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Titel
Die Gestalten des Zeus. Von der Unmöglichkeit gesellschaftlichen Wandels


Autor(en)
Lindl, Stefan
Erschienen
Wien 2004: Passagen Verlag
Umfang
133 S.
Preis
€ 16,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Schmitz, München

Nach vielen rein theoretisch-methodischen Debatten endlich einmal ein praktischer Versuch eines deutschen Historikers, Foucaults Theorie der diskursiven Praktiken an einem Fallbeispiel konkret anzuwenden. Stefan Lindls gewagte Repräsentationsanalyse widmet sich den so genannten nationalen Matrizen im deutsch-französischen Vergleich, sprich den unbewussten nationalen Denkvorlagen, Klischees, Relationen und Regeln, welche das jeweilige Denken und Repräsentieren der beiden Völker geprägt haben und immer noch zu prägen vermögen. Dabei entspricht sein sehr flüssig geschriebenes und hervorragend lektoriertes Büchlein so gar nicht dem Klischee eines deutschen Geschichtsbuchs, sondern ist ganz und gar im angelsächsischen Stil des „argumentative Essay“ geschrieben.

Laut Lindl ist die „These dieses Buches: Die Nationen Deutschland und Frankreich verfügen jeweils über eine nationale Matrix, die aus einer ähnlichen, territorial zersplitterten Grundlage des 10. Jahrhunderts geworden ist. Spätestens in der Frühen Neuzeit lassen sich diese Matrizen als Leitthemen der beiden Nationen wahrnehmen. Diese nationalen Matrizen entwickelten sich aus spezifischen, geographisch bedingten und machtpolitischen Handlungen. Sie sind noch heute in jeglichen Oberflächen, Repräsentationen und Gestalten der Nationen wirksam.“ (S. 19)

Foucaults Ansatz in der ‘Archäologie des Wissens’ folgend, sucht Lindl nicht hermeneutisch-tiefschürfend nach repräsentativen Bedeutungsebenen, sondern lediglich nach dem unterschiedlichen relationalen Gehalt der epochalen Repräsentationen in den beiden Kulturen. Die Grundlagen für die jeweilige nationale Matrix sieht er dabei im mittelalterlichen Klosterwesen gelegt, wobei für die deutsche Kultur die Benediktiner, für die Franzosen die Kartäusermönche die entscheidenden Weichenstellungen für die nationalen Denkmuster vorgegeben hätten: Während das für die deutsche Matrix bestimmende Benediktinerprinzip „sich dadurch aus[zeichnet], Individuen zu verpflichten, ihre individuelle Ordnung zugunsten einer gemeinschaftlichen, universalen Regel aufzugeben“, durften und mussten die französischen Kartäuser „eigene Regeln aufstellen. Sie haben das Recht auf Autonomie und Autarkie innerhalb einer heterogenen Gemeinschaft, deren universale, gemeinschaftliche Ordnung stark rezessiven Charakter hat“. Mit Hilfe der Parabeltechnik versucht Lindl sodann die unsichtbaren relationalen Ästhetiken des deutschen Benediktiner- bzw. französischen Kartäuserprinzips in verschiedenen Epochen und Manifestationen des menschlichen Schaffens an Fallbeispielen nachzuweisen: in den Grundgedanken der französischen bzw. deutschen Denker und Schriftsteller, den politischen wie auch den Schul- und Prüfungsordnungen, und schließlich - sehr reizvoll - auch in den jeweiligen nationalen Geschichtswissenschaften.

Beim Vergleich der beiden nationalen Erziehungssysteme rekurriert Lindl auf Herder und Rousseau als den beiden ideologisch grundlegenden Intellektuellen. Während demnach Rousseau auf der Grundlage einer gemeinsamen politisch-rechtlichen Übereinstimmung der Vielfalt individueller Begabungen freien Lauf lassen wollte - und damit die relationale Ästhetik des Kartäuserprinzips verkörpert habe -, habe Herder gerade umgekehrt auf der Grundlage des territorial zerrissenen Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation erst eine einheitliche Kultur- und Sprachnation zu konstruieren versucht. Gemäß dem Benediktinerprinzip war es für Herder angesichts der vorgefundenen untragbaren politischen Vielfalt wichtig, den deutschen Schülern und Studenten eine einheitliche äußere Regel aufzuzwingen: „Sprache und Kultur sind Außengrößen und Außenordnungen, die von den Schulen vermittelt werden sollten. Sich bilden an dem deutschen Ebenmaß, entsprach seiner Nationenbildung.“ Während also die an Rousseau geschulte französische Pädagogik eher vielfaltfördernd ausgerichtet sei, gelte für deutsche Schüler und Studenten bis heute immer noch, dass „Freiheit bedeutet [...], die eigene Ordnung an der äußeren abzugleichen“. Älteren Lesern dürfte hier neben Helmuth Plessner auch Leonard Kriegers These von der „German Idea of Freedom“ in den Sinn kommen.

Ungeachtet aller internationalen Vernetzung der Wissenschaften attestiert Lindl auch der heutigen akademischen Geschichtsschreibung unbewusste nationale Denkvorlagen, in denen sich die mittelalterliche Matrix immer noch wirkmächtig zeige: Während sich z.B. die französische Historiografie insbesondere im Gefolge von Michel Foucault (und analog dem Kartäuserprinzip) ihren „analytischen Blick auf die kollektiven Regeln, also die äußere Ordnung des individuellen Lebens [richte]“, und im Übrigen die individuellen, inneren Regeln der Individuen den Individuen überlasse, zielten deutsche Historiker - in unbewusstem Nachvollzug des Beneditkinerprinzips - immer noch darauf ab, das Subjekt des Forschers zugunsten eines überprüfbaren Außenreglements aufzulösen: „In der deutschen Geschichtswissenschaft gibt es beispielsweise geschichtswissenschaftliche Methoden, die sich der Idee, des Idealtyps oder in der noch älteren Historiographie des Ebenmaßes bedienen. Sie sind Außenordnungen, also Regeln, die das Subjekt des Historikers weitgehend zurückdrängen und das Objektive in den Vordergrund bringen sollen.“ (S. 93)

Auch wenn mittlerweile die fixe Idee einer unabhängig irgendwo ‘da draußen’ existierenden, gegenwärtigen Vergangenheit von den meisten nüchternen deutschen Historikern als tautologische Selbsttäuschung ad acta gelegt worden ist, scheint die Vorstellung einer doch irgendwie konkretisierbaren „historischen Wirklichkeit“ - und zwar jenseits des bloßen Modellcharakters - immer noch als nichtexistenter Gradmesser - sprich Außenmaß - akademischen Schaffens in Deutschland herumzugeistern, wenn auch seit Max Weber zum Arbeitsbegriff des Idealtyps abgeschwächt. Denn, wie Lindl richtig bemerkt, „es scheint der Idealtyp nicht nur ein Arbeitsbegriff zu sein. Der Arbeitsbegriff ist auf Annäherung an die vergangene, verlorene Wirklichkeit angelegt. Je weniger der Idealtyp der Fakten wegen abgeändert werden muss, desto eher ist eine Identität zwischen vergangener Realität und ihrer Repräsentation in Form einer historischen Theorie erreicht.“ (S. 98f.)

Summa summarum kommt Lindl zu dem Urteil, dass sich die deutsche geschichtswissenschaftliche Tradition immer noch im Banne der mittelalterlichen Matrix der Benediktiner befinde, welche unter quasi totalitärer Anstrebung eines verbindlich-einheitlichen Außenmaßes sich im Laufe der Jahrhunderte hin zu „ein[em] moderne[n] Denken, das Subjektivität, das Vielfalt als eine Last empfinden kann“, fortentwickelt habe: „Trotz aller Differenz der Ideendiskurse Nipperdeys und Wehlers, Kants und Hegels, Droysens und Webers ist das Ziel das gleiche: Etwas Festes, ein Einheitliches erschaffen, das im überprüfbaren, intersubjektiven Außerhalb steht. Immer spielt die Relation zum Außenmaß die tragende, mensurale Rolle.“ (S. 100) Und entsprechend pessimistisch fällt auch seine Prognose aus: Solange die nationalen Schulen und Akademien ihre Eleven nach den überlieferten mittelalterlichen Matrizen sich bilden ließen, solange werde es auch keinen gesellschaftlichen Fortschritt und keinen intellektuellen Wandel geben.

Lindls erfrischender relationaler Parabelschritt durch die Geschichte unbewusster nationaler Denkschablonen ist nicht nur mutig und ungemein anregend, sondern trifft auch - bei aller berechtigten Kritik im Einzelfall (so beim Herbeizitieren antiker und US-amerikanischer Schriftsteller) - nicht selten voll ins Schwarze. Denn wer auch nur einmal einen deutschen Historikertag mitgemacht hat, auf dem sich unter der Aufsicht ehrwürdiger Ordinarien mit mönchsartiger Miene und schwarzen Rollkragenpullovern alle zwei Jahre angegraute Mittvierziger zur Sektion „Junge Historiker stellen sich vor“ versammeln, um vermittels einer besonderen szientistischen Sprache mit einer eigenartigen Grammatik - dem berüchtigten Bielefelder Präsens („die historische Wirklichkeit ist ...“) - und an Hand „avantgardistischer“ Methoden schon vor langer Zeit verstorbener wissenschaftlicher Religionsstifter ihrem Gott, dem Vergangenheits-Jahwe („Ich bin der, der ist nicht da“) zu huldigen, dem wird schwerlich die mittelalterliche Kloster-Metapher Lindls mit ihrem nationalen Matrix-Modell als ganz abwegig erscheinen. In der Tat kann heutzutage die deutsche akademische Historikerzunft in ihrer klösterlichen Abgeschlossenheit und zögerlichen Öffnung gegenüber der internationalen Wissenschaftsavantgarde nachgerade als das Nordkorea der Geschichtsschreibung angesprochen werden.

Doch die Klöster sind aufgelassen, die Gedanken sind frei - auch die deutschen Historiker dürfen sich heute aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit einer nicht wirklichen historischen Wirklichkeit befreien - fragt sich nur, ob sich nicht andernorts neue Schulen und Klöster bilden, und inwiefern auch zukünftige Historikergenerationen bereit sein werden, sich noch als Mittvierziger schulmeistern zu lassen. Manche, freilich, sollen sogar schon selber denken.

Zitation
Thomas Schmitz: Rezension zu: : Die Gestalten des Zeus. Von der Unmöglichkeit gesellschaftlichen Wandels. Wien  2004 , in: H-Soz-Kult, 06.05.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5635>.
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Veröffentlicht am
06.05.2005
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