C. Janssen: Abgrenzung und Anpassung

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Titel
Abgrenzung und Anpassung. Deutsche Kultur zwischen 1930 und 1945 im Spiegel der Referatenorgane Het Duitsche Boek und De Weegschaal


Autor(en)
Janssen, Christiaan
Erschienen
Münster 2003: Waxmann Verlag
Umfang
390 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Strupp, German Historical Institute Washington D.C.

Die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden sind im 20. Jahrhundert über weite Strecken harmonisch verlaufen. Dazu trugen die niederländische Politik strikter Neutralität vor dem Zweiten Weltkrieg und die enge Zusammenarbeit der beiden Länder in NATO und EG/EU ab den 1950er-Jahren bei. Diese beiden Phasen trennt allerdings der deutsche Überfall auf die Niederlande am 10. Mai 1940 und die fünfjährige Besatzungsherrschaft. Die Erinnerung an diese Zeit prägt bis heute das historische Bewusstsein des Landes und beeinflusst das allgemeine Deutschlandbild. Allerdings lässt sich die ambivalente und oft kritische Einstellung der Niederländer zu ihrem großen Nachbarn im Osten auch schon lange vor 1940 beobachten: Man bewunderte die kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen Deutschlands und schätzte seine Naturschönheiten, misstraute aber den politischen Absichten seiner Führung und beobachtete mit Sorge die militärische Aufrüstung im Kaiserreich und in den 1930er-Jahren.

Selbstbilder und Fremdwahrnehmungen werden in der Geschichtswissenschaft seit längerem thematisiert. Im Zuge der „kulturalistischen“ Erweiterung der Politikgeschichte spielen sie auch im Bereich der internationalen Beziehungen eine zunehmende Rolle. Allerdings wirft die Erforschung von „Images“ methodische Probleme auf, die sich vor allem aus der Schwierigkeit ergeben, Rezeptionsformen und -verläufe genau zu bestimmen. Hier können detaillierte Fallstudien oft weiterführen als impressionistisch angelegte Überblicke.

Der Nimweger Germanist Christiaan Janssen hat sich in seiner Dissertation für eine Fallstudie entschieden und möchte mit seiner Analyse der zwischen 1930 und 1945 in der Zeitschrift Het Duitsche Boek (HDB) und ihrer Nachfolgerin De Weegschaal (DW) veröffentlichten Buchbesprechungen einen Beitrag zur Untersuchung des niederländischen Deutschlandbildes und der Vermittlung deutscher Kultur in den Niederlanden leisten. Zugleich soll auch die Frühgeschichte der niederländischen Germanistik beleuchtet werden, die in den 1920er-Jahren nur in Groningen, Nimwegen und Amsterdam mit eigenen Lehrstühlen vertreten war.

HDB wurde 1930 von dem Amsterdamer Germanisten Jan van Dam gegründet und im Zusammenwirken mit Theodorus Cornelis van Stockum aus Groningen und dem Haarlemer Lehrer Gerard Ras, der später durch Hendrik Kroes ersetzt wurde, herausgegeben. Mitte der 1930er-Jahre, nachdem die Zeitschrift nach einer Finanzkrise Verlag und Namen gewechselt hatte, traten noch der Nimweger Germanist Theodor Baader und Hendricus Sparnaay, Privatdozent aus Utrecht, der Redaktion bei. HDB/DW erreichte nie mehr als einige hundert Abonnenten und war in ihrem Bestand mehrfach gefährdet. Nach 1940 wurde sie finanziell von der Besatzungsmacht unterstützt. Mit ihrem Anspruch, dem niederländischen Publikum ein Leitfaden durch die Masse der Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt zu sein, erreichte sie vor allem Deutschlehrer.

Von den 3.856 Beiträgen, die zwischen 1930 und 1945 erschienen, beschäftigten sich allein 1.436 mit Belletristik. Mit weitem Abstand folgten Bücher aus den Bereichen Literaturwissenschaft (396) und Geschichte (286), der Rest verteilte sich auf Sachbücher aus den übrigen Kultur- und Geisteswissenschaften. Von den abgedruckten Texten waren zwei Drittel Kurzrezensionen. Sie stammten von insgesamt 255 verschiedenen Mitarbeitern, wobei die 10 fleißigsten Rezensenten allerdings allein fast 47 Prozent aller Beiträge verfassten. Ihrem eigenen Anspruch nach war die Zeitschrift „unpolitisch“, d.h. man vermied die Besprechung offener NS-Propagandaliteratur ebenso wie die deutlicher Abrechnungen mit dem NS-Regime aus den Exilverlagen oder dem deutschsprachigen Ausland und enthielt sich in den veröffentlichten Texten allzu eindeutiger Stellungnahmen. Die deutschlandfreundliche Haltung des Chefredakteurs van Dam war unübersehbar - 1940 übernahm er unter der Besatzungsmacht das Amt des Staatssekretärs im Kulturministerium -, aber ansonsten reichte das politische Spektrum der Mitarbeiter im Sachbuchbereich von dem nationalsozialistischen Philosophen und Historiker Hendrik Krekel bis zu den sozialistischen Historikern Jan Steffen Bartstra und Jan Romein.

Janssen beginnt sein Buch mit einleitenden Bemerkungen über den Forschungsstand zur Geschichte der niederländischen Germanistik und zu seiner Analysemethode, die sich an neueren imagologischen Konzepten der Literaturwissenschaft orientiert. Er möchte den komplexen Kontext der in HDB/DW abgedruckten Texte ebenso berücksichtigen wie ihre Mehrdimensionalität, die nicht erst ab 1940 unter den Bedingungen der deutschen Zensur gegeben war. Anschließend folgt ein fundierter Überblick über die Deutschland-Berichterstattung in der niederländischen Presse und Publizistik ab 1930. Danach behandelt Janssen in drei großen Kapiteln zunächst die Kurzbesprechungen aus dem Bereich der Belletristik, dann die Kurzbesprechungen von Sachbüchern und schließlich die geringfügig längeren Einleitungsartikel der einzelnen Hefte. Sie beschäftigten sich schwerpunktmäßig mit der Germanenforschung, mit einigen herausgehobenen Schriftstellern - namentlich Stefan George - und mit Büchern zu aktuellen zeithistorischen Themen. Die Analyse der Kurzbesprechungen erfolgt in einem diachronen Zugriff, der die Beiträge nach drei Phasen gliedert: den letzten Jahren der Weimarer Republik (1930-1933), den „Friedensjahren“ des „Dritten Reichs“ (1933-1940) und schließlich der Zeit der deutschen Besatzungsherrschaft (1940-1945). Den Abschluss bilden hilfreiche statistische Anhänge, die die Beiträge nach Rubriken aufschlüsseln und einen Überblick über die Anzahl der von den einzelnen Mitarbeitern verfassten Beiträge bieten. Zu rund 220 der 255 Mitarbeiter konnten darüber hinaus kurze biografische Angaben ermittelt werden.

Auf die in den Rezensionen behandelten Autoren und Themen kann hier nicht in ganzer Bandbreite eingegangen werden. Im Bereich der Belletristik kam nach 1933 der Anspruch der Redaktion, ihren Lesern ein Gesamtbild der deutschen Buchproduktion zu vermitteln, in einem hohen Anteil an Besprechungen regimekonformer Heimat-, Blut und Boden- und Kriegsliteratur zum Ausdruck.[1] Die Produktion der deutschen Exilverlage, die teilweise in den Niederlanden angesiedelt waren, wurde nicht ignoriert, aber zurückhaltend bis kritisch rezipiert.[2] Man stieß sich an dem politischen Anspruch dieser Texte, der dem Charakter von Literatur als „Kunstwerk“ abträglich sei. Zu den am häufigsten besprochenen Autoren gehörten Otto Flake (Spitzenreiter mit 12 Titeln), Alexander Lernet-Holenia, Bruno Brehm, Hans Fallada, Werner Bergengruen und Ernst Wiechert. Im Bereich der Geschichte besprach man neben den populären Darstellungen Emil Ludwigs oder Stefan Zweigs zahlreiche Bücher über Bismarck und die Befreiungskriege. In der Kriegszeit nutzte Hendrik Krekel die Zeitschrift, um sein Konzept einer existentialistischen, antihumanistischen „Geschichtsbetrachtung“ zu propagieren, aber ansonsten setzte sich die politische Ambivalenz der Zeitschrift auch in den Jahren nach 1940 noch fort.

Zu den Stärken des Buches von Janssen gehört die vollständige und gründliche Auswertung aller 14 Jahrgänge der HDB/DW. Die Analyse der Besprechungen fußt zudem auf einer Fülle von Hintergrundmaterial über die Verfasser der Rezensionen, die Autoren der besprochenen Bücher und den deutschen und niederländischen Buchmarkt. Einbezogen werden auch Archivalien, leider ohne sie in einem Verzeichnis unveröffentlichter Quellen eigens aufzulisten. Janssen weist überzeugend nach, dass die niederländische Germanistik den NS-Tendenzen der deutschen Bücher relativ unkritisch gegenüberstand: Das langjährige professionelle Interesse an Deutschland und persönliche Kontakte der Redakteure sowie der unzureichende Zugang zu sonstigen Informationsquellen standen einer kritischen Reflexion entgegen. Hinzu kam schon vor 1940 die Abhängigkeit von den Lieferungen deutscher Verlage, danach noch die Zensur der Besatzungsbehörden.

Leider wirft das Buch aber auch einige grundlegende Probleme auf, die eher mit der Konzeption des Projekts als mit seiner Durchführung zusammenhängen. Bei HDB/DW handelte es sich wie beschrieben um eine Rezensionszeitschrift. Damit ist Janssen in seiner Analyse mit einem methodischen Dilemma konfrontiert: Ohne die eigene Lektüre des besprochenen Buches oder zumindest den Vergleich mit anderen Besprechungen ist die aussagekräftige Bewertung einer Rezension oft nicht zu leisten. Nun ist es selbstverständlich unrealistisch, zu erwarten, die knapp 3.900 besprochenen Titel auch nur zu einem Teil selbst durchzuarbeiten, aber damit entkommt Janssen entgegen seinem eigenen Anspruch (S. 28) oft der reinen Paraphrase nicht. Dies gilt umso mehr, da es sich bei den Vorlagen überwiegend um Kurzrezensionen mit einem deskriptiven Charakter handelte, aus denen sich politisch motivierte Bewertungen nur mühsam erschließen lassen. Da Janssen aber das ganze Buch hindurch immer wieder explizit nach dem Verhältnis der Rezensenten zum Nationalsozialismus fragt, stößt er ständig an die Grenzen seines Materials.

Wichtige andere Fragen kann Janssen aufgrund fehlender Quellen kaum beantworten: Inwiefern folgte die Besprechung oder Nichtbesprechung von Büchern auch im Einzelfall einem redaktionellen Programm oder war schlicht in der unterschiedlichen Verfügbarkeit von Rezensionsexemplaren und Rezensenten begründet? Gerade im Sachbuchbereich scheint dieses Problem eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Welchen Stellenwert hatte HDB/DW überhaupt für die Wahrnehmung Deutschlands unter niederländischen Intellektuellen? Welche anderen Organe - Tageszeitungen, allgemein-kulturelle Zeitschriften - standen etwa den Lehrern zur Verfügung, und wie intensiv wurden sie genutzt? Trugen Besprechungen in HDB/DW tatsächlich dazu bei, bestimmte Bücher in den Niederlanden bekannt zu machen, d.h. fanden sie nach einer Besprechung ihren Weg in niederländische Bibliotheken, Schulen und Wohnzimmer?

So bleibt nach der Lektüre der Gesamteindruck zwiespältig: „Abgrenzung und Anpassung“ stellt einen Baustein in der Erforschung der deutsch-niederländischen Kulturbeziehungen vor 1945 dar, aber die Ergebnisse des Buches sind für sich genommen und ohne die Einordnung in größere Zusammenhänge der Interpretation nur von begrenzter Aussagekraft.

Anmerkungen:
[1] Übersicht aller in HDB/DW besprochenen völkischen und nationalsozialistischen Autoren: S. 130, Anm. 22.
[2] Übersicht aller in HBD/DW besprochenen Exilschriftsteller: S. 145, Anm. 323.

Zitation
Christoph Strupp: Rezension zu: : Abgrenzung und Anpassung. Deutsche Kultur zwischen 1930 und 1945 im Spiegel der Referatenorgane Het Duitsche Boek und De Weegschaal. Münster  2003 , in: H-Soz-Kult, 25.04.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5692>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.04.2005
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