur der Wochenschauzentrale dargestellt bis zu zahlreichen biografischen Angaben der maßgeblich daran Beteiligten, die überwiegend nicht Mitglied der NSDAP waren (S. 201).

In der zweiten Hälfte präsentiert Bartels eine inhaltliche Auswertung aller überlieferten Wochenschauen im „Dritten Reich“. Statistisch wird nachgewiesen, dass die Wochenschauen in den 1930er-Jahren zunächst tradierten Konzepten folgten. Es dominieren die Themen Unterhaltung und Sport, die erst 1939 durch die Kriegsberichterstattung in den Hintergrund gedrängt wurden. Die Auswertung zeigt, dass das Thema Ausgrenzung von Juden in der Wochenschau nur marginal war und in vielen Jahren überhaupt keine Rolle spielte. Einen ähnlich geringen Anteil von 1-2 Prozent hatten die völkisch-nationalen Themen, denen Bartels sich in vier Detailstudien zum Bild des Bauern, zur Darstellung von Brauchtum, zu Festen und Feiern sowie von Auslandsdeutschen widmet. Leider verzichtet die Analyse auf die Thematisierung von Moderne-Inszenierungen im „Dritten Reich“, obwohl gerade dies ein wichtiger Aspekt der NS-Propaganda war. Mir stellt sich generell die Frage, inwieweit ein solch komplexes Medium wie die Wochenschau durch eine statistische Erfassung erklärbar wird. Zumindest werden mit dieser Fleißarbeit aber Grundlagen für weitere Analysen gelegt.

Die Wochenschauen hatten eine enorme Bedeutung für die Propaganda, indem sie medial eine Idealvorstellung des NS-Staates mit immer wiederkehrenden Bildikonen vermittelten. Ob allerdings die Wochenschau vom RMVP so zentral gelenkt und gesteuert wurde, wie Bartels es darstellt, muss im Detail überprüft werden. Denn offenkundig gab es ebenso Kompetenzstreitigkeiten. Dass die Staatsführung sich erst so spät darum kümmerte, könnte ein Indiz sein, dass die Vereinnahmung vielleicht doch nicht eine solch zentrale Bedeutung hatte. Die Propaganda durch die Wochenschau funktionierte zwar in Zeiten der Siege, aber ab Anfang 1943 nicht mehr, als sie zur Mobilisierung wichtig gewesen wäre. Selbst technisch war sie keineswegs immer perfekt.[7] Diese kritischen Anmerkungen sollen die Leistung von Ulrike Bartels keineswegs schmälern, die ein wichtiges Grundlagenwerk zur Wochenschau im „Dritten Reich“ vorgelegt hat, auf die Detailstudien in Zukunft aufbauen können.

Anmerkungen:
[1] Barkhausen, Hans, Filmpropaganda für Deutschland im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Hildesheim 1982.
[2] Ertl, Hans, Als Kriegsberichterstatter 1939-1945, Innsbruck 1985.
[3] Bergmann, Werner, Das verwundete Objektiv. Ein Bericht aus Briefen und Notizen 1939-1943, Berlin 1942.
[4] Wedel, Hasso von, Die Propagandatruppen der Deutschen Wehrmacht, Neckargemünd 1962.
[5] Bucher, Peter, Wochenschau und Dokumentarfilme 1895-1950 im Bundesarchiv-Filmarchiv (16mm-Verleihkopien), Koblenz 1984.
[6] Moeller, Felix, Der Filmminister. Goebbels und der Film im Dritten Reich, Berlin 1998, S. 367.
[7] Hoffmann, Kay, Propagandistic Problems of German Newsreels in World War II, in: Historical Journal of Film, Radio and Television 24, 1 (2004), S. 133-142.

Zitation
Kay Hoffmann: Rezension zu: : Die Wochenschau im Dritten Reich. Entwicklung und Funktion eines Massenmediums unter besonderer Berücksichtigung völkisch-nationaler Inhalte. Frankfurt am Main  2004 , in: H-Soz-Kult, 25.04.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5560>.
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Veröffentlicht am
25.04.2005
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